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Aus dem Szenar zum »Demetrius«

Friedrich Schiller: Aus dem Szenar zum »Demetrius« - Kapitel 1
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titleAus dem Szenar zum »Demetrius«
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Friedrich Schiller

Aus dem Szenar zum »Demetrius«

 

Demetrius an der russischen Grenze

Er ist von Kiew aufgebrochen und an die Desna gerückt, wo die russische Grenze. Moromesk kann der Ort sein, wo die Desna vorbeifließt. Man sieht Tschernigow jenseits der Desna links, welches schon eine russische Stadt ist. Demetrius führt die Armee über die Desna.

Man sieht die Türme von Tschernigow, noch weiter im Horizont die von Nowgorod Sewerskoy.

Demetrius erinnert sich, daß er als ein entlaufener Mönch flüchtig durch diese Gegend gekommen.

Die Armee kommt aus einem Wald, der ihr die Aussicht versteckt hatte.

Odowalsky befiehlt den Obersten, die Armee links hinunter zu führen, indem sie auf dieser Anhöhe wegziehen würden.

Aussenden von Manifesten und Agenten in die Plätze.

Zustand der russischen Grenzen. Man erfährt diesen durch die Zurückkunft eines solchen Emissärs.

Gesandtschaft der Kosaken, wann fällt sie vor?
Das gute Omen.
Disposition des Feldzugs.
Man geht über die Desna.
Ein Teil des Heers trennt sich von dem andern.

 

Demetrius an der russischen Grenze

Die Szene ist im höchsten Grade lachend und offen und erweitert das Herz gegen das Traurigenge und Nackende der vorhergegangenen.

Es ist eine unermeßliche Ferne, ein prächtiger schiffbarer Strom ist durch die Landschaft ausgegossen, welche von dem jungen Grün der Saaten belebt ist. Man hört kriegerische Trommeln, und die Offiziere des Demetrius treten auf, denen er sogleich selbst folgt.

Vorher wird noch gesagt, daß die Armee unten wegziehe.

Er prallt beim Anblick der freien Landschaft mit Verwunderung zurück. »Ha welch ein Anblick« – Großer Zar, du siehst dein Reich vor dir geöffnet – da liegt dein Rußland! »Ist das die Grenze? – Ist das der Dnjepr, der sich majestätisch durch diese Auen gießt?« Es ist der Dnjepr. Und was du siehst, ist deines Reiches Boden! – Hier diese Säule trägt schon russisch Wappen, hier hört der Polen Herrschgebiete auf.

»Welch heitrer Anblick! Welche schöne Auen!«

Der Lenz hat sie mit seinem Schmuck bekleidet etc. Lob des Bodens, der Fülle des Korns trägt.

»Das Auge schwimmt hin im unermeßlichen Gesichtskreis.«

Und doch siehst du nur einen kleinen Anfang deiner Herrschaft. Beschreibung der Größe und Lage Rußlands nach Maßgabe und Anlaß des sinnlich Gegebenen. Der Beschreiber folgt dem Horizont, dem Strom und einer kleinen Gebirgskette – Der Strom fließt aus Nordost gegen Südwesten, er nimmt andre Ströme auf.

Aber du hast einen weiten Weg zurückzulegen, bis du im Kremelin zu Moskau dich zu Bette legen kannst.

Der Zar, bemerkt einer vom Gefolge, sei ganz nachdenkend geworden. Demetrius hält sich an dem Pfeiler und steht gegen die Landschaft gewendet. »Noch kann ich umkehren! Kein Schwert ist noch aus der Scheide! Kein Blut ist geflossen! Der Friede wohnt noch in diesen Fluren, die ich mit Waffen jetzt überdecken will! König der Könige, lenke du mein Herz, in deine Hände geb ichs!

Nichts Sentimentales darf aber hier statt haben; das Sentiment muß immer naiv bleiben. Er glaubt an sich selbst, in diesem Glauben handelt er, und daraus entspringt das Tragische. Gerade diese Sicherheit, womit er an sich selbst glaubt, ist das Furchtbare, und indem es ihn interessant macht, erweckt es Rührung.

Er redet den Boden seines Reiches an, er betrachtet sich als den gebornen Herrscher, den zurückkehrenden Sohn des Landes. Er wirft einen Blick auf das fremde Heer, das er mit sich bringt, auf den Kampf, den er beginnen will, daß er als Feind in sein Land kommt. Er fodert den Himmel auf, ihn nur nach der Gerechtigkeit seiner Sache zu begünstigen. (Oder kann dieses letzte Motiv auch etwas später kommen?)

Alles in dieser kurzen Szene muß sich sinnlich darstellen, und wenn Demetrius abgegangen, muß ein Zug über die Szene beginnen, während welchem verwandelt wird; Marsch begleitet ihn.

Soll diese Szene nicht auch zu irgendeiner Handlung benutzt werden können? Es muß so viel geschehen, es ist so viel zu zeigen.

Manifest in dem Dorfe vorgelesen

Die Absicht dieser Szene ist, darzustellen, wie schnell das Abenteuerliche bei dem gemeinen Volk Eingang findet und durch welche Wege es wirkt. Wie hier, so ist es im ganzen Rußland, und so ist diese Szene gleichsam ein Pfand des Sukzesses für den Demetrius.

Der Eindruck des Manifests muß aber gleich zur Tat werden, es muß etwas für ihn und gegen seine Feinde geschehen und Folgen haben.

  1. Wie kommt das Manifest ins Dorf und durch wen?
  2. Wie verhält sich der regierende Teil dabei?
  3. Geschieht die Bekanntmachung heimlich oder öffentlich?
  4. Sind Popen dabei geschäftig?
  5. Ists nah an der Grenze und in der Nähe des anrückenden Demetrius?

Es ist eine Menge Volks beisammen, und die Anordnung darf ins Komische fallen. Weiber führen dabei das große Wort. Kleidung ist charakteristisch. Es kann bei einer Gelegenheit geschehen, wo das Volk ohnehin versammelt ist; oder bringt die anrückende polnische Armee das Landvolk in diese heftige Bewegungen?

Es wirken viele konträre Kräfte zusammen, der Erbhaß der Russen gegen die Polen.

Auf der andern Seite findet man, daß lauter Unglück unter Boris Regierung war, die große Hungersnot.

Diese Dorfszene muß eine gewisse Totalität von Motiven vereinigen und auf eine prägnante Art das Getrennte koexistent machen. Ein Dorf ist auf der Flucht, um vor den Polen sich zu der russischen Armee zu retten, ein andres Dorf kommt eben in Alarm, ein drittes weiß nicht, wozu sichs entschließen soll – Neutralität kann nicht stattfinden.

Es könnte ein heftiges Schisma entstehen, wobei die Frauen auf seiten des Betrügers wären und die Männer zwängen, sich gleichfalls für ihn zu erklären. Warum das Märchen so vorzüglich auf die Frauen wirkt? Macht des fanatischen Parteigeistes auf rohe Menschen.

 

Es sind anfangs bloß Männer, und das Uebergewicht scheint auf der Seite des Boris.

Katinka kommt an der Spitze von vielen Frauen, welche alle Kinder an der Hand führen. Weiber haben gehört, daß man beschlossen, das Dorf anzustecken und ins innere Land zu fliehen.

Die Frage ist, welche Partei der Herr des Dorfes nehme.

Sie suchen Waffen zu bekommen, sie wollen die Gegenpartei zwingen.

Es geschehen viele Fortschritte in dieser Szene, und während noch verhandelt wird, ist an andern Orten schon gehandelt, fürchterliche Bewegung im Lande.

Wo steht die Armee des Boris?

Was geschieht in den nächsten Städten?

 

Zu vermeiden ist, daß in dieser Szene kein Motiv wiederholt wird, welches schon auf dem Reichstag vorgekommen.

Alles muß sogleich dramatisch klar sein.

Nähe des polnischen Heers. Agenten des Demetrius. Manifest. Parteien. Gründe pro. Gründe contra. Mitleid mit dem Demetrius. Hoffnungen. Unzufriedenheit mit Boris. Furcht vor Demetrius Waffen.

Auf der andern Seite: Haß der Polen. Furcht vor Boris. Gewissensskrupel.

Russische Nationalzüge sind sichtbar in dieser Szene.

