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Aus dem nahen Osten

Scholem Aleichem: Aus dem nahen Osten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorScholem Alejchem
titleAus dem nahen Osten
publisherBenjamin Harz Verlag
year1922
translatorStephanie Goldenring
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidf2ceb9bc
wgs9110
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Die rechte Hand.

»Surach-Burach, die rechte Hand, ist ein stiller, bescheidener Mensch, der keiner Fliege etwas Böses tut.« So hieß es von ihm im Städtchen. »Laßt Euch nicht irreführen dadurch, daß er so still ist und kein Wässerchen trübt. Stille Wasser sind tief,« so sprach von ihm sein Chef, Kaufmann zweiter Gilde, Leibchen Schönredner.

»Ein schweres Los habe ich zu tragen! Meinen ärgsten Feinden wünsche ich nicht solche Plage!« pflegte seine Frau, Kela-Bela, zu sagen, die – es mag unter uns bleiben – seinerzeit eine unglückliche Liebe mit dem Schönschreibelehrer Mottl Tintenfaß hatte, wonach sie lange Zeit ledig blieb, bis sie endlich, nach langem Kampf als zweite Frau unseren Helden Surach-Burach, den ältesten Angestellten, Vertrauten, Buchhalter, Kassierer und die »rechte Hand« des Kaufmanns zweiter Gilde, Leibchen Schönredners, ehelichte.

Surach-Burach, der älteste Angestellte, Vertraute, Buchhalter, Kassierer und »rechte Hand« in einer Person, widmete alle seine Kraft und alle seine Zeit dem Chef. Wenn der Morgen kaum graute, war er bereits auf den Beinen, ordnete die Rechnungen und die Bücher, verrichtete rasch das Gebet, goß hastig ein Glas heißer, aus gebrühter Zichorie hergestellter Flüssigkeit herunter, verschlang ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf nach dem Laden, wo er bis spät in die Nacht auf Käufer wartete. Selbst das Mittagessen ließ er sich in den Laden bringen.

Gegen Mittag betraten zwei Bauern und eine Jüdin den Laden. Die Bauern rissen die Köpfe in die Höhe und besahen die Ware ... Als die Jüdin bemerkte, daß der Verkäufer im Begriff war, seine Suppe zu essen, versuchte sie, geräuschlos zu entweichen.

»Essen Sie nur, lassen Sie es sich gut bekommen, Surach-Burach, ich komme später wieder.«

Aber Surach-Burach würde sich hüten, einen Käufer ohne weiteres fortzulassen. »Was wünschen Sie?« wandte er sich an die Jüdin, indem er sich den Mund abwischte und den ersten Bissen hinunterwürgte; im selben Augenblick näherte er sich auch den anderen Käufern.

»Was möchtet Ihr wohl, Brüder?«

Es stellt sich heraus, daß die Jüdin just etwas braucht, was es im Laden nicht gibt, auch niemals gegeben hat, und die Bauern bekennen offen, daß sie gar nicht die Absicht hatten, etwas zu kaufen und nur aus Neugier in den Laden gekommen seien. Zum Beweis dieser Tatsache verweilen sie noch eine geraume Weile, den Kopf im Nacken, und näherten sich ganz langsam dem Ausgang.

Aber Surach-Burach sah es nicht gern, wenn Käufer den Laden wieder verließen, ohne einen Einkauf gemacht zu haben. Er rannte ihnen also nach und packte sie an den Schößen.

»He, Mann, komm zurück, ich habe dir etwas zu sagen!« Aber die Bauern ließen sich auf nichts ein und gingen, der Teufel mag wissen, wohin. Die Jüdin hat sich unterdessen fortgestohlen und ... schwupp ... war sie im nächsten Laden.

