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Aus dem nahen Osten

Scholem Aleichem: Aus dem nahen Osten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorScholem Alejchem
titleAus dem nahen Osten
publisherBenjamin Harz Verlag
year1922
translatorStephanie Goldenring
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidf2ceb9bc
wgs9110
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Mit der Etappe.

1. Kapitel. Haman Iwanowitsch Plissetzki

So hieß der neue Polizeileutnant, der nach Teplik kam. Sein richtiger Name war Agamemnon Afonegonowitsch, aber die Tepliker Juden, die jedem gern einen Beinamen gaben, nannten ihn anders, und zwar aus zwei Gründen: erstens war Haman Iwanowitsch kürzer und leichter auszusprechen – wie mußte man den Mund voll nehmen, um Agamemnon Afonegonowitsch zu sagen –, zweitens hat es, seitdem die Stadt Teplik existiert, noch niemals einen Polizeileutnant gegeben von der Art Hamans Iwanowitsch Plissetzkis. Teplik hat Polizeileutnants aller Art gehabt, gute und schlechte, bestechliche und unbestechliche. Das heißt, solche, die gar nichts nehmen, gibt es überhaupt nicht; ein kleines Geschenk zum Feiertag oder zu Neujahr oder eine Aufmerksamkeit zum Geburtstag rechnete nicht mit. Wer wollte darauf verzichten? ... Wir sind alle einmal geboren worden, und der Geburtstag ist von jeher ein Feiertag, – eine Sitte, die, wie wir aus der Thora wissen, schon zu Pharaos Zeiten in Ägypten bekannt war. Pharao gab an seinem Geburtstag eine große Mahlzeit für alle seine Knechte, – der Truchseß wurde aus dem Gefängnis befreit, der Bäcker an einem Baum aufgehängt – gemäß dem Traum, den Joseph dem König drei Tage zuvor gedeutet hatte ...

Als der »Pristaw« – so lautete sein Rang in der amtlich russischen Sprache – nach Teplik kam, begann er zu allererst das Städtchen zu reinigen. Was heißt reinigen? ... Zunächst rottete er die Tepliker Pferdediebe, die in der ganzen Welt bekannt waren, in einem oder zwei Monaten aus. Nicht ein einziger für den Notfall blieb zurück. Sobald er gegen jemand auch nur den geringsten Verdacht gefaßt hatte, ließ er ihn ohne lange Umstände festnehmen und schickte ihn sofort per Etappe nach dem Gefängnis. Dort sollte mit ihm abgerechnet werden.

Sodann nahm er die Straßen und die Juden vor. Er verlangte, daß die Straßen rein gehalten werden, der Kehricht aus den Häusern nicht auf den Damm, den Leuten ins Gesicht hinuntergeschüttet werde, schmutziges Wasser nicht vor den Türen ausgegossen werde, und daß überhaupt auf Ordnung gehalten werde. Von den Juden verlangte er, daß sie am Sonntag bis Mittag die Geschäfte schließen, daß die Lehrer ohne besondere Erlaubnis nicht unterrichten und daß der Draht, den die frommen Juden um die Stadt gezogen hatten, entfernt werde ... Es würde ohne diesen Telegraphendraht auch gehen, meinte er ... Auch wenn sich die Juden in der Synagoge herumschlugen und wegen eines Ehrenamts ereiferten und sich mit Ohrfeigen traktierten, mischte er sich hinein. Solch ein Halunke war er!

Daß die Geschäfte geschlossen wurden – ging ohne weiteres durch. Kam es einmal vor, daß einer nicht ganz pünktlich bis zwölf Uhr den Laden geschlossen hielt, so übersah er es ... Was blieb ihm auch anderes übrig? ... Er tat, was er konnte, aber den Wächter für jüdische Geschäfte zu spielen und aufzupassen, ob einer die Ladentür halb offen stehen ließ ... das war unmöglich! Wegen des Drahts hatte er in der ersten Zeit Verdruß. Am Freitag abend wurde der Draht trotz des Verbotes gezogen, am Sonnabend morgen ließ er ihn abreißen. Aber am nächsten Sonnabend tauchte ein neuer Draht auf, und so ging es mehrere Wochen hintereinander. Obgleich er den Wächtern befahl, aufzupassen, wer den Draht aufzog, gelang es nicht, den Spitzbuben abzufassen. Da entschloß er sich, persönlich Wache zu stehen; er pflanzte sich in einer versteckten Ecke auf und stand die ganze Nacht grübelnd und singend da. Erst gegen Morgen faßte er den Sohn des Synagogendieners, Pejse, ab, als er gerade damit beschäftigt war, den Draht zu befestigen. Er packte ihn bei dem linken Ohr, führte ihn zum Polizeirevier und ließ ihn für einen ganzen Tag einsperren. Seit jenem Tage blieb Teplik bis auf den heutigen Tag ohne Draht. Die Einwohner machten sich nichts mehr daraus, auch ohne diese Vorrichtung ihre Taschentücher und Uhren am Sonnabend bei sich zu tragen, während ihnen das früher nur gestattet war, wenn ein Draht durch die Stadt gezogen wurde.

Schlimmer war der Kampf, den er mit den Lehrern durchführen mußte. Die Lehrer machten ihm das Leben unglaublich schwer. Kaum hatte er einen Lehrer mit zwanzig Schülern in einer Straße abgefaßt und die Schule geschlossen, so fand er denselben Lehrer mit denselben Schülern am nächsten Tag in einer anderen Straße. Er schloß die Schule wieder und nahm ein Protokoll auf; aber kaum hatte er Zeit, sich weiter umzuschauen, als der Lehrer sich auf einem Boden oder in einer Frauenschule verkrochen hatte und von dort den Gesang seiner Schüler laut erschallen ließ. Ein wahres Unglück mit den jüdischen Kindern! Sie waren nicht von dem Lehrer loszureißen!

»Hol dich der Kuckuck! Hast du dich mit deinen Schülern auf dem Boden verkrochen, so pauke mit ihnen meinetwegen, bis ihnen die Köpfe platzen, aber mach wenigstens nicht solchen Lärm, daß ich es höre,« sagte Plissetzki zu dem Lehrer und schwor, daß, wenn er ihn noch einmal erwischen sollte, er ihn innerhalb vierundzwanzig Stunden aus Teplik ausweisen würde.

Der Lehrer hörte aufmerksam zu, verließ seine bisherige Zuflucht und stieg von oben in irgendeinen Keller hinunter. Dort unterrichtete er weiter, aber er ließ die Schüler auch singen, denn Unterricht ohne Gesang war ungefähr dasselbe wie eine kalte Kugelspeise, die die vornehmen Leute in der Großstadt am Wochentag aßen. Haman Iwanowitsch schlug sich so lange mit dem Lehrer herum, bis er schließlich wütend ausspie und den Kampf aufgab.

2. Kapitel. Der Tepliker Millionär Schalom Beer Tepliker aus Teplik.

Da Teplik hauptsächlich von Juden bewohnt war, hatte der Tepliker Polizeileutnant ausschließlich mit Juden zu tun. Er kannte sehr bald sämtliche Einwohner von Teplik beim Namen, war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht, sprach mit ihnen halb jiddisch und wurde zugänglich und weich wie Wachs – mit einem Wort: zwischen ihm und den Juden hatte sich ein vertrauliches Verhältnis herausgebildet.

Als die reichen, feinen Leute, die Wichtigtuer, die überall gern regierten, merkten, daß der Beamte zugänglich wurde, begannen sie ihn zunächst mit einem Stückchen Fisch, einem Glas Schnaps und einem Stück Mazze zu bestechen, dann versuchten sie es mit Schmeicheleien und steckten ihm vorsichtig etwas in die Hand zu. Das bekam ihnen aber so schlecht, daß sie ihre Kindeskinder warnen wollten, einem Polizeileutnant niemals früher etwas zu geben, ehe man nicht genau wußte, wer und was er war.

»Du glaubst, mich mit Geld bestechen zu können, Joßke,« sagte er zu einem Juden auf russisch, »du bist also ein Betrüger! Ins Gefängnis mit dir!«

Die Worte: »Ins Gefängnis mit dir!« hatte er immer auf der Zunge. Das bedeutete, daß er die Leute einsperren oder mit der Etappe nach der Gouvernementstadt schickte. Hatte er diese Worte einmal gesagt, so half nichts mehr: kein König von Ost oder West hätte etwas ausrichten können. Ein merkwürdiger Patron war er! Weiß der Teufel! Traf er einen armen Mann, der nicht zu leben hatte, so gab er ihm aus seiner eigenen Tasche einen Rubel oder auch zwei und sagte zu ihm, halb jiddisch, halb russisch: »Da, nimm eine kleine Anleihe für deine Ausgaben!«

So viel Mitleid er mit den armen Leuten empfand, so sehr haßte er die reichen. Und gar erst die reichen Leute in Teplik, oder gar den Tepliker Millionär Schalom Beer Tepliker aus Teplik! Den konnte er überhaupt nicht ausstehen! Er suchte schon immer nach einer Gelegenheit, ihn abzufassen; aber es war nicht so leicht, ihm beizukommen. Endlich half ihm Gott, ihn zu erwischen!

Die Sache spielte sich folgendermaßen ab:

Scholem Beer Tepliker aus Teplik war nicht nur reich, sondern trotzig, stolz und von einer eisernen Energie. Wenn er sich etwas vornahm, wenn er etwas durchführen wollte, so wäre es leichter gewesen, ganz Teplik an eine andere Stelle zu versetzen, als ihn von seinem Entschluß abzubringen.

Als Haman Iwanowitsch den Befehl erlassen hatte, daß der Kehricht nicht hinausgeworfen und das schmutzige Wasser nicht vor die Türen gegossen werden dürfe, fragte Scholem Beer Tepliker aus Teplik:

»Wen kümmert das? Es ist mein Kehricht und, mein Schmutzwasser, ich kann also damit tun, was ich will!«

»Reb Schalom Beer,« versuchte man ihm zu erklären, »wenn Haman Iwanowitsch es sieht, kann es schlimm werden.«

»Was kann er mir ...« erwiderte Schalom Beer, der nicht gern viel redete.

»Reb Schalom Beer, er wird Euch zu Protokoll nehmen!«

»Soll er ... siebenundsiebzigmal ...«

»Reb Scholem Beer, man kann, Gott behüte, vor Eurem Haus ausgleiten und sich den Fuß brechen!«

»Soll man sich das Genick brechen!« antwortete Scholem Beer und befahl so viel Kehricht und Schmutzwasser auszuschütten, wie es nur gab.

Plissetzki kam mit einem Schutzmann zu ihm und nahm Protokoll auf. Da begann Scholem Beer mit ihm ein ausführliches Gespräch, wie es sich ein reicher Mann gestatten konnte. Aber Plissetzki gebot ihm, zu schweigen, und sagte: »Jüdische Aufdringlichkeit! Schweig, Judenfratze!« und andere schöne Redensarten mehr.

