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Aus dem nahen Osten

Scholem Aleichem: Aus dem nahen Osten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorScholem Alejchem
titleAus dem nahen Osten
publisherBenjamin Harz Verlag
year1922
translatorStephanie Goldenring
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidf2ceb9bc
wgs9110
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Der jüngste König.

Isaak!

Ein glückliches Kind ist Isaak! Alle Leute haben ihn lieb, jeder verwöhnt ihn, gibt ihm nach, küßt und umarmt ihn.

Woran liegt das?

Isaak!

Die eigenen Eltern verhätscheln ein einziges Kind nicht so, wie die beiden Schwestern, Sara und Riwke, ihr kleines Brüderchen verwöhnen.

Isaak, Isaak und Isaak!

Isaak, iß! Isaak, trink, Isaak, geh schlafen ... Isaak, hier, nimm einen Bonbon! Isaak, du bekommst zu den Feiertagen ein Paar neue Höschen! Isaak, vor Ostern wirst du ins Badehaus geschickt! Isaak, du wirst am heiligen Osterabend den feierlichen »Sedertisch« sehen – Isaak, Isaak und immer wieder Isaak!

»Es ist direkt langweilig, es anzuhören! Ihr verderbt ja das prächtige Kind!«

So redeten die Nachbarinnen, die mit den Schwestern im selben Hause wohnten, aber sie selbst schenkten dem kleinen Isaak jedesmal, wenn sie ihn sahen, Süßigkeiten: einen Kuchen, ein Stückchen Strudel oder Torte, oder auch ein Stückchen gebratene Leber und Eingemachtes. Das kam daher, weil alle Leute mit dem Jungen, der ein Waisenkind war, Mitleid hatten.

*

Es gab einmal einen Juden, Namens Raphael. Er war sein Leben lang ein armer Mann und noch dazu lungenleidend, mit einer seltsam musikalischen Brust, in der es spielte, das heißt, wenn er atmete, hörte man Töne, als ob man auf einer Violine mit einem schlecht geschmierten Bogen spielen würde.

Raphael war ein ehrlicher Mann, aber, mit Verlaub zu sagen, ein Pechvogel, vielleicht, weil er zu ehrlich war, oder umgekehrt war er vielleicht deshalb so ehrlich, weil er ein Pechvogel war. Man sagte von ihm in Mazepowka, wenn er kein Pechvogel wäre, würde er jetzt viel Geld haben.

Er hat es sogar bewiesen. Er hatte sein Leben lang eine Vertrauensstelle bei dem Weinhändler Reb Simchele Weiner, in dessen Keller er arbeitete; er konnte bei der Thora schwören, daß er außer seinem Gehalt nie einen fremden Heller an sich genommen hat.

Simchele Weiner konnte sich auf seinen Vertrauensmann unbedingt verlassen; er hielt ihn deswegen auch in Ehren, zahlte ihm pünktlich seine sechs Rubel wöchentlich und schenkte ihm zum Feiertag zuweilen einen Zehnrubelschein und zu Ostern Wein und selbstverständlich auch Osterschnaps. Denn Simchele Weiner verstand einen Menschen zu schätzen und zu behandeln.

Der Vertrauensmann Raphael erkrankte zuerst an Rheumatismus und später bekam er noch einen Lungenkatarrh dazu. In seiner Brust begann es ein wenig zu pfeifen und zu singen. – Wer war daran schuld? Gesundheit ist doch ein Gottesgeschenk, – auch der gesündeste Mensch kann plötzlich im Gehen, Gott behüte, sterben. Unsere alten Gelehrten haben schon lange darauf hingewiesen, daß ... Ihr wißt ja wohl, was unsere Gelehrten darüber gesagt haben. Kurz und gut, Raphael hat so lange gepfiffen und gesungen, bis er eines Tages – es war in der Osterzeit – sich niederlegte, vierzig Grad Hitze bekam und nicht mehr aufstand.

*

Raphael starb. Aber ach, was hatte er für ein Begräbnis! Simchele war schier verzweifelt. Er trug ihn selbst auf der Bahre aus dem Zimmer, hob sie mit den anderen auf die Schulter und schleppte sie bis zum Friedhof, sorgte dafür, daß man ihm eine schöne Grabstelle aussuchte, paßte auf, als man ihm das Grab grub, schüttete die erste Schaufel Erde ins Grab, und während Isaakchen mit dem Synagogendiener Oser das erste Totengebet am Grabe des Vaters verrichtete, weinte Simchele bitterlich.

