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Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi

Friedrich Rückert: Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Makamen des Hariri
authorFriedrich Rückert
yearca. 1900
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleAus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi
pages3-14
created20030415
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Rückert

Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi.

(Übersetzt von Friedrich Rückert)


1.

        Ich sah empor, und sah in allen Räumen eines;
    Hinab ins Meer, und sah in allen Wellenschäumen eines.
Ich sah ins Herz, es war ein Meer, ein Raum der Welten,
    Voll tausend Träum'; ich sah in allen Träumen eines.
Du bist das Erste, Letzte, Äußre, Innre, Ganze;
    Es strahlt dein Licht in allen Farbensäumen eines.
Du schaust von Ostens Grenze bis zur Grenz' im Westen,
    Dir blüht das Laub an allen grünen Bäumen eines.
Vier widerspenst'ge Tiere ziehn den Weltenwagen;
    Du zügelst sie, sie sind an deinen Zäumen eines.
Luft, Feuer, Erd' und Wasser sind in eins geschmolzen
    In deiner Furcht, daß dir nicht wagt zu bäumen eines.
Der Herzen alles Lebens zwischen Erd' und Himmel,
    Anbetung dir zu schlagen soll nicht säumen eines.

2.

        Obgleich die Sonn' ein Scheinchen ist deines Scheines nur,
    Doch ist mein Licht und deines ursprünglich eines nur.
Ob Staub zu deinen Füßen der Himmel ist, der kreist;
    Doch eines ist und eines mein Sein und deines nur.
Der Himmel wird zu Staube, zum Himmel wird der Staub;
    Und eines bleibt und eines dein Wesen, meines nur.
Wie kommen Lebensworte, die durch den Himmel gehn,
    Zu ruhn im engen Raume des Herzenschreines nur?
Wie bergen Sonnenstrahlen, um heller aufzublühn,
    Sich in die spröden Hüllen des Edelsteines nur?
Wie darf, Erdmoder speisend, und trinkend Wasserschlamm,
    Sich bilden die Verklärung des Rosenhaines nur?
Herz, ob du schwimmst in Fluten, ob du in Gluten glimmst,
    Flut ist und Glut ein Wasser; o sei du reines nur.
O Mewlana! Am Morgen wacht' ich mit dir, und sah:
    Mein Auge, statt voll Thränen, voll Himmelsweines nur.

3.

          Komm, o Frühling meiner Seele, Welten wieder mache neu!
    Licht am Himmel, Glanz auf Erden, hoch und nieder mache neu!
Setze mit dem Sonnenknaufe blau der Lüfte Turban auf,
    Und der Fluren grünen Kaftan, holder Chidher, mache neu.
Mache Wiesen frisch von Kräutern und von Sprossen Haine jung,
    Rosen-Schnürbrust und der Lilie schlankes Mieder mache neu.
Schmelze mit dem Hauch des Winters Helm und Panzer, mit dem Blick
    Brich den Frostspeer; unsern Frieden, Weltbefrieder, mache neu.
Ohne Ostwind ist die Luft tot und der Rosen Odem stockt.
    Aus dem Schlummer weck' den Ostwind, sein Gefieder mache neu!
Roll' in Donnern, geuß aus Wolken auf die Erde Moschusflut,
    Laß von Kopf zu Fuß uns baden, alle Glieder mache neu!
Pinie schlägt im Winde Pauken, Platanus mit Händen Takt.
    Hauch der Liebe, deine Traumdüft' unterm Flieder mache neu!
Reben ringeln sich an Ulmen zur Verehrung Gottes auf,
    Veilchen küssen Staub; Lenzandacht, o Gebieter. mache neu!
Hyanzinthe kost mit Tulpen, und von Rosen Nachtigall,
    Turtel girret süße Weisen; Parsilieder mache neu!
Zünd' in Blüten Opferfeuer, Weihrauchglut in Düften an,
    Und als Flöten alle Gräser, Rohr' und Rieder mache neu!
Laß die Blätter Zungen spitzen, Liebesfragen auf der Flur
    Zu verhandeln, ihren Scharfsinn für und wider mache neu!
Hörst du? Frühluft, Frühroth, Frühlicht ruft: Steh früh im Frühling auf,
    Freund, mit Frühtau deines Geistes Augenlider mache neu,
Daß du Lenzgeheimnis schauest! Blumenschmelz ist Alchimie:
    Festgeschmeid' im bunten Feuer, rüst'ger Schmieder, mache neu!