Das ärgerte unseren Millionär; er nannte den »Pristaw« – »Haman«, sagte ihm vor Zeugen, er wäre ein wahrer Haman, der Haman aus der Bibel. Das wurde zu Protokoll genommen, und Reb Scholem Beer Tepliker aus Teplik wurde laut gesetzlicher Bestimmung zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Keine Macht der Welt konnte daran etwas ändern! Natürlich war ganz Teplik durch dieses Ereignis in Aufregung versetzt. Was heißt! Der Millionär zu zwei Wochen Arrest verurteilt! Die ganze Stadt ging mit, um zu sehen, wie Reb Scholem Beer zur Wache abgeführt wurde. Kein Kind blieb, wie man zu sagen pflegt, in der Wiege zurück.

Als Reb Scholem Beer über den Markt geführt wurde, ließ er den Kopf sinken, und seine Frau, Staßje Peril, die Millionärin, blieb vor Schande zu Hause. Die Einwohner von Teplik betrachteten schweigend den Vorüberziehenden, aber im Innern freuten sie sich. Erstens sollte sich ein Jude nicht so groß tun, und zweitens war Scholem Beer Tepliker aus Teplik in der Stadt nicht besonders beliebt, weil er – es soll ihm nicht nachgesagt werden – ein großer Geizhals war. Auch seine Frau, Staßje Peril, gönnte einem armen Juden nicht ein Stückchen Brot, obwohl sie, wie in Teplik behauptet wurde, bis über den Hals im Geld steckten und keine Kinder hatten. »Wenn ich ihr Geld hätte,« dachte jeder Tepliker, und er gab gleich nach, »wenn ich nur die Hälfte, ja nur ein Drittel von ihrem Vermögen besäße, so hätte die Stadt von mir viel, viel mehr!« Das wäre wohl möglich gewesen! Da aber in Teplik niemand Geld hatte, außer Reb Scholem Beer Tepliker und seiner Frau, Staßje Peril, so hatte die Stadt keinen Gewinn. Niemand hatte von dem Geld Freude, weder die Stadt, noch Schalom Beer, der Millionär, noch seine Frau, die Millionärin ... Oder vielleicht hatten diese beiden am Ende doch ihren Genuß! Es fragt sich nur, was man unter Freude versteht: Überall den ersten Platz einzunehmen – in der Synagoge, in einer Versammlung oder bei einem Fest; von den Leuten ehrerbietig gegrüßt zu werden; daß alles schwieg, wenn Ihr redetet, wenn jedes Wort, das aus Eurem Munde kam, als eine Weisheit aufgenommen wurde. War es kein Vergnügen, wenn man einmal im Jahr, am letzten Tage des Laubhüttenfestes, sich bei dem Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik versammelte und dort bewirtet, sozusagen bewirtet wurde! Der Hausherr saß wie ein König auf seinem Thron, an der Spitze der Tafel und bot den Gästen Schnaps an, während Staßje Peril in die Gläser guckte. Man sang und tanzte auch ein wenig. Noch andere Freuden gab es, die aber nur jemand verstehen konnte, der aus Teplik war. War es nicht ein Vergnügen zu wissen, daß man in der Stadt der Einzige war, der etwas zu sagen hatte?!

In Teplik war dieser einzige – Scholem Beer Tepliker!

3. Kapitel. Ein lustiger Habenichts.

Wenn es in Teplik keine Anzeiger gegeben hatte, die aufeinander aufpaßten, damit keine Verbrechen und Missetaten geschehen, so würde es der Sündenstadt Sodom geglichen haben. Aber die Leute paßten aufeinander eifrig auf, und sobald sie merkten, daß einem anderen Unrecht geschah, oder wenn sie sahen oder hörten oder auch nur den Verdacht hatten, daß jemand etwas Unrechtes getan hatte, so teilten sie der Polizei sofort in kurzen Worten mit, was passiert war. Wenn die Polizei es nicht glauben wolle, solle sie sich da und da hinbemühen, da würde sie das und das vorfinden. Sollte es sich herausstellen, daß nichts dahinter war, dann konnte einem nichts passieren, weil man nicht den eigenen Namen zu unterzeichnen brauchte, man unterschrieb vielmehr: ›Ein aufrichtiger Mensch‹, oder ›Ein guter Freund‹, oder ›Ein Freund des Gesetzes‹; oder man brauchte überhaupt nichts darunterzuschreiben, die Hauptsache war, wenn man angab, wohin die Polizei sich begeben und wonach sie forschen sollte.

Plissetzki konnte sich unberufen rühmen, daß er keine Spione brauchte, weil die Tepliker Bürger selbst vorzügliche Spione waren.

Nach dem oben Gesagten werdet ihr nicht erstaunt sein zu hören, daß eines schönen Morgens der rote Beril mit dem lahmen Bein überrascht wurde, gerade als er auf der Erde saß, die Rockschöße im Gürtel hochgeschürzt, und Rosinenwein aus einer großen Flasche in kleine füllte, um sie für das Segengebet am Sabbat zu verkaufen. Er biß die Propfen mit großem Eifer weich und propfte die Flaschen zu, indem er mit fester Hand daraufschlug. Der Schweiß rannte ihm dabei von der Stirn. Plissetzki öffnete vorsichtig die Tür und beobachtete den roten Beril bei seiner fleißigen Arbeit; er stand eine Weile auf der Schwelle und verständigte sich mit den Schutzleuten durch Blicke. Als Beril die Augen erhob und Haman Iwanowitsch an der Tür stehen sah, richtete er sich von der Erde auf, humpelte mit seinem lahmen Bein auf ihn zu und sah ihm in die Augen, als ob er sagen wollte:

›Du wirst mir wahrscheinlich eine Geldstrafe auferlegen ... Nun, straf mich ... Was kannst du mir abnehmen? Meine Armut?‹

Wie kommt es, daß unser Beril sich so wichtig tat? ... Weil er nichts zu fürchten brauchte? ...

Er braute wirklich Rosinenwein, den er in Flaschen füllte und seinen Bekannten zum Sabbatabend lieferte. Davon lebte er. Aber es war ein Wein mit Ach und Weh und ein Leben mit Ach und Weh. Der Wein war kein Wein, und das Leben war kein Leben.

Nur damit die Leute etwas hatten, den Segensspruch zu sagen, dafür war der Wein gut genug und immer noch besser als einfacher Schnaps. Und Beril hatte immerhin eine Beschäftigung, die ihm etwas einbrachte, wenn auch nicht viel mehr als das Salz zum Brot. Besser als nichts! Oh, weh, wie viele Juden gab es in Teplik, die nichts taten und nichts verdienten, nichts verdienten und nichts hatten, wirklich gar nichts.

Jene unwürdigen Juden, die nicht arbeiteten und nichts verdienten, beneideten den roten Beril, der wie ein Magnat lebte, jeden Sabbat Fisch und Fleisch hatte, die Kinder zur Schule schickte und anständig kleidete, eine Ziege hielt und – das alles von den bißchen Rosinen, die er zu Wein zermanschte. Da schrieben sie einen Brief an Plissetzki der mit folgenden Worten begann:

»Da wir stets für die Regierung Interesse haben, und da es zum Nachteil der Regierung ist, wenn jemand ohne Konzession Geschäfte macht, und da der rote Beril mit dem lahmen Bein seit so vielen Jahren ohne Konzession mit Wein handelt und derselbe rote Beril den Wein selbst anfertigt und die Fabrikation von Beril stammt und so weiter ...«

Mit dem Selbstbewußtsein eines armen Mannes ist nicht zu spaßen. Je ärmer einer ist, um so selbstbewußter ist er auch, schlimmer als der reichste Mann. Ich hörte selbst, wie ein armer Mann sich mit einem anderen auseinandersetzte.

»Wie kannst du dich mit mir vergleichen, du räudiger Kerl? Du besitzt noch ein paar ganze Schuhe und ein Stück Mantel ... ich habe nicht einen Schimmer davon.«

Er sagte dies mit solchem Stolz, daß ein Rotschild tief gedemütigt wäre, wenn er dabeigestanden und es gehört hätte.

Haman Iwanowitsch betrachtete inzwischen die »Appartements« Berils des Roten, die aus drei Zimmern bestanden, das heißt aus zwei Alkoven und einer Küche. Sämtliche drei Räume waren mit Betten vollgestellt, und die Betten mit Kindern besetzt. Die Kinder waren halb angezogen, halb nackt, nämlich vom Hals bis zum Nabel waren sie angezogen, vom Nabel abwärts waren sie nackt, selbstverständlich auch barfuß ... Für dieses halbnackte, barfüßige Gesindel war der »Pristaw« eine willkommene Person, eine ganz neue Erscheinung. Sie waren nicht faul, sprangen aus den Betten, schlichen sich langsam zu dem feinen Herrn, sahen ihm ins Gesicht, betrachteten die goldenen Knöpfe und befaßten die Franse seines Säbels. Plissetzki führte unterdessen ein Gespräch mit dem roten Beril, das wir hier wörtlich wiedergeben:

Plissetzki: Wie man mir über dich berichtete, sollst du schönes Geld verdienen?

Beril: Unberufen, gebe Gott, daß es nicht schlimmer werde. Für besser gibt's keine Grenze.

Plissetzki: Warum gehen deine Kinder nackt und barfuß?

Beril: Damit sie besser wachsen.

Plissetzki: Und was machst du mit dem Geld?

Beril: Ich tue, was der Talmud uns lehrt.

Plissetzki: Der Talmud? Was lehrt euch der Talmud?

Beril: Der Talmud lehrt uns, das Geld in drei Teile zu teilen: ein Drittel – in die Erde, ein Drittel bar halten, ein Drittel ins Geschäft stecken.

Plissetzki: Ich sehe, du bist ein lustiger Kauz.

Beril: Was habe ich für Sorgen? Was fehlt mir und was habe ich? Sag mir lieber, hochverehrter Herr, was haben dir die Juden über mich berichtet, und was droht mir nach deinem heutigen Besuch?

Plissetzki: Wenn du alles wissen willst, wirst du schnell alt werden. Zeig mir einmal alle deine Schränke, ich muß eine Untersuchung bei dir vornehmen. Vielleicht finde ich bei dir außer Wein noch andere Sachen?

Beril: Ach, mit dem größten Vergnügen! Wenn du etwa Wertpapiere, Gold oder Silber finden solltest, so soll die Hälfte mir, die Hälfte dir gehören.

Plissetzki: Du hast Humor, ist es Galgenhumor?

Beril: Mag sein. Niemand weiß, wem der morgige Tag gehört. Im Talmud heißt es: Tue Buße einen Tag vor deinem Tode. Da aber kein Mensch weiß, wann der Todesengel ihn bei der Kehle packt, so ...

