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Aus dem nahen Osten

Scholem Aleichem: Aus dem nahen Osten - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorScholem Alejchem
titleAus dem nahen Osten
publisherBenjamin Harz Verlag
year1922
translatorStephanie Goldenring
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidf2ceb9bc
wgs9110
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Der Deutsche.

Wie ich euch bereits gesagt habe, stamme ich aus Draschna, versteht ihr, aus Draschna. Draschna ist ein Städtchen im Gouvernement Podolien, ein ganz kleines Städtchen. Heute ist Draschna – man kann sagen – schon eine ansehnliche Stadt mit Eisenbahn und Bahnhofsgebäude ...

Als Draschna Eisenbahnstation wurde, hat uns die ganze Welt beneidet. Eisenbahn – Kleinigkeit! ... Man glaubte, es würde eine Goldgrube werden, man würde das Gold mit vollen Händen schöpfen, man würde einfach glücklich werden!

Juden kamen aus den Dörfern in die Stadt gefahren, die Hausbesitzer begannen ihre Häuser umzubauen, neue Läden einzurichten, die Fleischsteuer wurde erhöht, und man dachte bereits daran, einen neuen Schächter zu nehmen, ein neues Bethaus zu bauen und ein Stück Feld zu kaufen, um einen neuen Friedhof anzulegen, – es herrschte Jubel und Freude! Es war ja auch Grund genug, sich zu freuen! Man bekam die Eisenbahn, eine Bahnhofsstation und ein Bahnhofsgebäude. Im Anfang lehnten sich die Kutscher auf und waren mit dieser Neuerung sehr unzufrieden. Aber wer fragt nach ihnen? Das Geleise wurde gelegt, Waggons wurden herbeigeschafft, ein Bahnhofsgebäude errichtet, eine Signalglocke angebracht und ein großes Schild mit der Aufschrift »Draschna« ... Nun mach einer was!

Als die Eisenbahn in Gang gebracht wurde, sagte meine Frau zu mir:

»Was gedenkst du zu tun, Jojnele?«

»Was soll ich tun?« erwiderte ich, »dasselbe, was die anderen Juden tun. Alle Juden von Draschna drehen sich bei der Bahn, so werde auch ich mich dort herumdrehen.« Hierauf, nahm ich meinen Stock, ging nach dem Bahnhof und wurde mit Gottes Hilfe Spediteur. Was ist ein Spediteur? ... Spediteur sein heißt folgendes: Einer handelt mit Getreide und muß es in Waggons laden und fortschicken. Hierfür gibt es einen Spediteur. Da aber fast sämtliche Draschner Juden Spediteure geworden sind, so ist das sehr schlimm. Man quält und windet sich, man kauft von irgendeinem Besitzer einen Sack Getreide und verkauft ihn sofort wieder von Hand zu Hand, dabei verdient man oder setzt auch Geld zu; manchmal vermittelt man auch einen Verkauf und verdient eine kleine Provision, wenn's glückt. Man fängt dies und jenes an ... aber es geht schlecht, es gibt nichts zu tun! Nun, was wollt ihr, früher gab es ja auch nichts zu tun! Nur als es keine Bahn gab, meint ihr, war man darüber nicht so ungehalten. Was nützt uns also die Eisenbahnstation mit dem Bahnhofsgebäude, der Glocke und dem ganzen Tumult! Da geschah folgendes: Ich stand eines Tages auf dem Bahnhof, sorgenvoll, als gerade der Personenzug abgehen sollte. Die dritte Glocke war bereits ertönt, die Lokomotive hatte wiederholt gepfiffen, aus dem Schornstein stieg eine dicke Rauchwolke ... Ich warf einen Blick auf den Perron und bemerkte einen vornehmen Herrn, groß gewachsen, schlank, mit schwarzweißkarierten Beinkleidern, einen steifen Hut auf dem Kopf und mit großem Reisegepäck. Er stand mit vorgestrecktem Hals und sah sich wie ein Sünder nach allen Seiten um.

