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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Zehntes Kapitel.

Als sie in's Gasthaus traten, empfing der Wirth den Studiosus mit lautem, freudigen Willkomm; denn er wußte aus Erfahrung, daß Mänle wieder bei Geld sey und bezahle. »Siehst du, sagte dieser zum Freunde, wie lieb mich die Leute haben, wie sie sich nach mir sehnen und meiner nie vergessen. Das macht, daß ich ihnen von Zeit zu Zeit schuldig bleibe, und dann ihr Haus meide. So habe ich mir so ziemlich alle Wirthe der Stadt zu Freunden gemacht, und ich hoffe sie, die Theuern, fortan an mich zu fesseln.«

Unter diesen und ähnlichen Reden verging die Mittagsstunde, und Mänle begleitete seinen Freund bis an dessen Wohnung. Unterwegs nahm er sein Thema wieder auf, und fuhr fort, seine Leiden zu schildern, die er als Bücheresel (sein Ausdruck!) zu ertragen habe.

»Nachmittags – sagte er – geht's mir, wo möglich, noch ärger, als in den Vormittagsstunden. Weniger dringend ist zwar das Geschäft, aber die Gesellschaft desto lästiger. Alle Müßiggänger der Stadt harren ihre Verdauung ab in der Bibliothek. Nun ist, wie du weißt, während dieses Geschäfts der Mensch am langweiligsten; um so mehr Leute, die ohnehin den ganzen Tag kaum zwei oder drei leidentliche Einfälle haben. Ihr Gespräch wirkt aber auch manchmal auf mich, wie ein Vomitiv; und hätte ich in der That nicht die Roßnatur, ich wüßte nicht, wie ich es aushalten sollte.

Zwei Menschen nur werden mir meistens unausstehlich; und ich suche mich dann ihrer einfach dadurch zu entledigen, daß ich vorgebe, es treibe mich ein unaufhaltsames Bedürfnis fort, was denn auch, wenigstens figürlich genommen, wahr ist.

Der eine ist ein moralisirender Abbé, ein runder, dicker Mann, mit einer Baßstimme, die einem Nachtwächter anzugehören scheint. Dieser schwätzt mir täglich von dem unsittlichen Gräuel mancher Bücher vor; er versichert mich, daß das Sittenverderbniß unter den höhern Ständen vorzüglich der Lektüre solcher Schriften zuzuschreiben sey; und ersucht mich, meine Bibliothek, die sonst so treffliche Sachen enthalte, zu purificiren, und in Zukunft nur solche Bücher anzuschaffen, welche der Moral wo nicht förderlich, doch auch nicht hinderlich seyen. Nun habe ich ihm zwar schon oft und lange Folgendes und Aehnliches entgegengesetzt: »Meine Bibliothek sey als eine Apotheke des Geistes anzusehen. Außer den rein heilsamen Mitteln seyen nun zwar auch allerlei Gifte vorhanden, nicht bloß Opiate, sondern auch Mercurialien und dergleichen. Meines Erachtens aber gebe es kein Gift, das unter gewissen Umständen, nicht auch heilsam, so wie kein sogenanntes Heilmittel, das nicht für irgend Jemanden giftig seyn könnte. Dieß zu unterscheiden, d. h. den rechten Gebrauch zu bestimmen, nach Jedermanns Bedürfniß, sey nicht meine, des Apothekers, Sache, sondern des Arztes. Daß heut zu Tage Jedermann in spiritualibus sein eigner Arzt seyn wolle, sey freilich ein arger, schädlicher Irrthum; absonderlich von Eltern und Erziehern, die ihre Kinder von jedem Pfifferling lecken und schlecken lassen. Ich aber wolle nicht der Sündenbock des Publikums seyn, noch weniger der Pönitentiarius. Die Sünde habe der Autor zu tragen, und zur Buße der Seelenhirt zu mahnen. Uebrigens sey ich der Meinung. daß man derlei Bibliotheken weniger als Apotheken voll Gifte ansehen könne, als für Restaurateuranstalten, wo Jedermann nach Gusto die Speisen auswählen, und, wenn' s beliebt, um ein Paar Kreuzer sich den Magen verderben könne.« Aber was frommt mir gegen einen Prediger alles Predigen? Es gibt kein Mittel, seinem Wortschwall zu entrinnen, als daß ich grimmig zum Tempel hinaus eile, und er mit.