4.

        Wohl endet Tod des Lebens Not,
    Doch schauert Leben vor dem Tod.
Das Leben sieht die dunkle Hand,
    Den hellen Kelch nicht, den sie bot.
So schauert vor der Lieb' ein Herz,
    Als wie von Untergang bedroht.
Denn wo die Lieb' erwachet, stirbt
    Das Ich, der dunkele Despot.
Du laß ihn sterben in der Nacht
    Und atme frei im Morgenrot.

5.

        Ihr Augen, geht, den Lenz zu schauen,
    Der lächelnd liegt auf unsern Auen,
Ein Himmelskind in Blumenwiegen,
    Gesäugt von Milch der Wolkenfrauen.
Die Ostluft ist die Amm', und schaukelt
    Die Wiege mit dem Hauch, dem lauen.
Das Kindlein thut als schlaf' es, blinzet
    Mit seinen Äugelein, den schlauen.
Und wie's die Augen aufgeschlagen,
    Träuft Tau von seinen Augenbrauen.
Und Bienen kommen, saugen emsig
    Den Tau, aus dem sie Honig brauen.
O kommt und laßt euch doch vom Lächeln
    Des Himmelkindleins auch durchtauen.
O kommt aus euern dumpfen Zellen,
    Die euch des Himmels Licht verbauen.
Laßt uns die Zell' aus Wachs und Honig
    Sechseckig, wie die Bienen, bauen.
Erwarmt am bunten Blumenfeuer,
    Und laßt die Aschen ruhn, die grauen.
Die Buß' ist tot, die Liebe lebet,
    Ihr Atem weht in unsern Gauen.
Geht in des Frühlings Liebeschenke,
    Trinkt seines Weines ohne Grauen;
Auf daß ihr liebestrunken werdet,
    Eu'r Herz sich öffne mit Vertrauen.
Die Lieb' ist wach an Erd' und Himmel,
    Im Grünen Rose, Sonn' im Blauen.
O Nachtigall, sieh deine Rose!
    Du Adler sollst zur Sonne schauen.

6.

        Schlaf nicht, Gastfreund, mein Gedanke! diese Nacht;
    Dem ich trauten Zuspruch danke diese Nacht.
Du, ein Engelshauch, mir steigend himmelab,
    Du bist Arzt, und ich der Kranke, diese Nacht.
Bann' den Schlummer, daß Geheimnis unserm Blick
    Trete aus dem Heil'genschranke diese Nacht.
Kreiset hell, ihr Stern' am Himmel, daß zum Licht
    Sich empor die Seele ranke diese Nacht.
Edelstein', aus euren Grüften blitzet auf,
    Gegen Stern' in süßem Zanke diese Nacht.
Flügle dich hinauf, mein Adler, sonnenwärts,
    Und mir nicht im Dunkeln schwanke diese Nacht.
Gott sei Dank, sie schlafen alle. Gott und ich
    Stehn allein nun in der Schranke diese Nacht.
Diese Nacht ist hell von Sonnen, leuchtend mild,
    Daß davon mein Blick nicht wanke diese Nacht.
Welch Getümmel wacht am hellen Sternenmarkt;
    Lyra tönt, die goldne schlanke, diese Nacht.
Löw' und Stier und Widder strahlen Kampf für Licht,
    Und Orions Schwert, das blanke, diese Nacht.
Skorpion und Schlange flüchten, Krone winkt,
    Und die Jungfrau labt mit Tranke diese Nacht.
Schweigend bind ich meine Zunge, lustberauscht;
    Ohne Zunge sprich, Gedanke, diese Nacht.

7.

        Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball.
    Zum Stäubchen sag' ich: bleibet und zu der Sonn': entwall.
Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch.
    Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall.
Ich bin der Mast, das Steuer, der Steuermann, das Schiff;
    Ich bin, woran es scheitert, die Klippe von Korall.
Ich bin der Vogelsteller, der Vogel und das Netz.
    Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Wiederhall,
Ich bin der Baum des Lebens und drauf der Papagei;
    Das Schweigen, der Gedanke, die Zunge und der Schall.
Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist,
    Ich bin der Funk' im Steine, der Goldblick im Metall.
Ich bin der Rausch, die Rebe, die Kelter und der Most,
    Der Zecher und der Schenke, der Becher von Krystall.
Die Kerz', und der die Kerze umkreist, der Schmetterling;
    Die Ros', und von der Rose berauscht, die Nachtigall.
Ich bin der Arzt, die Krankheit, das Gift und Gegengift,
    Das Süße und das Bittre, der Honig und die Gall'.
Ich bin der Krieg, der Friede, die Walstatt und der Sieg,
    Die Stadt und ihr Beschirmer, der Stürmer und der Wall.
Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß,
    Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall.
Ich bin der Hirsch, der Löwe, das Lamm und auch der Wolf,
    Ich bin der Hirt, der alle beschließt in einem Stall.
Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring,
    Der Schöpfung Stufenleiter, das Steigen und der Fall.
Ich bin, was ist und nicht ist. Ich bin, o der du's weißt,
    Dschelaleddin, o sag es, ich bin die Seel' im All.

8.

        Klage nicht, daß du in Fesseln seist geschlagen,
    Klage nicht, daß du der Erde Joch mußt tragen.
Klage nicht, die weite Welt sei ein Gefängnis;
    Zum Gefängnis machen sie nur deine Klagen.
Frage nicht, wie sich dies Rätsel wird entfalten;
    Schön entfalten wird sich's ohne deine Fragen.
Sage nicht, die Liebe habe dich verlassen;
    Wen hat Liebe je verlassen? kannst du's sagen?
Zage nicht, wenn dich der grimme Tod will schrecken;
    Er erliegt dem, der ihn antritt ohne Zagen.
Jage nicht das flücht'ge Reh des Weltgenusses;
    Denn es wird ein Leu und wird den Jäger jagen.
Schlage nicht dich selbst in Fesseln, Herz, so wirst du
    Klagen nicht, daß du in Fesseln seist geschlagen.

9.

        Einst um Liebe, die Peri, hat der Dschinne Schmerz gefreit;
    Damals trug er Lichtgewand und noch nicht sein Feuerkleid.
Als die reizende Peri sich dem Freier abgewandt,
    Ward sein Glanz verzehrende Glut und blieb es seit der Zeit.
Sich verzehren wollt' er selbst, doch unsterblich fühlt' er sich;
    Und die reizende Peri zu versehren, that ihm leid.
Ab ihr wenden wollt' er sich, über sich vermocht' er's nicht;
    Wo sie hin sich wendete, gab er ihr von fern Geleit.
Durch geheimen Zauber nun so verbunden sind die zwei;
    Wo sich nur das eine zeigt, ist das andre auch nicht weit.
Wo in endliche Natur sich die Liebe senken will,
    Schauern durch die Kreatur Schmerzen der Unendlichkeit.
Wann die Rose öffnen will ihre Brust dem Himmelstrahl,
    Sprenget die verschlossene Knosp' ihr Trieb mit Schmerzlichkeit.
Wann des Lebens Schmetterling in der Puppe Tod erwacht,
    Zeuget die geborstene Hülle, wie ihn Schmerz befreit.
Siehe, jede Zeitgeburt reißt nicht ohne Schmerz sich los;
    Wäre Liebe ohne Schmerz, die Geburt der Ewigkeit?

10.