»Was wißt Ihr? Was wißt Ihr!« sagte er nach der Beerdigung zu jedem besonders, »ich habe einen Verlust, der gar nicht zu ersetzen ist!«

Zu der Witwe sagte er folgende Worte:

»Weint nicht, weint nicht, ich werde Euch und Eure Waisen nicht verlassen, Gott und ich werden an Euch denken ...«

Reb Simchele hielt Wort, so gut er konnte. In den ersten Wochen zahlte er der Witwe das ganze Gehalt, das Raphael bezogen hatte; nur mußte sie jede Woche deswegen zu ihm gehen, manchmal auch mehrere Male. Das war ihr nicht sehr angenehm. Aber was wollt Ihr, ich bitte Euch! Sollte er es ihr vielleicht ins Haus schicken? Es war ja ohnehin entgegenkommend, einem Menschen nach dem Tode das Gehalt zu zahlen!

»Ihr kommt zu mir, mich wegen des Geldes mahnen!« sagte er einmal zu der Witwe, »als ob es Euch von mir zukäme, als ob Ihr an meinem Geschäft beteiligt wäret ...«

An diesem Tage weinte die Witwe noch mehr als damals, da der Tote auf der Erde lag. Als ihre beiden Töchter erfuhren, aus welchem Grunde die Mutter so bitterlich weinte, beschworen sie sie, nicht mehr hinzugehen.

»Was werden wir nun anfangen?«

»Was alle anfangen ... Wir werden in Stellung gehen, Wäsche waschen und Maschine nähen.«

Mit dem Maschinennähen konnte man in Mazepowka ganz schön verdienen, wenigstens zwei polnische Gulden (60 Pfennige) täglich, wenn man sechzehn, siebzehn Stunden am Tage an der Maschine saß. Wegen Arbeit brauchte man nicht zu sorgen, man bekam so viel zu tun, wie man wollte. Wenn es keine Kleider zu nähen gab, so gab es Unterröcke, wenn nicht Unterröcke, dann Hemden, wenn nicht Hemden, dann Hosen. Das schlimme war nur, daß man eine Maschine oder gar zwei gebrauchte.

Man bekam zwar Maschinen auf Abzahlung, aber wo sollte man die ersten paar Rubel hernehmen?

»Geht doch zu Eurem reichen Wohltäter!« rieten die Nachbarinnen der Witwe, »sagt ihm, um was es sich handelt, Ihr würdet es ihm abzahlen.«

Es ist leicht zu sagen: ›Geht zum reichen Wohltäter!‹ Aber schließlich, was tut man nicht, wenn es sich um die Existenz handelt!

Die Witwe begab sich zu Simchele Weiner und traf ihn zur besten Zeit, gerade nach dem Essen, an. Wenn man jemand um eine Gefälligkeit ersucht, soll man die Zeit nach dem Essen abpassen. Nach dem Essen ist der Mensch gutmütiger als vor dem Essen. Vor dem Essen ist er wie ein Tier!

»Was habt Ihr mir zu sagen?«

Die Witwe erzählte ihm lang und breit von ihrer Lage – und schließlich, daß es sich um eine Maschine handle.

Simchele hörte alles an, stocherte dabei in seinen Zähnen, wurde rot, schwitzte und nickte schließlich ein, – er schlief nicht fest, sondern schlummerte nur und sah sie mit einem Auge an; gleichzeitig dachte er über seine Geschäfte und auch über seinen Magen nach. – Reb Simchele war wohlbeleibt und hatte eine Figur wie ein Fäßchen; die Arzte hatten ihm verordnet, mehr Fleisch und weniger Mehlspeisen zu essen, aber er aß gerade Mehlspeisen gern, – Kugelspeise, Nudeln, gutes Brot und ähnliches; lauter Sachen, die von Mehl bereitet werden. Er wußte zwar, daß es ihm schadete, aber wenn er es sah, aß er davon, und erst, nachdem er gegessen hatte, bereute er es.

»Womit beschäftigt Ihr Euch?« wandte er sich an die Witwe, die schweigend vor ihm stand, nachdem er aus seinem Schlummer erwacht war und sie mit zugekniffenen Augen anschaute.

