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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Fünf und dreißigstes Kapitel.

»Und die Theses wollen Sie vertheidigen?« fragte Magnificus.

»Das hoff' ich, erwiederte Mänle; und nicht nur die Theses gedenke ich wohl zu vertheidigen, sondern auch die Opponenten recht sehr zu ärgern.«

Der Rector, seinen Verdruß noch unterdrückend, fragte: »Und welches Thema wählen Sie zu Ihrer Dissertation?«

»Ueber die deutschen Schimpfwörter, antwortete Mänle. Ein Freund von mir hat zwar bereits in dieser Materie einen Versuch gemacht; es waren aber noch zu viel Lücken darin. Der Schimpfwörter gegen das weibliche Geschlecht nicht zu gedenken, die ihm abhanden gekommen: so fehlen noch gar viele andere, ungemein bezeichnende; ich nenne z. B. nur das Brüderpaar: Gispel und Schliffel, und ihren Nachtreter, den Schlingel. Diese Kumpanen verdienen zumal eine besondere Erwähnung, und gemäß ihrer Eigentümlichkeit, auch eine ausführlichere Schilderung. – Erlauben Ew. Magnificenz, daß ich Ihnen, statt eines vorläufigen Examens, das Pröbchen vorlesen darf. – Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er sogleich ein Manuscript aus der Tasche, und las, wie folgt: Diese Stelle, die wörtlich in den »philologischen Belustigungen« (Heft I. S. 75) stehet, ist doppelt wichtig in literatur-historischer Sicht: erstens, weil sie den Beweis liefert, daß der Verfasser dieser Biographie Eine Person ist mit dem Herausgeber der erwähnten Belustigungen; und zweitens, daß Mänle, wie wir schon die Vermuthung ausgesprochen, jenem Werklein Manches von dem Seinigen interpoliert habe.

Anmerkung des Herausgebers.

Gispel und Schliffel. – Um diese zwei Wörter hat die hochdeutsche Sprache die oberdeutsche wahrhaft zu beneiden, da sie zwei Charaktere bezeichnen, welche im Leben gar häufig vorkommen, und wofür doch die Schriftsprache keine Benennung hat. Hätte z. B. Jean Paul um diese köstlichen Wörter gewußt (und er weiß sonst sehr viel): er hätte vielleicht den bekannten Roman nicht »Flegeljahre« (was zu viel sagt.), sondern »Schliffeljahre« benamset; so wie denn wirklich Vult ein eminenter Schliffel, und Walt kein kleiner Gispel ist. Und da (zufolge der Bemerkung des nämlichen Autors) kein Mittel leichter und sicherer wäre, irgend ein neues Wort in die Schriftsprache einzuführen, als es auf den Titel eines Buches zu setzen: so hätte er zugleich unser Hochdeutsch mit zwei neuen Wörtern bereichert, was, meines Trachtens, eben so viel werth ist, als zwei neue Entdeckungen in der Philosophie, wozu eben auch neue Wörter nothwendig sind. . . Ihre Bedeutung läßt sich aber dahin bestimmen: Beide, der Gispel, wie der Schliffel, sind von leichtfertiger, jedoch gutmüthiger Sinnesart, ohne ernste Ueberlegung, aber auch ohne boshafte Absicht. Der Unterschied ist jedoch, daß der erstere flatterhaft handelt von Natur und aus Gewohnheit, der andere mit Bewußtseyn, aus Laune und Gesinnung; daß jener durch sein linkisches, übereiltes, unbesonnenes Benehmen zunächst sich selbst bloßstellt, dieser durch sein schelmisches Wesen und Wirken andere. Ein Gispel z. B. ist, wer mit dem Lichte umher fuchtelt, und sich damit selbst in die Haare kommt; ein Schliffel, wer muthwilliger Weise dem Schopf des Andern mit dem Lichte zu nahe kommt, daß die Haare ein wenig »brändeln.« Gispelei gilt daher manchmal für Dummheit, so wie Schliffelei für Bosheit; man urtheilt aber falsch; der Gispel hat nur nicht immer den Kopf so recht bei sich, so wie der Schliffel nicht das Herz; jenen überflügelt zu oft der Eifer, diesen die Laune, daß sie leicht Fehlgriffe machen, ohne daß die Rechte weiß, was die Linke thut. . . Um es kurz zu machen, und auf einen bestimmten Fall anzuwenden: Ein Recensent, der um sein Pensum recht bald zu vollenden, und das Honorar recht leicht zu verdienen, die Arbeit eines Autors nicht sowohl durchsieht als vielmehr übersieht, und doch ex cathedra beurtheilt: der ist ein Gispel. Ein Recensent dagegen, der, um sich in Ansehen und den Autor in Furcht zu setzen, vermöge seiner neckischen Natur denselben anbellt und nach ihm schnappt (wenn auch nicht beißt), der ist ein Schliffel.

»Ein Schliffel – unterbrach hier der Rector, der sich vor Zorn nicht mehr fassen konnte – ein eminenter Schliffel ist Er, der Herr!«

»Ein Schlingel aber – fuhr Mänle mit ruhigem Tone fort, als lese er – –

»Doris! Doris! – schrie der Rector – ein Glas Wasser!«

»Was fehlt Ihnen, Papa?« fragte die Hereintretende.

»Seine Magnificenz scheinen unwohl zu seyn – sagte Mänle zu ihr. – Ich empfehle mich Ihnen, mein Fräulein, so wie auch mein Freund, der Präceptor Herle

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