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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Zwei und dreißigstes Kapitel.

Der Hohn, womit Mänle gegen den ehrenwerthen Stand eines Schulmeisters losgezogen, hatte doch eine unangenehme Empfindung in unsers Freundes Herzen zurückgelassen. Er kannte zwar den sonderbaren Kauz, und entschuldigte ihn; aber er hielt es für Pflicht, diese Mißachtung und Unehre eines Standes, dem er sich widmen wollte, mit allem Ernste zurückzuweisen und abzuwehren; und daß er dieß nicht sogleich und in dessen Gegenwart gethan, darüber machte ihm sein zartes Gewissen großen Vorwurf. Aber freundlichen, sanften Naturen seiner Art fällt es einmal schwer, ja unmöglich, dem Gegner Angesichts zu widersprechen, aus Furcht, ihn zu beleidigen, und sie werfen ihm, falls sie ja in Unmuth gerathen, den Prügel erst nach, wenn er schon die Treppe hinunter und zum Hause hinaus ist. So machte es denn auch in diesem Falle Herle. »Er soll's lesen und schmecken, sagte er, was an einem Schulmeister sey.« Er setzte sich hin, und schrieb eine Art Apologie seines Standes mit aller Wärme, wovon sein kindliches, für Menschenbildung enthusiastisches Gemüth erfüllt war, und sandte sie, zur Aufnahme – gratis – in den »wöchentlichen Reichs-Anzeiger« der Stadt. . . Der Aufsatz wurde mit Dank an –, und schon im nächsten Blatte aufgenommen, nämlich ein Bruchstück davon, mit der beliebten Schlußformel: »Die Fortsetzung folgt.«

Es war das erste gedruckte, von ihm verfaßte Blatt, welches er zu Gesicht bekam. Nur ein Schriftsteller weiß es – kein anderer Mensch ahnt es – welchen Eindruck so eine, schwarz auf weiß gebannte Geistererscheinung hervorbringt! Es ist jenes mystische Doppelgesicht, wo dem Menschen sein alter ego in einer verklärten Gestalt entgegentritt – jedoch nicht in schreckhafter, sondern in Freudenverkündender Weise, mit einer gloriola um das Haupt und einer Rolle in der Hand, die, wo nicht blanke Ducaten, doch Ruhm genug für die Zukunft verspricht.

Man zeihe den Biographen nicht einer Inconsequenz, wenn er seinen Helden, der nie an das Gedrucktwerden gedacht, und erst noch jüngsthin alles Schreiben und Schriftstellern verredet hat, doch als Autor auftreten läßt! Kann ich dafür, daß er aus seiner Charakterpartie gefallen? Muß ich ihn nicht so schildern, wie er ist und erscheint, in allem seinem Streben und Irren? Und kommen denn Inconsequenzen der Art nicht in jeder Geschichte, ja sogar in jedem Roman vor? Und sind denn Muth und Feigheit, Arroganz und Bescheidenheit nicht Extreme, die sich eben berühren? Und ist denn das Motiv, das unserm Autor die Feder in die Hand gab, nicht vollkommen übereinstimmend mit seinem edlen Charakter, der überall das Wahre sucht und das Gute will? Wie freute er sich auch auf die Bekehrung, die Zerknirschung, die Genugthuung seinem Freundes!

Schulmeisters Freuden.

»Wen die Götter in besondere Affection genommen, den machen sie zu einem Schulmeister.« . . So übersetze wenigstens ich die Stelle jenes Alten; Si quem Dii oderint etc. und wenn mich die Philologen deswegen eines Schnitzers beschuldigen, so erwiedere ich ihnen blos: so lautet die Variante in meinem Herzen.

»Finanzer« aber bitte ich, sie möchten die folgenden Blätter überschlagen; sie könnten sonst, von der Triftigkeit der Gründe eingenommen, die Freuden des Lehramtes taxiren, und den Gehalt der Schulmeister noch mehr schmälern; was mir sehr leid thäte, erstlich um mich, sodann um meine Kollegen.

Mit desto freierer Brust rede ich zu euch, ihr edlen, sympathetisirenden Seelen, die ihr noch andere und reinere und dauerndere Freuden kennt, als die Gold und Weihrauch geben – nämlich die Freuden der Myrrhen, die obgleich bitter an Geschmack, dem Geiste kräftige Gesundheit und dem Gemüthe ewige Heiterkeit verleihen. –

Ich behaupte: es gebe durchaus keine Freude in der Welt, der gesellschaftlichen, die mit den Freuden eines Lehrers zu vergleichen wäre an Reinheit, Einfalt und Sinnigkeit, – als die einer zärtlichen und emsigen Mutter. – Der Beweis liegt schon in der Gleichheit der Sorgen und Arbeiten.