»Womit soll ich mich beschäftigen? Ihr habt doch gehört, was ich tue. Allen Feinden wünsche ich es! Wenn ich wenigstens eine Maschine anschaffen könnte, von zwei, die ich brauche, wenigstens – eine ...«

»Was für eine Maschine?« fragte er sie erstaunt und sah sie nunmehr mit offenen Augen an.

»Ich habe Euch doch erzählt, daß meine Töchter sich mit Näharbeit beschäftigen wollen, – sie wollen Näherinnen werden, auf der Maschine nähen, – aber sie haben keine Maschine. Sie brauchen zwei Maschinen ... man bekommt sie auf Abzahlung ...«

»Das ist eine gute Idee, sehr gut! Nähen, Verdienen ... das ist sehr vernünftig!«

Im selben Augenblick kam ihm der Gedanke: Was kann es bedeuten, daß ich solches Magendrücken habe ... Ich habe doch gar nicht so viel gegessen! Dabei wurde eins seiner Augen kleiner, aber da die Witwe schwieg, richtete er sich auf und fuhr fort:

»Sehr schön ... Nähen! Warum denn nicht?«

»Ich wollte Euch bitten, Reb Simchele, Ihr habt schon so viel für uns getan, vielleicht wüßtet Ihr ein Mittel, um ...«

Als Reb Simchele hörte, daß ein Anliegen in der Luft schwebte, daß es sich um eine Anleihe handelte, daß sie Geld haben wollte, wurde er lebendig.

»Um was?«

»Um uns das Geld zu leihen, das zur Anzahlung, beim Kauf der Maschine nötig ist.«

»Was für einer Maschine?«

»Der Maschine, von der ich Euch sagte ... Zwei Maschinen für meine Töchter, mindestens eine.«

»Wie komme ich zu der Maschine? Was habe ich mit der Maschine zu tun?«

»Die Maschinen kaufen wir selbst,« sagte die Witwe, »man bekommt sie auf Abzahlung. Aber Geld! Ich muß jetzt zum Beispiel fünfzig Rubel anzahlen, später zahle ich fünfundzwanzig, dann ...«

»Ich weiß, ich weiß, Ihr braucht mir nicht zu erzählen. Ich kann verstehen, wenn Eure Töchter keine Maschinen haben! Wozu brauchen sie Maschinen?!«

»Wie sollen sie denn nähen? Mit den Händen können sie nicht so viel schaffen, alle Näherinnen haben jetzt Nähmaschinen.«

»Wollt Ihr aus ihnen Näherinnen machen? O weh! Wenn Euer Mann aufstehen und erfahren würde, daß Ihr aus Euren Kindern Näherinnen machen wollt, würde er zum zweitenmal sterben. Wißt Ihr, Euer Raphael war ein ehrlicher, frommer Jude. Solche Menschen, wie Raphael, gibt es nicht mehr! Wenn Raphael hören sollte – Näherinnen, er würde es nicht ertragen! Er würde – ich weiß selbst nicht was.«

Simchele sprach ernst, er meinte es ehrlich, und je länger er sprach, um so lauter wurde seine Stimme:

»Näherinnen? Oh! Eine schöne Arbeit für jüdische Mädchen! O weh! Wir wissen, was eine Näherin bedeutet. Und noch dazu bei Juden! Raphaels Töchter – Näherinnen! Und wo bleibe ich? Ihr wißt, daß Euer Raphael bei mir aufgewachsen ist, ich habe ihn zu einem Menschen gemacht, – Gott und ich – und wer hat ihn verheiratet, wenn nicht ich, wie? Wollt Ihr, daß ich das zulasse? Gott behüte! Bin ich etwa ein Stein! Ein Bein? Ein Stück Holz? Wie?«

Die Witwe ging unverrichteter Sache davon. Sie ging und gab sich das heiligste Wort, schwor mit allen Schwüren, – sie soll sonst nicht erleben, ihre Kinder zu erziehen, – daß sie nie mehr die Schwelle des Reb Simchelesschen Hauses betreten würde, lieber würde sie dienen gehen!