Der zweite Alp, der mich in den Nachmittagsstunden drückt, ist ein salbadernder Aesthetiker aus der neuesten Schule, ein hageres, zaundürres Männlein, mit einer quiekenden Fistelstimme. Meistens beginnt er seine Lektion damit, daß er den Catalog durchblättert, wobei er ein so ironisches, sauersüßes Mienenspiel unterhält, daß ich ihn nicht lange in's Aug' fassen kann, ohne Gift zu kochen. Es gibt bekanntlich eine gewisse Ekelkur, wobei den Patienten gerade so viel zum Erbrechen Reitzendes von Zeit zu Zeit eingegeben wird, daß es nicht dazu kommt, aber beinahe zu etwas Schlimmern, zum unendlichen Uebelwerden. Nur damit kann ich die Empfindung vergleichen, wenn ich den Menschen ansehe oder gar ihn anhören muß. »Mehr Nullen, als Treffer (beginnt er und fährt fort in abgebrochenen Sätzen) – Krameriana, Spießiana, Kotzebueiana, Ifflandiana – eine Bibliothek aus dem vorigen Jahrhundert – kein Alarkos, kein Ion, kein Lacrymas, kein kunstliebender Klosterbruder.« – Anfangs schaffte ich auf seine Empfehlung diese neuesten Waaren nach (denn einem Bücherverleiher, was sind ihm alle Werke anders, als Waaren?); aber sie fanden keinen Liebhaber, weil ich eben unter meinen Lesern nur Kramerianer, Spießianer und andere derlei IANER habe. Hätte ich seinem Rathe länger gefolgt, ich hätte mich arm gekauft. Es sind lauter Ladenhüter. . . Das Lamento geht indessen fort. Er spricht von Aufklärung, von Veredelung des Publikums; Bibliotheken, sagt er, seyen die Depositorien des Höchsten, Besten, Schönsten; ein Bibliothekar der Priester im Tempel der Kunst und der Wissenschaft &c. So will der Schuft, daß ich armer Teufel mich zu einem aufgeblasenen Engel potenzire, und, statt reelles Brod zu haben, von Luft lebe; oder vielmehr, daß ich mich in diesem Musentempel zu einer Kirchenmaus reducire, die mitten im Heiligthume crepierte. . . Das mag er!

Ich will es kurz machen. . . Die Uhr weiset schon halb sechs. Noch eine halbe Stunde, und der Jammer des Tages und seine Tantalus-Arbeit ist vorbei. Ich versetze mich schon, indem ich die letzten Bücher in ihre Fächer stelle, selig träumend in den Abend-Klub, und nehme schon den duftenden Schöpsenbraten zu Gemüthe, nebst dem erquickenden Naß. Da ist's plötzlich, als wenn die Hölle sich aufthäte, um zu guter Letzt alle Quälgeister mir an den Hals zu schicken. Ein Heer von Dienern und Herrn, Mägden und Damen in buntem Gewühle drängen und treiben sich in's Gewölbe, und umlagern mich, wie Furien, den Verdammten. Da nehme ich mich denn ganz zusammen, und werde auch zusammengenommen. In der That: willst du ein Bild voll des Schmerzens und der Geduld sehen, so betrachte mich in diesen unseligen Momenten. Obwohl die Lippen von Flüchen beben, die Fäuste zu Püffen sich ballen; es entschlüpft mir kein unwilliger Laut, mir entfährt kein unanständiger Gestus. Von Zornfeuer durchglüht, wie ich bin, fühle ich jeden Augenblick so etwas, wie einen Abguß kalten Wassers über den bloßen Rücken, und leide sehr. Wenn denn endlich die sechste Stunde schlägt, so steht kein Mensch mehr vor dir, sondern eine Maschine, laut-, sinn- und herzlos, welche sodann den Hut nimmt, die Thür schließ und ihren gewohnten Gang fortschlendert zum Restaurateur, wo sie so lange frißt und sauft, bis ihr die Seele wiederkommt.

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