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Aus dem Leben meiner alten Freundin

Wilhelmine Heimburg: Aus dem Leben meiner alten Freundin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelmine Heimburg
titleAus dem Leben meiner alten Freundin
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3b808901
created20070218
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Drüben in dem hohen, schmalen Hause, hinter den Fenstern mit den weißen Filetgardinen und den vielen Geraniumtöpfen, da wohnte sie, von der ich hier erzählen will. Freilich war sie jetzt kein schönes, junges Mädchen mehr, auch kommen keine spannenden Szenen, keine romantischen Handlungen in der Erzählung vor. Es ist eben eine einfache Geschichte, die ich hier niederschreibe, sehr einfach, aber wahr, denn sie hat sie mir selbst anvertraut, und meine Heldin ist eine alte Jungfer.

Erschreckt nicht, meine freundlichen Leserinnen, ihr glaubt nicht, welch eine Fülle von Poesie ich drüben in dem kleinen Stübchen fand.

Wie manchen langen Nachmittag habe ich an meinem Fenster gesessen und, scheinbar mit einer Arbeit oder mit Lektüre beschäftigt, mein einsames Visavis beobachtet. Und wenn die noch immer zierliche Gestalt im einfachen grauen Lüsterkleide, das schneeweiße Häubchen auf dem glatt gescheitelten Haar, am Fenster saß und die Zeitung las, indem sie strickte, so überkam mich immer ein unendliches Mitleid mit der Einsamen. Nie sah ich eine Freundin bei ihr, nie überhaupt einen Besuch. Nur die kleinen Kinder ihres Hauswirts erblickte ich manchmal an ihrem Fenster, eifrig beschäftigt, Äpfel zu schmausen. Die alte Dame, die gütige Spenderin dieser Leckereien, stand hinter ihnen und sah mit strahlendem Lächeln, wie es den kleinen Wesen schmeckte. Leise hauchte sie dann wohl einen Kuß auf so ein blondes Köpfchen, als wollte sie es segnen. Jeden Nachmittag zur bestimmten Zeit sah ich sie aus ihrer Haustür treten, um spazierenzugehen. Ein paar Stunden später saß sie schon wieder strickend oder nähend in ihrem Lehnstuhl am Fenster. Zuweilen, an warmen Sommerabenden, wenn sie die Fenster geöffnet hatte, dann konnte ich sie an ihrem altmodischen Spinett sitzen sehen, und alte, längst vergessene Melodien klangen zu mir herüber. Oh, stundenlang hätte ich zuhören mögen, während meine Phantasie sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigte.

Wie kommt es nur, daß sie so gänzlich einsam ist? dachte ich dann. Die Nachbarn nannten sie »das alte Fräulein Siegismund«, aber weiter konnte ich trotz meines Forschens nichts erfahren. »Sie geht mit keinem Menschen um – sie lebt ganz für sich – sie ist vollständig unzugänglich« – das waren die Antworten auf meine Fragen.

Je mehr und je länger ich das alte Fräulein verstohlen beobachtete, je reger wurde mein Interesse, je größer mein Mitleid, je lebhafter der Wunsch, etwas von ihr zu erfahren.

Da ging ich einmal, es war gegen Abend, und zwar an einem wunderschönen Sommerabend, nach dem Garnisonkirchhof, um einen Kranz auf das Grab einer früh verstorbenen Freundin zu legen. Auf dem wohlgepflegten Friedhofe war es still und einsam, die Rosen standen in vollster Blüte und gossen ihre Wohlgerüche verschwenderisch aus über die stillen Hügel. Es hatte am Nachmittage gewittert, die Luft war so rein, die Bäume und der Rasen so grün und frisch, daß man an den Tod nicht glauben mochte. Die Sonne blitzte noch einmal durch die zerrissenen Wolken und spiegelte sich in den Tautropfen der Gräser und Blumen, die wie zahllose Tränen erschienen an diesem Orte.

Mein Rosenkranz war bald um das einfache Marmorkreuz geschlungen. Ich setzte mich einen Augenblick auf die kleine Bank unter die Trauerweide und dachte an die, die nun schon seit einem Jahre unter dem grünen Hügel lag. Sie hatte Rosen so sehr geliebt, sie war auch noch so jung gewesen und so plötzlich aus dem strahlenden Glücke gerissen worden. Trostlose Eltern, ein vor Schmerz beinahe verzweifelnder Bräutigam hatten an dem Sarge des lieblichen Mädchens gestanden. Mich hatte es damals sehr ergriffen, den ersten Schatten auf mein Leben geworfen, als ich die heitere Gefährtin der schönen Mädchenzeit so rasch sterben sah – wie glücklich hätte sie noch werden können, wie lange noch leben – ja wie lange!

Ob das Leben nur so ein Glück ist? Doch nicht immer, wenn man so lebt, wie das alte, einsame Mädchen drüben. Ob es nicht besser ist, man stirbt jung, geliebt, heiß beweint, als einsam sein alle Tage? So lange!

Da hörte ich Tritte hinter mir, mich umschauend, gewahrte ich die, an die ich eben gedacht hatte. Sie trug ihr graues Kleid, das schwarze Tuch, den altmodischen Hut und Sonnenschirm und in der Hand einen Kranz von Geraniumblüten. Sie ging mit zur Erde gesenkten Blicken dem älteren Teile des Kirchhofes zu und verschwand bald hinter den Gebüschen meinen Augen.

Meine Neugierde war auf einmal wieder mächtig rege geworden. Wessen Grab mag sie hier bekränzen? fragte ich mich. Ihre Eltern waren nicht hier gestorben – das wußte ich. Ich setzte mich wieder und wollte warten, bis sie zurückkäme. Dann aber stand ich auf und ging vorsichtig nach derselben Richtung, die sie eingeschlagen hatte. Auf einmal hemmte ich meine Schritte, nicht weit von mir, den Rücken mir zugewendet, lag die alte Dame auf den Knien vor einem ganz mit Efeu bewachsenen Hügel, das Gesicht in die dunklen Blätter gedrückt. Ich trat hinter ein altes, verwittertes Denkmal und sah zu ihr hinüber – regungslos verharrte sie in dieser Stellung. Es wurde mir förmlich unheimlich in dieser Stille, die dunkle Gestalt vor mir. Dann erhob sie sich plötzlich und ging wieder davon mit ebenso gesenkten Blicken, nur bemerkte ich Spuren von vergossenen Tränen auf ihrem Gesicht. Der Geraniumkranz lag auf den dunklen Blättern des Efeu.

Als ich sie nicht mehr sah, trat ich zu dem Grabe. Mein Fuß stieß an einen Gegenstand, und als ich ihn fortschieben wollte, erkannte ich ein kleines, vergriffenes, in Leder gebundenes Buch. Ich hob es auf, es war wahrscheinlich einmal rot gewesen, einige nur noch schwach vergoldete Lettern zeigten die Chiffre W.v.E. Ich steckte das Buch in die Tasche und bückte mich zu dem Grabe. Eine verwitterte Sandsteintafel fand ich, fast ganz unter dem Efeu verborgen, und darauf die Worte:

Wilhelm v. Eberhardt,
Leutnant im ...ten Infanterieregiment,
geb. den 1.Juli 1805,
gest. den 20. November 1834.

Ich zog das kleine Buch hervor – W.v.E., Wilhelm v. Eberhardt, wie sonderbar! Und heute war ja der 1. Juli, also der Geburtstag des Verstorbenen. In welchen Beziehungen mochte das alte, einsame Mädchen zu diesem Toten gestanden haben? Er war noch jung gewesen, als er starb, eben dreißig Jahre nach den Daten auf dem Leichenstein, und nun, nach so vielen Jahren, noch dieser heiße Schmerz? Sie mußte ihn sehr geliebt haben. – Ob es ein Verwandter von ihr war? Doch nein, man trauert nach vierzig Jahren nicht mehr so heiß um irgendeinen Vetter. Vielleicht war er ihr Bräutigam? Das konnte möglich sein. Armes, altes Mädchen, wer weiß, was du für ein trauriges Leben hinter dir hast!

So in Gedanken vertieft, war ich zu Hause angelangt. Vor unserer Tür warf ich einen Blick nach ihren Fenstern hinauf. Sie saß im Lehnstuhl, wie alle Tage, doch heute müßig, sie hatte den Kopf in die Hand gestützt, welche ein weißes Tuch hielt. Ihre Augen sahen wie verloren unverwandt auf einen Fleck. Da fiel mir das kleine Buch wieder ein, – ob ich es hintrage, oder ob ich es eingewickelt durch den Diener hinüberschicke?