›Dieser Herr kann dich gebrauchen,‹ dachte ich mir und hatte das Gefühl, als ob mich jemand am Rockzipfel fasse. ›Jojne‹, sagte ich mir, ›sprich ihn an und frage ihn, ob er etwas braucht.‹

Kaum hatte ich mich von meinem Platz gerührt, als er mir bereits entgegenkam, den Hut zog und mich auf deutsch, mit langgedehnter Betonung anredete:

»Guten Morjen, mein Herr!«

»Ein gutes Jahr wünsche ich Euch,« erwiderte ich halb deutsch, halb jiddisch und den Rest mit den Händen. Ich fragte ihn, von wo er käme. Darauf entgegnete er mir, ob ich ihm nicht ein passendes Quartier, ein Hotel, empfehlen könne. »Gewiß,« erwiderte ich. »Warum soll ich es Ihnen nicht empfehlen können?« und bedauerte im stillen, daß ich nicht selbst ein Hotel hatte und daß ich ihn nicht in mein Hotel führen konnte. Solch ein feiner deutscher Herr! Bei dem war etwas zu verdienen! Aber im selben Augenblick ging es mir durch den Kopf: ›Dummkopf! Steht dir denn an der Stirn geschrieben, daß du kein Hotel hast?! Stell dir vor, daß du ein Hotel hättest.‹ Und ich sagte zu dem Fremden halb deutsch, halb jiddisch und den Rest mit den Händen:

»Wenn Sie wullen, mein Harr, lassen Sie nehmen einen Fuhrmann, da werd ich Sie führen nach dem besten Hotel, einem Hotel ersten Ranges.«

Als der Deutsche das hörte, war er sehr erfreut und zeigte mit der Hand auf den Mund:

»Gibt es dort auch zu essen? Kann man dort speisen?«

»Die besten Speisen,« erwiderte ich, »Sie werden mit Gottes Hilfe Vergnügen haben, Herr Deutscher, denn meine › plonis‹, das heißt, meine Frau, ist eine ausgezeichnete Wirtin ... Sie ist berühmt wegen ihres Kochens und ihres Backens ... Ihre Fische könnte der ›Melech‹ essen, will sagen der König Ahasverus.«

»Jawohl,« erwiderte der Deutsche freudig mit leuchtenden Augen und einem Gesicht, das wie die Sonne strahlte.

›Ein schlauer Mann, dieser Deutsche,‹ dachte ich mir und bestellte ohne lange Umstände einen Wagen, in dem ich ihn direkt in mein Haus brachte.

Als ich zu Hause angelangt war, teilte ich meiner Frau mit, daß Gott mir einen ganz besonderen Gast, einen Deutschen, zugeschickt habe.

Aber was versteht eine Frau davon? Sie fing auch wirklich an zu schimpfen, weil wir zur ungelegenen Zeit kamen, als die Stube gerade aufgeräumt wurde.

»Was für einen Gast so plötzlich mitten drin?« rief sie.

»Sei still, Frau, sprich nicht jiddisch, denn der Herr versteht alles,« flüsterte ich ihr zu.

Aber sie hörte nicht auf mich, fuhr fort, die Stube auszukehren, daß uns der Staub ins Gesicht flog, und knurrte ... Sie knurrte, und ich stand mit meinem deutschen Gast vor der Tür und konnte nicht hin und nicht her. Mit der größten Anstrengung gelang es mir endlich, ihr klarzumachen, daß es kein Gast für umsonst war, sondern für Geld, daß man sogar schön an ihm verdienen konnte.

Aber nachdem ich auf sie gut eingeredet hatte, entgegnete sie:

»Wo soll ich ihn hinlegen? In die Erde? ...«

»Sei doch still, törichtes Weib!« erwiderte ich, »ich sage dir doch, du sollst nicht reden, der Herr versteht alles!«

Jetzt erst verstand sie, was ich meinte. Wir stellten ihm unsere Schlafstube zur Verfügung. Meine Frau wärmte sofort den Samovar und begann, das Abendessen zu kochen.

Als der Deutsche die Schlafstube sah, rümpfte er die Nase, als wollte er sagen: – Es könnte schöner sein! – Aber was versteht solch ein Deutscher davon?! Als der Samovar auf den Tisch kam und der Tee aufgebrüht wurde, nahm er ein Fläschchen feinen Rum aus seiner Handtasche, trank ein Gläschen, schenkte mir auch eins ein, und sah nach diesem Trunk alles mit anderen Augen an; er packte seine Koffer aus und machte es sich bequem, als wäre er bei sich zu Hause. Wir wurden bald gute Freunde.