                Kommt das Schwert aus Schmiedes Händen rein an Spitz' und Schneide;
    Siehe, daß dir's nicht verroste in unreiner Scheide.
Gold, das in des Geizes Truhe finstern Geistern dienet,
    Ist an unsres Schaches Throne lichtes Weltgeschmeide.
Wenn des Himmels Wolken regnen, trinken alle Bäume;
    Früchte trägt der Apfelbaum, und graues Laub die Weide.
Dieses Rohr ist hohl geblieben, jenes schwillt von Zucker;
    Siehe, doch am selben Teich getrunken haben beide.
Moschus kocht ein Reh im Herzen, und das andre Galle,
    Beide grasten miteinander auf derselben Heide.
Zwei verschiedne Würmer speisten von dem Blatt am Baume;
    Einer spann unnütze Fäden, und der andre Seide.
An derselben Blume sogen Bienenmund und Schlange,
    Jene braute Seim zur Labe, diese Gift zum Leide.
Einer speist, die Speise wird in ihm zum Lichte Gottes;
    Weil ein andrer seine Kost verkocht zu Groll und Neide.
Dieser trinkt des Himmels Licht sich zur Verfinstrung; jener
    Trinkt's, daß er sich rosengleich in Liebesfarben kleide.
Sei ein rein Gefäße du, und wandl' in lautre Säfte,
    Was du Futters pflücken gehst auf Gottes reicher Weide.

11.

        Rein gehalten dein Gewand,
    Rein gehalten Mund und Hand.
Rein das Kleid von Erdenputz,
    Rein von Erdenschmutz die Hand.
Rein von Erdentrutz das Herz,
    Und von Gier der Lippe Rand.
Außen sei die Schwelle rein,
    Innen rein des Hauses Wand;
Daß einsprechen könn' im Haus
    Reiner Gast aus Himmelsland.
Reiner Schmaus und reiner Kelch,
    Rein von Rauch des Herdes Brand.
Sohn! die äußre Reinigkeit
    Ist der innern Unterpfand.
Rein gehalten Hand und Mund!
    Rein gehalten dein Gewand.

12.

        Die Liebe rief vom Himmelsthor:
    Wer ist, der schaut zu Gott empor?
Wir sind, die schaun empor zu Gott;
    Rief zu der Lieb' ein Priesterchor.
Die Liebe rief: Wie könnt ihr schaun?
    Vor eurem Antlitz hängt ein Flor,
Ein Flor, gewebt aus Gier und Haß,
    Durch den das Licht den Schein verlor.
Vor eurem trüben Blicke nimmt
    Die Sonne Wolkenschleier vor.
Die Gnade, die auf Wolken sitzt,
    Schließt euerm dumpfen Ruf ihr Ohr,
Und die Erhörung steiget nicht
    Herab, die eu'r Gebet beschwor.
O thut, eh ihr zum Himmel schaut,
    Euch Erdedunkels ab zuvor.
Statt Gier und Haß nehmt Lieb' ins Herz,
    Und schaut zur Gottheit dann empor.

13.

        Mit deiner Seele hat sich meine
    Gemischt, wie Wasser mit dem Weine.
Wer kann den Wein vom Wasser trennen,
    Wer dich und mich aus dem Vereine?
Du bist mein großes Ich geworden,
    Und nie mehr will ich sein dies kleine.
Du hast mein Wesen angenommen,
    Sollt' ich nicht nehmen an das deine?
Auf ewig hast du mich bejahet,
    Daß ich dich ewig nie verneine.
Dein Liebesduft, der mich durchdrungen,
    Geht nie aus meinem Mark und Beine.
Ich ruh' als Flöt' an deinem Munde,
    Als Laut' in deinem Schoß alleine.
Gieb einen Hauch mir, daß ich seufze,
    Gieb einen Schlag mir, daß ich weine.
Süß ist mein Weinen und mein Seufzen,
    Daß ich der Welt zu jauchzen scheine.
Du ruhst in meiner Seele Tiefen
    Mit deines Himmels Wiederscheine.
O Edelstein in meinen Schachten,
    O Perl' in meinem Muschelschreine.
Mein Zucker ist in dir zerschmolzen,
    O Milch des Lebens, milde, reine;
Und unsre beiden Süßigkeiten
    Genießet Kindermund als eine.
Du preßtest mich zu Rosenwasser,
    Nicht seufzt' ich unter deinem Steine.
In deiner süßen Qual vergaß ich,
    Daß ich die Rose war am Raine.
Da brachtest du an deinen Kleidern
    Mich mitten unter die Gemeine;
Und als du auf die Welt mich gossest,
    Ward sie zu einem Rosenhaine.