Sprüchwörter: Reich zertrennt, nimmt bald ein End – Der Flüchtige hat Einen Weg, wer ihm nachsetzt, hundert. Bruderliebe besser als steinerne Mauern – Nacken der Gemeinde ist stark. – Mußt nicht alles auffangen, was auf dem Wasser schwimmt. – Der Hund ist rauch, drum friert ihn nicht – Gewinn und Verlust wohnen in Einem Hause. Die alten Propheten sind tot, neue sagen nicht wahr – Morgen ist klüger als Abend. – Verstand beim Jüngling, Eis im Frühling – auf dem Eis gesotten ist wunderbar.

Timoska. Ilia. Nikita. Petruske. Iwaske. Katinka. Butterwoche. Wasserweihe. Kabak die Schenke – die Stummen – bei stiller Trommel – Akte in Rollen. Brot und Salz, Gnad und Liebe – Muntere Brüder oder Jünglinge – das weiß Gott und der große Fürst – S. Anton auf einem Mühlstein.

 

Lager der Borisovischen Armee

Ist es frei unter Zelten? Ist's eine Festung?

Wer sind die Anführer? Zusky, Soltikow, Dolgoruki, Basmanow.

Was für Motive bieten sich hier an?

1) Mißtrauen 2) Rivalität der Anführer und Nationalhaß 3) Landsmannschaften (Kosaken nämlich fechten auf beiden Seiten, und auf der des Demetrius fechten sie aus eigner Wahl) 4) Bestechung 5) Begünstigung des Feindes und bonne foi und Gewissensskrupel 6) der Geist russischer Soldaten. 7) Russen sind in Festungen gut.

Die Armee ist zum Teil, ja größtenteils, unzuverlässig, obgleich mächtig. Sie fühlt ihre Macht und daß sie das Schicksal des Zars in ihrer Gewalt hat. Noch bis diesen Moment steht sie da als ein unzerstörbares Bollwerk.

Es ist ein böser Fehler, daß Boris abwesend ist, und einer der Anführer spricht es aus, ja, er kann einen Eilenden abschicken.

Man fühlt es bei der Armee, was ein Zar bedeutet und daß Boris wirklich gefürchtet wird, aber die Liebe fehlt ihm.

  1. Der Anführer fürchtet, daß die Kosaken zum Feind möchten übergehen, wo ihre Landsleute fechten und sie anzulocken suchen.
  2. Einer von den Anführern will nicht unter dem andern stehen
  3. Einer von den Anführern, Soltikow, neigt sich aus Glauben auf Demetrius Seite.
  4. Man fürchtet die Strenge des Boris.
  5. Man fürchtet den Abfall der Städte und des Landvolks zum Demetrius.
  6. Erlogene Sagen, die sich herumtragen, erwecken entweder Furcht vor dem Demetrius oder Glauben an ihn.

Die Armee des Boris besetzt einen wichtigen Posten, den Demetrius nicht hinter sich lassen darf. Er muß sie angreifen, auch unter den nachteiligsten Umständen.

Schuiskoi
Soltikow
Dolgorucki
Basmanov
Generale des
Boris
– gewissenhaft, aber dem Boris ergeben
– gewissenhaft, aber dem Demetrius zugetan
– ehrlich, aber schwach
verräterisch
Kosakenhetman Mazeppa – unzuverlässig.

 

Demetrius geschlagen

Die Borisovische Armee siegt gewissermaßen wider ihren Willen, und ihr Sieg würde vollkommen sein, wenn es ihr ein rechter Ernst gewesen, aber man läßt den Demetrius, den man schon in der Gewalt hat, entwischen. Er kann schon wirklich gefangen sein oder sich für unrettbar verloren halten.

Demetrius, da er keine Rettung sieht, will sich töten, Korela und Odowalsky haben Mühe, ihn zu verhindern. Sein Unfall raubt ihm das Vertrauen auf seine Sache.

Er kann sich schon in der Macht der Feinde befinden, aber sie herumbringen, daß sie ihm huldigen.

Ist er auf der Flucht mit Wenigen?

Hat er sich in einen unhaltbaren Ort geworfen?

Haben ihn seine Truppen im Stich gelassen?

Hat er bloß das Unglück gehabt, von einem Angriff auf das Borisovische Lager zurückgeschlagen zu werden?

Seine Lage muß verzweiflungsvoll sein und seine Seele in die höchste Spannung versetzen. Ein solcher unerwarteter Erfolg gleich am Anfang beunruhigt im höchsten Grad.

Aus diesem extremen Zustand der größten Hoffnungslosigkeit geht er in einen glücklichen über.

Soltikow erklärt sich für ihn, rein aus Gewissenspflicht, er verspricht zu ihm überzugehen, wenn er sich bis zu ihm durchschlagen könne.

Durch diesen großen Dienst erwirbt sich Soltikow ein Recht auf ihn, und dieses bringt nachher den Polen ombrage. Zuletzt, wenn dem Soltikow die Augen aufgehen, gerät er in eine große Verzweiflung.

Soltikows Uebergang zum Demetrius gibt seinem Glück den Schwung und bereitet den Abfall der ganzen Armee vor.

Ein hoffnungsreicher Erfolg beschließt diesen Akt auf eine theatralische Art.

 

Glück und Sieg des Demetrius

Demetrius greift die Feinde an. Sein begeisterter Heroismus.

 

Interesse der Donischen Kosaken, für den falschen Demetrius zu fechten.

Demetrius diktiert einmal eine zarische Ukase oder andre Erklärung, wie den Heiratskontrakt. Er schenkt darin Länder weg mitsamt den Untertanen (doch vergißt er auch in diesem Stande nicht das zarische Reichsinteresse).

Wenn Demetrius in Rußland eintritt, so ist gleich das Volk auf seiner Seite. Das Volk prüft nicht lange, es wird durch die Sinne und durch Ideen bewegt, selbst das Abenteuerlichste findet bei ihm Glauben. Das Außerordentliche in dem Schicksal des wieder aufgelebten Demetrius ist ein gar zu großer Reiz für dasselbe; die Kühnheit des Betrugs selbst trägt dazu bei, daß er geglaubt wird, weil man es nicht für möglich hält, daß mit solcher Dreistigkeit könnte gelogen werden – Auch gewinnt die Hoffnung der Menge einen Spielraum dabei. Die Weiber besonders werden gerührt und neigen sich auf die Seite des Wunderbaren.

 

Boris in Moskau

Ehe der Zar selbst erscheint, ist er auf jede Weise schon angekündigt worden.

Er tritt ein mit Heftigkeit, die bösen Nachrichten haben ihn erbittert. Zu beachten ist sogleich die knechtische Unterwürfigkeit und die zarische Vatergewalt. Boris muß sich notwendig erst als absoluter Herrscher zeigen, eh er untergeht.

Rynda bedient ihn.

Ein Diak.

Boris würde Moskau gern verlassen und zur Armee gehen, aber er fürchtet, daß Moskau sich sogleich, wenn er fort, für den Demetrius erklären möchte. Auch schämt er sich, als Zar gegen den Betrüger in Person zu fechten. Sein nordischer Stolz.

Der Patriarch Hiob kann um den Zar sein.

Es kommen auch mitunter glückliche Nachrichten, die sich aber schnell wieder verschlimmern.

Boris ist aber schon tödlich verletzt, wenn er auftritt, und die Zarsgröße, die ihn noch umgibt, ist nur noch Schein und Schatten. Er sieht die Meinung des Volks umgewendet, die Armee treulos, die Großen verräterisch, die Glücksgöttin falsch, das Schicksal feindselig, sein Geist ist gesunken.

Das Abenteuerliche und Monstrose des Falls, welches er anfangs verachtet hat und das nun so fürchterlich wächst, vermehrt seinen Verdruß und seine Verzweiflung. Es ist etwas Inkalkulables, Göttliches, woran sein Mut und seine Klugheitsmittel erliegen. (Talbot, Situation in der Johanna.)

Daß gerade der Prinz, den er ermorden ließ, dem Betrüger die Existenz geben muß, ist ein eigenes Verhängnis. Er gesteht dem Patriarchen den Mord ein und ergreift ihn mit einer gewissen Heftigkeit, wenn er sagt: Muß ich durch dieses Gaukelspiel untergehen, muß ich wirklich? – Patriarch, es bringt mich von Sinnen.

