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Aus dem Siebenjährigen Kriege

Johann Wilhelm von Archenholz: Aus dem Siebenjährigen Kriege - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorJohann Wilhelm von Archenholz
titleAus dem Siebenjährigen Kriege
publisherHermann Schaffstein
printrun5te Auflage
editorv. Duvernoy
yearo.J.
illustratorAdolph von Menzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150326
projectidfa3c7ec7
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Achter Teil: 1763

Bereits nach dem Falle von Schweidnitz und den Versuchen Rußlands, den Frieden zu vermitteln, hatte Daun seiner Gebieterin die traurige Ebbe im Staatssäckel kurz und bündig mit den Worten geschildert: »Wenn aus den Verhandlungen nichts werden sollte, folglich kein Friede zu hoffen, so sehe ich nicht, wie Ew. Majestät den Krieg werden fortführen können, da nach den obwaltenden Umständen sehr zu besorgen, daß die Armee nicht einmal mehr den Winter hindurch zu erhalten sein wird.« Maria Theresia aber war jetzt von dem heißen Wunsche nach Frieden beseelt. Bereits erwog sie in der Stille, ob sie sich nicht selbst an König Friedrich wenden sollte, da erschien wie ein rettender Engel November 1762 der sächsische Geheime Rat Saul in Wien, um die Dienste seines Hofes, der den Frieden aus naheliegenden Gründen am sehnlichsten wünschte, anzubieten. Österreich griff freudig zu, und es ward beschlossen, den sächsischen Geheimen Rat Freiherrn von Fritsch, der dem König von Preußen bereits bekannt war, ins preußische Hauptquartier zu senden. Dessen erste Audienz beim Könige verlief ziemlich resultatlos; erfolgreicher war eine zweite, die ihm am 19. Dezember gewährt wurde. Auf die schüchtern vorgebrachte Frage des Freiherrn: »Was machen Ew. Majestät aber mit uns armen Sachsen?« entgegnete Friedrich: »Ich gebe euch euer Land zurück, aber rechnet nicht darauf, ein Dorf oder einen Groschen von mir dazuzuerhalten.« Bei der nachfolgenden Mittagstafel sprach er dann mit besonders starker Betonung aus, daß er an eine Räumung des Kurfürstentums oder an die geringste Linderung der ihm auferlegten Lasten gar nicht denke, ehe der Friede unterzeichnet sei. In Warschau war man der günstigen Aufnahme Fritschs froh; aber man rechnete dort wie in Wien noch immer mit einem, wenn auch bescheidenen Länderzuwachs, vielleicht Erfurts, in Wien aber mit der Abtretung der Grafschaft Glatz.

Um die Weihnachtszeit war es gelungen, die Abgesandten der Höfe von Berlin (Legationsrat Hertzberg), Wien (Hofrat Collenbach) und Warschau (Geheimer Rat Fritsch) im sächsischen Lustschlosse Hubertusburg ihre Beratungen beginnen zu lassen. In der ersten Sitzung am 30. Dezember stellte Collenbach im Namen seiner Regierung die Forderung, die noch besetzte Grafschaft Glatz zu behalten, unter der Begründung, das »Interesse eines dauerhaften Friedens« verlange dies, weil die Grafschaft so weit südlich in das böhmische Gebirge hineinrage; für den »reellen Verlust« bot man eine Geldentschädigung an. Auf preußischer Seite ward der Forderung entgegengehalten, Daun habe Glatz für das Bollwerk von Schlesien erklärt; die angebotene Geldentschädigung lehnte der König schroff ab. Nun bot man in Wien den österreichischen Teil des Fürstentums Neiße als Tauschobjekt, und als dieser Vorschlag ebenfalls abgewiesen wurde, gab man die Wiedereinräumung der Grafschaft zu, verlangte aber eine Schleifung der Festungswerke. Auch das lehnte Friedrich rund ab. Da fügte sich endlich die Kaiserin, in den bedingungslosen Verzicht zu willigen.