An dieser Stelle unterbrach ihn der Polizeileutnant; er rief die Schutzleute herein und befahl, den Juden einzusperren. Als Beril das hörte, erstarrten seine Glieder; im ganzen Hause erhob sich ein Jammern, als ob man einen Toten heraustragen würde.

In Teplik wurde die Sache selbstverständlich sehr bald bekannt, man erzählte sie sich an allen Enden, und die Leute liefen aus allen Straßen herbei, um zu sehen, wie man noch einen Juden ohne Grund ins Gefängnis abführte, das heißt, man hatte den Grund bereits erfahren. Wie wäre es auch in Teplik möglich gewesen, etwas nicht zu erfahren, besonders als man bemerkte, daß Haman Iwanowitsch eine Flasche Wein unter dem Arm trug. Man hätte nur gern gewußt, wozu er verurteilt werden würde, zu einer Geldstrafe oder zu Gefängnis? Hierüber zerbrachen sich die Tepliker Juden die Köpfe und empfanden mit dem armen Beril viel mehr Mitleid als mit dem reichen Scholem Beer. Aber sie konnten ihm nicht anders helfen, als nur mit ihm seufzen.

4. Kapitel. Noch ein Verbrecher.

Haman Iwanowitsch machte sich an diesem Tage noch auf eine andere Art an die Tepliker Juden heran, und es gelang ihm, einen Juden zu erwischen, der eigentlich nichts verschuldet hatte. Die Sache trug sich folgendermaßen zu:

In Teplik gab es einen jungen Mann, Henich, der einen älteren Bruder namens David Leib hatte. Dieser David Leib wollte von der Musterungskommission einen Schein für seinen Bruder erlangen, der nach Davids Aussage und laut den Papieren, die er einreichte, noch nicht achtzehn Jahre alt war. Aber es genügte nicht, daß ein Jude Papiere vorlegte; zur Feststellung des Alters mußte die betreffende Person selbst in Augenschein genommen werden.

Plissetzki erhielt also eines Tages ein Dokument, das er Henich zustellen sollte; da er jeden Auftrag sofort auszuführen pflegte, schickte er einen Schutzmann hin, der den Jüngling direkt aus dem Bett heranschleppte.

Henich war von blasser Gesichtsfarbe, schielte mit einem Auge, hatte auf dem anderen den blauen Star und wackelte mit dem Kopf. Vor Schreck, daß man ihn so unerwartet aus dem Hause geschleppt hatte, ohne daß er wußte wofür, gebärdete er sich so wild, daß er auf den Polizeileutnant den schlechtesten Eindruck machte.

Es entspann sich ein kurzes, aber heftiges Gespräch:

»Bist du Henich, der Nascher?« fragte ihn Plissetzki, indem er den Jüngling von oben bis unten anschaute.

»Der bin ich, Henich, der Nascher,« antwortete ihm Henich hastig. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß man ihn wahrscheinlich wegen seines Bruders David Leib gerufen hatte, und er beantwortete die Frage, noch bevor sie an ihn gerichtet wurde:

»Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt, so wahr ich ein Jude bin!«

»So? Die Sonnabende und Feiertage nicht mitgerechnet,« erwiderte Plissetzki und blickte dem Jüngling in die Augen, wobei er den Star bemerkte. Bei diesem Blick wurde Henich ganz finster vor Augen, ein kalter Schauer durchrieselte seinen Körper, sein Herz preßte sich ihm zusammen, und traurige Gedanken durchzuckten sein Hirn.

»Aus mit dem Schein! Verfallen – David Leib!« dachte Henich. Er hätte dem armen Bruder so gern den Gefallen erwiesen – sich statt seiner zu stellen, – er ermannte sich also und begann plötzlich in einem Kauderwelsch zu reden.

»Ich schwöre Euch, daß ich nicht älter bin als siebzehn Jahre, vielleicht einen Monat darunter oder darüber. Ich soll so glücklich nach Hause kommen! Ich sehe älter aus? Ja? Das ist aber nicht wahr. Achtet nicht drauf! Wir sind solche Rasse! Vom fünfzehnten Jahr zeigt sich bei uns schon Bartwuchs!«

Plissetzki schaute Henich an, schüttelte den Kopf und lächelte, als wollte er sagen:

»Zu dem Star auf dem Auge und der totenbleichen Larve paßt das Bärtchen wahrhaftig gut!«

Dann sagte er zu dem Diener, er solle Henich, während er die Papiere durchsah, hinunterführen.

Henich verlor plötzlich allen Mut. Sein Gesicht wurde noch fahler, er begrub seinen armen Bruder auf ewig.

»Ach, unglückseliger David Leib, es ist aus mit dir!«

*

»Menschenkind, Vogelfratze, watschelnde Ente! Wie kommst du denn hierher! Was hast du denn angestellt? Wer hat dich angezeigt?« rief der rote Beril dem Ankömmling, dem Jüngling Henich, zu.

Der reiche Scholem Beer Tepliker aus Teplik betrachtete ihn unterdessen vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre er ein Dieb, den man soeben erfaßt hätte. Henich starrte seinerseits den Tepliker Millionär nicht weniger erstaunt an. Als er diesen Wichtigtuer, den reichsten Mann von Teplik, hier sah, begann er zu stammeln und wußte selbst nicht, was er redete. Der rote Beril, der bekanntlich ein lustiger Kauz war und gern witzelte, auch wenn er keinen Heller für den Sabbat in der Tasche hatte, tat vor dem Jüngling, als wäre er ein begüterter Mann und spottete über den tölpelhaften Henich, – wie es seine Art war, wenn er armen Leuten begegnete, die noch größere Pechvögel waren als er. Um dem reichen Mann Freude zu erweisen, stellte er sich auf dessen Seite.

Unterdessen hörte Henich nicht auf zu stammeln:

»O weh mir! Was ist mir da passiert ... Ich weiß nicht für was ... Mein Bruder David Leib ... Wenn sie etwa dahinterkommen, daß ich älter bin als achtzehn, dann ist er, Gott behüte, verloren ...«

»Was schnalzt du da mit den Lippen, Narr?« unterbrach ihn der rote Beril. »Sprich deutlich, Tölpel!«

»Ich sage, was aus meinem Bruder David Leib wird,« erwiderte Henich.

Im selben Augenblick richtete er sich plötzlich auf und fragte den roten Beril:

»Sagt, wie sehe ich in Euren Augen aus?«

»Wie du aussiehst? Du siehst aus wie eine rote Kuh,« antwortete Beril, über seinen eigenen Witz lachend, und sah zu dem reichen Schalom Beer hinüber, ob er mitlachte. Aber dieser lachte nicht, sondern war in den Anblick des Tölpels Henich versunken und wunderte sich, wozu ein solches verkrüppeltes und entstelltes Geschöpf auf der Welt lebte.

»Nein,« sagte Henich, indem er mit dem schielenden Auge den reichen Juden anstarrte und mit dem Starauge Beril ansah, »das meine ich nicht, ich meine, wie viele Jahre Ihr mir gebt?«

»Was gebe ich dir?«

»Jahre, meine ich, mein Herr!«

»Ach, du willst wissen, für wie alt ich dich halte! Ich schätze dich nicht älter als zweiundzwanzig, vielleicht etwas darüber.«

Henich stieß vor Zorn einen lauten Schrei aus, stürzte auf den roten Beril, als ob dieser ihn zur Schlachtbank führen wollte, und kreischte. »Verrückter Kerl, was fällt dir ein! Was redest du! Wart nur! David Leib ist erst vor kurzem zwanzig Jahre geworden ... das ist richtig, zweiundeinhalb Jahr ist er älter als ich, im ganzen zwei und ein halbes Jahr ... Also, wie kann die Rechnung stimmen? Wie alt muß ich dann sein? ... Nur, um zu reden!« Henich sah dabei so hilflos und traurig aus, auf seinem Gesicht malte sich solche erbarmenerregende Trostlosigkeit, daß selbst der Reiche für ihn Interesse gewann und sich an ihn mit der Frage wandte:

»Ihr seid zwei Brüder, wie es scheint?«

»Zwei Brüder und eine alte Mutter und ein Mädchen von dreizehn Jahren, die in Stellung ist; ein jüngerer Bruder ist im Geschäft angestellt, dann sind noch zwei kleine Mädchen und ein kleiner Junge, der noch zur Schule geht ... Für alle muß David sorgen ... Wenn er, Gott behüte, genommen werden sollte, dann können wir alle in die Häuser betteln gehen ...« Henich erzählte, wie die ganze Geschichte mit der Musterungskommission gekommen war. Wahrscheinlich hatte jemand angezeigt, daß David über achtzehn Jahre alt war und sich noch nicht zur Musterung gestellt hatte, obgleich er bei der Thora schwören kann, daß er, Henich, noch nicht achtzehn Jahre alt ist ... Nur wie zum Trotz wuchs ihm schon der Bart, und alle Leute sagen, daß er wie zwanzig oder noch älter aussieht. Wenn es danach ginge, müßte David doch auch einen Bart haben. Indessen hat er keine Spur von Bart. Was werden sie aber anfangen, wenn David, Gott behüte, wegkommt? Henich wandte sich mit seinem Starauge zur Seite, hüstelte, schnäuzte sich und wischte sich die Augen.

»Bedauernswert!« entschlüpfte es dem Reichen unwillkürlich.

»Ein Trottel!« bestätigte der rote Beril dem Reichen mit einem leisen Lächeln, das zugleich Spott und Mitleid ausdrückte. »Dieser Henich,« fuhr er fort, »wie Ihr ihn hier seht, ist ein Trottel, und sein Bruder – ich kenne ihn – ist geradezu ein Garnichts! Er taugt zu einem Soldaten gerade so gut, wie ich ...« Und zum Beweis, daß er, der rote Beril, wirklich nicht zum Soldaten taugte, rückte er sein lahmes Bein vor.

5. Kapitel. Die Etappe setzt sich in Bewegung.

Bis zu dem Tage, an dem sich unsere Geschichte ereignete, ja bis zum letzten Augenblick, glaubte der Tepliker Millionär, Schalom Beer Tepliker aus Teplik, nicht, daß man ihn per Etappe nach Geißen schicken würde. Während der ganzen Zeit bemühte er sich, machte schriftliche Eingaben und nutzte alle seine Beziehungen aus, aber Plissetzki setzte seinerseits alles mögliche in Bewegung, damit unser Tepliker Millionär den Spaziergang von Teplik nach Geißen mitmache, und zwar auf Schusters Rappen.

»Du wirst schon gehen, – mit deinen eigenen Füßen,« sagte zu ihm Haman Iwanowitsch nach seiner Art halb russisch, halb jiddisch.