Doch es war ja die beste Gelegenheit, mich ihr zu nähern. Rasch drehte ich um, schritt über die Straße und befand mich schon im nächsten Moment auf dem etwas finsteren Vorsaal im zweiten Stock.

»Wohnt hier Fräulein Siegismund?« fragte ich eines der blonden Kinder, welches eben mit einem großen Butterbrot die obere Treppe herabkam.

»Ja«, war die Antwort, »du kannst nur da klopfen, dann kommt sie gleich heraus.«

»Danke dir, meine Kleine«, sagte ich und pochte entschlossen, obgleich mit Herzklopfen, an die alte, braune Tür. Ich hörte drinnen einen leisen Schritt, es wurde geöffnet, und erstaunt trat die alte Dame ein wenig zurück, dann aber sagte sie: »Bitte, gnädige Frau, treten Sie näher.« Ich war sehr verwirrt und verlegen, weil mir jetzt erst einfiel, daß ich mit dem Finden des Buches zugleich meine Neugierde eingestehen mußte. Sie wies mir einen Sofaplatz an und erwartete nun den Grund meines Kommens zu erfahren. Ihre großen Augen hingen mit einem Ausdruck von Verwunderung an den meinen.

»Verzeihen Sie, liebes Fräulein«, begann ich endlich, »daß ich Sie störe. Ich war so glücklich, etwas zu finden, was vermutlich Ihnen gehört, da wir beide uns, wie es mir schien, allein auf dem Kirchhof befanden?«

Die alte Dame hatte plötzlich in die Tasche gefaßt, dann war sie bleich geworden, und griff nun mit beiden Händen nach dem kleinen Buche, welches ich ihr hinhielt. »Oh, tausend Dank«, sagte sie, »es wäre ein unersetzlicher Verlust für mich gewesen.« Hierauf schwieg sie wieder, als hätte sie schon zuviel gesagt.

»Sie kennen mich gewiß, liebes Fräulein«, nahm ich das Gespräch wieder auf, »wir sind so nahe Nachbarn, daß ich mich wohl kaum vorzustellen brauche.«

»O gewiß, gnädige Frau, ich kenne Sie und ihren Herrn Gemahl. Es ist meine ganze Freude, Ihr glückliches Leben zu sehen. Sie sind so heiter, so vergnügt, das herzliche Lachen ihres Herrn Gemahls schallt oft bis zu mir herüber, Sie sind auch beide noch so jung! Gott erhalte Ihnen Ihr Glück.«

Es klang so wehmütig, wie sie diese Worte sagte, daß ich, von einem plötzlichen Impuls getrieben, ihre Hände ergriff, und sie bat: »Liebes Fräulein, auch wir nehmen den herzlichsten Anteil an Ihnen. Sie sind so einsam, so allein! Kommen Sie doch auch einmal zu mir herüber, ich will Sie aufheitern, mit Ihnen plaudern und –«

»Ich danke Ihnen, liebe Frau Hauptmann«, sagte sie, und in ihren Augen schimmerte es feucht, »danke Ihnen herzlich für diese Worte, aber lassen Sie mich in meiner stillen Stube, ich passe nicht in die fröhliche Gesellschaft. Ich habe mich so hineingelebt in diese Einsamkeit, daß es mir schwer wird, unendlich schwer, sie zu verlassen. Kommen Sie lieber zu mir, kommen Sie, sooft Sie wollen, ich werde mich sehr freuen und werde mich dadurch an die Zeit erinnern, wo ich noch so jung, so glücklich war wie Sie.«

»Oh, gern«, antwortete ich lebhaft, »gern, wenn Sie es erlauben. Ich habe so manchen langen Nachmittag für mich, wenn mein Mann im Dienst ist. Ich komme sehr bald, nächstens«, fügte ich hinzu, indem ich mich erhob. »Für heute darf ich Sie nicht länger stören, aber ich danke dem Zufall, der mich den Weg zu Ihnen finden ließ, denn ich interessiere mich schon solange ich drüben wohne für Sie, liebes Fräulein.«

Ich reichte ihr die Hand, die sie mit Wärme drückte: »Halten Sie auch Wort, ich freue mich schon sehr auf Ihren Besuch.« Ein heller Freudenstrahl brach aus den alten Augen, als sie mich nickend und grüßend entließ.

Droben am Fenster stand mein Mann und sah ganz verwundert aus.

»Wo kommst du denn her, du Ausreißerin«, lachte er, als ich, noch ganz aufgeregt von meinem Besuche, in sein Zimmer trat. »Du siehst ja aus, als hättest du deine Lieblingsidee ausgeführt und einen Besuch bei deiner alten Jungfer gemacht!«

»Habe ich auch!« rief ich triumphierend, »und es war wundervoll drüben. Sie ist in der Nähe noch weit interessanter als vom Fenster aus, und dann ist es bei ihr so himmlisch altmodisch, weißt du: alte Pastellbilder an den Wänden, alte gradlehnige Möbel, eingelegte Schränke mit großen, spiegelblanken Messingschlössern, unter dem Spiegel mit dem geschliffenen Rahmen alte, uralte Porzellantassen auf der geschweiften Kommode – es ist so gemütlich, so anheimelnd drüben, ich werde oft, sehr oft hinübergehen.«

»Hat sie dich denn eingeladen?«

»Gewiß, sonst würde ich doch nicht hinüber wollen. Das heißt«, setzte ich unsicher hinzu, »ich habe sie zuerst eingeladen, und das hat sie abgelehnt, sie geht nicht gern mehr aus. Aber ich darf kommen, sooft ich will, und es werden gewiß interessante Stunden werden.«

Mein Mann lachte. »Kleine Schwärmerin, ich fürchte, du langweilst dich noch recht herzlich drüben – inwiefern soll es interessant sein?« »Sie wird Zutrauen zu mir gewinnen und mir von ihrer Jugend erzählen. Gewiß, das wird sie tun, sie ist –«

»Sie ist jung gewesen und einsam und unbegehrt alt geworden, das wird ihre Geschichte sein, wie so vieler alter Mädchen«, schaltete mein Mann ein. »Was doch die Frauen zuweilen für eine lebhafte Phantasie haben. Aber ich denke, nun speisen wir zu Abend, und dann kannst du mir erzählen, wie du es angefangen hast, den Eingang zu der alten Burg da drüben zu erzwingen.«

Ich erzählte ihm nun, während er mit dem besten Appetit der Welt aß, von meinem Gange nach dem Kirchhof, von dem Fund des Buches und von dem alten Grabe, das den Namen »Wilhelm v. Eberhardt« trug.

»Wilhelm v. Eberhardt?« fragte mein Mann. »Ich war im Korps mit einem Eberhardt zusammen, merkwürdig – er hieß auch Wilhelm mit Vornamen.«

»Oh, dieser ist schon lange tot, schon beinahe vierzig Jahre«, erwiderte ich. »Du sollst einmal sehen, diese alte Jungfer hat eine traurige Episode in ihrer Jugend verlebt, und Wilhelm v. Eberhardt war gewiß ihr Geliebter.«

»Natürlich!« neckte mein Mann. »Bei euch Frauen geht es nicht ab ohne Liebe. Es kann ja ein Vetter von ihr gewesen sein, oder –«

»Nein, nein«, fiel ich ein, »um einen Vetter trauert man nicht Jahre hindurch so tief. Du wirst es noch erleben, ich habe recht.«

Und ich hatte recht.

Schon in den nächsten Tagen klopfte ich wieder an Fräulein Siegismunds Tür, wurde herzlich empfangen und fand mich bald so behaglich, als wäre ich daheim bei meinem Großmütterchen. Und sie verstand auch, es gemütlich zu machen. Die Kaffeemaschine summte auf dem mit schneeweißer Serviette belegten Tische, die altmodischen Tassen mit den kleinen Füßchen standen neben der altertümlich geformten Zuckerschale, durch die Geraniumstöcke drang grünes Licht in das kühle Zimmer, und auf dem Sofa neben meiner alten Jungfer saß ich mit meiner Arbeit. Sie selbst in ihrer feinen Weise machte die Wirtin mit aller Etikette früherer Zeiten. »Ich bin ganz ans der Übung, mein kleines Frauchen«, sagte sie wie entschuldigend. »Es ist lange, lange her, seit ich Besuch hatte. Sie müssen so vorliebnehmen.«

Ich hatte nun eine wahre Freude daran, die alte, hübsche Dame so schalten und walten zu sehen. Nie sah ich so schlanke, feine Hände. Die Gestalt war noch ungebeugt. Das feine, ovale Gesicht zeigte Spuren von früherer großer Schönheit, die großen Augen hatten etwas Schwärmerisches, Sanftes, man hätte immerfort hineinsehen mögen. Ihr ganzes Wesen atmete eine Milde, eine Herzensgüte aus, die man wohl selten vereint findet mit einem so freudenlosen, einförmigen Dasein.

