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Aus dem Siebenjährigen Kriege

Johann Wilhelm von Archenholz: Aus dem Siebenjährigen Kriege - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorJohann Wilhelm von Archenholz
titleAus dem Siebenjährigen Kriege
publisherHermann Schaffstein
printrun5te Auflage
editorv. Duvernoy
yearo.J.
illustratorAdolph von Menzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150326
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Erster Teil: 1756

König Friedrich von Preußen hatte bereits in jungen Jahren zwei Kriege geendigt, durch die er sich mit Lorbeeren gekrönt hatte. Seitdem waren die Augen aller Nationen auf ihn gerichtet, dessen hohe Geistesgaben allgemeine Bewunderung hervorriefen; aber auch der Neid und die Mißgunst so manchen Staates war erregt worden. So entstand ein Krieg, der zu den außerordentlichsten gehört, die jemals die Erde verwüstet haben. Er war dies sowohl in Ansehung der großen Menge der Armeen von so verschiedenen Volksstämmen und Sprachen, als auch der erstaunlichen Ungleichheit der beteiligten Mächte, der Feldherren und ihrer Taten. Er war dies ferner in bezug auf die dabei angewandte verfeinerte Kriegskunst, auf die blutigen Schlachten und Belagerungen zu Lande und zu Wasser, auf die sonderbaren Begebenheiten so mannigfacher Art und auf die Ausdehnung in allen Weltteilen und Meeren.

Schlesien, ein schönes, mit arbeitsamen Einwohnern bevölkertes Land, das Friedrich II., König von Preußen, gleich nach seiner Thronbesteigung erobert und mit dem Schwerte sowohl im Breslauer als im Dresdener Frieden behauptet hatte, war ein zu großer Verlust, als daß er so leicht von der Kaiserin-Königin Maria Theresia verschmerzt werden konnte. Sie war gezwungen worden, es dem Sieger zu überlassen, – einem Monarchen, der wegen seines beschränkten Staatenbesitzes nicht als furchtbar geachtet wurde. Es erschien leicht, das verlorene Land durch mächtige Verbindungen wieder zu erobern. Maria Theresia war bereits seit 1746 mit Rußland verbündet. Kaunitz, den sie 1753 zum Reichskanzler ernannt hatte, befürwortete ein Bündnis mit Frankreich und einen Rachekrieg gegen Preußen. Als Botschafter in Paris war es ihm gelungen, die Marquise v. Pompadour, die sich durch ihr hinterbrachte spöttische Äußerungen Friedrichs beleidigt fühlte und damals die Rolle einer politischen Beraterin Ludwigs XV. spielte, für seine Pläne zu gewinnen. Seit dem Frühjahr 1755 war der Krieg in Amerika zwischen Frankreich und England in vollem Gange. König Georg II. von England, der um sein Kurfürstentum Hannover besorgt war, war Preußen in neuester Zeit auffallend entgegengekommen. Ende 1755 erklärte er sich bereit, mit Preußen engere Verbindungen einzugehen. Da Friedrich allmählich an die Sicherheit Preußens denken mußte, so entschloß er sich zum Abschluß eines Bündnisses mit England am 16. Januar 1756, bekannt unter dem Namen: Vertrag zu Westminster. Kaunitz gelang es, dieses Bündnis in Paris wie in Petersburg als kriegslustige Gesinnung Friedrichs darzustellen, und am 1. Mai schlossen Österreich und Frankreich einen Vertrag, worin sich beide Mächte ihren derzeitigen Besitz gewährleisteten. Frankreich versprach, der Kaiserin-Königin ein Hilfskorps von 24 000 Mann zu stellen; dieses wuchs bald zu weit über 100 000 Streitern an.

Der Haß, den die Zarin Elisabeth gegen Friedrich hegte, war ebenfalls durch hämische Äußerungen dieses zu Spöttereien äußerst geneigten Monarchen hervorgerufen. Im Februar 1757 beschloß eine russische Staatskonferenz, Österreich zu erklären: Rußland sei bereit, Preußen mit 80 000 Mann anzugreifen, falls Theresia dasselbe tun wolle, und die Waffen nicht vor der Wiedereroberung Schlesiens niederzulegen.

Rußland wird »das königliche Preußen erobern und es Polen im Austausche gegen Kurland und andere Grenzgebiete abtreten«, Sachsen und Schweden sind zur Teilnahme aufzufordern und ihnen dafür Magdeburg bzw. Pommern zu versprechen.