Wie zum Trotz war es ein heller, warmer Sommertag. Wie ein Bräutigam vor der Trauung kam die runde, feurige Sonnenkugel fröhlich wie ein Held hervor, um die große Himmelreise anzutreten, alle mit ihrem Glanz zu bestrahlen und ihre Wärme auf alle herabzusenden. Niemand sollte der Hitze ergehen, während die Sonne brannte und die Erde wie ein Kalkofen erhitzte. Die Geschäftsinhaber verließen ihre Läden, die Handwerker ihre Werkstätten, die Lehrer ihre Schulen, – alles rannte, zu schauen, wie der reichste Mann der Stadt mit der Etappe fortgeführt wurde. Während die Tepliker Juden den Millionär betrachteten, wie er mit herabgelassener Nase dastand, flüsterten sie einander zu, daß man daraus eine Lehre ziehen müsse. Aber in ihrem Inneren frohlockten sie und empfanden eine tiefe Befriedigung. Mitleid hatten sie nur mit dem roten Beril und dem Jüngling Henich.

Für den Reichen wurden geflochtene Strietzel, gebraten Enten und alle möglichen anderen Vorräte für den Weg herbeigeschleppt; für den roten Beril brachten seine Frau und Kinder Brot, Fische, Kartoffeln und ein Bund jungen Knoblauch. Nur Henich bekam nichts für den Weg mit. Da schauten fremde Leute einander an, spendeten aus Mitleid ein paar Groschen und kauften ihm ein Brot und etwas Fische und Zwiebeln. Alle diese Speisen wurden dem Etappenführer übergeben, der sie fröhlich entgegennahm und versprach, daß alles unversehrt und unberührt bleiben werde.

Nun erschien Haman Iwanowitsch auf seinem Balkon und befahl dem Etappenführer, loszumarschieren. Der Zug setzte sich in Bewegung, und hinter ihm her ganz Teplik.

Die Etappe bestand aus Lawrij Sotski, einem zottigen Geschöpf mit einem zottigen Pelz und einer hohen zottigen Mütze; in der Hand hielt er einen großen, astreichen Knüppel, der an einem Ende mit einem dicken Holzknopf, am anderen mit einem spießartigen Eisenstück versehen war. Die gebratenen Enten und die gesalzenen Fische nahm er unter einen Arm, das Brot, die Strietzel und die übrigen Sachen unter den anderen. Die Dienstpapiere versteckte er unter seinem Brusthemd. Der Zug marschierte im schnellen Tempo los, viel schneller, als man glauben könnte, weil nämlich unsere Arrestanten große Eile hatten, der Stadt den Rücken zu kehren. Sie baten Lawrij Sotski, er möge doch die Gassenjungen forttreiben, die sich nicht scheuten, den Zug bis jenseits der Mühle zu begleiten.

Lawrij erhob seinen langen Stock mit der eisernen Spitze, und im Nu zerstieben die Gassenjungen und die Zuschauer wie eine aufgescheuchte Vogelschar. Als die Etappe nun allein auf freiem Felde zurückblieb, lies sie nicht mehr mit solchem Eifer, sie verlangsamte den Schritt und begann sehr bald mit dem Führer zu verhandeln, ob sie sich nicht ein wenig auf das grüne Gras niedersetzen und Atem schöpfen dürfe.

Der Führer Lawrij Sotski war kein schlechter Mensch. Er gewährte die Bitte sofort, um so mehr, als er auch selbst ausruhen, sehr gern einen Imbiß nehmen und von den gebratenen Enten kosten wollte, deren Geruch ihm während des ganzen Weges die Nase gekitzelt hatte. Von den jüdischen Stricheln hatte er bereits im Gehen kleine Stückchen abgebröckelt und gefunden, daß sie sehr gut schmeckten. Auch von den Fischen hatte er gekostet, die mit Knoblauch ausgezeichnet mundeten. Da die Arrestanten vorangingen und der Führer ihnen folgte, konnten sie nicht sehen, daß er kaute, nur wenn sie sich umdrehten, bemerkten sie es und flüsterten es sich einander auf jiddisch zu.

»Der Bauer läßt es sich gut schmecken,« sagte der Reiche und betrachtete Lawrij, wie er gerade ein Stück vom Strietzel abbrach und in den Mund steckte.

»Sag wenigstens ›unberufen‹,« ulkte der rote Beril, wie gewöhnlich; »ich kann bei allen Heiligen schwören, daß wenn ich ihn ansehe, ich selbst Appetit bekomme. Was meinst du, Henich, hast du noch nicht Herzweh?«

Der Jüngling Henich schluckte den Schleim, wie ein Ochs beim Wiederkauen, und stammelte:

»Behaupten kann ich nicht gerade, daß ich hungrig bin, ... aber trotzdem möchte ich gern etwas zu mir nehmen, wenn ich nur etwas hätte.«

»Ich habe ja alles, es ist alles da,« sagte der Reiche und blickte zu dem Führer hinüber.

»Wenn es keinen Schnaps gibt, so heißt das bei mir nicht, daß ›alles da ist‹,« entgegnete der rote Beril und wiederholte es auf russisch langgedehnt, damit der Bauer verstünde, was er meinte.

»Nicht wahr, Lawrij, ohne Schnaps ist genau so wie ohne Zähne!« rief er dem Führer zu.

»Ganz recht,« erwiderte der Führer vollkommen ernst.

Man redete so lange hin und her, bis man beschloß, daß einer der Arrestanten, und zwar Henich, der Jüngling, der der jüngste war, nach der nahegelegenen Stadt Gronow, die höchstens ein paar Werst entfernt war, hinüberspringen und eine Flasche Schnaps holen solle. Die beiden anderen Arrestanten, Scholem Beer aus Teplik und der rote Beril, garantierten für ihn, daß er nicht ausreißen würde. Man setzte sich also mitten im Feld auf einer Anhöhe unter einem Baum auf den Rasen; die beiden Arrestanten begannen ein Gespräch, während der Führer den Blick auf den Weg nach Gronow gerichtet hielt.

6. Kapitel. Er erinnert ihn an alte Sünden.

Wenn ich ein Maler oder wenigstens ein Photograph wäre, würde ich die Gruppe mit den drei Individuen abbilden, die so schön mitten im Feld, auf der Anhöhe, unter einem Birnbaum ruhten, einem Birnbaum mit kleinen grünen Blättchen und steinharten Birnen, die man nicht zerbeißen kann und von denen man nicht weiß, wozu Gott sie geschaffen hat.

Zwischen Lawrij Sotski mit der hohen, zottigen Mütze und dem roten Beril mit dem lahmen Fuß und dem zuckenden, mit Warzen bedeckten Gesicht, die wie Johannisbeeren ausschauten, saß unser Tepliker Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik mit den kleinen Äuglein und dem spärlichen Bart, in seinem neuen schwarzen Tuchkaftan, mit dem seidenen Feiertagskäppchen auf dem Kopf, wie ein vornehmer Hochzeitsgast und wie eine würdige Person unter einfachen Leuten, die die Ehre genossen, in seiner Gesellschaft zu verweilen. Ein solcher Mensch pflegt sich herablassend zu verhalten, als wäre er unter seinesgleichen, – aber er ist dennoch anders wie die anderen. Was er will, darüber wird gesprochen, was er sagt, wird angehört, und wenn ein anderer spricht, darf er ihn unterbrechen.

»Was sagt Ihr zu der Hitze?« fragte er den roten Beril seufzend und umherschauend, indem er die Ärmel bis über den Ellbogen hochschob und sich mit seinem seidenen Käppchen über das Gesicht fuhr.

»Ja, es ist nicht kalt,« antwortete der rote Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute.

»Wenn wenigstens kein Regen käme!« fuhr der Millionär fort und sah zum Himmel empor.

»Ja, das würde für die seidenen Kleider gerade passen!« bestätigte Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute.

»Er ist kein schlechter Mensch, unser Hüter,« fuhr der Millionär fort und blickte einem langen, leeren Wagen nach, der von einem Paar Ochsen gezogen wurde, und auf dem ein kleiner Junge saß und die Peitsche drehte.

»Unser Hüter?« fragte Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute. »Ich möchte für ihn gern drei jüdische Leute opfern, von jener Sorte, die einen armen Mann anzeigen, weil er Rosinenwein anfertigt, den er seinen Bekannten zum Segensspruch liefert, um auf solche Weise Weib und Kinder zu ernähren.«

»Wie meint Ihr?« unterbrach ihn der Millionär inmitten seiner Rede und starrte auf den Weg, der nach Gronow führte. »Wie meint Ihr? ... Kann er sich nicht verirren? Ich meine, ob der Jüngling ... wie heißt er doch? ... nicht durchbrennen könnte?«

»Ach, dieser Trottel,« entgegnete Beril und blickte auf den Weg, der nach Gronow führte. »Hat er denn ein Verbrechen begangen? Hat er etwas Schlimmes verübt, daß er durchbrennen sollte? Er ist genau so ein Verbrecher wie ich.«

»Was kann Euch eigentlich für diese Sache passieren?« fragte der Millionär plötzlich und schaute Beril mit einem Auge von obenherab an, während er das andere schloß und in der Zeit zwischen der Frage und der Antwort einen Grashalm kaute.

»Für welche Sache? ... Für den Rosinenwein? Weder Prügelstrafe noch Arreststrafe, das ist sicher ... Aber kann ich übrigens wissen, welche Strafe sie mir auferlegen werden? Mögen sie mich strafen wie sie wollen! Was können sie nur antun? Was können sie mir abnehmen? ... Die Armut? ... Höchstens können sie mich einsperren ... nun, so werde ich eben ein paar Tage sitzen ... Aber wie ist es mit Euch? Ihr seid doch unberufen ein angesehener reicher Mann? Wahrhaftig, ich muß Euch die Wahrheit sagen, Reb Scholem Beer, nehmt es mir nicht übel, ich an Eurer Stelle würde wegen einer solchen Dummheit, wegen des Abwaschwassers, mich nicht einsperren lassen. Erstens würde ich mich mit der Polizei nicht in Streit einlassen, zweitens würde man mich, wenn ich Eures Standes wäre, wegen einer solchen Lappalie nicht mit der Etappe fortführen. Teplik würde es nicht zulassen, daß der reichste Mann der Stadt wie ein gewöhnlicher Mensch, genau wie die armen Leute, abgeführt werde.«

Zu einer anderen Zeit würde eine solche Rede dem roten Beril schlecht bekommen sein; der Tepliker Millionär würde ihm als Antwort auf solche Worte sicher mit dem Kopf die Tür gewiesen haben. Doch jetzt, auf dem Etappenweg nach Geißen, mußte Scholem Beer alles über sich ergehen lassen. Jetzt durfte ihm jeder sagen, was er wollte. Der rote Beril rächte sich an ihm, so gut er konnte, aber nur mit ruhigen Worten, er zankte absichtlich nicht mit ihm, nur rückte er mit seinem lahmen Fuß so nahe an den Reichen heran, daß dieser ein wenig zurücktreten mußte.