14.

        Meiner Seele Morgenlicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
    Meiner Liebe Traumgesicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
Leben ist, wohin du blickst, Tod, wo du dich wendest ab;
    Hier, wo Tod mit Leben ficht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
Ich bin Ost, in dem du auf-, West, in dem du untergehst;
    Licht, das meine Farben bricht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
Ich, dein Bettler, bin der Fürst, dein Gefangner, ich bin frei,
    Meine Lust ist meine Pflicht; sei nicht fern, o sei nicht fern!
Sieh, wie mich der Turban schmückt, mich der Parsengürtel ziert,
    Wie mich Kutt' und Strick umflicht; sei nicht fern, o sei nicht fern!
Feuerdiener und Brahman', Christ und Muselman bin ich,
    Du bist meine Zuversicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
In Pagoden, in Moscheen, und in Kirchen, mein Altar
    Ist allein dein Angesicht; sei nicht fern, o sei nicht fern!
Ew'ger Mittelpunkt der Welt, mit Gebet umkreis' ich dich;
    Weich' aus deinem Kreise nicht, sei nicht fern, o sei nicht fern!
Weltgericht und Seligkeit, Seligkeit ist, wo du nahst,
    Wo du weggehst, Weltgericht; sei nicht fern, o sei nicht fern!
O Weltrose, dich hervorbringen wollend, sieh, wie rings
    Aus Herzknospen Sehnsucht bricht; sei nicht fern, o sei nicht fern!
Hör', wie gellend in der Nacht, Rose, jede Nachtigall
    Laut aus meiner Seele spricht: Sei nicht fern, o sei nicht fern!
Die Beschwörung, der du nie widerstehn, o Liebe, kannst,
    Ist Dschelaleddins Gedicht: Sei nicht fern, o sei nicht fern!

15.

        O ihr, in deren Brust ich poch', ich liebe lang.
    O ihr, in deren Blut ich koch', ich liebe lang.
Noch war die Welt und Adam nicht, da war ich schon;
    Die Zeit war nicht, da war ich doch; ich liebe lang.
Als sich der Schöpfung erste Ros' entfaltete,
    War ich's, der ihren Atem roch, ich liebe lang.
In siebenfach Gebilde bildet' ich mich um
    An jedem Tag der Schöpfungswoch', ich liebe lang.
Ich war im Garten, als das Paar darinnen war,
    Und als hinein die Schlange kroch, ich liebe lang.
Als Pharao verschlungen ward vom Roten Meer,
    Hielt ich die Hände Mosis hoch, ich liebe lang.
Mit Noe in der Arch', im Brunnen mit Joseph,
    Im Himmel war ich mit Henoch, ich liebe lang.
Als Mohammed durch alle Höhn der Himmel fuhr,
    Fand er im siebenten mich hoch, ich liebe lang.
Ihr Cherubim! die ihr des Thrones Träger seid,
    Erhebt denselben höher noch! ich liebe lang.
Geh, sag dem Vogte, daß der Schach gekommen sei,
    Der ihm zerbrechen will das Joch! ich liebe lang.
Dem Mufti bin ich gram, den Priestern bin ich feind,
    Weil ich Unlieb' an ihnen roch; ich liebe lang.
Sagt meinen Gruß: Ich liebe lang! an Mewlana!
    Was sagt er mir entgegen doch? ich liebe lang!

16.

      Das spröde Erz ist weich geworden,
    Weich unter deinem Streich geworden.
Du hast es ihm nicht fehlen lassen
    An Streichen, bis es weich geworden.
Das starre Herz war arm voll Hochmut,
    Und ist in Demut reich geworden.
Du gossest Ström' auf dürre Wüsten,
    Sie sind ein Gartenteich geworden.
Das Reich der Welt ging in dir unter,
    Und ist zum Himmelreich geworden.
Der Liebende ward zum Geliebten,
    Der Jünger ist zum Scheich geworden.
Wir waren ungleich an Begierden
    Und sind in Liebe gleich geworden.