Der Untergang Friedrichs durch dieses Bündnis wäre ganz unvermeidlich gewesen, wenn er nicht durch die Verräterei eines sächsischen Kanzleisekretärs Nachricht von der ihm drohenden Gefahr erhalten hätte. Dieser Mensch, namens Mentzel, lieferte dem preußischen Gesandten in Dresden die Urschriften der geheimsten Depeschen zur Abschrift aus. Die zeitige Entdeckung der politischen Entwürfe verringerte die Gefahr eines Fürsten außerordentlich, der auf eine bisher in Europa noch nie erhörte Art mitten im Frieden beständig zum Kriege vorbereitet war, der das große Talent eines Heerführers in einem seltenen Grade besaß, der 160 000 Mann der geübtesten Soldaten und eine reichlich gefüllte Schatzkammer hatte. Diese Vorteile wußte sein großer Geist aufs beste zu nutzen, als sich der Wiener Hof wiederholt weigerte, ihm auf eine bestimmte Art die verlangten Friedensversicherungen zu geben. Ja, als der preußische Gesandte die verratenen Geheimnisse aufdeckte, erhielt er nicht allein die unfreundlichsten Antworten, sondern es wurde alles abgeleugnet. Nun entschloß sich König Friedrich schleunigst, seinen Feinden zuvorzukommen, und griff selbst zuerst zum Schwerte. Friedrich hatte kein anderes Mittel, sich aus der ihm drohenden Gefahr zu retten oder sie abzuschwächen, als sie selbst aufzusuchen.

Die Bundesgenossen hatten damals ihre Zurüstungen kaum angefangen, es fehlte allenthalben an Geld, und die zum Kriege bestimmten Truppen lagen noch größtenteils ruhig in ihren Standquartieren, als der König von Preußen im Monat August 1756 sich wie ein Riese von seinem Lager erhob und mit 67 000 Mann in Sachsen einfiel. Die Besitznahme dieses Landes war ihm zum Eindringen in Böhmen durchaus notwendig, auch wurde er dadurch Meister von der Elbe und ihrer Schiffahrt, ein Umstand, der ihm große Vorteile gewährte. Alle sächsischen Korps zogen sich in größter Eile zurück, und die wichtigen Städte Wittenberg, Torgau und Leipzig wurden ohne Widerstand eingenommen.

Dieser folgenschwere Schritt war begleitet von einer Schrift zu seiner Rechtfertigung, abgefaßt von Friedrichs eigener Hand, und von einer Erklärung seines Gesandten am sächsischen Hofe über die Notwendigkeit seines Durchzuges nach Böhmen. Er hatte keinen Verbündeten als den König von England, und die Vorteile dieses Bündnisses zeigten sich noch sehr in der Ferne. Die Rettung des preußischen Monarchen hing also ganz allein von der Geschwindigkeit und dem Nachdrucke seiner Kriegsoperationen ab.

Sobald man in Dresden die erste Nachricht vom Aufbruche der Preußen erhielt, war die Bestürzung des Hofes außerordentlich. Die sächsischen Truppen standen seit Ende August in ihren Standorten bereit, im Fall eines preußischen Einmarsches mit etwa 20 000 Mann ein Lager unweit Pirna zu beziehen. Dieses Lager war an die Elbe gestützt, die sich hier zwischen Felsen brausend hindurchwindet. In der Nähe liegen sowohl die Festung Königstein als das Fort Sonnenstein und eine Kette hoher Berge und schroffer Felsen. Überhaupt war dessen Lage von Natur außerordentlich stark, und die Kunst tat das übrige, um es unbezwinglich zu machen. Dies Lager wäre sehr wohl gewählt gewesen, wenn man den Österreichern den Eingang in Sachsen hätte verwehren wollen, allein den Preußen gab man durch seine Wahl Dresden und das ganze Kurfürstentum preis. Dabei war der Umfang des Lagers für die sächsische Armee zu groß, man begnügte sich daher, nur die ohnehin schweren Zugänge durch Verhacke und Palisaden noch mehr zu befestigen. Man dachte aber bloß sich gegen das Schwert der Preußen in Sicherheit zu setzen, und vergaß darüber einen weit fürchterlicheren Feind von dem Lager zu entfernen, einen Feind, der seit Jahrtausenden so viele Heere besiegt, so viele große Feldherren zur Flucht gebracht, oft die größten Siege vereitelt und die langwierigsten Kriege auf einmal geendigt hat: den Hunger. Man versah sich mit Palisaden, aber nicht mit Brot.