Beril fing also an:

»Wißt Ihr, Reb Scholem Beer, seit wann wir uns schon kennen? Wir kennen uns seit Jahr und Tag! Ich erinnere mich, als Ihr noch solch ein Stöpsel wart.« – Beril zeigte dabei mit der Hand dicht über die Erde. – »Ihr müßt in meinem Alter sein, vielleicht ein oder zwei Jahre älter ... Ihr müßt Euch meiner erinnern, denn mein Großvater und Euer Vater waren – erschreckt nicht – sie waren nicht verwandt, d h. im zweiten und dritten Grad waren sie doch verwandt, von mütterlicher Seite; aber sie waren nahe Nachbarn in der alten Synagoge, wo sie ihre Plätze gegenüber hatten, – Euer Vater an der Ostseite, wo die vornehmen Leute saßen, und mein Vater in der Mittelreihe. Wenn man sich zur Wand aufstellte, um die achtzehn Abschnitte des Gebets zu verrichten, sahen wir Euch stets von hinten. Ich erinnere mich noch genau des glänzenden Atlasrückens Eures Vaters und seiner breiten Schultern mit der breiten Silberborte des Betmantels. Mein Großvater, Reb Naftale Weiler, – Ihr müßt Euch seiner erinnern –, pflegte seinen gelben Betmantel über den Kopf zu nehmen und mich zu kneifen, damit ich in das Gebetbuch schaue, – während ich gerade solche Lust zum Beten hatte wie Ihr. Ich sah ganz gut, da ich doch hinter Euch stand, daß, während die achtzehn Abschnitte still verrichtet wurden, Ihr nur auf Eure Stiefel starrtet, die laut knarrten. Wie meint Ihr, habe ich Euch wegen Eurer Stiefel beneidet! Denn ich hatte immer alte geflickte Stiefel, weil ich wegen meines kranken Fußes niemals einen richtigen Schuh anziehen konnte. Ich hatte überhaupt viel Verdruß wegen meines Fußes: Außerdem, daß es mir schwer fiel, zu gehen, pflegten die anderen Jungen mich auszulachen, mir ›Lahmfuß‹ nachzurufen und mir nachzumachen, wie ich ging. Zu denen, die mich am meisten verspotteten, gehörtet Ihr, Reb Scholem Beer – es soll Euch nicht zu Schande gereichen – und noch mehrere andere reiche Jungen, lauter verwöhnte Muttersöhnchen ...«

»Ich?« fuhr der Reiche auf und erinnerte sich, daß es stimmte; sie pflegten ihm wirklich immer nachzumachen, wie er auf einem Fuß humpelte.

»Das Nachmachen allein wäre nicht so schlimm gewesen? Ihr wolltet mich aber nicht in Eure Gesellschaft aufnehmen, Ihr jagtet mich mit Stöcken, tratet mich, wie unabsichtlich, auf den kranken Fuß, mit dem Absatz auf die Zehen, damit ich vor Schmerz schrie ... Wenn ich aber schrie, lachtet Ihr und hieltet Euch die Seiten.«

»Das denkt Ihr Euch schön aus,« bemerkte der Reiche und errötete vor Scham, daß er so mit dem Krüppel verfahren war. Er erinnerte sich dabei, was für ein glückliches Leben er als Kind hatte, wie er alles machen durfte, was er wollte.

»Ich werde Euch einen Beweis geben ... Ich erzählte es meinem Großvater, und der Großvater erzählte es Eurem Vater, aber Euer Vater wollte es nicht glauben und erwiderte meinem Großvater schimpfend, daß sein Sohn ein stilles Kind wäre und sich mit Proletarierkindern nicht einließe. Hört Ihr? Proletarierkinder! Seit jener Zeit ward ich mir bewußt, was ich war! Ein Proletarierkind! Ich fragte meinen Großvater, was das bedeutete, und er erklärte mir, was man unter einem Proletarierkind und unter einem herrschaftlichen Kind versteht. Aber ich verstand nicht, warum ein Kind reicher Leute ein Kind armer Leute auf den Fuß treten durfte und das arme Kind dazu schweigen mußte ... Ich fragte also wieder den Großvater, und dieser antwortete mir: ›Weil ein reicher Mann kein armer Mann, und ein armer Mann kein reicher Mann ist, d. h. ein Reicher ist ein Reicher und ein Armer ist ein Armer.‹ Ich verstand den Großvater immer noch nicht und sah ihn an, ob ich vielleicht in seinen Augen den Sinn der Worte lesen würde, doch ich sah in seinen Augen nichts, ich bemerkte nur einen traurigen Ausdruck in seinem Gesicht und Falten auf seiner Stirn, sonst nichts ... Ich muß Euch gestehen, das ist zwar lange her, aber seit jener Zeit haßte ich alle reichen Leute und alle reichen Kinder, und am meisten haßte ich Euch ...«

»Mich?« fragte der Reiche und packte sich mit der Hand an seine Brust.

»Euch, ja, Euch ... Ihr wart ja damals noch ein kleiner Bursche – Ihr dürft es mir nicht übelnehmen – eine Schnecke; wir waren damals beide kleine Kerle. Nachdem wir herangewachsen waren, eingesegnet wurden und ins Jünglingsalter kamen, habt Ihr Euch von mir ganz abgewandt und getan, als ob Ihr mich überhaupt nie gekannt hättet; Ihr hattet Angst, mich anzusehen, damit ich Euch nicht grüßte und ›Gut Schabbes!‹ zuriefe und damit Ihr mich, Gott behüte, nicht wiederzugrüßen und mir nicht ›Gutes Jahr!‹ zu antworten brauchtet. Das wolltet Ihr wahrscheinlich vermeiden.«

Der Tepliker Millionär Reb Scholem Beer aus Teplik rückte von seinem Platz fort und machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er sagen wollte: ›So wie Ihr es erzählt, hat es sich nicht zugetragen!‹ Aber bei sich erinnerte er sich, daß alles genau stimmte. Sein Vater pflegte ihm stets zu sagen, daß er etwas anderes war als die übrigen Jungen ...

»Nehmt es mir nicht übel, Reb Scholem Beer, Dummheiten vergißt man nicht ... Zu meiner ersten Hochzeit – Ihr habt Euch früher verheiratet als ich – schickte ich Euch eine Hochzeitseinladung, aber Ihr habt mir nicht einmal geantwortet.«

»Wahrhaftig, ich erinnere mich nicht ...«

»Wie könnt Ihr Euch auch erinnern? Auch das werdet Ihr nicht mehr wissen, daß, als ich zum erstenmal – es sei nicht daran gedacht – Witwer wurde, ich meinen Vater Josef zu Euch schickte – der Großvater war damals schon tot; – er sollte Euch sagen, daß ich mit zwei kleinen Kindern ganz hilflos, wie auf dem Wasser, zurückgeblieben sei ... Da antwortetet Ihr ihm, daß Ihr ein junger Mensch seid, der sich nicht in fremde Angelegenheiten mischt.«

»So habe ich geantwortet? Überlegt nur, ob Euer Vater Josef Euch, mit Verlaub zu sagen, keine Lüge erzählt hat ...«

»Es mag sein, daß Ihr recht habt ... Das weiß ich aber, daß Ihr mir damals, weder das erste noch das zweite Mal, geholfen habt, als ich – es sei nicht daran gedacht – abgebrannt und wie ein neugeborenes Kind zurückgeblieben war. Später begegneten wir uns einmal in Geißen im Gasthaus – erinnert Ihr Euch? – Es war während des Jahrmarkts, Ihr kamt hin, wenn ich nicht irre, um ein paar Pferde oder auch ein paar Stück Vieh zu kaufen, vielleicht auch, um Korn zu verkaufen.«

Der Reiche rieb sich die Stirn, als wollte er sich erinnern, aber, er tat, als ob sein Gedächtnis versagte; es war ihm ein Rätsel, daß er all die Dinge vergessen hatte, während der andere sich so genau jeder Kleinigkeit erinnerte. Es war ihm gar nicht recht, daß der rote Beril, mit dem es ihm in Teplik nicht gepaßt hätte, auch nur zwei Worte zu wechseln, sich jetzt anmaßte, ihm seine alten Fehler vorzuhalten und ihn an alte Sünden zu erinnern. Das alles paßte ihm durchaus nicht, und er hätte gern angefangen, von etwas anderem zu reden.

Doch im selben Augenblick kam Henich keuchend und atemlos mit einer Flasche Schnaps aus Gronow an; er war so sehr gerannt, aus lauter Angst, daß ihm jemand nachkommen und den Schnaps aus der Hand reißen könnte.

Alle drei Verbrecher setzten sich nun zur Mahlzeit nieder. Sie nahmen zuerst einen Schluck Schnaps, von dem sie auch dem Führer ein paar Gläschen anboten; dieser ließ sich nicht lange bitten, aber nach dem ersten Glas schnitt er eine Grimasse, wischte sich seinen dichten Schnurrbart und stieß einen Fluch auf Gronow aus, wo es solchen starken Schnaps gab.

»Ein starker Branntwein, zum Teufel noch einmal!« rief Lawrij und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er ein Gelübde ablegen, daß er nie mehr einen Tropfen in den Mund nehmen würde. Als man aber die Fische verzehrt hatte und die Ente vornahm und ihm dabei wieder ein Gläschen Schnaps anbot, setzte man es, wenn auch mit etwas Mühe, durch, daß er das Glas bis auf den Boden leerte, und man goß ihm darauf noch ein zweites ein.

Nachdem die Gesellschaft den Hunger gestillt hatte, legte sie sich ein wenig in den Schatten des Birnbaums, aber nicht, um zu schlummern, Gott behüte, sondern, um in den blauen Himmel zu schauen und zu sehen, wie kleine Wolken heranzogen, sich teilten und wie Rauch zerrannen, gleich einer Rabenschar, die in Form von zwei sich kreuzenden Linien in den Lüften segelte, unaufhaltsam zu schweben schien und doch an einer Stelle stand.

Das Antlitz nach oben gekehrt, in den Himmel schauend – das war wohl nach einem guten Essen die rechte Gelegenheit, um einzuschlafen. Der erste, der es bewies, war der Führer, der sehr bald ein furchtbares Schnarchen ertönen ließ, das sich wie Pferdegewieher anhörte; gleich darauf drang ein gleicher Laut aus Henichs Nase, die auch nicht schlecht arbeitete, obgleich er jeden Augenblick aus dem Schlaf fuhr und stammelte:

»Bin müde, sehr müde, bin vier gute Werst gelaufen ... Hatte immer Angst, daß, Gott behüte, jemand nachkommen und mich packen könnte ... ich meine ... der ›Pristaw‹ ...«

Nur der Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik schlief nicht. Es interessierte ihn außerordentlich, zu erfahren, was der rote Beril damals auf dem Markt zu Geißen von ihm wollte.

