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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Zwanzigstes Kapitel.

Ueber der Arbeit des Mundirens – denn er war von jeher gewohnt, Alles, was er niederschrieb, vorerst als Strazze oder Kladde zu behandeln, um ja nicht in die Gefahr zu gerathen, in seinem sauber angelegten Cahier auch nur Einen Buchstaben auszustreichen – über diesem bedächtigen Werke traf ihn eines Abends sein Freund Mänle. Schon gewohnt, dessen Schriftproben als Tribut für sich zu betrachten, nahm er sogleich Einsicht in die geheimen Studien, und gerieth bei deren Anblick in ein freudiges Erstaunen.

»Liebster, Bester! rief er aus, welcher Gott hat dich auf einen solchen excellenten Einfall gebracht?«

»Spotte nicht, sagte Herle; ich weiß, es ist eckles Zeug; aber ich weiß auch, warum ich's thue, und wozu?«

»Ich spotten? rief jener aus; umarmen möchte ich dich, küssen, anbeten, du einziger Mensch, der so ein einziges Werk schafft, das einzig ist in Deutschland, in der Welt! Sag', wer, was hat dich auf den Gedanken gebracht?«

»Der Rector magnificus, der wohl wissen mag, wo noch eine Lücke ist in der Gelehrsamkeit, und was Noth thue. Er meint, eine Sammlung der Art wäre ein willkommenes Vademecum für Philologen, zumal für Uebersetzer, z. B. des Aristophanes.«

»Bloß für Philologen und Uebersetzer? entgegnete jener; sage für die Gelehrten aller Facultäten, für Philosophen, Theologen, Juristen – warum nicht auch für Mediciner, mindestens für ihre Streitschriften? – hauptsächlich aber für Dichter. Sag'! Was wäre dieser Aristophanes, wie leer, wie matt, ohne diese spitzen Bolzen, die er aus dem Armarium seines Witzes so treffend verschießt? Kann man überhaupt das Ernste, das Große, das Erhabene schildern, ohne dessen Gegentheil, das Gemeine, das Lächerliche, das Triviale, wie in einem Reflex, darzustellen? Hat ja der göttliche Shakspeare dergleichen gemeine Explosionen gemeiner Naturen, wie diese selbst, nicht bloß in seinen Lustspielen gebraucht, sondern auch in seinen Trauerspielen; wie ihm denn das Komische, mit Recht, nur als der umgekehrte Handschuh des Tragischen gilt, die Narrheit als die Folie der Weisheit, und die Thräne als der Quell des kindischen Herzens, das da, wie aus Einem Sack, zugleich lacht und weint.«

»Aber ein deutscher Dichter – entgegnete Herle – dürfte nimmermehr solche Kraftwörter auf der Bühne auslegen, ohne das züchtige Publicum zu ärgern.«

»Du hast Recht, versetzte Mänle; er darf höchstens Schelmen, Halunken, Schufte und derlei Galgenkerle in persona aufführen und empfehlen; aber sie bei ihrem Namen nennen, und das Brandmahl auf ihre Stirn brennen, das darf er nicht; das wäre gegen alles Decorum, gegen alle Humanität. . . Ich meines Theils, wenn ich ein Lustspiel schreiben wollte, könnte nicht unterlassen, diese Prädicate als Stoßseufzer, als Knalleffekte überall anzubringen, wär's auch nur, um, wie durch »Fisperln,« ein gebildetes Publicum aufzuschrecken und recht sehr zu ärgern. Ja, wie herrlich nähme sich eine ganze Scene aus, die, wie ein Gewebe, solche Blumen zum Einschlag hätte; z. B. folgende, die ich improvisiren will zu deiner Erbauung:

Stelle dir zwei Menschen vor, wie jene Engländer, die wir neulich am »Bilderpritscherlädel« ausgehängt sahen; der eine sey dünnspänig, wie ein hungriger Tagsschriftsteller, der andere dickklotzig, wie ein fetter Buchhändler, beide übrigens voll neckischen und geckischen Humors. Diese begegnen sich, in meinem Lustspiel, unter der Thür, und nachdem sie, wer zuerst hinein oder heraus sollte, nach Kräften manipulirt haben, bleiben sie zuletzt beide zwischen den Thürposten eingekeilt stecken (der hagere Mann bildet eben den Keil). Was könnten sie nun, in dieser peinlichen Lage, zu ihrem und der Zuschauer Zeitvertreib anders thun, als mit Schimpf in Glimpf auf einander losziehen, und einer den andern wegen des zu viel und zu wenig am körperlichen Inhalt ausschelten? Der dicke Mann apostrophirt etwa den dünnen, unter andern bekannten Weisen, mit Heugeige, Häringsseele, Hopfenstange u. s. f. Was sollte, als Wiedervergeltung, der dürre Zweckdienliches antworten? Ohne Zweifel etwa nur Folgendes: Was will Er denn, Er Dickwanst? Glaubt Er: weil ihn der Himmel mit zwei Zentner Fleisch und Fett mehr gesegnet hat, als mich, Er sey darum besser, und dürfe gröber seyn? Schimpf Er mir nicht meine »rahne« Gestalt; sie ist doch noch menschlich; Er aber steht aus, wie ein bausbackiger Blasengel auf einer alten Landkarte, oder wie ein Plunzen, der von Fett trieft, und vor Dicke bersten möchte. Sag' Er meinethalb: mein Bauch sey so flach, wie ein Beichtzettel, und hätte nur eine negative Größe; ich gönne Ihm gern Sein Promontorium, Er Schmerbauch. Trägt er doch seine eigne Sündenlast herum im Schweiße Seines Angesichts, und keucht und pfnauset und knarrt, gleich einem Frachtwagen! Sehe man doch! weil der Freßsack einer bessern Tafel pflegt, als ich; weil das Wein- und Bierfaß sich täglich anfüllt und immer mehr ansetzt: so meint Er Wunder was an ihm sey. Es ist aber nichts an Ihm, sag' ich, als Speck und –; und hüt' Er sich künftig, meine Gestalt zu schänden, die mir Gott gegeben hat, Er Pflumpfsack!« Die Scene würde sich dann ganz einfach entwickeln. Die beiden würden sich gerührt um den Hals, und, also umschlungen und sich wechselweis Raum machend, zur Thür hinaus fallen, nicht ohne großes Ergötzen und Applaudiren der versammelten Zuschauer.«

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