Sehr bald hatte ich ihr ganzes Vertrauen gewonnen. An allen meinen kleinen Sorgen nahm sie teil, nie ging ich ohne einen guten Rat von ihr, nie ohne irgend etwas gelernt zu haben. Sie half mir Strümpfe für meinen Mann stricken, gab mir alte, bewährte Rezepte für mein Kochbuch, und bald verging kein Tag, an dem ich nicht hinüberhuschte, ihr eine Probe eines selbst gekochten Gerichtes zu bringen, ein Buch zu leihen, oder überhaupt, um sie zu sehen, und immer wurde ich liebevoll empfangen und, wie mein Mann behauptet, gründlich verzogen.

So war sie mir wirklich eine Freundin geworden, sie vertrat beinahe die Stelle der fernen Mutter bei mir, und noch immer hatte ich nichts von ihrer Vergangenheit erfahren. Da war ich einmal an einem häßlichen, regnerischen Novembertage bei ihr in dem traulichen Stübchen, draußen heulte der Wind und jagte prasselnd den Regen an die Fenster. Im Zimmer war es so dunkel, daß ich meine Stickerei aus der Hand legen mußte, ich konnte nicht sehen zu der feinen Arbeit. Die alte Dame war heute auffallend still und einsilbig, sie strickte emsig, und das Klappern der Nadeln war das einzige, was die Stille unterbrach. Dann ließ sie die Hände in den Schoß sinken und seufzte.

»Fehlt Ihnen etwas, liebes Fräulein?« fragte ich.

»O nein«, entgegnete sie, »aber ich bin heute traurig. Es gibt Tage, an denen ein Zufall fernliegende Zeiten mächtig wieder in Erinnerung bringt. Ein solcher traf mich heute früh und stimmte mich trübe. Und da fällt mir ein, Sie haben mir Ihre Freundschaft geschenkt und Ihr Vertrauen, ohne daß Sie das geringste von mir, von meinem Leben wußten. Das ist selten und edel, und wenn Sie es hören wollen, so will ich Ihnen erzählen, wie es kam, daß ich so einsam im Leben dastehe. Ich habe lange, sehr lange nicht davon gesprochen. Es lebt nur noch einer, der mich in meiner Jugend gekannt hat. Aber Sie sollen es wissen, die Sie mir meine alten Tage noch so verschönern.«

Sie faßte meine Hand und drückte sie fest. »Wie alt sind Sie, mein liebes Kind? Dreiundzwanzig Jahre? Da war für mich die Sonne schon untergegangen – doch ich will ja erzählen –, wollen Sie es auch gern hören? Ich glaube, es ist gut für mich, ich spreche wieder einmal davon.«

Ich brauche wohl kaum zu versichern, wie sehr ich darum bat, und wie gespannt ich ihren Worten lauschte, als das alte Fräulein erzählte: »Über meine Kinderzeit will ich rasch hinweggehen. Mein Vater war Prediger in dem lieblichen Weltzendorf, zwei Stunden von hier, das Sie ja auch kennen werden. Meine Mutter starb, als ich eben mein fünftes Jahr zurückgelegt hatte. Mein Vater war trostlos, er hat sich auch nicht wieder verheiratet. Das dunkle Bild, welches noch in meiner Erinnerung von der Verstorbenen lebt, zeigt mir eine große, hellblonde junge Frau, die mir immer sehr hübsch erschien und die mich oft auf ihren Schoß nahm und mich küßte. Dann, als sie gestorben, kam eine traurige Zeit für mich. Mein Vater war kein junger Mann mehr und etwas Sonderling, er hatte sich nie viel um mich gekümmert, und der Schmerz um die Dahingeschiedene machte ihn nur noch teilnahmloser. Ich lief wild umher, und die alte Kathrin, die schon meine Mutter auf den Armen getragen, glaubte ihre Pflicht vollkommen zu erfüllen, wenn sie mich kämmte und wusch und mir die gehörigen Portionen Butterbrot und Äpfel zukommen ließ. Ich trieb mich tagsüber im Garten und im Felde umher und kam nur zu den Mahlzeiten unter die Augen meines Vaters, der meine beschmutzten Kleider gar nicht bemerkte. Kathrin war herzensgut, aber sie konnte nicht so viel waschen und flicken, wie ich gebrauchte, und so kam es, daß ich manchmal schmutziger aussah wie die ärmsten Kinder des Dorfes, mit denen ich übrigens durchaus keine Gemeinschaft hielt.

Im Winter hockte ich in einem Winkel hinter dem großen Kachelofen und konnte stundenlang auf das summende Spinnrad Kathrinens schauen, das sie den ganzen Nachmittag über emsig in Bewegung erhielt. Zuweilen regte sich aber doch der Drang zum Lernen, zu irgendeiner Beschäftigung in mir. Dann schlich ich mich in meines Vaters Stube und bat ihn schüchtern um ein Bilderbuch. »Ich habe keins, meine Kleine«, pflegte er zu sagen, »aber ich will dir aus der Stadt eins mitbringen, wenn ich einmal hinfahre. Für jetzt störe mich nicht länger.« Damit senkte er den Blick wieder auf seine Bücher, und ich schlich mich betrübt hinaus.

O wie jubelte ich, als der Frühling kam. Nun vermißte ich auch kein Bilderbuch mehr, das ich natürlich nie bekommen hatte. Ich lief in Wald und Feld umher mit Peter, meiner Katze, und war glücklich.

Fünf Minuten von Weltzendorf entfernt liegt das Rittergut Bendeleben, ein alter Herrensitz, der sich schon seit undenklichen Zeiten in der Familie derer v. Bendeleben befand. Jetzt gehört er einem reichgewordenen Leinenfabrikanten – ja, wie sich doch alles ändern kann, wer hätte das damals gedacht!

Eines Tages war ich wieder mit Peter in den Wald gelaufen, es war sehr warm und ich achtete nicht darauf, daß sich der Himmel mit düsterem Gewölk umzog. Ich lag müde auf dem grünen Moose und schaute in die Wipfel der Eichen und Buchen über mir. Da hörte ich in der Ferne ein dumpfes Rollen und war im Nu auf den Füßen, denn Kathrin hatte mir eine abergläubische Furcht vor Gewittern beigebracht und mir hoch und teuer versichert, wenn man während eines Gewitters im Walde sei, so würde man unfehlbar vom Blitz erschlagen. Ich lief, das Kätzchen auf dem Arme, wie von etwas Schrecklichem verfolgt, den Weg zurück, den ich gekommen war. Schon nach wenigen Minuten leuchtete einen Moment ein gelber Schein durch das dunkle Blätterdach und ein furchtbarer Donnerschlag folgte, die Bäume bogen sich und rauschten im Sturm. Ich preßte das Kätzchen fest an mich und flog noch rascher dahin. Plötzlich gewahrte ich, daß ich nicht auf dem rechten Wege sei, ich war eben über eine kleine, aus Baumstämmen gefügte Brücke gelaufen und befand mich in einer großen Allee, dahinter schimmerte das alte dunkle Schloß durch die Bäume – ich war im Bendelebener Park.