Der erste Versuch war also mißglückt ... Der Appetit zum Essen verging ihm. Um das Maß vollzumachen, erschien auch noch der Chef, Leibchen Schönredner, Kaufmann zweiter Gilde. Zwischen dem Chef und seiner rechten Hand entspann sich folgendes Gespräch:

Der Chef: »Wer war hier?«

Die rechte Hand: »Wer hier war? ... Käufer!«

Der Chef: »Käufer? Was haben sie denn gekauft?«

Die rechte Hand: »Gekauft? Nicht einen Deut haben sie gekauft.«

Der Chef: »Was sagst du dann ›Käufer‹?«

Die rechte Hand: »Wie soll ich anders sagen?«

Der Chef: »Käufer nennt man Leute, die etwas kaufen.«

Die rechte Hand: »Wer hindert sie, etwas zu kaufen?«

Der Chef: »Das ist wahr ... Immerhin ...«

Der Chef seufzte schwer und murmelte etwas in den Bart. Man konnte nur losgerissene Worte vernehmen, wie »Erlös ... Zahlung ... Jahrmarkt ... Wechsel ...«

Chef und Verkäufer tauschten feindselige Blicke, ohne ein Wort zu sagen. Ersterer fühlte, daß zu Vorwürfen eigentlich kein Grund vorlag, letzterer hielt aus Anstand den Mund und würgte sein armseliges Mittag hinunter. Da erschien, mit den Schlüsseln klirrend, die böse Chefin, die dickbäuchige Feige. Dasselbe Gespräch, mit ganz geringen Abweichungen, wiederholte sich zwischen ihr und der ›rechten Hand‹. Doch sie sprach in so giftigem Ton, daß der Verkäufer fühlte, wie sich ihm die Eingeweide im Leibe umdrehten und er froh war, als im selben Augenblick ein Scheusal den Laden betrat und sich ›verschiedene Waren‹ vorzeigen ließ.

Alle, der Chef, die Chefin die ›rechte Hand‹ und selbst der Käufer wußten genau, daß es verlorene Müh' war, und daß nichts dabei herauskam.

»Das ist also Ihr äußerster Preis? Schön, mit Gottes Hilfe komme ich morgen wieder heran.«

»Versprechen kann man viel,« brummte die ›rechte Hand‹ dem Rücken des Kunden, aber er bekam einen strengen Verweis vom Chef: »Halt den Mund, solange der Kunde im Laden ist.«

Die Chefin goß Öl aufs Feuer und zischte, mit den Schlüsseln klirrend: »Was schadet es ihm, wenn kein Kunde sich bei uns mehr blicken läßt? Was kümmert es ihn, daß der Wechsel morgen fällig ist?«

Die ›rechte Hand‹ schwieg. Aber er schielte mit einem Auge zur Chefin hinüber, mit einem Blick, der besagte: »Morgen ist der Wechsel fällig ... Sie kann klug reden ... Wer sollte sich wohl darum kümmern, wenn nicht ich?«

Aber die Chefin keifte unbekümmert weiter, indem sie mit den Schlüsseln klirrte: »Pünktlich sind Sie nur, wenn es sich um ihr Gehalt handelt!«

›Da sollte sie nur ganz still sein!‹, dachte die ›rechte Hand‹ im stillen. ›Das nennt sich ein Gehalt! Mehr als zwanzig Jahre ist man in Stellung und kann sich nicht einmal einen anständigen Pelzmantel leisten! Ich rede nicht von einem Fuchsfell, wenn es wenigstens zum Katzenfell langen würde! ...‹

Plötzlich sprang die ›rechte Hand‹ von seinem hohen Schreibtischstuhl auf, ergriff den Meterstock, der ihm als Spazierstock diente und eilte dem Ausgang zu. »Zum Popen«, sagte er, ohne sich an jemand zu wenden, »vielleicht gibt er Geld. Er versprach, Geld zu leihen ...«

»Sicher, halt nur die Tasche offen!« bemerkte der Chef.

»Daß ihm der Pope nicht einfiel ... wirklich erstaunlich ...« fügte die Chefin hinzu.