Wahr ist's, ich habe das Reich nicht ganz unschuldig erworben, aber ich hab es gut verwaltet. Wie? Kann ein wohltätiges Leben ein Verbrechen nicht gutmachen? Kann der gute Gebrauch nicht die verwerflichen Mittel entschuldigen?

Szene mit Hiob.

Szene mit Axinia.

Szene mit dem Rynda – mit den Boten – mit dem Diak.

Gradation der Unfälle 1) Abfall des Landvolks und der Provinzialstädte 2) Untätigkeit der Armee 3) Abfall eines Teils der Armee 4) Moskaus Bewegungen 5) Demetrius Vordringen 6) Romanows drohende Ankunft 7) Flucht der Bojaren in Demetrius Lager 8) Abfall der Armee 9) Insulten der Aufrührer.

Man hört gleichsam den Demetrius immer näher und näher herandringen, das Soulevement der Völker immer wachsen und steigen, so daß man in dieser Szene, obgleich mit Boris beschäftigt, den Haupthelden nie aus den Augen verliert.

Boris wird rührend als Vater, er schließt seiner Tochter seinen Kummer, sein innerstes Gewissen auf.

Sein Tod ist königlich, er will seine Macht nicht überleben, er will nichts Erniedrigendes erdulden. Er affrontiert den Tod mit Klarheit und Entschlossenheit, er trinkt mit fester Hand den Giftbecher, doch hat er da schon Mönchkleidung an.

Seine Tochter soll ins Kloster sich verstecken. Sie liebt. Romanow kommt noch an, ehe Boris tot ist, aber nachdem er den Giftbecher schon getrunken. Boris kann ihn zu seinem Nachfolger ernennen, oder wenn Boris einen Sohn hat, diesen seiner Treue empfehlen.

Die Ereignisse, welche den Boris nach und nach zur Verzweiflung treiben, dürfen nicht bloß aus schlimmen Botschaften bestehen, es müssen Tatsachen darunter sein, welche ins Auge fallen, gegenwärtige Kränkungen, Untreue und Insolenz der Moskowiter, Verräterei der Bojaren, Desertion der Strelzi.

NB. Doch darf das Unglück des Boris nicht bis zu wirklichen Verspottungen gehen, er darf keinen Augenblick verächtlich werden. Weil er aber von dem reizbarsten Stolz ist, so kann er die bloße Möglichkeit einer zu erwartenden Beschimpfung nicht ertragen. Dieser Stolz allein vergrößert in seinen Augen sein Unglück zu der Höhe, worin es sein muß, um ihn zur Verzweiflung zu bringen; sein Stolz und seine Vorhersehung. Er sieht, weil er die Welt kennt, klar vorher, was gewiß kommen wird; und weil er zu stolz ist, das Unwürdige zu ertragen, so erwartet er nicht, bis es wirklich eintritt. Er ist also noch Zar, wenn er stirbt, er ist noch nicht erniedrigt.

Boris hat, indem er sich per nefas zum Herrscher machte, alle Pflichten des Herrschers übernommen und geleistet; dem Land gegenüber ist er ein schätzbarer Fürst und ein wahrer Vater des Volks. Nur in Angelegenheiten seiner Person gegen einzelne Personen ist er argwöhnisch, rachsüchtig und grausam (Dimitri, die Romanows). Seine Fürsorge und königliche Milde bei der großen Hungersnot, seine Gerechtigkeitspflege, seine Wachsamkeit und Klugheit in Bewahrung des Friedens und Verteidigung des Reichs, seine Einsicht und Eifer in Beförderung des Volkswohls etc.

Boris ist durch seinen Geist sowie durch seinen Rang über alles, was ihn umgibt, erhoben; der lange Besitz der höchsten Gewalt, die gewohnte Beherrschung der Menschen und die despotische Form der Regierung haben seinen Stolz genährt, daß es ihm unmöglich ist, die Größe zu überleben. Er hat so hohe Begriffe von seiner Würde als Zar, daß er mit reizbarer Eifersucht darüber hält; dieser Stolz und diese Eifersucht über seine Herrscherwürde sind die Quelle aller seiner Fehler und seiner Unfälle.

Boris ist wie ein verwundeter Tiger, dem man nicht zu nahen wagt. Es sind schlimme Botschaften gekommen, die man noch nicht das Herz gehabt ihm mitzuteilen, weil er schon einen solchen unglücklichen Boten vom Turm hat herabstürzen lassen. Es warten also die unglücklichsten Nachrichten auf ihn, er muß sie wissen, und niemand wagts, ihn zu benachrichtigen. Man fleht den Patriarchen um seine Vermittlung an.

Boris hat sich indessen wieder gesammelt und schämt sich seiner Heftigkeit, er ist also viel sanfter, wenn er wirklich kommt, als wie man ihn beschrieben hat, und läßt sich das Schlimmste erzählen, ja er beschenkt den Erzähler kaiserlich.

Es ist schon etwas Unstetes in seinem Betragen, er denkt schon früher als nötig auf Selbstmord, Szene mit seinem Arzt, er versieht sich mit Gift, er prüft die Spitze eines Dolchs. Moskau wird in einer düstern Ungewißheit erhalten, aber eben diese Ungewißheit vergrößert nur die Furcht und das Gerücht von den Sukzessen des Demetrius. Fürchterliche Bewegung unter dem Volke. Ein Manifest des Demetrius hat dennoch den Weg nach Moskau gefunden und ist an einigen Kirchen angeschlagen worden.

(Basmanow, der Verräter.)

Boris hat einen Aberglauben, aber so, wie ein großer Mann ihn auch haben kann. Er hat sich in seinem Herzen eine gewisse Bedingung festgesetzt, wenn diese eintreten würde, so seie sie die Stimme des Geschicks. Diese Bedingung kann sein, wenn der Betrüger bis auf eine gewisse Grenze vordringen würde, wenn ein gewisser Platz verloren gehen würde.

Er glaubt an Vorherverkündigungen, und in seiner verwundeten Stimmung erscheinen ihm viele Dinge als ominös, die er sonst verachtet hätte. Es kann ihm etwas prophezeit worden sein.

Groß macht ihn sein Stolz, groß seine landesväterliche Tätigkeit groß sein hoher Verdruß über das Glück und seine Verachtung der Menschen, groß macht ihn die persönliche Kraft, durch die er sich auf den Thron geschwungen, und am größten zeigt ihn sein Tod. Liebenswürdig wird er durch seine väterliche Zärtlichkeit gegen seine Tochter, durch seine Mäßigung gegen die Feinde, die er in seiner Gewalt hat und am meisten durch sein Unglück.

Einer seiner Rynda kann ein hohes Devouement zeigen.

Die Nachricht von Romanows geheimnisvoller Ankunft Ist eine reine loyale edle Gestalt, eine schöne Seele. Er folgt bloß dem Rechte, Rache und Ehrfurcht sind fern von seiner Seele, er hat Mut und Fertigkeit, wo es gilt, er hat zur Axinia eine zärtliche wiewohl hoffnungslose Liebe. vollendet seine Verzweiflung; dies Unglück ist ihm ärger als alles, weil er sich gegen die Romanows wirklich so viel vorzuwerfen hat.

Urbem praeclaram statui, mea moenia vidi,
et nunc magna mei sub terras ibit imago.

Auch von Macbeths Situation am Ende hat diese Lage des Boris etwas Aehnliches. Es erfüllen sich ihm gewisse böse Zeichen.

 

Boris stirbt

Wenn Boris das, seiner Meinung nach, entscheidende Unglück vernommen, so geht er ab, ohne weitere Erklärung. Er ist dabei gelassen und sanft wie ein resignierter Mensch. Wenn er wieder auftritt, so ist's in Mönchskleidern. Er entfernt seine Tochter von seinem letzten Augenblick und nimmt das Gift erst, wenn sie weg ist. Wenn er es genommen, so geht er ab, um in der Stille zu sterben. (Ist er ganz allein, wenn er das Gift nimmt, oder wen hat er bei sich?)