An Umkehr war nicht zu denken, zumal jetzt wieder ein greller Blitz und heftiger Donner erfolgte, und so lief ich in atemloser Hast die Allee entlang, direkt auf das Schloß zu. Und ehe ich selbst wußte, wie es kam, stand ich oben auf der Terrasse vor dem Portal und sah mich um mit gewiß angsterfüllten Blicken. Da trat eine Dame aus der Tür, offenbar in der Absicht, nach dem Wetter auszuschauen, denn sie bemerkte mich nicht. In meiner Angst vergaß ich alle Schüchternheit, lief zu ihr hin, erfaßte ihr Kleid und schluchzte: »Ach, nimm mich und Peter mit hinein, wir fürchten uns so sehr.«

Die Dame sah ganz überrascht zu mir herunter, dann lächelte sie, und indem sie mich an der Hand faßte und in den Gartensaal führte, fragte sie: »Mein Gott, wie kommst du hierher? Bist du nicht Pastors kleines Gretchen?« Ich nickte. »Bekümmert sich denn niemand um dich«, fragte sie weiter, »daß du so wild umherlaufen kannst, wo du willst?« Damit streifte ein Blick meinen reduzierten Anzug. »Kathrin weiß, daß ich im Walde bin«, sagte ich leise. Es folgten nun noch viele Fragen, die von mir entweder mit Kopfschütteln oder mit Nicken beantwortet wurden, während draußen das Unwetter tobte – »ob ich oft so allein herumstreife?«, »ob ich gar nichts lernen müsse?«, »ob ich keine Lust dazu habe?« und endlich, »wie alt ich sei?« »Sechs Jahre? Nun, da ist es aber doch die höchste Zeit, daß etwas geschieht. Hör zu, mein Kind, wenn du jetzt nach Hause kommst, so bestelle deinem Vater, die Frau v. Bendeleben würde ihn morgen früh besuchen, um mit ihm eine Sache von Wichtigkeit zu besprechen. Kannst du das behalten?«

Ich bejahte und wurde, nachdem das Gewitter vorüber war und der Regen aufgehört hatte, sofort nach Hause geschickt, wo man mich wohl kaum vermißt hatte. Mein Vater machte ganz verwunderte Augen ob meiner Bestellung, und Kathrin schüttelte mit dem Kopfe, hatten sich doch die Bendelebens nie um ihre Herrschaft bekümmert, und hatte sie doch manchmal ein Wörtchen von Hochmut fallen lassen. In ihren Augen war der geistliche Stand der erste von der Welt, und daß die Frau Baronin nicht manchmal auf ein gemütliches Kaffeestündchen zur Frau Pastorin selig in die Pfarre gekommen war, konnte Kathrin noch immer nicht verschmerzen. Was mochte sie nur jetzt hier wollen, wo die hübsche, junge Hausfrau nun schon seit einem Jahre in der kalten Erde lag? Da war das Kopfschütteln Kathrinens wohl sehr gerechtfertigt, und auch ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Immer dachte ich an die schöne, vornehme Frau und an den prächtigen Saal, und was sie wohl mit meinem Vater zu besprechen habe am folgenden Tage.

Und der Tag kam, und mit ihm Frau v. Bendeleben. Sie ging direkt in meines Vaters Zimmer und blieb lange darin. Dann wurde ich gerufen, und als ich eintrat, sah ich, daß mein Vater die Hand der Dame in der seinigen hielt. Er sah freudig und doch ergriffen aus.

»Nun sehen Sie selbst, bester Pastor, wie verwahrlost das kleine Ding ist!« rief Frau v. Bendeleben, indem sie auf mich zeigte, die ich verlegen an der Tür stehengeblieben war.

»Sie haben recht, Frau Baronin«, sagte mein Vater, »und ich bin in der Tat ganz beschämt, daß – ich weiß nicht, wie ich danken –«

»Schon gut, Herr Pastor, schon gut«, unterbrach sie ihn. »Wir haben beide Vorteil davon, meine Kinder erhalten eine Gefährtin beim Unterricht und beim Spielen, und die Kleine lernt etwas. Und nun, Gretchen, nicht wahr, du hast auch Lust dazu? Willst du mit mir gehen und recht fleißig sein? Willst du Lesen, schreiben, Stricken und Nähen lernen?«

»O ja«, versicherte ich lebhaft, »ich komme mit, es ist so hübsch bei dir – wenn Papa es haben will«, setzte ich leise hinzu und sah scheu zu ihm hinüber.

»Ja, mein Kind, und sei dankbar, indem du fleißig bist. Dir wird ein großes Glück zuteil.«

Doch das, was er noch sagte, hörte ich kaum. In hellem Jubel stürzte ich hinunter in die Küche, wo Kathrin mit unserem einfachen Mittagsmahl beschäftigt war. »Kathrin, Kathrin! Ich gehe mit aufs Schloß, ich werde Lesen und Schreiben und –«

»Was ist das für ein Unsinn«, unterbrach mich die Alte, indem sie mich zurückstieß. »Was willst du denn auf dem Schlosse?«

Ich stammelte ganz kleinlaut, was zwischen meinem Vater und Frau v. Bendeleben verabredet worden war.

Kathrin schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Daß sich Gott erbarm', deshalb kam sie hierher?« Dann rückte die Alte ihre Haube zurecht und stieg entschlossen die Treppe zu meines Vaters Studierstube hinauf. Ich folgte ihr, aus Angst, sie könne mir die schöne Aussicht wieder zerstören.

Mein Vater saß schon wieder über seinen Büchern, Frau v. Bendeleben war fort. »Herr Pastor«, fing Kathrin an, »das Gretel wollen Sie forttun aufs Schloß?«

»Jawohl«, erwiderte mein Vater, etwas ungeduldig über die zweite Störung, »heute gegen Abend wirst du sie hinbringen, aber sauber angekleidet.«

»Daß Gott erbarm', Herr Pastor, Sie werden doch nicht das einzige aus dem Hause tun, woran man noch seine Freude hat?« Die Stimme der Alten schwankte, als sie dies sagte. – »Wenn das die Selige wüßte, sie hätt's nimmer gelitten!«

Mein Vater stand auf. »Höre, Kathrin«, begann er, »nun will ich dir einmal etwas sagen: das Mädel ist jetzt sechs Jahre alt und ist aufgewachsen wie eine Wilde. Sie kann nichts, sie weiß nichts und sie lernt nichts. Du bist eine gute Seele, aber du kannst kein junges Mädchen erziehen. Ich verstehe es auch nicht. Frau v. Bendeleben tut es leid, das Kind so verwildern zu sehen, sie hat mir angeboten, Gretchen mit ihren Töchtern zusammen zu erziehen, das ist ein Vorschlag, den ich mit größter Dankbarkeit annehmen muß um des Kindes willen. Du kannst es sehen, sooft du willst. Sie wird uns besuchen, recht oft, nicht wahr, Gretchen, recht oft? Und du, Kathrin, wirst noch deine Freude an ihr haben, und nun laß das Schluchzen und störe mich nicht länger.«

Kathrin hatte die Schürze vor das Gesicht genommen, und dahinter tönte es weinend hervor: »Das nimmt kein gutes Ende, das weiß ich, es wird ihr nie mehr hier gefallen.« Dann nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir hinunter. Dort zog sie mich auf ihren Schoß und weinte, als ob ich sterben müßte.

Abends wusch und kämmte sie mich unter strömenden Tränen und brachte mich dann, nachdem ich, vor Ungeduld zappelnd, meinem Vater Adieu gesagt, auf das Schloß.

»Gretchen«, sagte sie unterwegs, »wenn sie auch alle schön mit dir tun da droben, vergiß nicht, daß du in unser kleines Pastorhaus gehörst, und daß du einmal dorthin zurückkehren mußt. Werde nur nicht hochmütig, Kind. Ach, Gott erbarm's, wenn's nur kein Unglück gibt!«

Damals dachte ich wohl kaum, daß sich etwas von der Alten düsteren Prophezeiungen bewahrheiten könne. Ich wurde liebevoll dort aufgenommen und wuchs mit den beiden Töchtern des Hauses, Ruth und Hanna, heran. Unsere Erziehung war eine sehr sorgfältige, und mein Vater, der nach wie vor sein einsiedlerisches Leben fortsetzte und nur dann und wann sich einmal nach meinem Fleiß und meinen Fortschritten erkundigte, wurde ordentlich stolz auf sein Töchterchen.

Kathrin forschte immer ängstlich nach Hochmutsspuren in meinem Gesicht. Als ich aber unverändert zärtlich und freundlich zu ihr blieb und mir stundenlang, wenn ich zu Hause war, von ihr erzählen ließ, wie gut und lieb mein Mütterchen, ihr ganzer Stolz, gewesen war, und mit unvermindertem Interesse die schon oft gehörte Erzählung anhörte, beruhigte sie sich allmählich etwas, doch bekam ich immer irgendeine Ermahnung mit auf den Weg.

Nun muß ich Sie aber, liebes Kind, mit den Personen und Verhältnissen auf Schloß Bendeleben etwas bekannt machen.

Der Hausherr war ein großer, stattlicher Mann, der richtige Typus eines deutschen Landedelmannes, mit blondem Haar und Bart und blauen Augen, die ziemlich unbedeutend, aber voll Herzensgüte in die Welt blickten. Ein großer Geist war er eben nicht, und seine Frau überragte ihn in dieser Beziehung um ein bedeutendes. Nur eines hatten die Gatten gemein, sie sahen beide mit souveräner Herablassung auf alles, was nicht adlig war, hernieder.