17.

        Ich sah ein Meer im Sturme, des Wogen mit Gezische
    Sich brachen, und erloschen in weißem Schaumgemische.
Auf diesem Meere sah ich, wie untergingen Schiffe,
    Auftauchten dann verwandelt, und schwammen fort als Fische.
Dschelaleddin, o sage, du hast dies angerichtet,
    Was, Zauberer, bedeutet das Spiel, das zauberische?
Er sprach: So lang du schwimmest auf künstlichen Gerüsten,
    Bist du im Sturm nie sicher, daß dir die Kunst entwische.
Laß sinken das Gerüste, und schwimme rüstig weiter.
    Den lebensfrischen Mut trägt des Lebensmeeres Frische.

18.

          Du bist der Schreiber und die Schrift bist du,
    Tint' und Papier und Schreibestift bist du.
Du bist die Sternenschrift am Himmel dort,
    Im Herzen hier die Liebeschrift bist du.
Das Blatt, das treibt, das ausgetriebne Lamm,
    Der Trieb, der Treiber und die Trift bist du.
Du bist die Ruh', die Unruh' bist du auch,
    Das Gift und auch das Gegengift bist du.
Du Ebb' und Flut, Windstill' und Sturm und Meer,
    Schiffbruch und Schiff, und der drin schifft, bist du.
Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
    Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.

19.

        Komm, der Liebe Sklave sei!
    Denn die Lieb' ist Sklaverei.
Laß den Sklavendienst der Welt,
    Tritt der Liebe Sklaven bei!
Freie macht zu Sklaven Welt,
    Liebe macht die Sklaven frei.
Aus der Welt bin ich geschlüpft,
    Wie der Vogel aus dem Ei.
Mach mich von der Schale, die
    Mir noch anklebt, mach mich frei!
Lieb', im Sommersaatfeld dankt
    Dir der Wachtel Freudenschrei.

20.

        Nach welchem ich frage, wo ist er?
    Den in mir ich trage, wo ist er?
Der ragende Baum der Gedanken,
    An den ich nicht rage, wo ist er?
Ich frage die Hüter am Wege:
    Der Schönste im Hage, wo ist er?
Ich frage die Wächter des Weinbergs:
    Der Schöne der Tage, wo ist er?
Ich streiche durch Wälder und Felder:
    Der Hirsch, den ich jage, wo ist er?
Ich frage den Mond und die Sonne:
    Beim Sternengelage, wo ist er?
Er ist nicht bei mir; bei den andern,
    Wo ist er? ich klage, wo ist er?
Dschelaleddin, wenn du ihn fandest,
    Ich such' ihn, o sage, wo ist er?

21.

            Höchste Liebe, wo du thronest, laß vor deinem Throne knien
    Meine schönsten, ewig deinem Thron geweihten Melodien!
Wenn sie wohlgefällig deinem Ohre tönen, wenn die Kraft
    Auch in deine Seele wirket, die du ihnen hast verliehn,
Laß sie danken, laß sie beten, laß sie fragen, laß sie flehn:
    Wo ist, der ein Stern auf Erden mir aus deiner Höh' erschien?
Der, sein Haupt mit deinen Rosen kränzend und sein Saitenspiel,
    Liebetrunken mir vorüberzog, um mich dir nachzuziehn;
Der in wallenden Gewanden, am gebrochnen Säulenschaft
    Lehnend, Lieder strömt', auf deren Wog' er selber wollt' entfliehn;
Wo ist der dir zugeflohne? sag mir's, Liebe, wie du einst
    Ihn beseligt hast auf Erden, wo du nun beseligst ihn?
Wo, Volkstrachten ausgezogen, Stammabzeichen abgelegt,
    Schmelzen Kastenunterschied' in deinen ew'gen Harmonien;
Wo ist unter allen Heil'gen aller Zonen (Heil sei dir,
    Heilig mir sein Angedenken!) Mewlana Dschelaleddin!







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