Der Lehrer hat, wie sie, Kinder zu pflegen, zu nähren, zu reinigen, zu warnen, zu bitten, zu strafen. Sein ganzes Leben ist, wie das Leben jener, ein Aufräumen, ein Waschen und Bügeln der Kindswäsche (Compositionen geheißen), ein Nähen und Kochen und Putzen und Zwagen. Einer Hausmutter würde dieß Alles sogleich einleuchten; Männer aber werd' ich kaum davon überzeugen, wenn ich ferner behaupte, daß diese planmäßige Wirksamkeit in einem beschränkten Kreise, dieses ewige »zu thun haben« und »abgethan sehen,« diese Menge von Aufmerksamkeiten und ihr belohnender Erfolg; diese Wiederkehr derselben Kunstgriffe mit immer erhöheter Geschicklichkeit; dann der Gedanke, daß man mit all diesen, dem Anscheine nach, geringfügigen Arbeiten etwas wahrhaft Großes, Verdienstliches um den Staat und die Menschheit thue; daß in allem diesem eine unversiegbare Quelle von Freuden, von Zufriedenheit mit sich selbst und mit der Welt, kurz, von einer beneidenswerten Existenz liege. . . Sie lächeln nur, merk' ich, und glaubens kaum, die Männer.

Ich frage euch aber, wenn ihr nicht ganz ausgedorrte Seelen seyd, wenn ihr noch Gefühl habt für Unschuld und Heiterkeit der Kinder, wenn ihr selbst zärtliche Väter seyd: um was ihr denn die Vaterfreuden vertauschen möchtet, ob um Glanz, Ehre, Hoheit und Macht? ob es für euch eine reinere, innigere, reellere Freude gebe, als den freundlichen, frohen Blick aus dem hellblauen Auge eurer »Buben,« als das Lallen des Dankes, den Geburtstags-Reim »dem besten Vater gewidmet,« als das Herzen und Küssen und Dahlen und Lärmen eurer Kinder, und ihr gedeihliches Wachsthum an Leib und Seele?

Sagt nicht, dieß passe keineswegs auf einen Lehrer. Ist er nicht auch Vater? Erzeugt er sie nicht zum zweitenmale, indem er sie erzieht? Ist die Sympathie der Geister weniger stark, als die Sympathie der Körper? Soll ich die Schatten Philipps und Alexanders als Zeugen hervorrufen, was ihnen Aristoteles gewesen? Sehen wir nicht täglich, was dankbare Schüler wackern Lehrern sind; und diese ihnen? daß sich zwischen ihnen allmählig das nämliche zarte Verhältniß ausbildet und befestiget, wie zwischen Vater und Sohn? Und behaupte ich' s nicht, der ich doch aus Erfahrung spreche?

Seht doch jenen Lehrer – ich setze voraus, daß er seinem Amte nicht bloß aus Zwang vorsteht, auch nicht bloß aus Pflichteifer, sondern aus Neigung, aus Vorliebe zu seinem Berufe, zu den Kindern und ihrer Bildung – seht, wie seine Mühe täglich mehr sich lohnet durch den Fleiß und die Fortschritte seiner ihm anvertrauten Kleinen; wie sie an seinem Munde hängen, als an einem Orakel, und seinen Worten glauben, vertrauen, wie den Worten eines Vaters; schaut, wie hier ein feuriger Knabe mit kühner, selbstiger Kraft voraneilt, und für seine Mühe sich hochgeehrt fühlet durch den Beifall des väterlichen Freundes; wie dort ein anderer, schwacher, aber gutmüthiger Junge sich schwer und vergebens abmüdet, und für die Forthülfe des gütigen Lehrers so innig dankt; wie ein dritter, etwas lässig, durch das warnende Wort aufgemuntert, frisch wieder an's Werk greift, und das Vernachlässigte einzuholen sucht; wie ein vierter, vielleicht durch physische Trägheit mehr als durch geistige gehemmt, für seine Pflichtversäumung getadelt, bestraft, mehr den Unmuth, die Ungnade des Lehrers bedauert und beweinet, als die Züchtigung; wie selbst der entschieden Faule, der Leichtsinnige (böse Buben gibt es nicht, außer man macht sie selbst dazu), vom Gefühle der Gerechtigkeit, die den Bestrafenden leitete, und von der Einsicht des Unrechts, das er beging, überzeugt, in besonnenem Momente seine Schuld gesteht, die Hand des Züchtigers küßt, und mit heiligem Ernst Besserung verspricht. Was meint ihr, sind dieß keine Vatersfreuden?