Sonst eine kühle, ruhige Natur, konnte der Baron außer sich geraten, wenn er zum Beispiel in der Zeitung las, daß ein altes, adliges Rittergut in die Hände eines Bürgerlichen übergegangen war. Die Heirat eines Adligen mit einem bürgerlichen Mädchen vermochte ihn zu langen Reden aufzureizen, die gewöhnlich damit schlossen: »Gott weiß, was aus der Welt noch werden soll, wenn dieser Standesunterschied aufhört. Es wird noch alles drüber und drunter gehen, ich mag es gar nicht erleben.«

Frau v. Bendeleben war taktvoller und sprach ihre Ansichten nicht so unumwunden aus wie der Baron. Daß sie aber ebenso dachte, bewiesen verschiedene kleine Züge, die ich in unserem Zusammenleben zu beobachten Gelegenheit hatte. Freilich war ich dort so wohlgelitten, wurde beinahe als Tochter behandelt. Ich machte aber doch später die bitterste Erfahrung in dieser Beziehung, und der Standesunterschied wurde mir gerade zu einer Zeit in Erinnerung gebracht, wo ich unglücklich, recht unglücklich war und Schutz und Schonung sehr nötig hatte. Doch davon schweige ich noch.

Im übrigen war Frau v. Bendeleben eine edle, gutdenkende Dame, und wenn sie mir einmal ein Unrecht zufügte, so geschah es infolge ihres angeborenen Stolzes und der großen Liebe zu ihren Kindern. Sie war eine vortreffliche Mutter, eine gute Hausfrau, und eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen.

Die älteste Tochter Ruth sah ihr ähnlich, nur übertraf sie wohl die Mutter noch. Ein blendend schönes Geschöpf war sie, von elfenhaft zierlicher Gestalt. Das ovale Gesichtchen mit den großen, dunkelbraunen Augen, die schmachtend und feurig zugleich unter den langen Wimpern hervorblickten, war von einer Fülle schwarzer Locken umrahmt. Die feine Nase, der kleine Mund, der so süß zu lächeln verstand, alles bewirkte, daß man sich kaum von dem Anblick dieses reizenden Geschöpfes losreißen konnte. Gewiß haben Sie, liebes Kind, schon einmal das Porträt der schönen Gräfin Potocka gesehen, das jetzt in allen Schaufenstern hängt – nun wohl, so sah sie aus, es bestand eine merkwürdige Ähnlichkeit mit diesem Bilde.

Sie besaß den Stolz der beiden Eltern in doppeltem Maße und sie war die einzige im Schlosse, die mir von jeher nicht wohlwollte. Mit einer Feinheit zeigte sie mir, daß ich nicht ihresgleichen sei, die bei einem Kinde in Erstaunen setzen mußte. Überhaupt war sie kein guter Charakter. Die Anbetung und die Schmeicheleien, die schon in früher Jugend ihrer schönen kleinen Persönlichkeit gezollt wurden, machten sie vor der Zeit kokett und herausfordernd. Männern gegenüber entwickelte sie von jeher eine bezaubernde Liebenswürdigkeit. Zuerst waren es der Vater, der Hauslehrer oder etwaige Vettern, welche die Ferien auf Schloß Bendeleben verlebten, an denen sie ihre Macht übte. Sie wickelte sie alle um den Finger. Dann – doch davon später.

Hanna, die jüngere Tochter, mit mir in einem Alter, war ein schüchternes, liebliches, blondes Kind. Wir waren und blieben Herzensfreundinnen bis zu ihrem frühen Tode. Uns stand Ruth stets feindlich gegenüber, und tausend kleine Zänkereien kamen vor, tausend kleine Demütigungen wurden mir zuteil, ohne daß ich mich zu beklagen wagte. So vergesse ich eine Szene nie: es war eines Tages ein Hausierer ins Schloß gekommen, der allerlei zu verhandeln hatte: Garn, Zwirn, Nadeln und bunte Tüchelchen und Bänder. Nur wer lange auf dem Lande gelebt hat, kann sich vorstellen, welch einen Zauber so ein häßlicher, alter Jude auf sämtliche weibliche Gemüter im Hause ausübt. Es ist ein ordentlicher Jubel, sieht man ihn, den Kasten am verschossenen grünen Bande tragend, von weitem kommen. Man erinnert sich, daß dieses oder jenes fehlt, und man kauft und handelt, daß es eine wahre Lust ist. Auch Frau v. Bendeleben stand in der großen Halle des Schlosses mit dem Hausierer, und wir natürlich erwartungsvoll daneben. Die weibliche Dienerschaft hatte dem Alten schon verstohlen Winke gegeben, worauf er ernsthaft versicherte: »Wenn wird gekauft haben die gnädige Frau Baronin und die gnädigen Fräulein Töchter, werde ich auch kommen zu den Mägden.«

Als Frau v. Bendeleben mit ihrem Handel fertig war, erteilte sie uns zu unserer größten Freude die Erlaubnis: »Jede von uns dürfe sich ein Band aussuchen, das sie uns schenken wolle.« Ruth griff mit ihren kleinen Händen sofort nach einem blauen Bande, das mir auch sehr gut gefiel. Sie hielt es sich an ihre dunklen Locken und fragte, ob es ihr gut stehe? Hanna wählte irgendeine andere Farbe, nur ich stand noch unentschlossen da. Nachdem für Ruth von dem blauen Bande abgeschnitten worden war und auch Hanna das ihrige bereits in den Händen hielt, fragte sie: »Nun, und du, Gretchen?« – »Ich möchte auch von dem blauen Bande«, sagte ich, »bitte schneiden Sie ab.«

Ruth, die sich ihr Band, wie um es zu probieren, um den Hals geschlungen hatte, riß es bei diesen Worten plötzlich ab. Sie warf den kleinen Kopf zurück, unter den langen Wimpern hervor traf mich ein unendlich geringschätziger Blick. Dann wandte sie sich um, und das Band der Kammerjungfer ihrer Mutter zuwerfend, sagte sie zu dem erstaunten Mädchen: »Da, Lisette, ich schenke es dir.«

Im ersten Moment begriff ich nicht, was dies bedeuten solle, dann aber stieg mir das Blut siedendheiß in die Wangen. Hanna hielt mich schnell umfaßt, als wolle sie die Unart von mir abwehren. Der alte Jude aber schaute mit klugen, lächelnden Mienen bald mich, bald Ruth an, wahrend er das unglückliche blaue Band vor mich auf den Tisch legte.

Es lag eine so furchtbare Demütigung in diesem Auftritt, daß ich mich wie Hilfe suchend nach Frau v. Bendeleben umwandte. Doch die besichtigte mit so viel Interesse die kleinen Sachen in dem Kasten des Hausierers, daß es schien, als habe sie nichts von dem bemerkt, was soeben vorgegangen. Freilich war es ja auch vermessen von mir, mit der Tochter des alten adligen Hauses gleiche Bänder tragen zu wollen, als ob ich die Schwester sei. Sie hatte mir gezeigt, mit wem ich d'accord sein konnte, die Kammerjungfer und ich – das paßte besser, und doch noch nicht vier Jahre später, da streckte sie die Hand nach dem aus, was mir gehörte, da trat es ihrer Ehre nicht zu nahe, etwas für sich in Anspruch zu nehmen, was der kleinen bürgerlichen Pfarrerstochter zu eigen war! Oh, ich habe sie einmal glühend gehaßt, dieses stolze, eitle Geschöpf. Sie hat mein ganzes Lebensglück zerstört.«

Die Augen der alten Dame blitzten zornig auf, und noch jetzt, nach so vielen Jahren, war die Röte der Beschämung auf ihrem Gesichte emporgeflammt.

»Sie hätten sich an diese Szene gar nicht erinnern sollen, liebes Fräulein«, sagte ich.

»Doch, mein liebes Kind, Sie müssen ihren Charakter verstehen lernen. Sehen Sie, solche Szenen kamen öfter vor, und wäre nicht Hanna gewesen und hätte mir nicht die ungemütliche Häuslichkeit in dem kleinen Pfarrhause so entsetzlich mißfallen, ich wäre damals so gern dorthin zurückgekehrt. Aber mein Vater, der den ganzen Tag über sich seinen archäologischen Studien widmete (er hatte sich einen großen Namen erworben in diesem Fache), die alte Kathrin mit dem verdrießlichen Gesicht, ewig spinnend in der unheimlich öden und ungemütlichen Wohnstube, wo jede Spur von Zierlichkeit geschwunden war, keine Blumen, kein Teppich vor dem verschossenen Sofa, keine Decke auf dem Tische – selbst die Gardinen hatte die Alte kassiert –, alles machte mir den Aufenthalt so unerträglich dort unten, daß ich glaubte, die Wände müßten auf mich herabfallen. Ich sehnte mich nach den hohen, eleganten Zimmern, nach den weichen Teppichen, auf die mein Fuß trat. Ich hatte mich so rasch in diese Umgebung hineingewöhnt, daß sie mir zum Leben, zum Atmen unentbehrlich schien. Es beleidigte meinen Schönheitssinn, wenn ich das Pfarrhaus besuchte, und Kathrin in einer braunen irdenen Kanne den Kaffee servierte und mit der Schürze über den Tisch fuhr. Ich konnte dann gewöhnlich nichts hinunterbringen und fragte mich immer: wie es möglich sei, daß mein Vater, ein so gebildeter und gelehrter Mann, einen gewissen Luxus in dieser Beziehung entbehren möchte?