Indessen war Friedrich in Sachsen eingetroffen und hatte mit dem Könige von Polen Der König von Polen war zugleich Kurfürst von Sachsen. einen Briefwechsel angefangen. August, der sich mit seinen beiden ältesten Prinzen und von seinem Minister Brühl begleitet ins Lager bei Pirna geflüchtet hatte, sprach immer in diesen Briefen von Neutralität, Friedrich dagegen von überzeugenden Beweisen, die zu geben jedoch August und Brühl sehr weit entfernt waren. Indessen traf König Friedrich alle Anstalten, sich in Sachsen zu behaupten, und rückte am 10. September ohne Widerstand in das von allen Truppen entblößte Dresden ein und besetzte die Stadt und das königliche Schloß. Er traf alle Maßregeln, um das scheußliche Bild des Krieges in den Augen der bestürzten Sachsen weniger schrecklich zu machen und den neuen Gebieter in einer liebenswürdigen Gestalt zu zeigen. Auch ließ er durch den Feldmarschall Keith die Königin und die übrige königliche Familie begrüßen. Ungeachtet dieser Aufmerksamkeiten, die aufs artigste erwidert wurden, wurden in Dresden die Kanzleien versiegelt, die Münzabteilung aufgehoben, einige der vornehmsten Beamten ihrer Dienste entlassen, die ganze Artillerie nebst der Munition aus dem Zeughause der Residenz nach Magdeburg gebracht und im ganzen Lande die kurfürstlichen Kassen in Beschlag genommen. Dabei wurde alle Verbindung zwischen Dresden und dem sächsischen Lager abgeschnitten. Das Lager von Pirna selbst war anfangs von 38 000 Preußen eingeschlossen, während eine andere ungefähr ebenso starke preußische Armee unter Anführung des Feldmarschalls Keith mit der Front gegen Böhmen aufgestellt war, um die etwa ankommenden Hilfstruppen zu beobachten.

Obgleich das zum Untergange des Königs von Preußen entworfene Bündnis diesem Monarchen verraten worden war und er auch Abschriften vieler wichtiger Papiere hatte, so war doch noch manches dunkel geblieben. Die genaue Kenntnis der gemachten Entwürfe war ihm aber zu seiner Selbsterhaltung äußerst nötig, und hierzu kam die politische Pflicht, seinen Einfall in Sachsen, der alle europäischen Höfe in Erstaunen setzte, durch unverwerfliche Urkunden zu rechtfertigen. Er sah sich daher genötigt, sich des sächsischen Archivs zu bemächtigen. Dieses Staatsheiligtum wurde in drei Gemächern des königlichen Schlosses aufbewahrt, die mit einem Privatzimmer der Königin von Polen zusammenhingen. Sie selbst hatte dazu allein den Schlüssel und bewachte das Archiv wie den kostbarsten Schatz. Das Ansuchen Friedrichs, es auszuliefern, schlug daher diese Fürstin, seine erklärte Feindin, rund ab. Der preußische General Wylich, Kommandant von Dresden, hatte jedoch gemessene Befehle, es in Besitz zu nehmen, und schickte den Major Wangenheim mit diesem Auftrage ab. Wangenheim ließ sich die Schlüssel ausbitten, worauf die Königin selbst erschien und nachdrücklich erklärte, daß sie keine Eröffnung erlauben würde. Der Major entfernte sich, und nun begab sich der Kommandant selbst zur Königin. Alle seine Vorstellungen waren vergebens, sie beharrte fest bei ihrem Entschlusse, wobei sie drohte, die Eingangstür durch ihren Körper zu decken. Wylich warf sich vor ihr auf die Knie, sprach von der Notwendigkeit, die Befehle seines Monarchen unbedingt und ohne Verzug zu befolgen, und indem er sie beschwor nachzugeben, gab er zu verstehen, daß er im äußersten Falle Gewalt brauchen müßte. Hierauf wurden die Schlüssel gebracht, und Friedrich erhielt die gewünschten Papiere. Sie wurden dem Geheimen Rat Grafen Hertzberg überliefert, der daraus jene merkwürdigen Staatsschriften verfertigte, die des preußischen Monarchen Schritte bei den Unbefangenen aller Nationen vollkommen entschuldigten.