An Zank und Verdruß, an Mißmuth bei vergeblichen Warnungen und Drohungen, an Undank der Kinder Lehrer! wenn dich Undank, unverdienter, kränkt, lies zum Herzenstroste Mark Aurel. Wahrhaftig, der edle Mann trug nicht nur seinen Lehrern, sondern dem Lehramte selbst den schönsten Dank ab; und solch ein Zeugniß erfreut! und noch öfter ihrer Aeltern; an andern Widerwärtigkeiten fehlt es denn freilich nicht; wie denn auch nicht im Familienleben, überhaupt in allen Verhältnissen, wo man es mit Menschen zu thun hat. Aber der verständige und gemüthliche Lehrer weiß sich, wenn auch von momentanem Aerger dahingerissen, in nüchternen Augenblicken zu bescheiden, sich über das unabweisliche Ungemach hinwegzusetzen, und seine Besonnenheit und Würde und Freiheit zu behaupten. Sodann verschaffen ihm gerade diese herben Augenblicke Gelegenheit zu dem süßesten aller Genüsse – zu dem Vergnügen (wer stimmt mir nicht bei, der es je genossen?) zu verzeihen.

Ueberhaupt sind alle die Beschäftigungen im menschlichen Leben, welche pflanzen, bauen, vermehren, des Schöpfers Werk fortsetzen, ausbilden, nicht nur die verdienstlichsten, sondern auch die belohnendsten. Wer ist z. B. glücklicher, als derjenige, der die edle Gartenkunst treibt, vorausgesetzt, daß er sein Geschäft nicht aus bloßem Interesse, sondern mit einer gewissen Liebhaberei unterhält und mit Glück und Schick? In demselben Falle ist der Lehrer. Er säet und pflanzet, er wartet der zarten Blümlein, und begießt und säubert und beschneidet, und fördert überall Wachsthum und Leben. Was gleicht dann seinen Freuden, wenn er, wie der erste Gärtner, in einem Paradiese von Wohlgerüchen wandelt und zwischen Guirlanden von Früchten, während die Geister der treu gehegten Pflanzen ihrem väterlichen Pfleger Loblieder zusingen?

»Aber dieß ewige Einerlei – aber dieß Kleinliche, Unbedeutende, Zwecklose?« –

Antwort: Einerlei, kleinlich, zwecklos ist nichts in der Welt für einen Mann von Geist; der sieht und schafft immer und überall Mannigfaltiges, Großes, Einflußreiches. Ich nehme an, der Lehrer sey kein bloßer Empiriker, kein gemeiner Handwerker in seinem Fache, er verstehe die Wissenschaft des Unterrichtes (nicht blos den Unterricht in der Wissenschaft); er wisse in dem Buchstab auch den Geist aufzufassen und darzustellen; er kenne den nexus rerum in der Kindesseele und ihrer Fähigkeit; sein Unterricht sey mehr, als bloße Mittheilung, er sey zugleich Bildung, Anregung der Kräfte, Förderung und Vollendung, dann eröffnet er sich dadurch schon eine unversiegbare Quelle des Genusses. Denn was hindert ihn z. B., wenn er auch nur das ABC lehrt, an diese Elemente alles unsers Wissens das gründlichste, philosophische Studium anzuknüpfen? Wenn Garrick die Kunst verstand, das bloße Alphabet mit einer Rührung vorzutragen, daß den Zuhörern Thränen in die Augen traten, warum soll der Lehrer zu seiner eignen Erbauung und Belehrung nicht etwas Aehnliches daraus schaffen können? Ein jedes Wort (und mit Worten wenigstens hat's der Schulmeister zu thun, wenn auch nicht mit Sachen) ist so voll Bedeutung, Kraft und Fruchtbarkeit, daß der Lehrer jedes derselben, wie der Botaniker eine Pflanze, zum Gegenstande der Unterhaltung und Belehrung machen kann. Hat Krummacher über das Wörtlein »Und« ein so allerliebstes Werklein geliefert, so wird doch der Mann, der einen Aufsatz zu erklären, zu prüfen hat, über einem Kapitel für sich und Andere eine angenehme und lehrreiche Stunde ausfüllen können? Besitzt er dann nebst dieser Lehrgabe noch die Kunst der Bildungsgabe, knüpft er an den Sprachunterricht noch das Denkgeschäft, prüft er die Fähigkeiten seiner Schüler, lernt er die Spitz- und Grützköpfe zu unterscheiden, und gibt er sich die Mühe (und sie lohnt sich) jene zu Antworten, diese zu Fragen zu veranlassen, versteht er die edle, sokratische Hebammenkunst, die die Vernunft zu Tage bringt, und zum Selbstbewußtseyn: ja, dann weiß ich nichts mit seinen Freuden zu vergleichen; denn sie sind die Freuden eines Gottes.