Kathrin merkte es wohl, daß es mir zu Hause nicht mehr gefiel, doch war sie ruhig und hielt keine längeren Reden mehr. »Ich hab's vorher gewußt«, das war alles, was sie darüber äußerte.

So schwebte ich gleichsam zwischen Himmel und Erde, und nur meine Hanna, das beste Herz, das es je auf der Welt gab, entschädigte mich für alles, was mir schmerzlich war. Inzwischen wurde Ruth eingesegnet und ging auf ein Jahr nach B. in eine Erziehungsanstalt. Nun kam für Hanna und mich eine glückliche Periode. Wir verlebten die Backfischzeit in ungetrübter Seligkeit und wurden zusammen eingesegnet durch meinen Vater. Heimlich bangte uns vor dem Augenblick, da Ruth wiederkommen mußte. Ich konnte ja nicht immer auf dem Schlosse bleiben und dachte mit Schauder und unter Tränen an die Rückkehr in das Pfarrhaus und an das Leben dort unten. Indessen wir ängstigten uns grundlos. Eine Schwester der Frau v. Bendeleben, die in Wien lebte, erbot sich, die junge, schöne Tochter in die große Welt einzuführen und mit ihr den Winter in der fröhlichen Kaiserstadt zuzubringen. Den Eltern war der Vorschlag recht, denn ein einsames Gut ist nicht der Ort, eine solche Schönheit zur Geltung zu bringen, und außerdem war der Baron zu bequem, um sich nicht herzlich zu freuen, daß ein anderer diese strapaziöse Pflicht übernehmen wollte. Infolgedessen traf Frau v. Bendeleben mit meinem Vater die Verabredung, daß ich noch länger im Schlosse bleiben solle, damit Hanna nicht allein sei.

Niemand war froher als ich, ich fühlte mich so glücklich, wurde so liebevoll behandelt, daß man äußerlich keinen Unterschied mit der eigenen Tochter wahrnehmen konnte. Zuweilen wurde ich geradezu verzogen, besonders von dem Baron. Ich hatte eine sehr gute Stimme, und da mir Herr v. Bendeleben, der Gesang über alles liebte, einen ausgezeichneten Unterricht geben ließ, so machte ich bedeutende Fortschritte und konnte ihn durch nichts mehr erfreuen, als wenn ich abends im Dämmern seine Lieblingslieder sang. Er tat mir dafür alles mögliche zuliebe und beschenkte mich oft mit Sachen, die vielleicht für meine Lage nicht passend waren. Mit kindischer Freude nahm ich die schönen, oft kostbaren Geschenke hin und bildete mir wohl ein, das müßte so sein, wenigstens dachte ich nicht darüber nach. Einmal, als ich ihm sein Lieblingsstück, die wundervolle Arie des Pagen aus »Figaros Hochzeit«: »Neue Freuden, neue Schmerzen«, ganz besonders gut vorgesungen hatte, schenkte er mir ein wunderhübsches Pferd und einen Reitanzug. Kurz vorher hatte ich beim Betrachten eines schönen Bildes, das eine schlanke Amazone auf mutigem Pferde darstellt, geäußert: »Wie wundervoll muß es sein, auf solch prächtigem Tiere durch Wald und Feld zu fliegen. Ach, wer doch reiten könnte!« Da bekam ich das Pferd und das Kleid. Hanna war schon von jeher geritten.

Herr v. Bendeleben gab mir selbst Unterricht, und ich saß in einer Seligkeit auf dem hübschen, schwarzen Tierchen, die, glaubte ich, rührend war. Es wurde mein größtes Vergnügen, zu Pferde mit Hanna die liebliche Gegend zu durchstreifen. Ich hätte aufjauchzen mögen vor Wonne, flog ich so auf schattigen Waldwegen dahin. Zuweilen begleitete uns der Baron, und im Walde, wenn die Tiere auf weichem Moose so leise dahinschritten und die Sonne nur verstohlen durch die Wipfel der alten Eichen blitzte, dann bat er wohl: »Nun, Gretel, singe mir ein Lied!« Und dann sang ich aus dem vollen jungen Herzen heraus: »O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald!« Die Pferde spitzten dann die Ohren, und Hanna sang leise die zweite Stimme mit, während der Baron, aufmerksam zuhörend, im Sattel saß. Oh, es waren glückliche Stunden, die ich so verlebte, und meine Liebe und meine Dankbarkeit für die Familie, die mir all dieses Schöne verschaffte, wuchs stündlich in meinem Herzen.

Zuweilen, wenn wir oben in unserem Mädchenstübchen saßen, das in einem der großen runden Türme lag und von dem kleinen Balkon, der wie ein Schwalbennest daran hing, die schönste Aussicht auf die bewaldeten Hügel bot, schlang ich den Arm um Hanna und sagte: »Hanna, es ist doch zu schön in der Welt, und was wird nun erst noch alles kommen!« Im Winter, wenn der Sturm um das alte Schloß tobte und an den Fenstern rüttelte, als wollte er sie zerschmettern, dann saßen wir am Kamin im Turmstübchen, das Feuer flackerte und knisterte, die blauen Vorhänge vor den Fenstern waren fest zugezogen, die Lampe brannte, und mit vor Eifer glühenden Wangen fertigten wir Weihnachtsarbeiten, oder eines las vor aus Büchern, welche die Frau Baronin immer sorgfältig auswählte. Manchmal kam sie dann herauf, um sich zu überzeugen, was wir trieben, oder es war ein Brief von Ruth angelangt, den sie uns vorlas. Das zierliche Billettchen enthielt gewöhnlich nur eine Beschreibung der letzten großen Festlichkeiten, eine Andeutung, wie sehr man gefeiert sei, und die Versicherung, daß sich die Schreiberin sehr glücklich fühle und den lieben Papa, die angebetete Mama und die süße Hanna grüßen lasse. An mich wurde nie ein Gruß bestellt. Hanna nahm dies mehr übel als ich, und wenn sie an Ruth schrieb, so stand gewöhnlich in dem Brief: »Gretchen ist mir wie eine Schwester, Gretchen habe ich mit jedem Tage lieber, wir leben sehr glücklich zusammen und sie läßt Dich grüßen.« Letzteres war dick unterstrichen, doch wurde nie Notiz davon genommen.

Trotzdem lebte ich ein glückliches Leben, und wenn nicht der spitze Giebel meines väterlichen Hauses hinter den Wipfeln der alten Linden mahnend zu mir herübergeschaut hätte, ich würde geglaubt haben, Schloß Bendeleben sei meine angestammte Heimat.

So war ein Jahr nach unserer Einsegnung vergangen, und da keine gütige Tante kam, um auch Hanna die Freuden der großen Stadt kosten zu lassen, so machte man nun Anstalt, ihr das zu bieten, was sich eben bieten ließ. Das Elternpaar Bendeleben fuhr mit uns zu Besuch bei der adligen Nachbarschaft, und man sprach allen Ernstes davon, im nächsten Winter die Kasinobälle unserer Stadt mitzumachen. Ruth war noch nicht wieder im Elternhause gewesen, sie wurde aber im kommenden Sommer erwartet, und man wollte dann die schöne Jahreszeit sehr vergnügt zubringen. Das Herbstmanöver sollte in unserer Gegend sein; man machte sich auf viel Einquartierung gefaßt, und so war die Gelegenheit zu einigen Festen gegeben, die Hannas Eintritt in die Welt feiern sollten.

Mir bangte vor dem Wiederkommen Ruths. Sie hatte sich stets als meine Gegnerin gezeigt, und jetzt, da sie erwachsen war, würde sie noch weniger ihre Abneigung gegen mich verbergen. Doch es kam anders.