Aber die ›rechte Hand‹ ließ sich durch die bissige Bemerkung nicht abschrecken und nahm sie gelassen entgegen. Sie waren ja die Chefs, – er nur die ›rechte Hand‹. Bei sich wußten alle drei ganz genau, daß das ganze Geschäft auf den Schultern des Vertrauten ruhte. Einkauf und Verkauf, Bücher und Rechnungen, Wechsel und sogar Wirtschaftsangelegenheiten – alles wurde ihm überlassen, für alles mußte er sorgen. Sie wußten es alle drei und waren überzeugt, daß es nur so und nicht anders sein kann.

*

Wenn unser Held im Laden tagsüber von seinen Chefs viel zu leiden hatte, so standen ihm des Abends am häuslichen Herd noch hundertmal größere Unannehmlichkeiten und Ärgernisse bevor. In der Stube war dicke, rauchige Luft, die Kinder schrieen, der Samovar wollte nicht heiß werden. Um so schneller erhitzte sich dagegen die teure Gattin, in der es wie in einem Kessel kochte, die wie eine Besessene wütete und über »seine« Kinder schimpfte und fluchte.

»Hungermäuler! Das ganze Haus voll Hungermäuler! Bei anderen Leuten sind die Kinder manchmal krank, eins hat die Masern, das andere bekommt Zähne, ein drittes bricht sich ein Glied ... Hier ist alles tadellos, kugelsicher ... alles klappt ...«

So redete Kela-Bela, aber sie log, bei Gott, sie log ... mit Absicht ... Keine Krankheit, keine Epidemie mied ihr gastliches Haus. Sobald aber einem Kinde etwas fehlte – ob es sein oder ihr Kind war – geriet sie außer sich, lief hin und her, schloß kein Auge und gönnte dem Mann keine Ruhe.

»Ein schöner Vater bist du! Gott bewahre! Nicht zu sagen! Ein liebender, aufopfernder Vater! Sein Kind brennt wie Feuer, und er macht sich nichts draus! Solltest wenigstens in die Apotheke rennen oder zum Doktor ... Ein Götze von Eis bist du ... weiter nichts!«

So redete die Frau mit Surach-Burach; doch er ertrug alles, als gälten die Worte nicht ihm. Was sollte er auch erwidern? Wußte sie denn nicht, was in ihm vorging? Wußte sie etwa nicht, daß er nicht nur den Doktor, sondern den Professor, zwei, drei Professoren, ein ganzes Konsilium herbeiholen würde, um die Schmerzen des kranken Kindes zu lindern. Kela-Bela wußte es genau, aber sie fuhr fort, ihren Mann zu peinigen ... Sie rächte sich an ihm gleichsam für ihr früheres Pech und ihre Duldsamkeit ... Sie rächte sich grausam, obgleich sie ihn im Grunde des Herzens bedauerte. Aber sie zeigte ihm ihr Mitleid niemals, sondern zog es vor, ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.

Unser Dulder ertrug alles geduldig, ohne zu murren. Es ist schwer zu entscheiden, wo für ihn die eigentliche Hölle war: dort im Laden, oder hier am Familienherd ... Wer war glücklicher: Surach-Burach oder die »rechte Hand«? – Wie er im Laden sein Mittagessen hinunterwürgte, so beeilte er sich auch zu Hause, seine armselige Ration hinunterzuschlucken, dann fiel er wie ein schwerer Klotz aufs Bett und schlief schnaufend ein. Sobald der Morgen graute, war Surach-Burach auf den Beinen, verrichtete die Gebete, ordnete die Rechnungen und Bücher, goß die heiße braune Flüssigkeit hinunter, aß ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf nach dem Laden.

So verging ein Jahr nach dem andern.

›Welch ein Glück, daß es einen Sonnabend in der Welt gibt, und wie gut ist es, ein Jude zu sein!‹ sagte er sich, des heiligen Sonnabends gedenkend. Nur ein Gott und ein Sonnabend – Ruhe und Schlaf. Wenn der Sonnabend kam, zog Surach-Burach seinen Feiertagsrock an, nahm den Sabbatpelz um, setzte die Sabbatmütze auf den Kopf, zog die besseren knarrenden Stiefel an und begab sich zur Synagoge. Er schlief sich aus, betete ungestört und aß sich satt. Ruhe herrschte in seinem Herzen, Friede in seinem Körper, seine, müden Glieder ruhten sich aus. Und seine Lippen flüsterten: »Gesegnet sei der Ewige, der seinem Volke Israel das unschätzbare Geschenk darbrachte – den heiligen, süßen, lieben Sabbatstag!«

*

Lieb und teuer war diesem Aermsten der ›Tag des heiligen Sabbats‹, aber noch teurer und lieber waren seinem Herzen die heiligen, feierlichen Festtage im Jahre.

