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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Ein und zwanzigstes Kapitel.

Ermuntert durch des Freundes unmäßigen Beifall, gedachte nun Herle sein Specilegium auch Sr. Magnificenz zum Gutachten vorzulegen. Der Angemeldete wurde freundlich empfangen.

Nachdem der Rector die Probeblätter mit flüchtigen Blicken durchlaufen, sagte er: »Das ist alles recht gut, lobenswerth und verdienstlich; aber die Hauptsache fehlt noch, das gelehrte Ingrediens, der perpetuus commentarius, die Lesearten, die etymologischen Nachweisungen. Eine bloße Sammlung der Art ist doch nur das Ergebnis eines literarischen Fleißes, allein noch nicht ein Beweis eines literarischen Talentes; und die schöngeistische Brühe, die Sie über das wunderliche Zeug geschüttet, zeigt und befriedigt noch keineswegs den Philologen; es schmeckt vielleicht dem Gaumen, aber nährt nicht den Geist. Doch, um eine so gelehrte Arbeit zu fördern, dazu fehlen Ihnen, befürcht' ich, eben die nöthigen Kenntnisse, zumal in der griechischen Sprache und Literatur.«

»Aber, mein Gott! rief Herle mit schlecht verdecktem Aerger aus, was hat denn die griechische Sprache mit den deutschen Schimpfwörtern zu schaffen?«

»Sehr viel, und mehr, als Sie nur ahnen können, versetzte der Rector. Sie dürfen und müssen mir wohl auf mein Wort glauben, wenn ich behaupte, daß wir Deutsche überhaupt Alles, was wir dem Geiste nach haben und sind, von den Griechen erhalten. So auch in's Besondere die Sprache. Freilich ist diese im Lauf der Zeiten und im Mund der Barbaren sehr verderbt und verhunzt worden, allein dem scharfsinnigen Forscher treten immer noch und überall die Spuren ihrer frühern, edlern Abstammung entgegen. Um dieß Ihnen durch das nächste beste Beispiel anschaulich zu machen: welche Wörter haben dem äußern Anschein nach weniger Verwandtschaft des Lautes, als »alopex« und »Fuchs?« Und doch ist das deutsche nicht nur Eines Stammes mit dem griechischen, sondern es ist sogar dasselbe, obgleich corrupte und synkopirte Wort. Ich will mir Mühe geben, dieß Ihnen ganz deutlich zu machen. Vorerst müssen Sie wissen, und können es täglich selbst erfahren, daß die deutsche Mundart gern Vorsylben in fremden Wörtern wegwerfe, um sie mehr mundgerecht zu machen. So sagt man z. B. Stoffel (oder gar Töffel) statt Christophorus, Grete, Lise statt Margaretha, Elisabetha. Demnach werden Sie auch, was unsern Fall anbelangt, wohl begreifen, oder es doch natürlich finden, daß der Deutsche auch an alopex die erstern Sylben wegwerfe und nur die letzte beibehalte. Nun aber bemerken Sie zweitens: Alle Vocale in einer Sprache gehen leicht und gern in einander über, und verwandeln sich in die Ablaute; wie denn auch im Deutschen z. B. bar, bären, geboren, Bürde u. s. w. zu Einem und demselben Etymon gehören. Eben so wechseln drittens verwandte Konsonanten, zumal in den gemeinen Mundarten; der Rheinländer z. B. spricht noch sehr richtig Parrer (parochus), der Niedersachse Farrer, und der Oberdeutsche dagegen in seiner groben Mundart gar Pfarrer. Wenden wir nun diese Permutations-Gesetze einmal auf unser alopex an – durchgehen wir die vocalischen Metamorphosen: pax, pex, pix, pox, pux – und lassen wir endlich p in f, als verwandte Lippenlaute, sich verwandeln: so haben wir – Fux; wie es denn auch richtiger, statt Fuchs, geschrieben werden sollte. Capiren Sie es nun?«

»Vollkommen! erwiederte Herle; und ich bewundere eben so sehr Hochdero profunde Gelehrsamkeit, als ich meine eigene Armseligkeit in gelehrten Dingen bedauere. – Bei dieser Gelegenheit erlauben mir Ew. Magnificenz, daß ich Hochdero sogleich ein Paar Schimpfwörter nenne, an deren Deutung ich verzweifeln möchte. Es sind: Laomion (bayerisch) und Daunderlaun (schwäbisch), welche, so viel ich noch aus Studiis weiß, offenbar griechischen Anlaut haben.« Der Magnificus warf die beiden Wörter im Mund und Kopf umher, und sagte dann, nach einigem Bedenken: »Griechischen Ursprungs sind sie gewiß, und sie verrathen noch einiger Maßen ihre edle Abkunft, zumal Laomion – von laos, laon. – Doch – brach er ab – hierüber wollen wir nächstens und ausführlicher sprechen.«

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