Es war ein wunderbar warmer Tag gegen Ende März, als wir, Hanna und ich, von einem Spazierritt heimkehrten. Der Himmel war mit leichten, grauen Wolken verhangen, die Bäume hatten schon dunkelbraune, dicke Knospen. Unser Weg führte an dem kleinen Fluß hinauf, der, bis zum Rande angeschwollen, sein lehmfarbenes, trübes Wasser glucksend und plätschernd an uns vorbeirauschen ließ. Die Weiden am Ufer hingen ihre gelben Blütenkätzchen beinahe hinein in die Wellen; es war so milde Luft, daß man unwillkürlich den Blick zur Erde senkte, um nach blauen Veilchen zu spähen. Unsere Pferde gingen langsam nebeneinander. Wir sprachen nicht, Frühlingsluft macht müde. Der kleine Jockei hinter uns hatte schon ein paarmal recht vernehmlich gegähnt. Ich sah auf Hanna; ihre hellblonden Haare quollen unter dem schwarzen Hütchen hervor und fielen in langen Locken auf das dunkle Reitkleid, der blaue Schleier umspielte liebkosend das rosige Gesichtchen, die kleinen Hände hielten nachlässig Zügel und Reitpeitsche, und die Augen schauten träumerisch in das Wasser.

Auf einmal kam mir wieder der Gedanke, wie wird es sein, wenn Ruth zurückkehrt? Ein banges Vorgefühl überfiel mich, es müsse hier auf einmal alles anders werden, man könne mir eines Tages andeuten, daß man mich nicht mehr gebrauche, daß die beiden Schwestern sich selbst genug seien. Ich sah mich schon im Geiste in der ungemütlichen Wohnstube in meines Vaters Hause, Kathrin mit ihrem Spinnrade am Fenster, auf den weißen Dielen knirschte der Sand unter meinen Füßen, die braune Kaffeekanne steht auf dem Tische – unwillkürlich faßte ich die Zügel straffer, mein Pferd tat einen kleinen Seitensprung. »Was machst du denn, Gretel?« fragte mich Hanna, ganz erschreckt aus ihren Träumereien auffahrend. »Du siehst ja ganz blaß aus?« »Oh, nichts, Hanna«, sagte ich. »Ich dachte nur eben daran, wie ich es möglich machen werde, ohne dich unten im Pfarrhause zu leben. Ich fürchte mich vor Ruth«, setzte ich hinzu, als mich Hanna verwundert anschaute. Sie beruhigte mich mit tausend Schmeicheleien, hielt mir vor, wie lieb sie mich, wie lieb mich ihre Eltern hätten, wie sie ohne mich nicht leben könne, und daß Ruth gewiß nicht lange in dieser Stille und Einsamkeit aushalten würde. »Du weißt gar nicht«, sagte sie, »wie lieb dich zum Beispiel Papa hat. Erst gestern, als du mit den Schneeglöckchen durch den Garten kamst, sagte er: »Wie hübsch die kleine Hexe geworden ist, die sticht mir wahrhaftig noch meine Töchter aus.«

Ich mußte laut lachen und war beruhigt. Lange über etwas zu grübeln, war überhaupt nie mein Fall. Ich war das sorgloseste, leichtblütigste Geschöpf der Welt, und solche Anwandlungen, die mich traurig machten, hatte ich äußerst selten. Ich bog mich also zu Hanna hinüber, gab ihr lachend einen Kuß auf die Wange, setzte mein Pferd in Galopp und rief lachend zurück: »Mir nach! Wer zuerst an der großen Freitreppe ist, soll König sein!« Ich flog durch die breite Allee, mein Pferd, ein kleiner, schöner Rappe, brauchte nicht erst durch Zuruf ermuntert zu werden, er hörte hinter sich die Tritte von Hannas Pferd, in kürzester Zeit parierte ich an der Treppe. Der Baron stand unten auf der letzten Stufe, neben ihm ein fremder Herr, fast größer noch als der Baron, mit dunklen, blitzenden Augen, die mich ganz verwundert betrachteten, während er höflich, den Hut in der Hand, hinzutrat, um mir beim Absteigen behilflich zu sein.

»Wildfang!« schalt lachend der Baron. »Wer wird denn so verrückt reiten! Das Mädel ist rein toll, und die andere macht's ihr nach – sag' ich's nicht?« setzte er hinzu, indem er auf Hanna zeigte, die jetzt angebraust kam. »Wer ist hier wieder der Anstifter gewesen? Heraus damit!« rief er, augenscheinlich sehr guter Laune. Wir waren indessen von den Pferden gesprungen, und unsere Augen musterten neugierig den eleganten jungen Mann; der Baron betrachtete uns ein Weilchen, dann sagte er: »Geh hin, liebe Hanna, und gib deinem Schwager die Hand. Der Graf Satewski ist der Verlobte deiner Schwester.«

Hanna wurde leichenblaß und blieb unbeweglich stehen. Der Graf, den Hut noch immer in der Hand haltend, sah bald mich, bald Hanna an, bis der Baron seine Tochter an der Hand nahm und sie ihm zuführte; scheu legte sie die Hand in die seine. »Und dieser Wildfang hier«, erklärte der Baron, auf mich deutend, »ist die Freundin meiner Tochter und unsere liebe Hausgenossin, Fräulein Margaret Siegismund.«

Ich stand noch wie betäubt, dann aber fiel ich laut jubelnd Hanna um den Hals. »Hanna!« rief ich, »du weißt schon, weshalb ich mich so freue. Denke daran, was wir eben sprachen. Nun ist alles gut!« Und dann ließ ich die Erstaunten stehen und lief, das lange Reitkleid über den Arm nehmend, durch den Park nach meines Vaters Hause. Ich sprang die ausgetretenen Stufen vor der Haustür hinauf, rannte Kathrin, die eben aus der Küche trat, beinahe um, ohne mich bei ihr zu entschuldigen, die Treppe hinan und riß die Tür zu meines Vaters Studierstube auf. Der bekannte dicke, blaue Tabakdampf quoll mir entgegen. Aber heute störte er mich nicht, ich warf die Reitpeitsche auf den nächsten Stuhl und schlang beide Arme um den Hals meines Vaters.

»Ich muß dir etwas erzählen, liebster Papa. Denke dir – was sagst du nur dazu – Ruth –«

Ich wollte eben weiter fortfahren, als vom Sofa sich eine Gestalt erhob – erstaunt sah ich auf, ein Besuch war so etwas Ungewöhnliches, daß ich beinahe glaubte, einen Spuk zu erblicken –, ein schlanker junger Mann stand vor mir, sein Anzug ließ den Geistlichen erkennen.

»Dies ist meine Tochter, Herr Amtsbruder«, sagte mein Vater, ohne mich anzusehen.

Die Augen des jungen Mannes maßen mich mit völligem Erstaunen, und ich glaube, ich schien ihm als Pfarrerstöchterchen sehr wenig zu imponieren. Es war etwas Ironisches in seinem Blick, mit dem er meine Persönlichkeit betrachtete – das dunkelgrüne, schleppende Reitkleid, der Filzhut mit dem grünen Schleier, vom eiligen Laufe etwas schief gerückt, die Stulphandschuhe an den Händen mochten ihn wohl eher an alles andere erinnern, als an das züchtige Töchterlein eines geistlichen Hauses. Ich fühlte etwas wie Beschämung unter seinen Blicken und bemühte mich, eine von dem tollen Ritt gelöste Flechte wieder anzustecken.

»Erschrecken Sie nicht, Fräulein«, sagte er ganz einfach, »Sie werden mich hier öfter sehen, da ich die Pfarrstelle von Weltzendorf erhalten habe.«

»Die Pfarrstelle?« stammelte ich und sah erschrocken auf meinen Vater.

»»Ja, Gretel«, sagte er, »ich habe mich emeritieren lassen, es wurde mir zu schwer, das Amt ferner zu versehen. Ich darf jetzt meinen Studien leben, und ich werde auch reisen, was ich bis jetzt nicht konnte. Übrigens bleibt alles beim alten. Das eigentliche Pfarrhaus drüben ist unbewohnt, und da dies Haus mein Eigentum ist, so stehen keinerlei Veränderungen bevor. Aber, was wolltest du mir erzählen? Du kamst ja in hellem Jubel an?«

Ich war so überrascht, daß ich ganz kleinlaut sagte: »Oh, es ist weiter nichts, Ruth hat sich verlobt, der Bräutigam ist hier, und da meinte ich nur, weil Hanna nachher allein ist, so kann ich nun im Schloß bleiben, und –« ich wollte sagen: »darüber freue ich mich so sehr«, stockte aber, als wieder der Blick des jungen Pfarrers ganz verwundert an mir hing. Es fiel mir mit einem Male ein, daß meine Freude beleidigend für meinen Vater sein könne, und ich verschluckte das übrige.