Aber es ist leicht zu sagen »dienen gehen«! Die Witwe Raphaels, des Vertrauensmanns bei Simchele, – eine Frau, die in Mazepowka ebenso angesehen war wie die anderen Bürgerfrauen, sollte dienen gehen, am fremden Herd stehen, am fremden Tisch sitzen? Ehe man so lebte, war es besser, gleich zu sterben! Die Witwe wünschte sich also den Tod herbei: Und dieses Mal hat Gott, der Allmächtige, der Vater aller Waisen und der Fürsorger aller Witwen, sich wirklich der armen Witwe erbarmt und ließ sie nicht lange in der Welt herumwandern. Er schickte ihr einen leichten Tod, sie bekam innerlich eine Art Geschwür, mit dem sie sich zwei und einen halben Monat quälte, bis sie starb.

Es traf sich gerade, daß in Mazepowka außer kleinen Kindern niemand gestorben war, so daß man die Witwe nicht weit von ihrem Mann beerdigte. Dies Glück war ihr beschieden!

Isaak sagte zugleich für den Vater und für die Mutter »Kadisch«, – das Totengebet. Seit jener Zeit wurde er bei allen Nachbarn und Nachbarinnen und überhaupt bei allen Leuten beliebt, die hörten, wie er das Totengebet in der Synagoge, auf einer Bank stehend, mit seinem piepsenden Kinderstimmchen hersagte: »Isgadel wejiskadeisch ...« Jeder, der den kleinen Jungen mit der runden Mütze, den schwarzen Äuglein, den roten Bäckchen im Bethaus auf der Bank stehen und ihn »Isgadel wejiskadeisch« singen hörte, blieb wie angewurzelt stehen, seufzte, wurde nachdenklich, gab sich trüben Gedanken hin, weil jeder von ihnen, Gott behüte, sterben konnte, jeder kleine Kinder hatte, die, Gott behüte, als Waisen zurückbleiben konnten, wovor man behütet und bewahrt werden möge! Jeder gab dem kleinen Waisenjungen eine Kopeke oder einen Apfel, ein wenig aus Mitleid, ein wenig als Opfergabe, die den Tod verscheuchte ...

Isaak war in der Tat ein wohlgeratenes Kind, dessen Gesichtchen um Liebe bat; außerdem war er klug und der beste Schüler in der Schule von Mazepowka. Der Lehrer Noah konnte ihn gar nicht genug loben, man sprach von ihm in der ganzen Stadt.

»Man lobt Raphaels, des Prokuristen Söhnchen, allzusehr ...«

»Isaakchen? Es heißt, es wird etwas Besonderes aus ihm werden ...«

»Und solch ein Kleinod treibt sich hier herum! Auf dem Mist unter armen Leuten! ...«

»Es ist immer so! Leute, wie der alte Mojsche Aron ohne Hände und Füße, leben, und ein Mensch, wie Reb Simcheles Schwiegersohn, ein frischer, gesunder Mann, Vater von Kindern, jung und wohlhabend, – so einer stirbt!«

»Ihr sagt, Reb Simcheles Schwiegersohn? Und die Schwiegertochter des reichen Reb Pejse – was macht die?«

»Was sie macht? Man hat schon den Professor von Jehupez zu ihr gerufen.«

»So? Ich möchte wenigstens die Hälfte davon haben, was das kostet, allmächtiger Gott!«

»Es ist eine schlimme Welt!«

»Eine Welt voll Jammer!«

So redeten die Leute von Mazepowka und kritisierten das Tun des lieben Gotts aus allen Kräften: Wen Gott alt werden ließ und wen nicht! Neri Gott mit Reichtum beschenkte, wen mit Armut! Wem Gott geratene Kinder gab und wem weiß der Teufel was für welche! ... Niemand kam auf den Gedanken, nachzusinnen, wovon diese wohlgeratenen Kinder lebten, was sie aßen, wer sie kleidete, ob sie in den langen Winternächten nicht im kalten Keller froren, ob sie nicht zu Krüppeln und ganz bedauernswerten Kreaturen heranwuchsen und die unglücklichsten Geschöpfe der Welt wurden? ...

Ein Glück, daß die beiden Schwestern, Sara und Riwka, sich eine Maschine angeschafft haben. Sie verdankten es ihren drei Nachbarinnen: Basja, der Barbierfrau, Pesja, der Synagogendienerfrau, und Zosja, der Althändlerin, die unter einem Dache mit ihnen wohnten.

Diese Frauen legten ein paar Rubel zusammen und liehen sie den Schwestern, um die erste Rate zu bezahlen; – so waren die Mädchen in den Besitz einer Maschine gelangt. Ist das ein solches Wunder? Man ist doch ein Mensch! Was sollten zwei erwachsene Mädchen mit einem kleinen Waisenknaben anfangen? Eine Schlange hat mit den kleinen Schlangen auch Mitleid – geschweige ein Mensch!