Nach dem Tee begann ich mit ihm ein Gespräch, was ihn hierherführe, womit er handele, ob er vielleicht etwas kaufen oder verkaufen wolle. Aber es stellte sich heraus, daß er nichts benötigte. Er bemerkte mir flüchtig, daß er Maschinen zu befördern habe.

›Unsinn!‹ dachte ich mir. Er aber blickte während des Gespräches fortwährend nach dem Herd und fragte jeden Augenblick, ob das Essen nicht bald fertig sei.

»Sie machen sich wohl sehr viel aus dem ›Achilah‹, dem Essen, Herr Deutscher?!« sagte ich zu ihm.

Er antwortete etwas ganz Verkehrtes ... Ein Deutscher versteht eben nicht, was man zu ihm spricht! Wir redeten hin und her, bis endlich der Tisch gedeckt war und das Abendessen vorgesetzt wurde: Eine frische Suppe mit Mandeln, zum Erquicken, ein ganzes Huhn mit feinem Gries, Karotten, Petersilie und einer Menge allerlei Zutaten ... Wenn meine Frau will, kann sie nämlich sehr gut kochen ...

»Gesegnete Mahlzeit,« sagte ich, aber er antwortete mit keiner Silbe und stürzte sich auf das Huhn, wie nach einem Fasttag. »Guten Appetit,« sagte ich wieder, er aber schlürfte seine Suppe mit Wohlgefallen. Hätte er wenigstens eine Silbe gesagt, ein Wort des Dankes! Aber wo! ›Ein Grobian!‹ dachte ich, ›ein verfressener Kerl!‹

Schließlich hatte er fertiggegessen, steckte eine lange Pfeife an und saß lächelnd da. Ich sah, wie sich der Deutsche nach allen Seiten umblickte und wahrscheinlich nach einem Platz suchte, wo er den Kopf niederlegen würde, denn die Augen fielen ihm zu. Er wollte wahrscheinlich wissen, wo sein Nachtlager sich befand. Ich machte meiner Frau ein Zeichen: »Wo macht man ihm ein Bett? Wo wird er schlafen?«

»Wo soll er schlafen?« erwiderte sie, »in meinem Bett!«

Ohne lange Umstände begann sie das Bett zurechtzumachen und die Kissen durchzuschütteln, wie es sich gehört Meine Frau versteht alles, wenn sie will ...

Aber ich, merkte, daß mein Deutscher nicht sehr entzückt war, wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, daß die Federn herumflogen, denn seine Nase begann zu zucken, und er fing an, furchtbar zu nießen.

»Gesundheit!« rief ich ihm zu. Glaubt ihr etwa, daß er mir antwortete?

Kein Gedanke. ›Ein Grobian,‹ dachte ich mir, ›ein wilder Mensch!‹

Meine Frau machte ihm das Bett zurecht, mit vielen Kissen, bis zur Decke hoch, ein König hätte darin liegen können! ...

Meine Frau kann alles, wenn sie will ... Dann verabschiedeten wir uns von ihm, wünschten »Gutenacht« und gingen schlafen.

Während wir uns zur Ruhe begaben, hörte ich, wie mein Deutscher fest eingeschlafen war, mit einer merkwürdigen Stimme schnarchte, wie eine Lokomotive atmete und pfiff und röchelte wie ein Ochs beim Schlachten. Doch plötzlich erwachte er, krächzte und räusperte sich, pustete und spuckte, kratzte sich und brummte, dann drehte er sich auf die andere Seite, schnarchte, atmete laut, pfiff und röchelte und erwachte wieder krächzend, stöhnend, blasend, kratzte sich, spuckte um sich und brummte. Das wiederholte sich mehrere Male, bis er schließlich aus dem Bett sprang. Ich hörte, wie die Betten zur Erde flogen, wie er ein Kissen nach dem anderen aus dem Bett warf, mit furchtbarer Wut und lautem Fluchen: »Zum Teufel! Sakrament! Donnerrwetterrrrrr!«

Ich eilte zur Tür, guckte durch eine Ritze und sah, wie der Deutsche im Adamkostüm im Zimmer stand, die Kissen und die Federbetten aus dem Bett schleuderte und spuckte und in seiner Sprache fluchte, daß Gott einen davor behüten möge!