Seine letzten Befehle geschehen in der Voraussetzung, daß alles verloren sei und daß sein Geschlecht sich absolut nicht behaupten könne. Seine Tochter soll sich in einem Kloster vor Beleidigungen retten, sein Sohn Feodor wird noch als Kind angenommen. Vielleicht, meint Boris, finde die Jugend Feodors eine Gunst, die er, der Greis, nicht mehr gefunden.

Zwischen Boris sterbendem Abgang und Romanows Ankunft muß etwas gesetzt werden, daß sich dieser Glückswechsel nicht so abrupt macht. Darf sich ein treuer Diener töten? Darf Axinia sich hereindrängen?

Der augenblickliche verlassene Zustand, wo kein Herrscher im Land ist, wo das Reich sein Haupt verloren, muß fühlbar gemacht werden. Zerbrechung des Siegels etc. Die Bojaren bilden nun einen Reichsrat und befehlen im Kreml, aber bald erscheint Romanow, und seine bewaffnete Macht verschafft ihm Herrscheransehen in Moskau.

 

Romanow und Axinia

Romanow kann einen Boten vorausschicken, dem Boris seine Unterwürfigkeit zu bezeugen.

Wenn der Bote kommt, hat Boris schon das Gift ausgetrunken.

Romanow folgt seinem Boten auf dem Fuß und findet den Zar sterbend.

Romanow schwört an der Leiche des Zars seinem Sohn Feodor, einem Kind, die Treue und macht auch die Bojaren dasselbe schwören. Dieser Auftritt ist rührend und tröstend, zugleich aber hat er etwas Hoffnungsloses, Fruchtloses, man ahndet, daß es nur ein ohnmächtiger Versuch sein werde, denn der übermächtige Gegner steht ja schon in Tula. Indes wird die Defektion von Moskau doch für einen Moment aufgehalten, und die Erwartung wird gespannt.

Romanows Liebe zur Axinia spricht sich aus unter diesen unglücklichen Umständen und bringt etwas Sanftrührendes hinein. Romanow ist die Stütze des jungen Zars, der Zarstochter und der zarischen Residenz.

Aber was ist denn eigentlich zu tun, um den reißenden Lauf des Siegers aufzuhalten?

  1. Romanow verläßt Moskau, um zur Armee zu eilen; Axinien und den jungen Zar vertraut er der Treue der Bojaren.
  2. Die Armee ist schon zum Demetrius übergegangen, wenn er ankommt, oder sie trennt sich bei dieser Gelegenheit, und er kann nichts ausrichten.
  3. In seiner Abwesenheit von Moskau wird das Volk in dieser Stadt [durch Emissäre des Demetrius] zum Aufstand gegen Feodor und Axinia gereizt, es stürmt den Palast und nimmt diese beiden Kinder des Boris gefangen. [Ganz Moskau eilt, durch Abgeordnete den Sieger zu versöhnen.]
  4. Romanow, von der Armee und seinen eigenen Truppen verlassen, proskribiert und aufgespürt von Demetrius Partei, kommt als ein Flüchtling nach Moskau in der Absicht, die Axinia und den jungen Zar zu retten.
  5. Indessen ist der Einzug des Betrügers in Moskau geschehen, und Demetrius hat Axinia gesehen. Sie wird in den Kreml zu ihm gebracht, und er zeigt ihr Liebe, die sie verabscheut.
  6. Romanows Versuche, Axinia zu sehen oder doch für sie zu handeln. Er wird in eine Verschwörung gegen Demetrius gemischt.
  7. Axinia fällt durch die Eifersucht der Marina.
  8. Romanow wird durch eine wunderbare himmlische Gewalt getröstet und von der blutigen Unternehmung gegen Demetrius zurückgehalten. (Entweder erscheint ihm der Geist der Axinia oder ein Seher, ein Eremit, ein heiliger Mann gießt Balsam in seine Wunde und eröffnet ihm die Zukunft.) Diese Szene erhebt über das Stück hinaus und beruhigt das Gemüt durch ein erhabenes Ahnden höherer Dinge.

 

Demetrius in Tula

Das Interesse, welches Romanow und Axinia erregten, darf den hohen Anteil an dem Demetrius nicht schaden, daher muß dieser sobald er wieder erscheint, durch ein schönes und edles Betragen sich Gunst erwerben, der Eindruck der vorigen rührenden Szenen muß ausgelöscht werden.

Demetrius ist gütig wie die Sonne, und wer ihm naht, erfährt Beweise davon, keine Rachsucht, keine Raubsucht, kein Uebermut.

Und wie er den Untergang des Boris erfährt, zeigt er eine edle Rührung. Er starb, eines Königs wert, aber mir nimmt er den Ruhm der Großmut.

Demetrius verschmäht das knechtische Bezeugen der Russen und spricht davon, daß er es abschaffen werde. In diesem schönen Zug liegt der Keim eines unglücklichen Betragens.

Die Personen, die ihn umgeben, sind barsch und rauh und behandeln die Russen mit Verachtung; er aber ist voll Huld und Gnade.

Von hier aus sendet er zu seiner Mutter und zur Marina.

Man bringt ihm die Schlüssel der Städte und andre zarische Regalien auch die zarische Kleidung.

Moskau ist allein noch nicht unterwürfig gesinnt, weil Romanow die gutgesinnte Partei gestärkt hat und von der Armee aus die Freunde des Boris sich hineingeworfen. Dieser Aufenthalt ist notwendig 1) um den Einzug zu retardieren, 2) um diesen Einzug zu einer wichtigern Epoche zu machen.

In dieser Szene zu Tula steht er auf dem Gipfel des Glücks und der Gunst, alles scheint die erfreulichste Wendung zu nehmen. Er verspricht Rußland einen gütigen Beherrscher. Diese Szenen haben etwas Weiches, Schmelzendes.

 

Demetrius erfährt seine Geburt

Jetzt im Vollbesitz seiner Herrschaft und im festen Glauben an seine Rechtmäßigkeit, wenn er seine Mutter erwartet, tritt ihm der bisher verborgene Urheber des ganzen Betrugs vor die Augen und enthüllt ihm seine Geburt. Eine furchtbare Veränderung geht mit ihm vor, und gleich sein erstes ist, diesen Verkündiger niederzustoßen.

Die ganze Zarwerdung des Demetrius gründet sich auf das Zeugnis eines Mannes, den man bis jetzt nie gesehen hat. Es ist eine Bekanntschaft aus seiner Kindheit und frühesten Jugend; seit er sich von ihm getrennt, sind 14 bis 15 Jahre verstrichen.

Unter der Menge von Menschen, die sich in Tula zum Demetrius drängen, erscheint endlich auch dieser und wird vom Demetrius erkannt.

Freude des letztern über dies glückliche Wiedersehen. Er schickt alle andre hinaus.

Wie sie allein sind, gesteht Demetrius mit dankbarem Herzen, daß er ihm die gute Wendung seines Schicksals danke.

– X [Utrepeia oder Otrepiew] erwidert, daß ihm Demetrius allerdings eine große Verbindlichkeit habe und eine größere, als er selbst wisse.

Demetrius dringt in ihn, es ihm zu eröffnen, und verspricht eine königliche Dankbarkeit.

– Ein königlich Geschenk, versetzt jener, sei wohl eine königliche Dankbarkeit wert.

Ja, er bekenne gern, seiner Sorgfalt allein danke er seine Wiederherstellung.

– Nicht bloß dieses, er danke ihm auch seine Schöpfung. Wie so?

– Ich gab dir, was du nie hattest. Wohl verdien ich etwas um dich. Ich gab dir, was du nie hoffen durftest, was die Geburt dir nicht gibt.

Wie?

– Alle Welt, du hältst dich selbst für den Sohn Iwans.

Du bist im Begriff, dir die Krone des Zars aufzusetzen. Du bist nicht Iwans Sohn! Die Geburt gibt dir kein Recht an diese Krone. Iwans Sohn ist im Grabe, er wird dir seinen Namen nicht streitig – – – Ich bin Iwans Sohn nicht! Wessen Sohn bin ich denn? Hast nicht du selbst mir – – – –

– Ich habe dich dazu erschaffen, du bists durch mich, und du sollst es auch ferner bleiben. Höre, wie es kam, und wenn du findest, daß du mir etwas schuldig seist, so – – –

Ich bin nicht Dmitri, Iwans Sohn?