Alle Versuche, zwischen den Königen von Preußen und Polen einen Frieden zustande zu bringen, waren vergebens. August forderte bald nach seiner Ankunft im Lager bei Pirna seine Truppen durch eine eindringliche Rede auf, sich mit ihm trotz der Macht des Feindes nach Böhmen durchzuschlagen. Man bewies ihm aber die Unmöglichkeit, diesen Entwurf auszuführen, worauf er sich mit seinen Prinzen und dem Minister nach der Festung Königstein begab. Von hier aus sandte er eine neue Aufforderung an seine Armee, worin er sie bat, die Ehre ihres Königs zu retten und sich bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen. Die getreuen Sachsen waren auch bereit, sich für ihren König aufzuopfern; aber der Mangel herrschte in ihrem Lager bald so sehr, daß der für Menschen und Pferde bestimmte Unterhalt um ein Drittel vermindert werden mußte. Ihr Mut wuchs jedoch, als sie von der Annäherung der österreichischen Armee hörten, die damals, obwohl in zerstreuten Korps, schon über 70 000 Mann in Böhmen stark war.

Der Wiener Hof entfaltete eine außerordentliche Tätigkeit, den Krieg anzufangen. Ein großer Teil der Kavallerie in Böhmen war jedoch noch unberitten und erhielt die Pferde erst am Ende des August, im Lager bei Kolin, zu einer Zeit, da die Preußen sich schon im Königreiche befanden. Ja, man war noch so wenig zum Kriege vorbereitet, daß es sogar an Pferden fehlte, die Artillerie und Munition nach Böhmen zu schaffen. Theresia öffnete nun ihre Marställe und gab ihre eigenen Pferde her, um die Kanonen fortzubringen. Der österreichische und böhmische Adel wetteiferte, dies große Beispiel nachzuahmen. Man drängte sich von allen Seiten herbei, die Pferde zu liefern, und so wurde der Transport mit größter Geschwindigkeit erledigt.

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Die kaiserlichen Truppen standen unter dem Kommando des Feldmarschalls Grafen Browne. Dieser hatte von seinem Hofe Befehl, alles zu wagen, um die Sachsen zu entsetzen. Friedrich mußte unter allen Umständen eine Vereinigung der Österreicher mit den Sachsen vermeiden, und er hatte bereits drei starke Korps unter Herzog Ferdinand von Braunschweig, Feldmarschall Keith und Feldmarschall Graf Schwerin nach Böhmen vorrücken lassen. Als er aber die Kunde erhielt, daß Browne in nördlicher Richtung abmarschiert sei, beschloß er, selbst nach Böhmen zu gehen. Er vereinigte sich dort mit den Truppen Keiths und des Herzogs Ferdinand von Braunschweig und rückte Browne entgegen.

Am 1. Oktober kam es bei Lowositz zur Schlacht. 28 000 Preußen standen 35 000 Kaiserlichen gegenüber. Die Preußen erstürmten nach einem furchtbaren Handgemenge mit Bajonett und Kolben den Ort Lowositz, und damit war die Schlacht zu ihren Gunsten entschieden. Die Österreicher gingen zurück. Die Verluste waren auf beiden Seiten nahezu gleich, rund 2850 Köpfe. In Wien ordnete man eine neuntägige Andacht für die Gefallenen an, wobei Witzbolde sagten: »Es ist ein Dankgebet, daß es uns noch erträglich gegangen ist.«

Die erste Schlacht dieses denkwürdigen Krieges währte von Tagesanbruch bis um 3 Uhr nachmittags und gab den Völkern der Erde gleichsam eine Bürgschaft der preußischen Taten für die folgenden Schlachten. Der König war vom Mute der Truppen so hingerissen, daß er in seinem Briefe an den Feldmarschall Schwerin die Worte braucht: »Nie haben meine Truppen solche Wunder der Tapferkeit getan, seitdem ich die Ehre habe, sie zu kommandieren.«

Browne zog auf dem rechten Ufer der Elbe unverfolgt nach Sachsen, in der Hoffnung, die Sachsen würden sich zu ihm durchschlagen. Diese versuchten auch, nachdem der Mangel aufs äußerste gestiegen, einen Durchbruch, aber ohne Erfolg. Die Österreicher waren fern, und nun lagen sie ohne Nahrung und Munition, überall vom Feinde umgeben, aller Hoffnung auf Rettung beraubt. Ihr Schicksal hing nun gänzlich von der Gnade des Siegers ab.

Zu der Zeit berief der sächsische Feldmarschall Graf Rutowsky die Generale zusammen, um ihnen zu eröffnen, daß er einen Angriff für ebenso aussichtslos, als undurchführbar halte. Man könne jetzt einzig hoffen, günstige Kapitulationsbedingungen zu erhalten. Die Generale stimmten sämtlich zu, und am nächsten Morgen nach anfänglichem Weigern auch der Kurfürst.