»Was ist geschehen, Herr Deutscher?« rief ich und öffnete die Tür. Wie vom Teufel besessen, stürzte er mit geballten Fäusten auf mich zu und wollte mich umbringen. Er faßte mich bei der Hand, führte mich ans Fenster und zeigte mir, wie sein ganzer Körper zerbissen war; dann jagte er mich hinaus und schlug die Tür zu. »Ein verrückter Deutscher!« sagte ich zu meiner Frau, »er muß sehr verwöhnt sein! Es schien ihm, daß er gebissen wurde und macht ein Spektakel, als ob die Welt unterginge!«

»Wie ist so etwas möglich? Das wundert mich!« erwiderte meine Frau.

»Zu Ostern wurden die Betten doch erst gereinigt und die Bettstelle mit Petroleum ausgepinselt.«

Am nächsten Morgen glaubte ich, daß mein Deutscher wütend über alle Berge laufen würde. Aber kein Gedanke! Er rief wieder sein »Guten Morjen«, lächelte wieder, paffte wieder seine Pfeife und ließ sich wieder Essen kochen. Zum Tee bestellte er sich weiche Eier ... Was glaubt ihr, wieviel Eier? ... Extra zehn Stück ... Dazu trank er seinen Schnaps und bot mir auch einen an. Ein feines Leben!

Am Abend wiederholte sich dasselbe Spiel. Zuerst fauchte und schnarchte er, atmete und blies und röchelte, dann krächzte und stöhnte er, spuckte, kratzte sich und brummte; endlich erwachte er, warf die Kissen aus dem Bett, spie voll Ekel um sich und fluchte in seiner Sprache: Zum Teufel, Sakrament, Donnerrrwetterrr! Des Morgens stand er auf, bot uns wieder sein »Guten-Morjen«, paffte seine Pfeife, lächelte wieder, aß mit Appetit, trank einen Schnaps dazu, bot mir ebenfalls ein Glas an, – und so ging es mehrere Tage hintereinander, bis der Tag kam, an dem die Maschinen glücklich unseren Ort passiert hatten und er abreisen sollte.

Als die Stunde seiner Abreise nahte, und der Deutsche seine Sachen zu packen begann, sagte er mir, ich möchte ihm die Rechnung geben.

»Was ist da viel zu rechnen, Herr Deutscher,« erwiderte ich. Die Rechnung ist sehr einfach. Sie schulden mir rund fünfundzwanzig Rubel.«

Er glotzte mich an, als wollte er sagen: ›Was? ... Ich verstehe nicht!‹ Da sagte ich zu ihm auf deutsch: »Sie werden die Güte haben und bezahlen einen Fünfundzwanziger! 25 ›Kerblech‹, das heißt fünfundzwanzig Rubel.« Dabei zeigte ich ihm mit den Fingern: zehn, noch einmal zehn und dann fünf ... Glaubt ihr etwa, daß er überrascht war? Gott behüte! Er paffte seine Pfeife ungestört, lächelte und sagte, er möchte nur wissen, wofür er fünfundzwanzig Rubel zu bezahlen habe. Hierbei nahm er einen Bleistift zur Hand und bat mich, für jedes eine besondere Aufstellung zu machen.

›Du bist sicher ein schlauer Kopf‹ dachte ich, ›aber Verstand habe ich mehr als du! In deinem ganzen Kopf steckt nicht so viel, wie bei mir in meinem kleinen Finger!‹ »Schreiben Sie, bitte, Herr Deutscher,« sagte ich zu ihm: »Logis: sechs Tage zu anderthalb Rubel macht neun Rubel; sechsmal zwei Samovare macht zwölf Samovare zu einem halben polnischen Gulden – – macht 90 Kopeken; sechsmal ungefähr zehn Eier des Morgens und ungefähr zehn Eier des Abends sind 120 Eier, also zwei Schock, zu einem Rubel das Schock, – macht zwei Rubel; sechs Suppen, sechs Hühner zu fünf polnischen Gulden (75 Kopeken) ausschließlich der Graupe, der Mandeln, der Petersilie, diesem und jenem und allerlei anderen Zutaten macht rund sechs Rubel; sechs Abende – sechs Lampen macht 60 Kopeken; Schnaps haben Sie von Ihrem eigenen getrunken – macht zwei Rubel, zusammen vier Rubel; Bier wurde überhaupt nicht getrunken – macht 70 Kopeken. Also alles zusammen für Getränke ungefähr fünf Rubel. Um die Summe rund zu machen, schreiben wir fünf Rubel fünfzig Kopeken. Nun, Herr Deutscher, macht das zusammen nicht fünfundzwanzig Rubel?« sagte ich zu ihm ganz ernst. Glaubt ihr, er hat mir mit einer Silbe geantwortet? Gott behüte! Er paffte seine Pfeife weiter, lächelte, nahm fünfundzwanzig Rubel und warf sie mir hin, als ob es drei Rubel wären, verabschiedete sich sehr herzlich und ging zur Bahn ... »Was sagst du zu solch einem Deutschen, Frau?«