– Höre mich an. Nun erzählt er ihm die ganze Sache, und wie er mit ihm aus Uglitsch entflohen, den Undank des Boris und seinen Einfall, sich an demselben zu rächen – seine Vorkehrungen dazu – bis auf die Flucht des Grischka und was darauf erfolgt. Demetrius ist ein Sohn der Wärterin des wahren Demetrius und ein Spielkamerad des letztern. Ais dieser ermordet worden, muß sich der Mörder flüchten und verbergen und nimmt den jungen Dmitri mit sich (was hat er mit diesem zu tun, daß er ihn mitnimmt?)

Er erfährt auf seiner Flucht, daß Boris Gudenow ihm, statt des gehofften Lohnes, den Tod bestimmt habe, um mit ihm sein Verbrechen ins Grab zu verschließen, und nun treibt ihn Rachsucht und Verzweiflung, sich des Knaben Dmitri gegen den Boris zu bedienen. Da er Verschiedenes, was dem Zarowitsch angehörte und was diesen kenntlich machen kann, auf seiner Flucht mitgenommen, so sieht er darin eine Möglichkeit, jenen für diesen auszugeben. Auch unterstützt es sein Vorgeben, daß der Leichnam des Demetrius unkenntlich, – daß die Mutter nicht imstande war, genaue Beobachtungen anzustellen etc. Er kann also verbreiten, daß der unrechte getötet, der wahre Zarowitsch aber gerettet worden.
Er schließt damit, daß er nun seine wahre Geschichte wisse. Ich hätte dirs verschweigen können – vielleicht verschweigen sollen, aber du mußtest wissen, was du mir zu danken hast, und – – –

Während X erzählt, geht die ungeheure Veränderung im Demetrius vor, sein Stillschweigen ist furchtbar und von einem schreckhaften Ausdruck begleitet.

Wenn Demetrius die ersten Bewegungen übermeistert hat, so gibt er der Klugheit Raum und forscht den X aus, um zu wissen, ob noch sonst jemand um dieses gefährliche Geheimnis wisse.

X beruhigt ihn darüber, alle andern Mitwisser seien tot.

Es darf der Mord, den er an X verübt, nichts zu Prämeditiertes haben. Die Handlung ist zwar ein momentanes Aperçu der Notwendigkeit, aber zugleich auch ein Werk der höchsten Wut und Verzweiflung und scheint durch eine Äußerung des X augenblicklich veranlaßt zu werden. X fodert Dank und Lohn in dem Moment, wo Demetrius sich durch ihn ins höchste Unglück versetzt sieht; dies bringt Demetrius Indignation aufs höchste.

X ist der Mörder des wahren Demetrius und erhält also hier seinen Lohn.

Wenn Demetrius seine wahre Geburt erfahren und sich überzeugt hat, daß er nicht der wahre Demetrius ist (es ist unmittelbar vor einer Szene, wo er den Glauben an sich selbst nötiger hat als jemals), so verstummt er erst und tut darauf einige kurze Fragen, hohl und kalt – dann scheint er schnell seine Partei zu ergreifen und teils in der Wut, teils mit Absicht und Besonnenheit stößt er den Botschafter nieder, gerade wie dieser von der erwarteten Belohnung spricht – der Tod ist diese Belohnung. Du hast mir das Herz meines Lebens durchbohrt, du hast mir den Glauben an mich selbst entrissen – Fahr hin, Mut und Hoffnung. Fahrt hin, du frohe Zuversicht zu mir selbst! Freude! Vertrauen und Glaube! –

In einer Lüge bin ich befangen,
Zerfallen bin ich mit mir selbst / Ich bin ein Feind der Menschen,
ich und die Wahrheit sind geschieden auf ewig! – Was? Soll ich das Volk selbst aus seinem Irrtum reißen? (Diese großen Völker glauben an mich – Soll ich sie ins Unglück, in die Anarchie stürzen und ihnen den Glauben nehmen?) Soll ich mich als Betrüger selbst entlarven? (Es ist ein Geheimnis, das er allein tragen muß.) – Vorwärts muß ich. Fest stehen muß ich, und doch kann ichs nicht mehr durch eigene innere Überzeugung. Mord und Blut muß mich auf meinem Platz erhalten – Wie soll ich der Zarin entgegentreten? Wie soll ich in Moskau einziehen unter den Zurufungen des Volks mit dieser Lüge im Herzen?

Wie man hineintritt, sieht man den Zar mit dem Dolch und den Toten hingestreckt und tritt mit Entsetzen zurück. Dieser Anblick unmittelbar vor seinem zarischen Einzug ist sehr sinistrer Bedeutung – Er ahndet alles, was man dabei denkt, und beantwortet es auch. Schon ist er der Alte nicht mehr, ein tyrannischer Geist ist in ihn gefahren, aber er erscheint jetzt auch furchtbarer und mehr als Herrscher. Sein böses Gewissen zeigt sich gleich darin, daß er mehr exigiert, daß er despotischer handelt. (Er gibt Befehle, das Volk zu behorchen.) Der finstre Argwohn läßt sich schon auf ihn nieder, er zweifelt an den andern, weil er nicht mehr an sich selbst glaubt.

Urteile der Zurückbleibenden über diese plötzliche Veränderung. Wie? sagen sie, hat der zarische Purpur so schnell sein Gemüt verwandelt? Ist es das neue Gewand, das diesen neuen Sinn in ihn brachte? Der Geist des Basilides scheint in ihn gefahren. – Gerade jetzt, da dieses vorging, ist Demetrius auf dem höchsten Gipfel des Glücks, es ist ihm alles nach Wunsch gegangen, kein Widerstand ist mehr, alles glaubt an ihn und ist für ihn begeistert. Einen desto auffallenderen Abstand macht sein gewalttätiges Betragen, da man ihn mild und heiter erwarten muß.

Unmittelbar von da an geht er zu der Zusammenkunft mit der Zarin, seiner vorgeblichen Mutter, deren Annäherung man ihm meldet. Er gibt Befehle wegen der Art des Empfangs.

 

Marfa kommt mit Demetrius zusammen

Ein großes purpurnes Zelt ist aufgeschlagen, nach vorne geöffnet, nach der Tiefe verschlossen, aber so, daß es mit einem einzigen Zug kann in die Höhe gezogen werden. Marfa, jetzt wieder Maria, erwartet den Demetrius. Soltikow (oder irgendein andrer) hat sie abgeholt, Olga ist mit ihr. Zarische Wachen, welche ein zurückhaltendes Schweigen beobachten, umgeben das Zelt, so daß ihr unheimlich zumut ist dieser kriegerischen Anstalten wegen.

Sie spricht von der bevorstehenden Zusammenkunft mit mehr Zweifel und Furcht als Hoffnung, ihr Glaube an die Person des Demetrius ist fast ganz verschwunden, sie zittert diesem Moment entgegen, der ihre höchste Glückseligkeit sein sollte. Olga redet ihr zu, selbst ohne Glauben. Auf der langen Reise hatten beide Zeit gehabt, die Kehrseite der Umstände zu betrachten, die erste Exaltation hatte dem Nachdenken Raum gemacht. Die sinistren Blicke und die bedenklichen Anstalten vermehren den Zweifel.

Man erweist ihr die Ehre einer Zarin, aber ihr Muttergefühl findet keine Nahrung.

Indem sie sich bang erwartend auf die Extreme vorbereitet, erschallen die Trompeten, welches ihr Herz durchdringt – Man hört den Zar immer näher kommen an den Trommeln, sie zittert unschlüssig, ob sie ihm entgegen, ob sie ohnmächtig hinsinken soll. Endlich erscheint Soltikow, öffnet eilends dem eintretenden Zar das Zelt. Demetrius steht vor seiner vorgeblichen Mutter, allein.

Dieser Moment gehört zu den größten tragischen Situationen, und gehörig eingeleitet, kann er die größte Wirkung nicht verfehlen.

Der kleine Rest der Hoffnung in Marfas Herzen schwindet ganz beim Anblick des Demetrius. Ein Unbekanntes tritt zwischen beide, die Natur spricht nicht, sie sind ewig geschieden. Der erste Moment war ein Versuch, sich zu nähern, Marfa ist die erste, die eine zurückgehende Bewegung macht. Wie Demetrius dies erblickt, so bleibt er suspensus stehen, ein momentanes höchst bedeutendes Schweigen erfolgt, welches Marfa mit dem Ausruf unterbricht: Ach, er ist es nicht!