Der einzige Nachteil war dabei nur, daß die Maschine Tag und Nacht klapperte, denn Arbeit gab es, Gott sei dank, genug, und beide Schwestern hatten vollauf zu tun. Sie verrichteten die Arbeit abwechselnd; während die eine Schwester Maschine nähte, heizte die andere im Ofen und umgekehrt, während die eine das Essen bereitete, nähte die andere Maschine. So hörte die Maschine nicht auf zu klappern. Die Nachbarinnen hielten sich die Köpfe und brummten:

»Ein schönes Klapperding haben wir da!«

*

Gott ist aber ein guter Gott. – Er schickt Heilung für die Krankheit; die Heilung war Isaak. In jedes Haus zieht manchmal Finsternis und Öde ein; es kommen schlechte Zeiten, die Geschäfte gehen schlecht, die Gemüter sind beklommen – da kommt ein kleines Geschöpfchen zur Welt! Mit einemmal ist das ganze Haus wie verwandelt. Zuerst schreit das kleine Wesen, quietscht, strampelt mit den Beinchen, läßt niemand schlafen; – dann, wenn es ein bißchen größer wird, hört es auf zu schreien, es öffnet die Augen und blickt, wie ein Sündenmensch. –

»Seht nur, wie es mit den Augen schaut, solch ein Würmchen, solch ein Kleinchen ...«

Das Geschöpfchen öffnet das Mündchen, steckt das Zünglein heraus und lacht! ... Die Menschen strahlen.

»Seht nur, wie es mit den Äuglein guckt, solch ein – es lacht! ...«

Welche Freude! Das Herz lacht und schwelgt! Das ganze Haus ist von dem Kind erfüllt. Jeder ist mit ihm beschäftigt, man vergißt die Sorgen, und die Bitternis des Lebens wird versüßt ... Man freut sich des Lebens!

So war es auch mit Isaakchen. Isaak war das kleine Wesen, das alle liebten, mit dem sich alle beschäftigten. Als Ostern nahte, stattete man ihn wie ein Königskind aus. Man zog ihm ein Jäckchen und Höschen mit Hosenträgern an, bestellte ihm ein paar Schuhchen und kaufte ihm ein neues Hütchen, man versprach ihm, Nüsse zu schenken, bereitete süße Osterspeisen und überlud seinen Magen derartig, daß man ihn beinahe ins Jenseits befördert hätte.

»Wer heißt euch, ihn mit weiß Gott welchem Zeug zu füttern?« schalten die Schwestern die Nachbarinnen.

»Ach, Ach! Seht sie einmal an! Man hat dem Kind ein Stückchen Mehlspeise gegeben – wie sie sich darüber aufregt!« rechtfertigten sich die Nachbarinnen; die Barbierfrau Basja wandte alle Mittel an, die ihr zu Gebote standen, und machte das Kind wieder gesund.

Als Ostern kam, gab man Isaak ein Hemd und drei Groschen und schickte ihn ins Bad. Nachdem er von: Bad zurückkam, zog man ihm die neuen Sachen an. Er strahlte wie die Sonne.

»Ein Königskind!« sagten sie zueinander.

»Verhext ihn nicht mit einem bösen Blick! Beruft ihn nicht!«

Isaak nahm das Gebetbuch, ging ins Bethaus beten, sagte das Totengebet und kam nach Hause und wünschte allen mit lauter Stimme frohen Feiertag. Er fand den Tisch schön gedeckt, mit »Mazze«, einer Flasche Rosinenwein, Meerrettig, Kartoffeln, Salzwasser bestellt, – alles war reichlich vertreten, nur um eins war man verlegen: es war niemand da, der den »Seder«, die Osterzeremonie, abhalten sollte.

Es gab keinen »König«.

*

Alle drei Nachbarinnen waren Witwen, das heißt, zwei waren Witwen, die dritte eine geschiedene Frau. Sie hatten alle keine Kinder, das heißt, die Kinder waren längst in die weite Welt gezogen und in allen Ländern zerstreut: Der eine war Handwerker, der andere – Kaufmann, der dritte war nach Amerika ausgewandert. Das Glück oder das Unglück! hatte diese drei Frauen in eine Stube zusammengetrieben; die Barbierfrau Basja war die reichste und angesehenste von ihnen. Sie wohnten unter einem Dach, kochten auf einem Herd, backten Brot von gemeinsamem Mehl, bereiteten die Striezel von gemeinsamem Teig ... Aber jede von ihnen hatte einen besonderen Tisch, denn es wäre eine Seltenheit, wenn drei Frauen sich vertragen würden ...

