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Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle

Ludwig Aurbacher: Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
authorLudwig Aurbacher
firstpub1842
year1842
publisherv. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung
addressLandshut
titleAus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle
pages1-11
created20050106
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Neuntes Kapitel.

Des andern Mittags sprach Herle bei seinem Freunde in dessen Bibliothek an, um ihn zu Tische abzuholen. »Sieh dich indessen in meiner Bücherei um, – sagte Mänle, der mit Ausleihen noch beschäftigt war – und willst du die wenigen guten Bücher darunter kennen lernen, so greife nur nach denjenigen, auf welchen am meisten Staub liegt; du kannst nicht fehlen.«

Auf dem Wege bis zum Gasthaus schilderte Mänle, mit jener, dem Anschein nach bitterbösen, in der That aber gutmüthigen, ja heitern Laune die Leiden eines Bücherverleihers.

»Es gibt überall und eine Unzahl armer Teufel auf der Welt – fing er an – wie denn auch der elegante Franzose seinen pauvre diable und der reiche Engländer seinen poor devil hat. Gewöhnlich denkt und sucht man derlei armselige Geschöpfe bloß auf dem Lande; aber auch in Städten findet man deren, obgleich hinter Masken, welche Herren in Domino darstellen. Ich nenne nur Eine Gattung derselben; einen Menschen, der, trotz dem geplagten, geschornen und geschundenen Landmann hinter dem Joch Ochsen, im Schweiße seines Angesichts (und nicht einmal mit so viel Appetit) sein tägliches Brod ißt. Es ist ein Leihbibliothekar.

Schon der bloße Anblick eines solchen Trödlers in seiner literarischen Bude erweckt Erbarmen. Denke nur! Mitten unter den Weisesten und Elegantesten seiner Nation steht er allein da mit leerem Kopf und in beschmutztem Wamms. Wie ein Sklave in den Goldwerken Peru's die Hitze und Mühe des Tages trägt, zur Bereicherung Anderer: so muß er von der Schatzkammer menschlicher Gelehrsamkeit Jedermann mittheilen, ohne daß er davon was anders zu verschlucken hätte, als Staub. Alles um ihn lacht vor Lust, und weint voll Rührung (in den Büchern); nur er blickt düster und fühlt kalt, mit gerunzelter Stirn und eingeschrumpftem Herzen. Täglich steht und hört er's, wie die Menschen sanfter, besser, gescheider werden durch ihn; er aber ist und bleibt der alte arme Teufel!

So schlimm ist jedoch nur derjenige Bücherverleiher daran, der etwas im Kopf und etwas von einem Herzen hat, wie z. B. ich. Du kannst mir's glauben: ich biethe allen Engeln Trotz in der Geduld; aber sieben und siebenzig Mal des Tags wünsche ich doch Alles zum Henker, und mich dazu.

Denk'! Wenn sie des Morgens so heran sich drängen, die Köchinnen, die eben vom Markte kommen, um für die gnädige Herrschaft zur leiblichen auch eine geistige Nahrung zu holen; Himmel! wer mag's aushalten? Neben einem Spanferkel liegen Wieland's Grazien, neben einem Indian Kotzebue's Indianer, auf einem Butterwecken (oft unter demselben) Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte, und auf Sauerkraut und Kartoffel Becker's Taschenbuch zum geselligen Vergnügen. Solchen Respekt haben die Dirnen vor der schönen Literatur!

Durchsuche ich nun vollends die Bücher: welche Gräuel stoßen mir auf! Dintenflecken, Oehlflecken, andere Schmutz- und Dreckflecken, ohne Ende! »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Soll man's glauben? Das zarte, reine, feine, schöne Geschlecht, das Alles so zierlich unter Dach und Fach hält, sollte so ungalant gegen Göthe, Schiller und seine andern Lieblinge seyn? Was? – »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Das zierliche Händchen, das sonst so geschickt zu fälteln und zu glätten weiß, sollte diese gewaltigen Eselsohren dem Autor aufgesetzt haben? Wie? – »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Daß euch die Pest sammt und sonders!

Soll ich Erwähnung thun von Unfüglichkeiten und Schändlichkeiten gröberer Art, z. B. daß Blätter herausgerissen oder Kupfer herausgeschnitten sind? Ich lasse mich sogleich todt schlagen, wenn du z. B. nur ein einziges Bild von Chodowiecki noch findest in der ganzen Bibliothek. Die neuen verschonen sie mehr; denn sie taugen an sich nicht viel. Da klage und verklage aber nun Einer wegen des Unfugs und des Ersatzes! Ich habe es einmal versucht, eine Dame dieses Plagiats zu zeihen. Wie waren alle Furien los! Bevor ich sie noch puncto furti belangte, belangte ihr Gemahl mich puncto injuriarum; und ich durfte noch froh genug seyn, daß ich ihr bloß Abbitte thun durfte für das Unrecht, das sie mir angethan. O die weiblichen Krallen!