Da Demetrius sich als Betrüger kennt, so würde er zu viel verlieren, wenn er die Gefühle der Natur erheucheln wollte. Wahrheit zwischen ihm und ihr kann ihn erheben, er beträgt sich würdig, wenn er sich als Fürst und Staatsmann beträgt, ohne sich als einen Gaukler zu zeigen.

Sagt dir das Herz nichts? Erkennst du dein Blut nicht in mir?

Da sie fortfährt zu schweigen, sagt er:

Die Stimme der Natur ist heilig und frei, ich will sie weder zwingen noch erlügen. Hätte dein Herz bei meinem Anblick gesprochen, so hätte das meinige geantwortet, du würdest einen frommen, einen liebenden Sohn in mir gefunden haben. Das Notwendige wäre mit Neigung, mit Liebe, mit vollem Herzen, mit Innigkeit geschehn. Doch wenn du nicht als Mutter für mich fühlst, wenn du den Sohn nicht in mir findest, so denk als Fürstin, faß dich als Königin und schicke dich mit kluger Wahl in das Notwendige. Das Schicksal gab mich dir unerwartet, ungehofft zum Sohn, nimm du mich an aus seiner Hand als ein Geschenk des Himmels, denn ich bins. Wär ich dein Sohn auch nicht, der ich jetzt scheine, so raub ich deinem Sohne nichts, ich raubt es deinem Feind, nicht deinem Sohn, dir aber geb ich Großes.

Ich habe dich gerächt an deinem Feind, dich und dein Blut, ich habe aus dem Elend, aus der Gruft, in der du lebendig begraben warst, dich gezogen und auf den Fürstenstuhl zurückgeführt, – mir bist dus schuldig, daß die alte Größe dich umschimmert, und daß du auf dem Grabe deines Feinds in Moskau einziehst. – Daß dein Geschick befestigt ist an meins, begreifst du schnell, du stehst mit mir, und mit mir gehst du unter. Ich brauche dir nicht mehreres zu sagen. Du weißt, was du zu tun hast. Die Völker alle sehn auf uns – Ergreife klug, was du nicht lassen kannst. Hier ist keine Wahl, das siehst du wohl ein. Ich bin nicht so weit her bis nach Moskau gedrungen, um hier die Früchte meiner Siege zu verlieren, und du wirst mich nicht zwingen wollen, verzweifelnd um meine Existenz zu kämpfen. Also schicke dich darein, ich trau dirs zu, du werdest dich fassen und deine Partei als eine Fürstin nehmen. Hier ist nicht die Rede von den Gefühlen der Mutter, der Augenblick dringt, tu, was er von dir fordert. Alles erwartet die herzliche Begegnung der Mutter und des Sohns zu sehen. Täusche nicht die allgemeine Erwartung.

Ich hasse die Gaukelei, ich mag nicht mit den heiligen Gefühlen der Natur spielen und Gaukelwerk treiben. Was ich nicht empfinde, mag ich nicht zeigen, ich fühle aber wirklich eine Ehrfurcht gegen dich, und dies Gefühl, das meine Knie vor dir beugt, es ist mein Ernst, es ist mein wahr Gefühl.

Marfa. Was soll ich tun? O Himmel, in welche neue seltsame verworrene Lage stürztest du mich!

Demetrius. Ergreife deine Partei, so ist deine Verlegenheit verschwunden. Laß deines Willens freie Handlung sein, was die Natur, das Blut dir versagt. Ich fordre keine Heuchelei, keine Lüge von dir, ich fordre wahre Gefühle. Scheine du nicht meine Mutter, sei es, umfasse mich als deinen Sohn, lege dein Herz an meins, wage dein Schicksal an meines. Wirf das Vergangene von dir, laß es fahren, ergreif das Gegenwärtige mit ganzem Herzen – Bin ich dein Sohn nicht, so bin ich der Zar, ich habe die Macht, ich habe das Glück. Glaub deinen Augen, was du deinem Herzen nicht glauben kannst. Ich will dich als Mutter behandeln. Du sollst einen ehrerbietigen Sohn in mir sehen. Was willst du mehr? Der, welcher im Grabe liegt, ist Staub, er hat kein Herz, dich zu lieben, er hat kein Auge, dir zu lächeln, er gibt dir nichts, ich aber gab dir alles. Wende dich zu dem Lebenden. Ich zerriß den traurigen Nonnenschleier, der dich von der Welt getrennt usw.

Wie sie anfängt in Tränen auszubrechen, findet er den Moment reif, sie der Welt zu zeigen. O diese goldnen Tropfen sind mir willkommen. Laß sie fließen! Zeige dich so dem Volk.

»Was verlangst du von mir?«

Erkenne mich an vor dem Volk. Es steht draußen mit gespannter Erwartung. Folge mir zu ihm. Gib mir deinen Segen. Nenne mich deinen Sohn, und alles ist entschieden. Ich führe dich in den Kreml ein zu Moskau.

Ich soll dich, der mir fremd ist, der – – –

 

Am Schluß dieser Szene läßt er das Zelt fallen und zeigt der Versammlung seine Mutter.

Moskaus Abgesandte unterwerfen sich und werden finster empfangen, unter soldatischem Apparat mit gezuckten Säbeln. Sie laden ihn nach Moskau ein, der Patriarch ist darunter, er entsetzt ihn seiner Würde. Ein Wink von ihm entscheidet über Leben und Tod. Kosakenhetman.

 

Einzug in Moskau

Die Hauptszene des Stücks in Rücksicht auf stoffartiges Interesse.

Prospekt der Stadt Moskau, man blickt, so wie verwandelt wird, in ein unermeßliches Gewühl von Häusern und Türmen in der Ferne hinaus, der halbe Prospekt-Vorhang besteht aus dergleichen, und einige Kuppeln schimmern von Goldblech. Näher und in den Kulissenstücken unterscheidet man Zuschauer aus Fenstern und Dächern und Gerüsten. Eine Schiffbrücke über die Moskwa kann vorkommen, wodurch der Zug dupliert wird.

Da die Zuschauer in dieser Szene eine Rolle mitspielen, so kann ihnen auch mehr Raum gegeben werden.

Damit diese Szene nicht dem Krönungszug in der Jungfrau von Orleans begegne, muß sie sowohl ganz anders eingeleitet als auch ganz verschieden geführt und disponiert werden.

Eingeleitet wird sie schicklich durch eine Gewalttätigkeit an der Familie des Boris, durch ausgeschickte Kundschafter des Demetrius, kurz durch Einmischung des Düstern und des Schrecklichen in die öffentliche Freude. Mißtrauen und Unglück umschweben das Ganze.

Anders disponiert wird sie durch das Anbringen einer Brücke, eines Triumphbogens, durch die größre Gegenwart der Zuschauer und die Bevölkerung der Dächer und Türme, durch den Aufzug selbst, wobei auch reichgeschmückte Pferde, der Zar selbst ist zu Pferd; auch muß der Zug durch ein Ereignis unterbrochen werden. Alles ist überhaupt mehr kriegerisch und gleicht mehr dem Einzug eines Eroberers.

Auch daß die Polen und Kosaken, die eine ausländische feindliche Nation sind, den Zug anführen, ist charakteristisch.

 

Axinia, die sich zu den Füßen der Zarin Marfa vor der Brutalität der Polen rettet. Hier kommt Demetrius zum erstenmal mit ihr zusammen.

Er rettet selbst die Axinia aus den blutgierigen Händen der Kosaken oder des Volkes und auch den Michailo Romanow kann er retten.