Gibt es heutzutage, Frauen, die in Freundschaft leben, sich küssen, miteinander verkehren, gemütlich beisammensitzen und Nüsse knacken, – so könnt ihr sicher sein, daß sie nicht unter einem Dach wohnen, nicht auf einem Herd kochen, nicht von gemeinsamem Teig Brot backen und nicht gemeinsam den Striezel kneten.

Von den 365 Tagen im Jahr zankten sich unsere Frauen an 300 Tagen. Ich weiß aber nicht, was ihr unter Zanken versteht ... Sie nahmen einander, Gott behüte, nichts fort, beleidigten einander, Gott behüte, nicht, verletzten einander, Gott behüte, nicht; – aber es ist einmal so – drei Charaktere können sich nicht verstehen.

Die Synagogendienerfrau Pesja schob beim Backen gern alle Kohlen nach hinten und machte dann die Ofentür zu. Was war dabei? Aber die Althändlerin Zosja hatte die Gewohnheit, jeden Morgen ein Töpfchen Zichorie auf den »pripetschik« – die Ofenbank – zu stellen ... Das war ja auch kein Verbrechen! Sie wollte doch mit ihrem Töpfchen Zichorie nicht unter die fleischigen Töpfe kriechen! Aber die Synagogenfrau Pesja sagte, es wäre schade, daß man wegen des Töpfchens mit Zichorie die Striezel im Ofen opfern sollte. Dazu meinte die Althändlerin Zosja, es brauche nichts geopfert zu werden. Feinde sollen opfern! Und die Synagogenfrau Pesja sagte: »Du hast wohl viele Feinde!« Da sagte die Althändlerin Zosja: »Ich will nicht sündigen, ich habe genug von ihnen ... Sie sollen gesät werden, aber nicht gedeihen!« Da sagte die Synagogendienerfrau Pesja: »Seit wann beredet Ihr die anderen?« Da sagte die Althändlerin Zosja: »Seitdem ich mich in diesem Nest niedergelassen habe, habe ich Feinde wie Hunde!« Da versetzte die Barbierfrau Basja, die Besitzerin der Stube, die während dieses Gesprächs beiseite stand, das Tuch um den Kopf, hinter die Ohren gebunden, indem sie mit dem Nudelholz in der Hand einen Nudelteig für den Sabbat knetete:

»Ich weiß nicht, wieso Ihr es in diesem Nest so schlecht habt? Wegen der großen Miete, die Ihr zahlt?«

Da sagte zu ihr die Althändlerin Zosja: »Ihr habt es gut, Ihr seid unberufen reich und habt viel Geld!«

Hierauf meinte die Barbierfrau Basja: »Was geht's Euch an, ob viel oder nicht viel! Von Euch habe ich nichts genommen.«

Da sagte die Althändlerin Zosja: »Was hättet Ihr von mir nehmen können? Die Armut? Nehmt sie Euch!«

Da sagte die Barbierfrau Basja: »Behaltet sie für Euch zu Eurem Wohl!«

Da versetzte Pesja, die Synagogenfrau: »Gegen Armut ist niemand geschützt! Es gab schon reiche, vornehme Leute mit eigenen Häusern, die ganz heruntergekommen sind! Verdammte Welt!« ...

Nun nahm sich Zosja, die Althändlerin, ihrer an, – Basja, die Barbierfrau, geriet in Wut und stürzte sich auf Zosja, die Althändlerin; Pesja, die Synagogenfrau, verteidigte sie, und alle drei Weiber schrien durcheinander, überschrien sich gegenseitig, die Worte stürzten wie ein Wasserfall:

»Seht sie mal an, sie will den Anwalt spielen! Was meint Ihr zu der Feindschaft jener Frau!«

»Wenn es Euch nicht paßt, braucht Ihr Euch mit mir nicht zu verschwägern!«

»Man meint die Schere, und der Mörserstöpsel meldet sich!« ...