Der rote Beril erfüllte seinen Wunsch und erzählte ihm die Geschichte, die wir wörtlich nachstehend wiedergeben.

7. Kapitel. Eine Dummheit vergißt man nicht.

»Nehmt es mir nicht übel, eine Dummheit vergißt man nicht,« so begann Beril in seiner gewohnten, lebhaften Weise zu erzählen. »Ich pflegte damals den Jahrmarkt in Geißen nicht zu besuchen; meine Ochsen grasten damals noch auf der Weide, und meine Schiffe schwammen noch weit draußen auf dem Meer ... Ihr möchtet nun wissen, was ich in Geißen auf dem Markt suchte? ... Nun, ich kam, einen Bräutigam für meine Tochter, ich meine die älteste aus erster Ehe, zu besehen. Ich tat es nach reifer Überlegung, versteht Ihr. Sie war das erste Kind, eine Waise, zwar noch sehr jung, aber die Stiefmutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß ich sie verheiraten muß. Man muß sich zwar fragen: Was hatte sie davon, wenn ich das junge Kind verheiratete? Wer wird ihr helfen, kochen und backen und die kleinen Kinder warten? Wen wird sie von nun an schelten und an den Zöpfen zerren?! Aber rede einer mit einer Frau! Kurz und gut, es blieb dabei – verheiraten. Aber es ist leicht gesagt: verheiraten! Doch wie? Mit den fünf Fingern? In unserm Stand muß man doch wenigstens ein paar Kleider mitgeben! Es sagt sich so leicht, ein Mädchen ausstatten, aber zu einer Ausstattung gehören doch ein paar Kleidchen, ein paar Schuhe, Strümpfe, mindestens ein halbes Dutzend Hemden und selbstverständlich Bettzeug, wenigstens ein paar Kissen, ein Federbett und auch eine Steppdecke. Und wie gibt man nicht mindestens einen Hundertmarkschein als Mitgift mit? Aber in meinem Besitz waren nicht einmal hundert Kopeken ...

Wie zum Trotz plagte mich Mojsche Aron, der Heiratsvermittler, – verflucht sei er! – mit Briefen. Ein Brief kam nach dem andern. Er schrieb mir, daß es in Geißen ein Kleinod, einen seltenen Menschen gebe, wie man sich nur einmal bei Gott und ein anderes Mal bei dem Tischler Zankel finden kann. Der Jüngling war zwar von niederem Stand, aber selten geschickt im Lernen, Schreiben und Geigenspiel. Alle Welt war von ihm entzückt.

Ich schrieb Mojsche Aron, daß ich erstens noch nicht entschlossen sei, meine Tochter zu verloben, zweitens müsse ich zuerst wissen, was für eine Mitgift der Jüngling verlange; vielleicht kam diese Heirat für meine Tochter gar nicht in Betracht? Drittens sollte der Tischler Zankel zuerst kommen, die Braut anschauen. Darauf erhielt ich von ihm, das heißt von Mojsche Aron, eine Antwort, in der er folgendes schrieb: Daß ich noch nicht entschlossen sei, meine Tochter zu verheiraten, ist Unsinn, weil es in der Natur der Sache ist, daß ein Mädchen kein Junge ist! ... Was sagt Ihr zu diesem Einfall? ... Was meine Anfrage betreffs der Mitgift anlangt, so sei es von mir eine große Torheit, darüber zu verhandeln, – meinte er. Handelte es sich denn um einen Ochsen, daß man feilschen sollte? So schrieb er mir. Endlich, bezüglich der Brautschau, war diese überhaupt überflüssig, denn es sei so gut, als ob er die Braut schon gesehen hätte. Jemand aus Geißen hatte mich nämlich einmal besucht und bei dieser Gelegenheit meine Tochter gesehen, die er gar nicht genug loben kann. Kurz und gut, Brief hin, Brief her, ich machte mich auf und ging zu Fuß nach Geißen. Als ich dort ankam und den jungen Mann sah, war ich auf den ersten Blick entzückt! Was soll ich Euch sagen? Seitdem ich lebe und auf meinen Füßen stehe, habe ich von einem solchen Kleinod noch nicht gehört und es noch nicht mit Augen gesehen! Ich sage Euch, ein Gesicht – wie ein Prinz! Ein Kopf – wie ein Minister! Ein Mund – wie eine Perle! Eine Hand – wie Gold! Er kann lesen und schreiben, spricht wunderschön und lernt fleißig, – kurz, ein vortrefflicher Bursche, zu allem zu gebrauchen! Und Geige kann er spielen – alle Musikanten mit ihren Instrumenten können sich verstecken! Ich weiß gar nicht, wie so ein Wesen zur Welt kommt! Genug, ich war fest entschlossen und habe mir in den Kopf gesetzt, ihn zum Schwiegersohn zu nehmen, und sollte ich die Welt auf den Kopf stellen! Aber wie kann man nehmen, wenn sich etwas nicht nehmen läßt! Mir fehlte das Nötigste, und wenn man mich totschlagen wollte! Wenn ich wenigstens einen Hunderter hätte, wenigstens für den Anfang! Ihr versteht doch, was ich meine!

Der junge Mann fragte zwar nicht danach, ob ich meiner Tochter etwas mitgab oder nicht, aber der Tischler – verflucht sei sein Name! – hat sich in den Kopf gesetzt, daß, wenn selbst eine Königstochter käme, er seinen Sohn ohne Mitgift nicht zur Trauung gehen läßt, und sollte es auch deswegen zum Skandal kommen!

›Reb Mojsche Aron,‹ sagte ich, ›warum schweigt Ihr‹?

›Warum soll ich schreien?‹ erwiderte er, ›seht zu. Euch Rat zu schaffen, denn die Sache steht schlecht. Mit dem Tischler‹, fuhr er fort, ›werdet Ihr nichts erreichen, er ist ein eigensinniger Mensch. Ich wollte ihm schon gestern eins mit dem Hobel über den Kopf schlagen!‹

Hört Ihr, was sich abgespielt hat?! Der Bräutigam ging vor meinen Augen hin und her, ich. glaubte, daß mein Herz mir vor Leid springen würde, ich verging vor Schmerz, ich fühlte, daß ich es nicht aushalten, daß ich sterben würde ... Da blickte ich zum Gasthaus hinüber, – und wen sehe ich? – Reb Scholem Beer Tepliker! ›Gott selbst hat Euch hergesandt!‹ – dachte ich mir. Nicht faul mit dem Mund, eilte ich zu Euch hinüber und bot Euch einen herzlichen Gruß zum Willkommen, genau so, als ob ich es jetzt täte. Was beabsichtigte ich damit? Ich meinte, daß Ihr mich höchstwahrscheinlich fragen würdet, was' ich eigentlich in Geißen mache, und ich darauf erwidern würde: ›Eine Heiratsangelegenheit!‹ Ihr würdet weiter fragen: ›Was für eine Heiratsangelegenheit?‹, und ich würde sagen: ›Mit dem Tischler Zankel‹. Dann würdet Ahr mich fragen, was ich als Mitgift mitgebe, Und ich würde Euch antworten: ›Das ist eben der Haken, daß der Tischler einen Hunderter bar verlangt, und ich nicht einmal eine Spur von einem Hunderter habe.‹

Ich hoffte, es würde alles gut werden – versteht Ihr? Da es sich aber ganz anders abwickelte, und Ihr mich nicht einmal danach fragtet, wozu ich nach Geißen kam, war ich nicht faul und erzählte Euch selber, daß ich nicht zum Markt gekommen war, sondern in einer Heiratsangelegenheit. Ich dachte mir, nun müßtet Ihr mich fragen: ›In was für einer Heiratsangelegenheit?‹, darauf würde ich antworten: ›Mit Zankel, dem Tischler Zankel!‹ Ihr würdet weiter fragen, was ich als Mitgift gebe, und ich würde sagen: ›Das ist ja eben die Sache! ...‹ Aber wo! Kein Gedanke! Ihr habt überhaupt nach nichts gefragt. Da überlegte ich mir die Sache noch einmal und erzählte Euch selbst, wen die Heiratsangelegenheit betraf. Ich lobte den jungen Mann in den Himmel, wie er es in Wahrheit auch verdiente, – kurz, ich redete, – aber Ihr schwiegt immer noch! Ich sah, daß meine Worte Euch sehr wenig angingen, wie pflegt man doch zu sagen: in ein Ohr hinein, zum andern hinaus! Da dachte ich mir: Was soll ich hier lange Politik treiben, am besten sage ich Euch alles und ziehe, wie man zu sagen pflegt, den Zahn mit der Wurzel heraus!

Aber was erfolgte? Ihr habt mir meine Bitte abgeschlagen, mich, wie einen Toten, mit kaltem Wasser begossen!«

»Ich habe Euch mit kaltem Wasser begossen? Was habe ich Euch denn gesagt?«

»Wollt Ihr, daß ich Euch einen Beweis gebe? Eine Dummheit vergißt man nicht. Ihr habt sogar gefragt, ob ich denn Euer Verwandter sei, daß Ihr einen Hunderter an mich fortwerfen solltet?«

»Wahrscheinlich habt Ihr mir nicht gesagt, zu welchem Zweck Ihr das Geld brauchtet.«

»Und noch wie habe ich es gesagt! Ich will Euch gleich einen Beweis geben: Ihr habt mir damals nämlich erwidert: ›Und wenn Ihr den Einfall haben solltet, Euch mit Rotschild zu verschwägern?! ...‹ Und als ich Euch sagte, daß der Bräutigam Geige spielte, fragtet Ihr mich: – eine Dummheit vergißt man nicht – ›Warum gerade Geige? Warum nicht Trompete?‹ Ich kochte vor Wut, ich wollte aus der Haut fahren, und Ihr habt gespottet und faule Witze gemacht! Wahrscheinlich wart Ihr in guter Laune ...«

Der Tepliker Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik hatte sich die Geschichte angehört, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, aber er schwieg. So ausführlich erinnerte er sich der Sache nicht mehr, aber daß es sich um einen Hunderter gehandelt hatte, das wußte er bestimmt ... Er schämte sich jetzt vor sich selbst, daß er damals einem armen Juden einen Hunderter abgeschlagen hatte, obgleich es für ihn eine Kleinigkeit gewesen wäre, ihm zu helfen, weil er genug Geld hatte, während es für den Juden von größter Bedeutung war, das Geld zu bekommen.