Axinia zeigt eine rührende Größe im Unglück und gewinnt dadurch sein Herz – Aber sie haßt ihn aufs heftigste als den Verderber ihrer Familie und auch weil sie schon liebt. – Er hat ein doppeltes Interesse, sie zu gewinnen, weil er durch sie hofft, sich auf dem Thron zu befestigen. – Undankbarkeit gegen die Polen ficht ihn wenig an – Aber indem er diese Ueberlegungen anstellt, ist Marina schon unterwegs, und er verwünscht jetzt diese Verbindung ebensosehr, als er sie anfangs suchte. Demetrius kommt mit der Axinia später zusammen, erst nachdem er seine Geburt weiß (»Schmerz unglücklicher Liebe bei der höchsten Gewalt«), nachdem er seine Mutter gesehen, nachdem er schon in Moskau eingezogen. Diese Nebenhandlung gibt dem vierten Akt ihren Inhalt und füllt den Raum aus zwischen seinem zarischen Einzug und der unheilbringenden Ankunft der Marina. Eben in diese Epoche fällt auch Romanows Berufung zum Throne, schön wärs, wenn die Zarin Marfa hierbei im Spiel wäre. Romanow ist ein beschütztes Haupt, dem Demetrius nichts anhaben kann, ob er ihn gleich fürchtet und verfolgt.

 

Demetrius als Zar im Kreml

Zwischen den Einzug in Moskau und die Ankunft der Marina tritt die Neigung zur Axinia, das Verhältnis des falschen Demetrius zu seiner vorgeblichen Mutter, Zuskys Begebenheit und die anfangende Unzufriedenheit der Russen mit ihrem neuen Herrn.

Demetrius im Kreml zu Moskau als vollkommener Zar etabliert, aber mit dem Bewußtsein, daß er ein Betrüger.

Demetrius ist Zar und gefällt den Russen nicht.

Er kann die Polen und Kosaken nicht in Ordnung halten, die ihm durch ihre Freiheit in der Meinung des Volks schaden.

Er liebt die Axinia und möchte gern sein polnisches Engagement vergessen und brechen.

Er vernachlässigt die alte Zarin.

Er setzt ein Mißtrauen in alle, weil er sich selbst im Herzen einen Betrüger findet.

Daher ein ombrageuser höchst empfindlicher Stolz und launischer Despotismus.

Er hat keinen Freund, keine treue Seele.

Das furchtbare Element trägt ihn nun selbst, er beherrscht es nicht, er wird von der Gewalt fremder Leidenschaften geführt und ist jetzt gleichsam nur ein Mittel und eine Nebensache.

Mehrere Actus der höchsten Gewalt kommen vor, die sehr ins Despotische fallen. Herrscher und Sklaven. Zar und Bojaren. Diak. Rynda. Strelzi. Margeret. Gebrauch von den zarischen Schätzen.

Mit ihm in Verhältnis kommen Odowalsky, Korela, Soltikow, Zusky, Hiob, Axinia, Marfa.

Indem er auf Untreue gegen Marina sinnt, erscheint diese selbst in Moskau. Mit Hiob kann er über diese Frage sich erklären. Hiob findet nichts leichter, er gibt ihm eine hohe Vorstellung von seiner zarischen Gewalt, von seiner Machtvollkommenheit und seinem Willen. (Hiob will nur die Polen los sein und hofft dann, desto ehr auch den Demetrius zu stürzen.)

Odowalsky ist aber attent auf alles, was vorgeht, und nimmt die Vorteile der Marina wahr. Er weiß zu machen, daß der Zar in der Gewalt der Polen bleibt, daß er diese nötig braucht, daß er sich nur durch sie erhält. Er entfernt soviel möglich alle Russen aus seiner Nähe, er beleidigt die Russen in des Zars Namen, er bekommt den Kreml in seine Hände.

Die Insolenz der Polen ist so groß, daß man den Demetrius beinah entschuldigt, wenn er sie zu betrügen sucht.

Soltikow macht sich bittere Vorwürfe, daß er sein Vaterland an den Demetrius verraten; er will aber nicht zum zweiten Male Verräter sein und ergreift ein anderes Expediens. Da das Unglück einmal geschehen, so sucht er es wenigstens zu vermindern, er sucht die Macht der Polen zu schwächen. Soltikow wird dadurch interessant, daß er aus Loyauté und aus Abscheu vor Verrat wider sein Gefühl die einmal ergriffene Partei behauptet, wobei er auch umkommt. Er nimmt seinen Tod als Strafe für seinen Fehler an und bekennt es sterbend dem Demetrius selbst.

 

Wenn Marina ankommt, so ist Demetrius mehr als je in der Abhängigkeit von den Polen.

  1. Er kann sich auf die Russen ganz und gar nicht verlassen, vielmehr hat er alle Ursache, ihnen zu mißtrauen.
  2. Er kann sich von den Polen nicht losmachen, die den Kreml, seine Person, die Waffen, die Schätze in ihrer Gewalt haben.
  3. Großes Gefolg der Marina verstärkt die schon mächtige Partei der Polen.
  4. Von der Axinia kann er freiwillig nichts erhalten, und mit der Marfa steht er schlecht.
  5. Es wird ihm keine Zeit zur Überlegung gegeben.

 

Man meldet die Ankunft der polnischen Braut. Er muß ihr entgegen gehen.

 

Unzufriedenheit der Russen und Verschwörung

Zusky

Das Volk von Moskau, besonders die Kaufleute, unterreden sich über die Staatsveränderung – Unzufriedenheit mit dem neuen Zar. – Klagen über die Zurücksetzung der Russen und Anmaßung der Polen. – Die gewaffnete Ankunft der polnischen Marina ein böses Augurium.

  1. Die Stockrussen ärgern sich an dem liberaleren Betragen des Demetrius und an seinen ausländischen Sitten. Seine Popularität, Simplizität, Verschmähung des steifen Zeremoniells wird von dieser Partei getadelt.
  2. Andre beschweren sich über verletzte Gebräuche. Instrumentalmusik und Jagdhunde in den Kirchen – Nichtgebrauch der Bäder – Unterlassung des Mittagsschlafs – Polnische Kleidertracht – Zurücksetzung der Russen bei Tafel.
  3. Andre haben die Brutalität der Polen und Kosaken erfahren.

Es schleichen Zweifel umher an der Person des Demetrius, die sich aber auf lächerliche Dinge gründen.

Zusky versteht sich darauf, die Stockrussen zu behandeln, und setzt sie in Feuer.

Diese Szene wird unterbrochen durch die brutale Dazwischenkunft der Polen, die sich in Moskau als Herren aufführen.

Es ist die Rede von der gewaffneten Ankunft der Marina.

Man sieht, wie dem Zar die Herzen des Volks, ohne daß er daran schuld ist, entfremdet werden.

 

Romanow

Romanow, unkenntlich und verkleidet, kommt nach Moskau, die Axinia suchend.

 

Demetrius und Marina

Falscher und kalter Empfang, den sie aber trefflich zu dissimulieren weiß. Sie besteht auf einer schnellen Vermählung. Wenn der Zar fort ist, gibt Marina die tödlichen Befehle und instruiert ihre Polen.

Rauschende Anstalten zu dem Feste.

 

Axinia auf der Marina Geheiß getötet

Sie war nahe daran, Zarin zu werden, und muß ins Grab wandern. Ihr schöner Tod. Sie fürchtete ein größeres Übel, sie fürchtete zur Gemahlin des Betrügers durch Gewalt gemacht zu werden. Mit Freuden nimmt sie den Giftbecher aus der Hand ihrer Feindin oder des von ihr Gesendeten.

Bringst du mir den Tod? O sei willkommen!
Ich fürchtete, es sei die Zarenkrone.

Axinia kommt wider Willen des sie liebenden Demetrius um durch die Eifersucht der Marina – dies ist eine rührende Zwischenszene. – Schmerz des Romanow, welcher in Wut übergeht und ihn zur Gegenrevolution treibt – diese blutige Szene ist eine Episode des Hochzeitsfestes – Schmerz des Demetrius ist gleich heftig.

Demetrius mit zerrissenem Herzen muß der Marina zur Trauung folgen, die eine kalte Furie ist.

Insolenz der Polen gegen die Russen und gegen den Zar selbst.

Verschwörung der Bojaren.

 

Romanow im Gefängnis

Er hat die Erscheinung von der Axinia und wird zum Thron berufen. Er soll ruhig das Schicksal reifen lassen und sich nicht mit Blut beflecken.

 

Demetrius und Marina nach der Vermählung und Krönung

Marina schmeichelt ihm, sie gesteht ihm, daß sie ihn nicht für den Iwanowitsch hält und nie dafür gehalten. Dann läßt sie ihn allein.

Er bleibt allein und sucht sich zu betäuben.

Szene mit dem Bruder der Lodoiska.