»Auch eine reiche Frau mit 'ner Kohlenschaufel!«

»Sei still, du Großmaul, sonst kann dir die Kohlenschaufel an den Kopf fliegen!«

»Ich weiß nicht, wem Ihr Angst machen könnt! Da hast du's! Da habt ihr's beide!«

Was glaubt ihr, hat sie ihnen versetzt? Ohrfeigen? Gott behüte! Sie steckte den Daumen zwischen den Zeige- und Mittelfinger und hielt die Hand vor die Nase. –

*

Nehmt's mir nicht übel, wenn ich euch erzähle, wie es unter Frauen zugeht. Ich fürchte, daß, wenn man, Gott behüte, drei moderne Frauen unter ein Dach zusammenpferchen sollte, nichts gutes herauskommen würde. Es könnte alles glatt gehen, aber vielleicht auch nicht, vielleicht noch schlimmer als bei meinen drei Nachbarinnen: Ich will keinen Menschen beleidigen – Gott behüte – ich sage es nur so hin. Und nun kehre ich zu meinen Frauen zurück: Nach dem bösen Wortwechsel und dem häßlichen Zank hegten sie gegeneinander keinen Haß – Gott behüte! Was hatten sie denn miteinander vor? Haben sie einander denn, Gott behüte, das tägliche Brot fortgenommen? Sie zankten und versöhnten sich wieder.

Als die Osterzeit nahte, herrschte, wie man zu sagen pflegt, wieder Friede und Eintracht im Hause. Alle drei bereiteten gemeinsam »Mazze«, das Osterbrot, alle drei stellten »Barscht«, die Roterübensuppe, in einem gemeinschaftlichen Gefäß auf, alle drei kauften gemeinschaftlich Kartoffeln zu billigem Preis ein und setzten sich zur gemeinsamen Tafel am Sederabend – dem ersten Osterabend – bei Basja, der Barbierfrau, nieder. Alle drei hoben die Schüssel mit den Osterspeisen, wie die Zeremonie es erforderte, empor, alle drei sprachen die Worte der »Hagade« (der Schilderung vom Auszug aus Ägypten) nach, die Basja aus einem dicken Buch in einer Übertragung vorlas. –

Einst, als Basjas Mann, der Barbier Israel, noch lebte, pflegte er die Osterzeremonie abzuhalten. Seit seinem Tode übte einer der Söhne der drei Nachbarinnen dieses Amt aus. Aber nachdem alle in der weiten Welt zerstreut waren, war Isaak als einziger Mann im Hause zurückgeblieben. Die Frauen meinten, daß vielleicht Isaak die Osterzeremonie abhalten könnte. Isaak war doch ein Junge, der fließend lesen konnte und die fünf Bücher Moses schon studiert hatte ... Warum sollte er heute abend nicht die Rolle des Königs übernehmen?

»Isaak, möchtest du nicht König sein?«

»König? Warum nicht? Wer würde auf den Thron verzichten wollen?«

»Was für ein armseliger Thron, wenn Isaak der König sein soll!«

So redeten die drei Frauen und die beiden Schwestern und bereiteten für den König einen Sessel, den sie mit Kissen auspolsterten.

Als Isaak aus der Synagoge nach Hause gekommen war und frohe Ostern gewünscht hatte, setzte er sich in seinen neuen Sachen auf den Thron wie ein wirklicher König.

*

Drei Dinge sind es, die ansteckend wirken: Gähnen, Lachen und Weinen.

Beim »Seder«, der Osterzeremonie, die wir am Schluß schildern wollen, – während Isaak, der Weise, der jüngste der Könige, nach dem Kapitel »Schefoch« bei dem schönen »Hallelgebet« den zweiten Becher emporhob, das übliche Gebet aufzusagen begann und den Becher an den Mund heben wollte, erhoben die Weiber ein furchtbares Geschluchze, als ob sie einen Toten beweinten.

Es ließe sich schwer sagen, wer zuerst zu jammern begonnen hatte. Während Isaak den Segensspruch über dem Wein hersagte und die »Hagada« zu erzählen begann, erinnerte sich eine der Schwestern daran, wie sie vor einigen Jahren das schöne Osterfest feierten; aber damals war es noch ganz anders: Vater und Mutter lebten noch, sie bekamen zu Ostern neue Kleider und ahnten nicht, daß sie jetzt mit fremden Frauen an einem fremden Tisch sitzen würden, und Isaak die Zeremonie abhalten würde ...