»Möge Gott uns jede Woche einen solchen Deutschen zuschicken, das wäre gar nicht übel!«

Der Deutsche reiste ab. Nach drei Tagen kam der Briefträger und brachte mir einen Brief, für den er vierzehn Kopeken Porto verlangte.

»Warum muß ich vierzehn Kopeken zahlen?« fragte ich.

»Der Absender vergaß, eine Marke aufzukleben,« antwortete der Briefträger.

Ich zahlte die 14 Kopeken und öffnete den Brief. Er war deutsch geschrieben. Ich konnte kein Wort entziffern. Ich trug den Brief von einem zum anderen. Aber kein Mensch konnte deutsch lesen. Ein wahres Unglück! Nachdem ich das ganze Städtchen abgerannt hatte, fand ich mit größter Mühe endlich einen Apothekerprovisor, der Deutsch lesen konnte. Er las mir den Brief vor und erklärte nur, daß der Brief von einem Deutschen kam, der mir für das vortreffliche und ruhige Logis und für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er bei uns gefunden und die er niemals vergessen würde, herzlich danke.

›Meinetwegen,‹ dachte ich mir, ›sehr schön! Wenn du zufrieden bist, freut es mich!‹

Zu Hause erzählte ich es meiner Frau und sagte:

»Was meinst du zu diesem Deutschen? Unberufen, ein furchtbarer Narr!«

»Gott soll uns jede Woche einen solchen Deutschen schicken!« erwiderte meine Frau, »das wäre nicht übel!«

Wieder verging eine Woche. Als ich eines Tages vom Bahnhof nach Hause kam, übergab mir meine Frau einen Brief, für den der Briefträger 28 Kopeken verlangt hatte.

»Wieso 28 Kopeken?« fragte ich erstaunt.

»Der Briefträger wollte den Brief nicht anders herausgeben,« erwiderte sie.

Ich öffnete den Brief. Wieder deutsch. Ich lief zu meinem Provisor und bat ihn, er möchte mir den Brief vorlesen. Er las ihn. Wieder schrieb derselbe Deutsche, er wäre auf der Reise nach seiner Heimat, hätte soeben die Grenze passiert und danke mir für das vortreffliche und ruhige Logis und für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er bei uns gefunden, und die er niemals vergessen würde.

›Ich wünsche, er hätte meine Sorgen,‹ dachte ich mir. Als ich nach Hause kam, fragte mich meine Frau, was das für ein Brief wäre.

»Wieder von dem Deutschen,« erwiderte ich, »er kann die Gefälligkeit nicht vergessen, die wir ihm erwiesen haben! Der verrückte Deutsche!«

»Wenn Gott uns jede Woche solche verrückte Deutsche zuschicken wollte, wäre es nicht übel!« entgegnete meine Frau.

Wieder vergingen zwei Wochen, da bekam ich einen Brief von riesigem Format, für den ich 56 Kopeken bezahlen sollte. Diesmal wollte ich nicht zahlen.

»Wie Sie meinen,« sagte der Briefträger und nahm den Brief zurück. Aber es tat mir wiederum leid, denn ich hätte gern gewußt, woher der Brief kam ... Vielleicht war es doch etwas Wichtiges. Ich bezahlte also 56 Kopeken, öffnete den Brief, warf einen Blick hinein: Wieder deutsch! Selbstverständlich ging ich wieder zum Provisor und bat ihn, zu entschuldigen, daß ich ihm fortwährend den Kopf verdrehte. »Was soll ich machen, da ich doch leider nicht deutsch lesen kann!«

Der Provisor nahm den Brief und las mir eine ganze Litanei vor, wie derselbe Deutsche zu Hause angekommen war, bei seiner Frau und den Kindern weilte und ihnen erzählte, wie er zu uns nach Draschna gekommen sei, wie er mir auf dem Bahnhof begegnet sei, wie ich ihn zu mir nach Hause genommen und ihm ein prachtvolles, ruhiges Logis besorgt habe. Er danke uns also für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er sein Leben lang nicht vergessen würde.