Über diesen Verhandlungen war das Ende des Januar herangekommen. Die übrigen beiderseits gestellten Bedingungen erledigten sich ohne große Schwierigkeiten, so daß schon am 15. Februar die Friedensurkunden unterzeichnet werden konnten. Zwei Tage nachher begrüßte Friedrich seinen Unterhändler Hertzberg mit den Worten: »Ihr habt den Frieden gemacht wie ich den Krieg, einer gegen mehrere. Ich danke Euch für diese dem Staate geleisteten wichtigen Dienste.«

Mitte März bereiste Friedrich Schlesien, um den Schaden, den der Krieg in dieser Provinz angerichtet hatte, persönlich in Augenschein zu nehmen. Am 30. März kehrte er nach Berlin zurück, nachdem er diese seine Residenz seit 1757 nicht mehr betreten hatte. Als Vierundvierzigjähriger hatte er sie verlassen, voll Hoffnung, daß dieser Krieg wie seine beiden Vorgänger »kurz und vif« sein werde – als Greis kehrte er zurück, abgearbeitet, herb und mürrisch, nahezu bar aller Lebensfreude, die ihm in diesen furchtbaren sieben Jahren gründlich vergällt war.

Am Einzugstage hatte er über Frankfurt reisend das Kunersdorfer Schlachtfeld besucht, und die dort in ihm aufsteigenden Erinnerungen hatten ihn vollends trübe gestimmt. Es war 8 Uhr abends geworden, als er in Begleitung des Herzogs Ferdinand und seines Generaladjutanten im Wagen vor Berlin eintraf. Zahlreiche Bürger erwarteten ihn freudigen Herzens am Frankfurter Tore. Als es zu dunkeln begann, versahen sie sich mit Fackeln. Der König nahm jedoch einen Umweg und kehrte so in aller Stille in seine Vaterstadt zurück.

   

Die Preußen hatten in diesem Kriege, ohne die zahlreichen Treffen und großen Gefechte zu rechnen, in 16 Schlachten gefochten. Es wurden von ihnen und ihren Feinden 20 Belagerungen unternommen. Die Kriegskosten Friedrichs betrugen 139 Millionen Reichstaler, die er aus den gewöhnlichen Einkünften seiner Staaten, aus Sachsen, aus Mecklenburg und anderen feindlichen Ländern und aus England zog. Theresiens Kriegskosten hingegen überstiegen alle Einkünfte ihrer großen Monarchie so sehr, daß der Staat sich mit 100 Millionen neuer Schulden belastet sah. Am meisten aber hatte Frankreich verloren. Dieser Krieg kostete der Nation 677 Millionen Livres, und dies zu einer Zeit, wo die jährlichen Staatseinkünfte nur 307 Millionen betrugen.

Die Monarchen Europas befanden sich also nach sieben blutigen Jahren in Ansehung ihrer Eroberungsentwürfe auf demselben Punkte, von dem sie ausgegangen waren, nachdem Hunderttausende von Menschen ihr Blut vergossen hatten und Millionen Familien elend geworden waren. Dieser Krieg hatte Sachsen allein an Geld und Produkten aller Art 70 Millionen Reichstaler gekostet, und Europa hatte dabei über eine Million Menschen verloren. Alle Staaten, die an dem Kriege teilnahmen, der preußische allein ausgeschlossen, hatten ihre durch Steuern ohnehin hart gedrückten Länder mit ungeheuren Schulden belastet. Das Ziel der Feinde Friedrichs war nicht verrückt, sondern gänzlich verfehlt. Der Held, dessen Untergang in den Augen aller Sterblichen unvermeidlich schien, der selbst mitten unter seinen Triumphen an seiner Rettung zweifelte, machte jetzt Friede, ohne ein Dorf verloren zu haben. Napoleon urteilt daher treffend: »Nicht das preußische Heer hat sieben Jahre lang Preußen gegen die drei größten Mächte Europas verteidigt, sondern Friedrich der Große.«

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