Die Sache als solche interessierte ihn augenblicklich so sehr, daß er den roten Beril fragte:

»Nun, und was ist damals aus der Hochzeit geworden?«

»Gar nichts.«

»Was heißt: Gar nichts?«

»Der Tischler wollte nichts davon wissen, und wenn er auch dadurch das Schlimmste heraufbeschwören sollte.«

»Und Eure Tochter, das junge Mädchen?«

»Meine Tochter?! O weh mir! Sie liegt schon lange in der Erde! Ach selbst habe sie begraben, habe mein Kind ins Grab gebracht ... Das heißt ... Was konnte ich dafür? Ich konnte das Geld nicht schaffen! Ich wartete ein Jahr, ein zweites, – einen jüdischen Minister gibt es nicht ... und die Stiefmutter ... Kurz, ich habe sie mit einem Buchbinder verheiratet, einem frommen, aber sehr armen Mann, der kränklich war, an der Schwindsucht litt. Er quälte sich mehrere Jahre, dann starb er und hinterließ als Erbschaft drei Waisenkinder. Sie hat sich von ihm angesteckt und starb ein Jahr später. Nun, versteht Ihr die Geschichte? ... Und jetzt, nicht genug, daß ich unberufen Kinder aus beiden Ehen habe, muß ich noch für drei verwaiste Enkelkinder sorgen. Dafür sollt Ihr aber die Kinder sehen – unberufen! Ich weiß nicht, ob der reichste Mann so wohlgeratene Kinder hat, und wenn man in der ganzen Welt herum suchen wollte!

›Großvater, wohin führt man dich?‹ fragten die armen Kinder, als man mich verhaften ließ.

›Nach Geißen,‹ sagte ich, ›ich reise auf einen Tag dorthin. Ich bringe euch von dort Schokolade mit ...‹

Glaubt Ihr, daß sie nicht verstanden haben, daß ich eine Lüge sagte? Ihr hättet sehen sollen, wie sich alle drei um mich herumstellten, wie die Schäfchen, – aber geweint haben sie nicht! Nur ihre Äuglein füllten sich mit Tränen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was das für Kinder sind! Haman Iwanowitsch nahm aus seiner eigenen Tasche einen Gulden heraus und schenkte ihn den Kindern, damit sie sich Süßigkeiten kaufen.«

8. Kapitel. Handelt von dem Jüngling Henich und seinen Hausgenossen.

Der rote Beril brach das Gespräch zur richtigen Zeit ab, erhob sich von seinem Sitz, reckte sein krankes Bein ein wenig, trat zu Henich heran und versetzte ihm einen Nasenstüber.

»Hör nur, Schlemihl, hast du dich ausgeschlafen?«

Henich mit dem Starauge fuhr, bei dem Nasenstüber aus dem Schlaf, wischte sich die Augen und bemerkte, daß der Reiche auf ihn schaute. Da sprang er von der Erde auf und begann nach seiner Art zu stammeln:

»Eingeschlafen war ich gar nicht, ich dachte nur, ich dachte immer daran, so wahr ich ein Jude bin, daß mein Bruder David Leib älter ist als achtzehn ... Und was soll mit den Kindern geschehen?«

»Was der zusammenredet! Brennen soll er in der Hölle!« sagte der rote Beril zu dem Reichen, »ein wahrer Schlemihl! Könnt Ihr Euch vorstellen, daß ich im Vergleich mit ihm ein reicher Mann bin? Er hat es mir zu verdanken, daß sein Bruder David Leib jetzt eine gute Stelle hat und unberufen ein Gesindel von acht fressenden Mäulern ernähren kann.«

»Neun, müßt Ihr sagen!« verbesserte ihn Henich in seinem Kauderwelsch. »Zwei Brüder und eine alte Mutter, ein dreizehnjähriges Mädchen in Stellung, noch ein Brüderchen, ein kleines in einem Geschäft, und noch Mädchen ... zwei kleine ... und ein Junge in der Schule, und dann, wo bleibe ich?«

»Du bist in der Erde!« erwiderte Beril, »warst immer ein Pferd und bleibst ein dummes Tier. Wie Ihr Ihn hier seht,« wandte sich Beril an den Reichen, »den Tölpel, hat er einen Bruder, David Leib, der im Vergleich zu ihm ein Minister ist, das heißt, sehr klug ist er auch nicht, er ist ein Durchschnittsmensch, also kein großer Geist und kein Narr. Eine Eigenschaft hat er, er ist ehrlich, das heißt, sie sind alle ehrlich und stehlen den Leuten auf dem Markt die Semmeln nicht aus den Körben.

Eines Tages kam David Leib zu mir und erzählte mir eine lange Geschichte: In Geißen wurde eine Konditorei eingerichtet, und zwar gehörte sie Reb Salomon Radomysler. Reb Salomon Radomysler ist ein Anhänger des Sadagurer Rabbi, ebenso wie ich, und sein Vater Beni Tellerleker, Gott habe ihn selig, gehörte auch zu den Anhängern des Sadagurer Rabbi. Aus diesem Anlaß wollte David Leib, daß ich Reb Salomon Radomysler aufsuche und bei ihm erwirke, daß er David Leib in seiner Konditorei anstelle.

›Was für eine Stelle kannst du eigentlich bekleiden?‹ fragte ich ihn, und er erwiderte: ›Gleichviel, welche Stelle, wenn es nur eine Stelle ist.‹ ›Stehen sollst du, bis du verschimmelst,‹ versetzte ich und fragte: ›Was verstehst du eigentlich?‹ ›Was ich verstehe?‹ sagte er, – ›Alles: Ich kann rechnen, Bücher führen, schreiben, was nur zu schreiben ist! ...‹ ›Wie?‹ rief ich, ›wo hast du denn das alles gelernt?‹ ›Von selbst,‹ erwiderte er und zog einen Bogen Papier heraus, den er mir gab, damit ich Reb Salomon seine Handschrift zeige. Kurz und gut, er hat mir so lange zugesetzt, bis ich ihn zum Kuckuck verwünschte und mich auf den Weg zu Reb Salomon Radomysler nach Geißen aufmachte, und zwar ... wie sagte doch Haman Iwanowitsch? ... auf Schusters Rappen. Als ich bei Reb Salomon in Geißen ankam, wurde ich gar nicht vorgelassen. ›Warum! nicht?‹ fragte ich. Wenn ich nicht in einer wichtigen Sache käme, dann hatte Reb Salomon keine Zeit, erwiderte man nur, es müßte schon eine geschäftliche Angelegenheit sein und dann sollte ich mich ins Kontor bemühen. Ich überlegte mir die Sache. Pfui! Die ganze Angelegenheit paßte mir nicht ... Was sind das für Redensarten: keine Zeit? Geschäftliche Angelegenheiten ... Kontor ... Zwischen uns, den Anhängern des Sadagurer, gibt's nicht solche Faxen! – ›Geht,‹ sagte ich zu dem Angestellten, ›und sagt Reb Salomon, daß ich, der rote Beril aus Teplik, in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu ihm gekommen bin, nicht gerade geschäftlich, – aber ich möchte ihn sofort sprechen, denn ich habe keine Zeit!‹ Da sagte man mir: ›Reb Salomon betet, er hat eben mit dem Vorgebet begonnen.‹ ›So, dann ist das etwas anderes!‹ erwiderte ich. ›Vorgebete verrichte ich auch, beim Vorgebet ist es erlaubt, von anderen Dingen zu sprechen und sogar Geschäfte abzumachen.‹ Aber er war ein reicher Mann, vor dem Mann Respekt haben muß. Wenn ich ein reicher Mann wäre, hätte die ganze Welt vor mir Respekt ... Kurz und gut, ich setzte mich also hin und wartete. Ich wartete eine Stunde, zwei, drei Stunden, noch dazu draußen vor der Tür. Es nahm kein Ende. Ich sah Menschen hineingehen und herauskommen, hin- und hergehen ... Aus der Küche brachte man Samovare und allerlei gute Sachen ... Da dachte ich mir: Die Sache taugt nicht! ... Man soll mich so bei der Nase herumfuhren – das paßt mir ganz und gar nicht. – Ich überlegte nicht lange, – sollte ich auf die Ehre warten, gerufen zu werden? – öffnete die Tür, trat ins Zimmer und begrüßte Reb Salomon: ›Friede mit Euch, Reb Salomon! ‹

›Friede mit Euch,‹ erwiderte Reb Salomon.

›Woher seid Ihr?‹

›Aus Teplik,‹ antwortete ich. ›Erkennt Ihr mich nicht? Ich heiße Beril. Wir waren früher beide in Sadagura.‹

›Es kann sein,‹ sagte er, ›aber ich kannte Euch damals nicht und kenne Euch jetzt auch nicht. Mein Augenlicht ist nämlich schwach, – ich will es Euch nicht wünschen ... Ich war bei Dr. Mandelstamm, der mir eine blaue Brille verschrieb und mir verordnete, nicht zu lesen und zu schreiben und den Sonnenschein zu vermeiden ...‹

›Ach,‹ dachte ich mir, ›Reb Salomon, Ihr macht mir etwas vor‹, und ich sagte zu ihm: ›Hört mich an, Reb Salomon, es handelt sich um folgendes: Ihr kanntet doch Beni?‹

›Was für einen Beni?‹ fragte er mich. ›Beni Tellerleker aus Teplik,‹ sagte ich. ›Nein,‹ sagte er, ›ich höre diesen Namen zum erstenmal.‹ ›Was taugen die faulen Ausreden, Reb Salomon?‹ sagte ich. ›Ihr kanntet ihn sehr gut, wir haben zusammen bei Sadagura Wein getrunken und bei dem Rabbiner auf dem Tisch herumgetanzt und uns sogar auch geküßt. Beni ist bereits im Jenseits, Friede seiner Asche, er ist vor kurzem gestorben ... Euch wünsche ich ein langes Leben ...‹

Als Reb Salomon das Wort ›gestorben‹ gehört hatte, war er mit einem Male wie verwandelt. Die reichen Leute müssen wohl große Angst vor dem Tode haben! ... Er sagte also zu mir:

›Was wollt Ihr eigentlich von mir?‹

›Was ich will? Ich will nur den Wunsch eines Toten erfüllen. Der genannte Beni Tellerleker Ehre seinem Andenken, rief mich und einige andere Juden wenige Stunden vor seinem Tode zu sich und erzählte uns folgendes: Er sei mehrere Male bei Euch in Geißen gewesen und wollte mit Euch etwas besprechen, aber er wurde nicht vorgelassen. Da er ein bescheidener und schüchterner Mensch und nicht zudringlich war, so machte er kehrt und ging wieder nach Hause. Jetzt, da er eine Wanderschaft antrete, von der man nicht zurückkehrt, nehme er von jedem besonders Abschied und bitte, zuerst dem Wunderrabbi und dann Euch einen Gruß auszurichten und Euch zu bestellen, daß er auf Euch baut, daß Ihr seine Witwe und seine Waisen nicht verlassen und für sie sorgen werdet.‹

›Was kann ich für sie tun?‹ fragte er mit einer Bewegung, als wollte er in die Tasche greifen.

Da dachte ich mir: Ein Almosen will er geben? Almosen gibt man nur bei einem Begräbnis! Pfui! Ich sagte ihm rund heraus, er solle dem ältesten Sohn, David Leib, in seinem Geschäft eine Stellung verschaffen. Wenn ein reicher Mann das Wort ›Stellung‹ hört, erschrickt er zu Tode.