Eine der Schwestern begann mit den Augen zu zwinkern, ihre Unterlippe erzitterte; als die andere Schwester sie ansah, rollten große, runde Tränen über ihre Wangen.

Die beiden Schwestern anschauend, erinnerte sich eine der Frauen ihres Unglücks ... Als ihr Mann, der Synagogendiener Nute, noch lebte, fehlte ihr nichts in der Welt; gut hätte sie es zwar niemals, aber es ging ihr doch besser als jetzt. Sie mußte sich jetzt vor dem älteren Synagogendiener verneigen, der früher, zu Lebzeiten ihres Mannes, jüngerer Synagogendiener war und nach dem Tode ihres Mannes seinen Posten übernommen hatte. Seine Frau Nesse ist so stolz geworden, daß man gar nicht mehr an sie herankommt ...

Dies waren die Betrachtungen Pesjas, der Synagogendienerfrau, die dabei ihr Gesicht so verzerrte, daß die Händlerin Zosja kaum die Tränen unterdrücken konnte. Sie erinnerte sich an die schweren Zeiten, wie siebenundsiebzig Käuferinnen ihr die Waren aus den Händen reißen wollten, und die Kundinnen, die sie bediente, sie nicht einen Groschen verdienen ließen. Sie gedachte ihrer ältesten Tochter, die noch als Kind gestorben war ... Rusja hieß sie. Wenn sie nicht gestorben wäre, wäre sie jetzt schon ein heiratsfähiges Mädchen oder Mutter von Kindern. Auch ihres Mannes gedachte sie, wie er sein Leben lang als Krüppel dahinlebte, unfähig zu arbeiten, immer krank und leidend ...

Während die Händlerin Zosja das Gebet nachsagte, das Basja vorsprach, wackelten die beiden Frauen mit den Oberkörpern und badeten sich in Tränen. Auch die Vorbeterin Basja, die Babierfrau, weinte so stark, so dicke Tränen rollten über ihre Wangen, ohne daß sie es merkte, daß sie ihre eigenen Worte, die sie las, nicht hörte. Auch sie gedachte ihres Kummers, ihrer Kinder, die in dem fernen Amerika weilten ... Sie erhielt sogar ganz gute Nachrichten, sie führten dort ein feines Leben, machten gute Geschäfte, arbeiteten viel und hatten sich schon etwas geschaffen ... Um zu beweisen, wie gut es ihnen gehe, hatten sie ihre Photographien geschickt, die man dort »pictures« nennt; sie versprachen, wenn die Geschäfte oder, wie man es dort nennt, »busineß« besser gingen, ihr auch einige Rubel oder, wie man es dort nennt, »Dollars« und eine Schiffskarte zuzuschicken ... Sie wollten sie in das große, glückliche Land hinübernehmen, wo alle Menschen anständig lebten, wo unter den Menschen Gleichheit herrschte: Wenn dort jemand mitten in der Straße vor Hunger umfiel, mischte sich keiner hinein, scherte sich niemand um ihn ... Aber sie wünscht allen Feinden so viel Schlechtes, wie es sicher ist, daß sie nicht hinkommt; denn sie hat doch auch hier Kinder, denen es nicht allzu gut ging. Was ist zu tun? Alles kommt von Gott ...

Diesen Gedanken gab sich die Barbierfrau Basja hin, während sie die »Hagada« fließend herunterlas und nicht merke, daß sie weinte und die Tränen über ihr Gesicht herunterrollten, – bis der zweite Becher von den vieren herankam.

Als der jüngste der Könige sich erhob, um einen Schluck Wein zu trinken, erschraken alle Frauen vor ihrem eigenen Gejammer. Die Barbierfrau Basja fuhr die anderen mit lautem Geschrei an, wischte sich mit der Schürze die Tränen und schnäuzte sich.

»Was löst ihr euch denn so plötzlich in Tränen auf? Ist denn heute Versöhnungsfest oder »Tischabow«? Was heißt denn das?«

Erst nach diesen Worten beruhigten sich die Frauen. Eine von ihnen überreichte dem König in einem Gefäß Wasser zum Waschen, die zweite brachte die heißen Fische vom Herd, die dritte reichte Meerrettig herum, der jüngste der Könige sagte den Segensspruch über die »Mazze«, die Frauen stimmten in das »Amen« ein, und man begann still und wortlos die Mahlzeit zu verzehren.

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