Die Männer machen es jedoch um nichts besser. Davon können ihre Bedienten, Stiefelputzer und Gelegenheitsmacher am besten zeugen. Noch jetzt wird's mir grün und gelb vor den Augen, gedenke ich an das, was mir erst neulich begegnet. Da bringt mir so ein Kerl ein Buch zurück (es war nagelneu ausgeliehen), in dem die Blätter, im eigentlichsten Sinne, decimirt waren. Himmel, wie fluchte ich! Der Bediente aber suchte mich bloß mit der Entschuldigung zu beschwichtigen: »Er habe gestern Abends vergessen, dem Herrn eine Parthie Fidibus auf das Nachttischchen zu legen; und so hätte denn sein Herr, in Ermangelung eines Nähern und Bessern, sich der Blätter des Buches bedient zur Unterhaltung seines Knasterfeuers. Prügel habe er (der Bediente) bereits bekommen für seine Nachlässigkeit; Geld aber nicht zum Ersatz. »Wenn ich wollte – – wenn er müßte.« – – Hier verzog er sein Maul zum Flennen, daß man Erbarmen haben mußte. Was wollte ich thun? Soll ein armer Teufel einen noch ärmern verfolgen? Kaum.

Fast noch mehr zuwider, als die obengenannten Flecken, sind mir die Feder- und Bleizeichnungen aus der Hand leichtfertiger oder pedantischer Leser.

Wenn ich so das Buch durchblättere, und es springt mir ein Ochsenkopf oder ein Eselsohr entgegen: sind das keine Injurien gegen Autoren, deren Pflegevater ich bin? Was nutzt es, wenn ich dann zur Satisfaction für mich hinbrumme: Selbst Ochs! löscht das den Kopf aus? Ich habe leider den Schaden davon. . . Wer aber nicht zeichnen kann, der schreibt's wenigstens. Ich fordere jeden Recensenten auf, ob er in seinem Armario von Schimpf- und Schandwörtern eine so auserlesene Sammlung besitze, als ich in meiner Bibliothek. Ich kann einen angehenden Kritiker, der fait machen will, meine Bücher zu dem Zwecke bestens empfehlen. . . Das sind jedoch nur einzelne Stoßseufzer, die den Leser selten unterbrechen. Aber wenn ein Pedant den unseligen Hang hat, in den Schriftsteller hinein zu schriftstellern, wär' es nur in Ansehung der Orthographie: so hat's den Teufel. So hatte ich einmal unter meinen Lesern einen alten Cantor, der eine ordentliche Antipathie gegen die H's hatte. Man sollte es kaum glauben; aber wahr ist's: mit unsäglicher Mühe durchstrich er mit rother Dinte alle H's im Buche, so daß es aussah, wie ein von Spießruthen zerhauener Rücken. »Man muß einmal ein Exempel statuiren,« sagte der Mensch, indem er mir das offene Buch hinreichte. In der ersten Furie wollte ich, um ein Exempel zu statuiren, ihm das Buch an den Kopf werfen; aber er stand da, mit einer so ruhigen, selbstgefälligen, mit einer so unschuldigen Schafs-Miene, als hätte er sich das größte Verdienst um die Literatur erworben; und (ich weiß nicht, woher es kommt, daß mir eine vollendete Narrheit jederzeit Respekt einflößt) ich konnte ihm nichts Schlimmeres sagen und thun, als daß ich ihn zum Teufel wünschte und zur Thür hinaus schob. Kann man geduldiger seyn?

So geht denn der Troubel fort bis zehn und eilf Uhr. Diese Zeit könnte nun zwar die Schäferstunde eines Bücherverleihers seyn; aber ein armer Teufel kann keine Freude rein genießen. Es kommen jetzt nämlich die Fräulein selbst in dem einfachsten Negligé; die Augen sind noch etwas schlaftrunken, die Wangen etwas bleich, die ganze Attitüde schmachtend, hinfällig. Wenn eine solche Grazie eintritt in die Bude, wahrhaftig, dann fühle ich doch, daß ich noch ein Mensch bin unter Menschen. Aber wie überzieht's sich auf ihrem Antlitz, und welch ein Donnerwetter bricht los! »Sie haben mir da ein ganz abscheuliches Buch gegeben; es machte mir Langweile bis zum Sterben; wofür halten Sie mich denn?« Wenn ein Dritter zuhören würde, er müßte weiß der Himmel was Lästerliches glauben. Es sind aber nur Klopstocks Tragödien. Aufrichtig gestanden: ich wollte ihr den Tag zuvor, wo sie mich eben so anboll, einen Schabernack spielen; sie wünschte etwas Klassisches, und damit konnte ich ihr dienen. Da mich die Lust der Rache schadlos hält, so kann ich den Schimpf geduldig einstecken. . . Jetzt geht's aber an's Auswählen. Den Catalog in der Hand nennt sie die Nummer. Ich hole sie. Sie blättert. »Das sind Verse; ich lese nichts in Versen.« Eine andere Nummer. »Das Buch ist zu klein; ich bleibe heut Abends zu Hause.« Eine dritte. »Hier kommen ja gar Hexen vor; ist denn dieß eine Lektüre für Frauenzimmer?« (Steht mir bei, alle Engel!) Ich lange die vierte, die achte, die zwölfte Nummer hervor; endlich (die Stunde ruft sie) macht sie aus der Noth eine Tugend, und steckt ein, mit der Drohung: »wenn das Ding wieder so abscheulich sey, so komme sie nimmer.« Wärst du doch nie da gewesen, Drud'! – Ich ärgere mich nicht; aber weh thut's, wenn man von einem so holdseligen Munde angeschnurrt wird, wie von einem bärtigen Grenadiermaul.

Wie man nun Appetit haben könne, wenn der Mensch ganz zu Galle geronnen ist, magst du leicht denken. Ich fress' auch meistens nur, weil's so herkömmlich ist.«

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