Mit dem allen, das weiß ich wohl, werde ich Niemanden von der Seligkeit des Lehramtes überzeugen, außer mich selbst, und die, welche sie mit mir, wenn auch nur tropfenweise, wie Alles in der Welt, gekostet haben. Den übrigen aber, die mit Bedauern auf unser einen herabsehen und mit Stolz, gebe ich nur das Eine noch zu bedenken, die Ehre und die Freude nämlich, die im Lehramte, als in einem Regimente, liegen, und die, nach dem Zeugnisse aller großen und kleinen Regenten, vom Cäsar an bis zum letzten Dorfschulzen, die höchsten sind. Denn warum könnte er nicht das Catheder als einen Thron ansehen, den Schulbackel als einen Scepter, das Auditorium als eine kleine Welt, und sich selbst als einen Potentaten, in dem sich die gesetzgebende und executive Gewalt vereiniget? Meint ihr denn, er sollte sich für geringer halten, als für den Ersten? glaubt ihr, er fühle das nicht, was es heiße, so viele kleine Welten (als er nämlich Köpfe in der Klasse hat) zu regieren? durch ein einziges Machtwort (was die andern Regenten nicht einmal vermögen) Stille, Ordnung und Gehorsam zu erzwingen? mit seiner Gnade, Gerechtigkeit und Weisheit, wie ein Erzvater, Generationen zu beglücken? Der Einwurf: das seyen eitle Einbildungen, hat nichts auf sich; denn auch jeder andere Potentat kann nur so fern sich mächtig dünken, als er sich einbildet, er regiere eine Welt und beglücke die Menschheit, nicht (was sie doch nur ist) einen Erdklumpen und ein Ameisenhäuflein drauf.

Um nicht mit einer Dissonanz zu schließen (was gegen alle Regeln der Composition wäre) noch eine Schnurre. Ein Schulmonarch, der wußte, was dieß Wort auf sich habe, und ein Autokrat im strengsten Sinne war, erhielt eines Tages unerwarteten Besuch von seinem Fürsten in der Schule selbst. Der Mann hatte eben noch Zeit genug, dem Landesvater vor der Schwelle zu huldigen, und er that es auch mit solchen äußerlichen Zeichen der Ehrerbietung, die als Kriecherei denen Hofleuten erscheinen mußte, welche den Rücken blos nach dem Maßstabe des Anstandes beugen, nicht der Gesinnung. Wie erstaunten sie aber alle (der Fürst mit), als, nach dem Eintritte in die Schule, der so übermüthige Präceptor plötzlich, wie einstens Sixtus der Fünfte, sich in die Brust warf, sein Haupt bedeckte in der Gegenwart des Fürsten, zu hantieren anfing, als wär' er nur da, und kein Anderer! Man erzählt, der Hofmarschall habe ihn durch Winke und Rippenstöße auf das Unanständige seines Betragens aufmerksam zu machen gesucht; der Mann habe ihrer aber nicht geachtet, sondern sie bloß erwiedert. Als endlich der Landesvater, nach angehörter Prüfung, die ihn vollkommen satisfacirte, die Stube wieder verließ, geleitete ihn, wie sich's ziemte, der Schulmann, mit bedecktem Haupte, das er aber, sobald die Thür im Rücken war, so plötzlich enthüllte, als hätte ihn der Donner getroffen, und in die Kniee sank. »Wollen Eure Durchlaucht und Gnaden nicht in Ungnade nehmen, stotterte er; aber ich mußte in Euer Gegenwart so grob seyn; denn wenn meine Kinder sehen würden, es gäbe noch einen größern Mann auf Erden, als mich, so möchte sie der Satan in Ordnung halten, ich nicht.«

Fidelis Herle.

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