›Woher soll bei mir eine Stellung frei sein? Wo soll ich sie hernehmen? Bei mir ist alles besetzt,‹ sagte er.

›Das könnt Ihr einem anderen erzählen, nicht mir,‹ erwiderte ich, ›zu mir dürft Ihr nicht so reden ... Ihr müßt Benis Sohn ohne Widerspruch aufnehmen. ... Er kann rechnen, Bücher führen und schreiben, was man braucht ... Und nun laßt mir einen Schluck Schnaps und einen Imbiß geben, weil ich heute noch nichts im Munde hatte.‹ Kurz, was soll ich Euch lange erzählen, die Sadagurer sind untereinander sehr vertraulich, – er versprach mir, David anzustellen. Ich begab mich wieder nach Hause und schickte David Leib zu ihm. Er kam nicht gleich an, sondern mußte noch lange Zeit warten, weil Reb Salomon, – wie er ihm sagte – über die Anstellung mit seinem Sohn Jossel sprechen mußte, der zurzeit abwesend war. Als Reb Jossel kam, war Reb Salomon fort. Aber schließlich wurde er, David, angestellt, und jetzt ist er dort unentbehrlich.«

»Kassierer ist er,« bemerkte Henich und erklärte in seiner Sprache, was das bedeute: Er habe mit Geld zu tun, das heißt er nimmt Geld ein und gibt Geld heraus.«

»Ich danke dir, daß du uns erklärt hast, was ›Kassierer‹ bedeutet, sonst hätten wir es nicht gewußt,« sagte zu ihm der rote Beril und näherte sich dabei dem Etappenführer, den er bei der Jacke zog und weckte.

»He, Lawrij, in die Erde mit dir! Wir wollen langsam weitergehen!«

Lawrij folgte ihm, erhob sich langsam von der Erde, hielt die Hand vor die Augen und blickte zum Himmel, wie hoch die Sonne wohl stehe; dann nahm er seinen Stock, zählte die drei Arrestanten und begann, weiterzumarschieren.

9. Kapitel. Der reiche Mann tut Buße.

Die Sonne neigte sich tief über den Berg, um in wenigen Minuten zu verschwinden, die Hitze ließ nach, und die Etappe näherte sich Gronow, der ersten Station der Wanderschaft. Bevor die drei Arrestanten die Stadt betraten, stellten sie sich außerhalb der Stadt vor eine Windmühle, das Gesicht nach Norden gekehrt, und verrichteten ihr Gebet.

Lawrij stand, auf seinen Stock mit der eisernen spitze gestützt, die Mütze in den Nacken geschoben, und sah zu, wie die Juden wackelten und sich in die Brust schlugen. Am andächtigsten betete der Reiche.

Scholem Beer Tepliker aus Teplik hatte schon lange nicht so eifrig sein Gebet verrichtet, wie jetzt; er schlug sich wirklich in die Brust: »Ich habe gesündigt, ich habe Verbrechen geübt! Ich habe geraubt!« kam es aus dem Innersten seines Herzens. Er bereute, daß er an den Menschen Sünde begangen hatte, daß er armen Juden helfen konnte und es nicht getan hatte, daß er sie vielleicht glücklich machen konnte und es unterlassen hatte. Warum? Er wußte es selbst nicht!

Er begann sich mit dem Habenichts, dem roten Beril, zu vergleichen und schämte sich vor sich selbst. Obgleich der arme Teufel kaum so viel hätte, um einen Tag davon zu leben, war er nicht zu faul, für einen anderen einen, weiten Weg zu Fuß zu machen, sich vor einem reichen Mann zu erniedrigen, sich demütigen zu lassen, um einem armen Juden eine Gefälligkeit zu erweisen. Und er selbst? – Scholem Beer Tepliker aus Teplik wollte von fremdem Leid nichts sehen und nichts hören, er war immer kalt wie Eis geblieben. Nun tat es ihm leid, daß er es so weit hat kommen lassen, am meisten aber verdroß ihn die Heiratssache während des Jahrmarkts in Geißen ... Er fühlte, daß er, Scholem Beer, ein großer Schuldner dem roten Beril gegenüber war. Vielleicht hatte er gar an dem Tode seiner Tochter einen Anteil? Denn wenn er damals Berils Bitte erfüllt hätte, wenn er ihm wenigstens sein Mitgefühl, ein wenig Liebe gezeigt hätte, während ihm das Messer an der Kehle lag, dann hätte seine Tochter vielleicht jetzt noch gelebt und wäre glücklich gewesen ... Scholem Beer fühlte, daß, obwohl er das Verbrechen nicht verschuldet hatte, er jetzt gern ein Opfer bringen würde, um den Makel aus jener Zeit zu verwischen und das Versäumte gutzumachen ... Er würde sich dadurch Erleichterung verschaffen. Nur wußte er nicht, wie er es anfangen sollte.

Er vertiefte sich in sein Gebet: Sein ganzes Leben erstand vor seinen Augen, wie ein Grab. Zum erstenmal im Leben grübelte er über diese Dinge, zum erstenmal betrachtete er sich wie in einem Spiegel, er sah sich bis ins Innerste und konnte nicht begreifen, wieso er bis jetzt mit solcher Blindheit geschlagen war, wieso er sich für einen ehrlichen Juden und anständigen Menschen halten konnte, wieso er glauben konnte, daß es genügte, wenn er jeden Tag betete und von Zeit zu Zeit einen Sechser als Almosen fortgab ...

Und der Tepliker Millionär, Scholem Beer Tepliker aus Teplik, begann sich zu erinnern, in welcher Weise er »Almosen spendete«, wie er mit jedem Groschen, dem man ihm gewaltsam entreißen mußte, geizte. Er erinnerte sich, wie er einmal eine Thorarolle für die Synagoge spendete, weil er kinderlos war. Er wollte hiermit sein Seelenheil erkaufen, weil ja niemand für ihn das »Seelengebet« nach dem Tode verrichten würde. Er schrieb das obligate Schlußwort in der Thora, wie es sich für den Spender ziemte, gab ein anständiges Festessen, zechte die ganze Nacht, und als am nächsten Tag der Schreiber der Thorarolle, Reb Samson, zu ihm kam und ihn um eine Anleihe bat, wies er ihn wie einen Toten ab ...

Noch viele ähnliche schöne Dinge fielen ihm jetzt ein; heiße Flammen loderten in ihm auf vor Scham, die er für sich selbst und andere, ähnliche reiche Juden empfand, die auf ihr Geld so versessen waren und sich von ihm nicht trennen konnten.

Scholem Beer fühlte, daß seine Seele bis jetzt geschlummert, daß sein Herz bis zu diesem Tage wie unter einer Eispresse gelegen hatte. Kein Tropfen Wärme, keine Spur von Mitleid. Wenn er jetzt etwas für Beril tun könnte, etwas, das seinen großen Fehler wieder gutmachen, seine Sünde verringern und seine Schuld vernichten könnte! ... Aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Er schaute tief in sein Herz und in seine Seele hinein und begriff nicht, welchen Wert sein Leben hatte, was er bis jetzt geschaffen hatte ... Er hatte sechsundfünfzig Jahre, also mehr als dreiviertel seines Lebens hinter sich, hatte um das Dasein gekämpft, Groschen auf Groschen gehäuft, anderen nichts gegeben und sich selbst auch nichts gegönnt. Wem würde er sein Vermögen hinterlassen? Kinder hatte er nicht, die Verwandten haßten ihn und würden ihn m einem Löffel Wasser ertränken, wenn sie könnten.

Scholem Beer hielt Überschau über sein Leben und dachte darüber nach, warum er wohl so viele Feinde hätte; warum die Welt so wenig von ihm hielt? Lang vergessene Gedanken, die im tiefsten Innern seiner Seele verborgen lagen, stiegen auf und machten sein Herz beklommen; er gelobte sich, wenigstens im Alter ein besserer Mensch zu werden, seine Seele weitete sich, sein Herz regte sich, seine Augen begannen zu leuchten und sahen, was sie bisher niemals geschaut hatten; er fühlte, was er bisher nie empfunden hatte, – er fühlte sich wie neugeboren, so frisch und lebendig wie noch nie in seinem Leben.

Nachdem unsere Arrestanten ihr Gebet verrichtet hatten, setzten sie den Etappenweg fort.

Beril hüpfte auf einem Fuß und spottete über Henich, während der Reiche, in Gedanken versunken, immer schneller ging. In seinem Kopf schwirrten allerlei Gedanken, sein Herz floß von Gefühlen über! Etwas klärte sich, löste sich, gestaltete sich in ihm.

»Was lauft Ihr so?« fragte ihn der rote Beril. »Ihr rennt ja so, daß ich mit meinem lahmen Fuß nicht nachkommen kann.«

»Fällt es Euch schwer, zu gehen, Reb Beril?« entgegnete ihm der Reiche so weich, wie Beril es von ihm noch nie gehört hatte.

»Stützt Euch auf mich, nehmt meine Hand, wenn Gott gibt, daß wir in Frieden nach Hause kommen, dann sollt Ihr bei mir vorsprechen, und du auch, Henich, ich brauche Euch nötig, ich muß Euch etwas Wichtiges sagen.«

Beril konnte sich nicht vorstellen, was für eine wichtige Sache Scholem ihnen zu sagen hatte und warum sie erst zu ihm kommen sollten. Warum sagte er es nicht jetzt gleich? Warum war er plötzlich so weich geworden?

Henich war überhaupt wie bestürzt, er sperrte den Mund weit auf und konnte nicht begreifen, wozu ihn der Reiche hatte kommen lassen. Er trat vor ihn hin und fragte:

»Werdet Ihr Euch erbarmen, werdet Ihr David Leib befreien?«

»Gleichviel,« erwiderte der Reiche, »wenn er nicht loskommen sollte, sorge ich für Euch; für euch alle ... Stützt Euch auf mich, Beril, es fällt Euch schwer zu gehen.«

Als die Etappe in Gronow einzog, war die Sonne schon untergegangen und hatte mir einen breiten goldenen Streifen am weiten Himmel zurückgelassen.

Unsere Leute wurden mit Musik empfangen, einem Chor von quakenden Fröschen und meckernden Ziegen – und Schafherden, die eine dichte Staubwolke aufwirbelten. Das war ein Glück, denn dank der Gronower Ziegenherde ließen die Gronower Juden die Etappe unbemerkt vorüberziehen, ohne zu erkennen, wer durch die Stadt geführt wurde. Sonst hätten die Gronower Juden den Etappenzug angeglotzt und ihn mit ebensolchem Aufsehen hinausbegleitet, wie es später in Michalowka, Mitschulka, Krasnopielke, Dschakowitz und in den übrigen Etappenstädten geschah, die zwischen Teplik und Geißen gelegen waren.

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