›Hol ihn der Kuckuck!‹ dachte ich und wünschte ihm Hals- und Beinbruch. Meiner Frau erzählte ich nichts mehr von diesem Brief, als wenn nichts geschehen wäre.

Wieder vergingen drei Wochen. Da bekam ich von der Post eine Anweisung auf 1 Rubel und 12 Kopeken.

»Was ist das für 1 Rubel und 12?« fragte mich meine Frau.

»Ich habe keine Ahnung,« erwiderte ich.

Ich lief zur Post und erkundigte mich, woher ich 1 Rubel und 12 Kopeken zu bekommen habe. Da wurde mir gesagt, ich hätte den Rubel und 12 Kopeken nicht zu bekommen, sondern daß ich 1 Rubel und 12 Kopeken zu bezahlen hätte.

»Wofür?« fragte ich.

»Für einen Brief,« sagte der Beamte.

»Was für ein Brief? Von dem Deutschen etwa?«

Ich bekam keine Antwort. Was war zu tun? Ich bezahlte 1 Rubel und 12 Kopeken und bekam einen Brief, so dick wie ein Paket. Ich öffnete den dicken Brief. Wieder von ihm, von dem Deutschen! Ich ging zum Provisor. »Nehmen Sie es mir nicht übel, mein Herr!« sagte ich zu ihm, »mir ist wieder ein Unglück passiert, – ein deutscher Brief!«

Der Provisor, ebenfalls ein harmloser Narr, legte seine Arbeit beiseite und las mir wieder eine ganze Litanei vor, alles von demselben Deutschen. Sein Name soll ausgemerzt werden! Was schrieb er? ... Er schrieb, da er heute Feiertag – also Jontow – hätte und viele Gäste und Verwandte bei ihm versammelt wären, erzählte er ihnen die ganze Geschichte von A bis Z, wie er auf dem Bahnhof einsam und verlassen dagestanden hatte, ohne die Sprache zu verstehen, wie er mir begegnet war, wie ich ihn nach Hause nahm und ihm ein prachtvolles, ruhiges Logis besorgte, wie wir ihn herzlich empfingen, das beste Zimmer einräumten, ihm zu essen und zu trinken gaben, wie freundlich und wie anständig wir ihn behandelten ... Er könne also nicht umhin, uns noch einmal zu danken für die ihm erwiesene liebenswürdige Gastfreundschaft, die er niemals vergessen werde.

›Ein zäher Trotzkopf – dieser Deutsche!‹ dachte ich, ›mehr Briefe nehme ich nicht an, und sollten sie Gold enthalten!‹

Ein Monat verging, zwei Monate – es kamen keine Briefe mehr. Schluß! Ich hatte den Deutschen fast schon ganz vergessen, als ich plötzlich von der Bahn eine Anweisung auf ein Wertpaket von 25 Rubel bekam.

›Was kann das für ein Paket sein?‹ dachte ich und zerbrach mir den Kopf, und meine Frau saß da und grübelte, daß ihr fast der Kopf platzte. Aber es fiel uns nichts Vernünftiges ein. Plötzlich kam ich auf den Gedanken, daß mein Freund aus Amerika mir ein Geschenk machte, – eine Schiffskarte oder eine Fahrkarte oder ein Lotterielos. Nicht faul, lief ich zur Bahn, um das Paket abzuholen. Da wurde mir gesagt, ich müsse 2 Rubel und 24 Kopeken zahlen, dann würde man mir das Paket ausliefern. Es half nichts, ich mußte mir 2 Rubel und 24 Kopeken verschaffen und bei der Bahn bezahlen, um in Besitz des Pakets zu gelangen. Das Paket wurde mir ausgeliefert, ein hübsches, gutverpacktes Kistchen ... Ich eilte nach Hause, begann die Kiste auszupacken und was sah ich? ... Ein Porträt fiel aus der Kiste heraus! Wir warfen einen Blick auf das Bild ... Verdammter Kerl! ... Er war's, der Deutsche, der Schlemihl mit dem langen Hals, dem steifen Hut, und der Pfeife im Mund! Dem Porträt war ein kurzer Brief beigelegt, wie immer deutsch ... Selbstverständlich wieder dieselbe Geschichte!