Die Bedingungen der Übergabe, die am 15. Oktober festgesetzt wurden, waren hart genug. Die ganze Armee, jetzt noch 18 000 Mann stark, mußte sich ergeben. Die Offiziere wurden entlassen. Den Unteroffizieren und Gemeinen aber ließ man keine Wahl; sie mußten dem Könige von Preußen den Eid der Treue schwören. Es war ein großes, rührendes Schauspiel: gegen 18 000 Krieger streckten die Waffen und flehten um Brot. Die Not war aufs höchste gestiegen, und die durch Mangel an Nahrung und durch Anstrengung ganz entkräfteten Soldaten erhielten sogleich das Nötigste aller Bedürfnisse. Jede Kompagnie bekam 20 sechspfündige Brote; die gefangenen Generale aber hatten die Ehre, an die Tafel des Königs von Preußen gezogen zu werden.

Das Unglück der Sachsen brachte ihnen keine Schande; vielmehr war es ein glorreicher Abschnitt in ihrer Geschichte. Sie hatten so lange mit ihrer kleinen Kriegsschar der preußischen Macht widerstanden, hatten mutvoll mit unaussprechlichen Widerwärtigkeiten gekämpft und waren nur den Gesetzen der Natur und einem höheren Verhängnisse unterlegen. Dieser Widerstand rettete das noch schlecht vorbereitete kaiserliche Heer in Böhmen und alle deutschen Provinzen Theresiens, wo die zerstreuten Truppen nacheinander leicht aufgerieben worden wären.

Von den sächsischen Truppen blieben 10 Infanterieregimenter ganz beisammen, nur mit dem Unterschiede, daß sie preußische Uniformen, Fahnen und Befehlshaber bekamen; die übrigen aber nebst der sämtlichen Kavallerie wurden unter preußische Regimenter gesteckt. Hierzu kamen 9284 Rekruten, die Sachsen gleich in den ersten Monaten zur Ergänzung der Regimenter liefern mußte. Die Offiziere wurden auf ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht wider den König von Preußen zu dienen, freigelassen. So groß war jedoch Theresias und Augusts Haß gegen Friedrich, daß dieses Ehrenwort verspottet wurde. Man sagte die sächsischen Offiziere von dessen Haltung gänzlich los und schändete dadurch den Kriegerstand.

Diese Handlung Friedrichs, das ganze Heer eines fremden Fürsten zu zwingen, dem Eroberer in geschlossenen Kriegsscharen zu dienen, ist in der Weltgeschichte ohne Beispiel. Man achtete dabei nicht auf die den Sachsen angestammte Liebe zu ihrem Vaterlande und zu ihrem Fürsten. Diese zeigte sich jedoch bald zu Friedrichs Erstaunen.

Man hatte wohl auf Ausreißer gerechnet, allein daß ganze Bataillone mit Entschlossenheit und Ordnung davongehen würden, dies kam unerwartet. Die meisten zogen regelmäßig ab, mit allen militärischen Ehrenzeichen, nachdem sie ihre Befehlshaber verjagt oder erschossen hatten. Sie nahmen die Brot- und Munitionswagen, die Regimentskassen, kurz alles zum Trosse Gehörige mit und marschierten entweder nach Polen oder stießen zur französischen Armee. Der König von Preußen hatte viele sächsische Unteroffiziere zu Offizieren ernannt, um ihnen seinen Dienst angenehm zu machen. Diese Maßregel war jedoch verfehlt, denn diese Vaterlandsfreunde wurden selbst die Anführer bei der Fahnenflucht, die andern Offiziere aber, die nicht mitwollten, wurden gezwungen, sich zu entfernen. Man legte die noch übrigen als Besatzung in Städte; allein auch dieses Mittel schlug fehl. In Leipzig öffnete sich ein Teil der Garnison mit Gewalt die Tore und ging am hellen Tage davon. In mehreren anderen Städten zwangen die sächsischen Soldaten die preußischen Kommandeure, sich dem Feinde zu ergeben; ja bei manchen Gefechten gingen ganze Kompagnien Sachsen selbst auf dem Kampfplatz zu den Österreichern über und richteten sogleich ihre Waffen gegen die Preußen.

Der Feldzug war nun zu Ende. Die österreichische Armee zog sich tiefer nach Böhmen, die Preußen bezogen in Sachsen und Schlesien Winterquartiere. Friedrich blieb den Winter über in Dresden und behandelte nun das besetzte Land als eine förmlich eroberte Provinz.

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