 

Demetrius und Kasimir

Demetrius wird so weit von seinem ersten Anfang verschlagen, daß dieser am Ende der Handlung ferne hinter ihm liegt – darum ist nötig, daß sich ein lebhaftes und anmutiges Bild davon in die Seele drücke, welches sich nachher auf eine rührende Art in der Erinnerung auffrischt, wenn ein so ganz anderer Mensch aus ihm geworden. Lodoiskas zarte Neigung fällt in jene Zeit, auch sein dunkler hoffnungsreicher Zustand im Haus des Woiwoden weckt eine rührende Sehnsucht und eine schmerzliche Vergleichung. – Er fragt den Kasimir, Lodoiskas Bruder, nach jenem Jüngling, d.i. nach sich selbst, als ob er eine fremde Person wäre, so unähnlich fühlt er sich sich selber, und so viel hat er indessen erlebt, daß jene Tage ihm nur noch im Dämmerschein zu liegen scheinen. – An diese süßen schmelzenden Erinnerungen knüpft sich hart und schneidend die furchtbare Gegenwart, die Gewalt ohne Liebe, die schwindlichte Höhe ohne Ruhe, kurz seine volle Zarsmacht an, und die Grausamkeit packt schnell wieder seine gequälte Seele.

Er ist grausam gegen alle, welche sich einen Zweifel an seiner Person merken lassen, besonders ist ihm der Romanow ein Anstoß, und doch ists, als ob höhere Mächte diesen jungen Helden beschützten, daß er ihm nichts anhaben kann.

 

Rebellion

 

Kasimir opfert sich auf

Ausbruch der Verschwörung. Man irrt sich anfangs über die Ursache des Tumults.

Flüchtige Polen hereinstürzend rufen: Rettet euch.

Demetrius entspringt mit dem Degen.

Verschworene stürzen herein, suchen ihn.

Lodoiskas Bruder opfert sich für ihn allein auf, da alle übrigen nur auf ihre Rettung denken.

 

Marfa und Demetrius

Demetrius hat die Zarin vernachlässigt, und man kennt sie als einen nachtragenden passionierten Charakter.

Durch den Untergang des Boris ist ihre Rachsucht befriedigt, sie hat eigentlich kein Motiv mehr, um den Demetrius zu halten; das Einzige, was noch wirken könnte, wäre entweder ein hohes Interesse des Ehrgeizes, wenn sie durch Demetrius herrschen könnte, oder Dankbarkeit, wenn ihr dieser gut begegnet wäre. Er hat sie aber vernachlässigt (nicht beleidigt), und so ist er ihr gleichgültig, ja sie ist ehr gekränkt, weil sie stolz ist, und das Übrige wirkt nun ihr Stolz und hoher Sinn, der ihr nicht erlaubt, die Gefühle einer Mutter zu heucheln.

Es wird angenommen, daß sie sich diese Nacht im Kreml befindet. (Ist sie beim Vermählungsfest zugegen gewesen?)

Die Szene versetzt sich in ihr Gemach, und sie ist im Gespräch mit einigen Kammerfrauen, wenn Demetrius hereintritt – der Lärm des Aufruhrs hat sich schon bis zu ihr verbreitet, und eben davon ist die Rede, wenn der Zar erscheint. –

Durch was für Gründe kann er sie zu bewegen suchen, ihn anzuerkennen? Es müssen andere sein als die im vorhergehenden Akt bei ihrer ersten Zusammenkunft; besonders aber ist jetzt alles dringender, mächtiger, passionierter.

Er sucht sie in Furcht zu setzen, in Furcht vor seiner Verzweiflung und in Furcht vor den Russen, welche ihr den alten Betrug nicht verzeihen würden. Sie müsse ihre erste Erklärung behaupten, oder sie sei verloren. Er darf sich vor ihr demütigen, weil sie doch einmal den Charakter seiner Mutter trägt, aber auch in dieser Demut bleibt er furchtbar durch seine Verzweiflung. Er hat eben nur Zeit seine Aufforderungsgründe auszusprechen, da stürzen schon die Feinde ins Zimmer. Marfa hat noch nicht Zeit gehabt, sich über ihren Entschluß zu erklären.

Demetrius dürfte in dieser Szene ganz offen mit der Sprache herausgehen und der Marfa erzählen, wie er selbst getäuscht worden. Dadurch erwirbt er Mitleiden und rekapituliert zugleich die Hauptmomente der Handlung. Auch wird sich diese Szene dadurch desto mehr von seiner ersten, die er mit ihr gehabt, unterscheiden.

 

Demetrius

Die Rebellen

Demetrius bringt die wütenden Rebellen durch seine Majestät und Kühnheit auf einige Augenblicke wirklich zum Schweigen. Ja, er ist auf dem Punkt sie zu entwaffnen, indem er ihnen die Polen preis geben will. Wirklich ist es mehr ihr Haß gegen diese als gegen ihn, was sie zum Aufruhr brachte.

Die Macht des Herrscheransehens, das Imposante, das in der Ausübung der höchsten Gewalt liegt, kommt hier zum Vorschein.

In den Vorwürfen der Rebellen prädominiert der Unwille gegen die Polen, und dies benutzt Demetrius mit Besonnenheit, er affektiert, gemeine Sache mit seinen Russen gegen jene zu machen.

Strelzi und Kaufleute machen den Rebellenhaufen. Einer von denselben gibt schon nach und tut eine solche Frage an Demetrius, welche eine Komposition erwarten läßt.

Marfa darf jedoch in dieser Szene nicht zu müßig stehen, oder die Szene müßte sehr kurz dauern. Demetrius kann sich auf sie berufen, er kann sie zur Bürgin seiner Versprechungen machen.

 

Demetrius wird getötet

Wenn Demetrius schon auf dem Punkt steht, die Rebellen herumzubringen, so dringt Zusky herein, den eine wütendere Schar begleitet. Darunter sind Popen.

Er fordert von der Zarin eine kategorische Erklärung und läßt sie das Kreuz darauf küssen, daß Demetrius ihr Sohn sei. Jetzt scheint sie sein Schicksal in ihrer Gewalt zu haben, alle sehen auf sie. Aber eben dieses Zutrauen zu ihrer Wahrhaftigkeit, dieses pflichtmäßige Religiöse macht es ihr unmöglich, gegen ihr Gewissen zu sprechen. Beide Teile reden ihr zu.

Demetrius sagt, sie soll sich nicht fürchten, ihn zu erkennen.

Zusky sagt, sie soll sich nicht fürchten, ihn zu verleugnen, man wisse wohl, daß sie ihn nur aus Überredung oder Furcht anerkannt habe.

Während ihres Schweigens, welches schon allein Zeugnis genug ist, steigt die Erwartung aufs höchste – Der Palast füllt sich zugleich immer mehr an, Waffen sind auf das Herz des Demetrius gerichtet.

Anstatt zu antworten, geht sie ab oder wendet sich bloß ab oder zieht ihre Hand zurück, welche Demetrius festhielt.

Einer der Anwesenden bemerkt sehr richtig, daß ihr Stillschweigen ihn schon hinlänglich verurteile. Wäre sie seine Mutter, glaubte sie's nur möglich, daß sie's wäre, sie würde ihm gewiß ihre eigene Brust zum Schilde vorhalten.

Wenn sie sich abgewendet, so ruft einer: Ha, Betrüger, sie schweigt, sie verwirft dich – Stirb, Betrüger!

Alle. Verräter, stirb!

Er wird erstochen und fällt edel.

 

Marina rettet sich

Schluß des Stücks

Auch das Schicksal der Polen und besonders der Marina muß entschieden werden.

Marina wird von den Russen verfolgt, aufgesucht und flüchtet sich auch zur Marfa, wo sie eben ankommt, wenn Demetrius ermordet ist. Hinter ihr die wütenden Feinde, stürzt sie sich in das Zimmer der Marfa, wo sie eine andere Schar wütender Feinde findet. Zwischen diesen zwei Feuern befindet sie sich in der augenscheinlichsten Gefahr, aber ihr Mut verläßt sie nicht. Sie steht keinen Augenblick an, dem Demetrius zu entsagen und stellt sich, als wenn sie selbst aufs unglücklichste durch ihn getäuscht worden. Sie macht gleichsam gemeine








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