›Kein Volk hat solche Ostern wie die Juden,‹ dachte er bei sich. Und wer hat so fröhliche, lustige, grüne Pfingsttage? Und das fröhliche Laubhüttenfest? Und gar das Fest der Freude und des Jubels? Wie jubelt und frohlockt die jüdische Seele! ... Der Jude trinkt Wein. Der Jude tanzt ... Der Jude ist betrunken ... Habt Ihr so etwas gehört? Nein, es ist wirklich gut, Jude zu sein! Man möchte sich selbst vor Neid auffressen!

»Rechtgläubige Juden!« rief Surach-Burach, »das Fest der Freude und des Jubels herrscht heute im Weltall! ...

Ein vorübergehender Bauer blieb erstaunt stehen und betrachtete das ungewöhnliche Schauspiel, wie die Juden tanzten und sich närrisch aufführten.

»Es muß sehr schlimm sein, wenn der Jude sich betrinkt!«

Surach-Burach trank am allermeisten, als müßte er nachholen, was er während des ganzen Jahres versäumt hatte.

Nachdem er sich bis zur Selbstvergessenheit, bis zur Unsinnigkeit betrunken hatte, drängte es ihn, sich mit dem Chef und der Chefin auszusprechen ... Er mußte ihnen die ganze Wahrheit sagen ... Ein einziges Mal im Leben mußte er ihnen alles offen sagen ... mußte er sein Herz ausschütten.

»Der Teufel hole die Seele seines Vaters!« schrie Surach-Burach. Der Fluch galt seinen Chefs ... Er wollte zu ihnen hinstürzen ... Aber seine Frau und die älteren Kinder klammerten sich fest an ihn und ließen ihn nicht fort.

Surach-Burach schlug um sich, wollte sich losreißen und brüllte wie ein Besessener.

»Laßt mich los! Laßt mich! Der Teufel hole die Seele seines Vaters! Ich will's ihm sagen! Alles! Ich habe mich ihm nicht verkauft! Ich bin kein Sklave! Ich bin ein Jude, so gut wie er, wie alle anderen Juden! ... Laßt mich los!«

Kela-Bela verging vor Angst, daß er seinen Chefs wirklich einen Auftritt machen und womöglich die Stelle verlieren könnte. Mit äußerster Kraftanspannung führte sie mit dem Mann einen verzweifelten Kampf und band ihm schließlich die Hände mit einem Handtuch auf dem Rücken zusammen. Dann legte sie den Lärmmacher ins Bett und verschloß die Tür. Surach-Burach, der bescheidene, stille Mann, der keiner Fliege etwas zu leid tat, tobte, warf sich hin und her und brüllte mit seiner heiseren, trunkenen Stimme:

»Laßt mich los, Kinder! Der Teufel hole die Seele seines Vaters! Ich habe mich ihm nicht verkauft! Ich bin kein Sklave! Ich bin ein Jude ... ein armer Jude!«

Und der traurige, verwaiste Jude weinte und schluchzte ... Er weinte lange, lange, bis er endlich in einen traumlosen Schlaf verfiel.

*

Als der Morgen graute, war Surach-Burach wieder auf den Beinen, verrichtete schnell das Gebet, ordnete die Bücher und Rechnungen, goß ein Glas heißer, brauner Flüssigkeit herunter, aß ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf in den Laden.

Der Chef schmollte, die Chefin brummte, die Frau schimpfte und fluchte zu Hause ... So vergingen Tage, so vergingen Monate, so verging das ganze Jahr.

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