Er dankte für das Logis und die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er niemals vergessen würde.

Was solch ein verbissener Deutscher fertigbringt! In die Hölle soll er kommen! Wenn wenigstens die Hälfte davon in Erfüllung ginge, was wir ihm beide gewünscht haben! Das gebe Gott!

Mehrere Monate vergingen. Aus! Kein Wort mehr von dem Deutschen. Gott sei Dank, wir waren von diesem Verhängnis befreit! Er soll die Erd beißen! ... Ich habe ordentlich aufgeatmet! ... Aber glaubt ihr, es war wirklich ein Ende? ... Wartet nur! Noch lange nicht!

Vorgestern in der Nacht kam ein Telegramm, ich möchte um Gotteswillen nach Odessa reisen und dort so schnell wie möglich den Kaufmann Gorgelstein aufsuchen. Er wohnt im Hotel Viktoria und braucht mich zu einem dringenden Geschäft ... Odessa? Gorgelstein? Hotel Viktoria? Geschäft? ... Was hat das alles zu bedeuten? ...

Meine Frau begann natürlich zu drängen, ich müsse reisen, denn es war vielleicht wirklich eine dringende Angelegenheit. Vielleicht handelte es sich um ein Vermittlungsgeschäft, um Getreideverkauf ... Aber eine Reise nach Odessa – Kleinigkeit! Die Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden waren! Es hilft nichts! Es handelte sich um ein Geschäft! Ich setzte mich kurz entschlossen in die Bahn und reiste nach Odessa.

In Odessa angelangt, erkundigte ich mich nach dem Hotel Viktoria.

»Wohnt hier nicht ein Herr Gorgelstein?« fragte ich den Portier.

»Ja,« erwiderte er, »aber er ist augenblicklich nicht im Hotel.« Ich solle mich um zehn Uhr abends noch einmal herbemühen.

Ich kam um zehn Uhr abends, Gorgelstein war wieder nicht da, ich sollte um zehn Uhr morgens wiederkommen, da würde ich ihn ganz bestimmt antreffen. Ich kam um zehn Uhr morgens, fragte nach Herrn Gorgelstein, er war wieder nicht da, hatte aber hinterlassen, daß, wenn der Jude aus Draschna hier gewesen sein sollte, er um drei Uhr nachmittags oder um zehn Uhr abends wiederkommen möchte. Ich kam um drei Uhr mittags, um zehn Uhr abends, – Gorgelstein war nicht da.

Was soll ich euch lange erzählen? Ich habe mich in Odessa sechs Tage und sechs Nächte herumgetrieben, habe nicht gegessen und nicht geschlafen und nur auf der Lauer gestanden, um Gorgelstein abzufassen – bis ich ihn endlich traf. – Dieser Gorgelstein machte auf mich einen sehr guten Eindruck. Er schien ein sehr anständiger Mensch zu sein, mit einem schönen schwarzen Bart, er empfing mich sehr freundlich und bat mich, Platz zu nehmen.

»Sind Sie der Jude aus Draschna?« sagte er zu mir halb deutsch, halb jiddisch.

»Der bin ich,« erwiderte ich, »was ist denn?«

»Bei Ihnen wohnte doch im vorigen Winter ein gewisser Deutscher?« fragte er mich.

»Ja, das stimmt,« sagte ich. »Was ist denn?«

»Gar nichts,« erwiderte er. »Dieser Deutsche ist mein Sozius ... Ich erhielt von ihm einen Brief aus London, in dem er mir schrieb, daß Sie mich in Odessa besuchen würden. Ich soll Sie von ihm grüßen und Ihnen für das vortreffliche Logis und die liebenswürdige Gastfreundschaft und die gute Behandlung, die er niemals vergessen würde, herzlich danken.«

Ein Unglück! Ich will nach den Feiertagen, mit Gottes Hilfe, wenn ich noch am Leben bin, aus Draschna fortziehen, nach irgendeiner anderen Stadt, so weit die Augen mich tragen! Das Schlimmste will ich ertragen, wenn ich nur diesen Schlemihl, diesen Deutschen, dessen Name ausgemerzt werden möge, endlich wieder loswerde!

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