Mein Vater nickte mit dem Kopfe. »Ja so, ja so«, sagte er in seiner zerstreuten Art. »Möchtest du nicht der Kathrin sagen, daß sie eine Flasche Wein heraufbringt–?« Ich ging, aber nicht ohne ein Gefühl, daß ich dem jungen Pfarrer doch sonderbar vorkommen mußte. Die zierliche Reitpeitsche versteckte ich so viel wie möglich in den Falten meines Kleides. Als ich die Tür schloß, sah ich noch einmal die verwunderten Augen des jungen Mannes auf mich gerichtet, dann stieg ich die Stufen hinab und richtete Kathrin meinen Auftrag aus.

Die Alte war offenbar schlechter Laune. »Wie siehst du nun wieder aus?« fing sie an, nachdem sie mich eine Zeitlang betrachtet hatte. »Wie eine Komödiantin, aber nicht wie ein vernünftiges bürgerliches Mädchen. Was soll der junge Herr Pfarrer von dir denken? Die Haare hängen um den Kopf, als hättest du sie seit acht Tagen nicht gekämmt, eine Peitsche hast du in der Hand, wie ein Mannsbild – gewiß wieder auf dem Klepper gesessen! Möchte nur wissen, was aus dir werden soll. Eine Sünd' und eine Schand' ist's von den Menschen auf dem Schlosse, dich wie eine Prinzessin aufzuziehen, und dein Vater kann's auch nicht verantworten, daß er dich dort läßt. Hab acht, was die alte Kathrin gesagt hat, stolz sind sie doch auf dem Schlosse, und wenn sie dich eines schönen Tages nicht mehr als Gesellschafterin für das gnädige Fräulein gebrauchen können, weil die mit einem Edelmann davonzieht, dann kommst du wieder in unser Haus hier, und dann wird's dem verwöhnten Fräulein nirgends passen, hier nicht und da nicht. Es wird ein Unglück, ich hab's immer gesagt.«

Sie war ganz rot vor Ärger, und ich schämte mich beinahe wirklich, die dicken Tränen standen mir m den Augen – ich hätte der Alten um den Hals fallen mögen, sie bitten mögen: »Hilf mir den Aufenthalt hier erträglich machen, ich kann doch nichts dafür, daß ich so erzogen bin, ich bin doch noch so jung, gönne mir doch den bunten Frühling. Was soll ich hier mit meinem frohen Herzen –.« Da trat ein Diener vom Schlosse ein: »Fräulein Gretchen möge gleich kommen, man ginge zum Souper.«

Ich wollte zu Kathrin und ihr die Hand geben. Da warf sie die schwere eichene Tür der Küche so fest hinter sich ins Schloß, daß ich ganz ärgerlich umdrehte und das Haus verließ. Ich summte ein Liedchen, als ich, mein Reitkleid hochnehmend, auf dem feuchten Wege dahinschritt, und hieb mit der kleinen Peitsche durch die Luft, so recht aus Opposition. Dann schaute ich mich noch einmal um und glaubte am Fenster die Gestalt des jungen Pfarrers zu erkennen.

Als ich später im Schlosse an der kostbar servierten Tafel saß, erfuhr ich die ganze Verlobungsgeschichte. Der junge Graf hatte sich sterblich in das schöne Fräulein v. Bendeleben verliebt und war nun gekommen, das Jawort der Eltern zu holen. Er schwärmte von seiner schönen Braut und hatte bereits die Einwilligung der Eltern, die Hochzeit in sechs Wochen zu feiern. Ruth kehrte nicht zurück, um aus dem Vaterhause dem Gatten zu folgen; des Grafen Mutter war kränklich, eine so weite Reise konnte sie nicht vertragen, und so sollte die Hochzeit im Palaste des Bräutigams gefeiert werden. Dann wollte das junge Paar nach Ungarn, wo die Familiengüter der Satewskis liegen.

Auch unsere Angelegenheit, das heißt die Emeritierung meines Vaters kam zur Sprache. Der Baron lobte den Entschluß: »Er kann sich nun noch mehr seinen archäologischen Studien widmen«, sagte er, »und hat mehr Zeit zum Schriftstellern. Seine Arbeiten sind unendlich interessant. Der Herr Pastor in unserer Gemeinde –«, wendete er sich an den Grafen. »Ich empfehle Ihnen das Studium seiner Schriften.«

Während die Herren dieses Thema weiter behandelten, erzählte ich der Frau v. Bendeleben, daß ich den jungen Geistlichen gesehen habe, und daß er ein hübscher Mann sei.

»Gretel! Gretel!« rief der Baron, indem er durch sein Champagnerglas sah. »Da halten Sie Ihr Herz fest. Was meinen Sie, wenn Sie hier Frau Pastorin würden?«

Ein herzhaftes Lachen des Grafen unterbrach ihn: »Die schöne, kühne Amazone eine Pastorenfrau? Heiliger Florian, das wäre schad' drum!« rief er in seinem süddeutschen Dialekt. »In die Kirch' kann sie nit zu Roß kommen, das ist halt nit Mod'; nein, es wäre schad' drum. Heiraten S' einen feschen Offizier, Fräulein Gretel, das paßt halt besser!«

Man lachte allgemein, und der Baron bedauerte, daß die Kirche so nahe liege, sonst könnte ich am Ende doch noch als Frau Pfarrerin Sonntags früh mit dem Gesangbuch unter dem Arm hinreiten.

Sonderbar, ich, die ich mich so gern necken ließ, wurde peinlich davon berührt. Ich fühlte, daß ich errötete, und schwieg.

»Nun, Gretel?« fragte Frau v. Bendeleben, »du bist doch sonst nicht so empfindlich. Hast du den kleinen Scherz übel genommen?«

Ich versuchte zu lächeln, aber die verwunderten Augen des jungen Pfarrers und Kathrinens Scheltrede standen in merkwürdigem Zusammenhange mit dieser harmlosen, gut gemeinten Neckerei. Ich kam mir plötzlich vor, als sei ich hier nicht mehr an meinem richtigen Platze, und dies verstimmte mich noch tiefer.

Hanna brachte durch eine Frage nach Ruth das Gespräch auf eine andere Spur, und der glückliche Bräutigam erzählte in all seiner süddeutschen Gemütlichkeit, wie lange ihn die schöne Bendeleben habe schmachten lassen.

»Schaun S', ich hab' beinah ein paar Rosse vor ihren Fenstern kaputtgeritten und war selbst daran, mir den Hals zu brechen. Aber sie tat noch gar nicht, als ob sie mich bemerkte. Da hab' ich ihr eines Tages die Pistole auf die Brust gesetzt und hab' sie gefragt, es war auf einem Balle bei dem italienischen Gesandten, und ein ganzer Schwarm von Courmachern umstand sie wie die Wolken den Mond: »Gnädigste, ich liebe Sie, wollen S' mein Weib werden? Sagen S' ja oder nein – sagen S' ja, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt – sagen S' nein, dann schieß' ich mir in der nächsten halben Stund' eine Kugel vor den Kopf.« Da hat sie mich erst recht hochmütig angeschaut, dann hat sie gelacht und gesagt: »Kommen Sie morgen zu meiner Tante und holen Sie sich das Jawort, aber ohne Schußwaffe, Herr Graf.« Und dann hat sie mich noch einmal angesehen, daß ich beinah übergeschnappt bin, und ist mit der Frau Tante heimgefahren, und am andern Mittag, da bin ich halt der glücklichste Bräutigam geworden, wie Sie mich hier sehen.«

Er lachte laut und froh bei dieser Erzählung und zeigte dabei ein Paar Reihen prachtvoller weißer Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart.

Der Baron lachte mit, und auch Frau v. Bendeleben lächelte dazu: »Jedenfalls ist die Art Ihrer Werbung neu und originell«, bemerkte sie, »und ich glaube, daß Sie meiner exzentrischen kleinen Tochter damit imponiert haben, Herr Graf. Sie liebt es, alles möglichst anders wie andere Leute zu betreiben. Wären Sie ihr schmachtend zu Füßen gefallen, oder hätten Sie ihr in ruhiger, überlegter Weise gesagt, daß Sie sie lieben, oder ihr einen wohlstilisierten vernünftigen Brief geschrieben – wer weiß, ob Sie schon am andern Tage der glückliche Bräutigam gewesen wären.«

Der Baron stimmte ein, und der Graf schien sehr erfreut, sofort das Richtige getroffen zu haben.

Sobald ich konnte, zog ich mich zurück unter dem Vorwande, Kopfschmerzen zu haben. Ich glaube, es war auch ganz recht, es gab ja noch so viel zu besprechen in der Familie, wobei ich nur störend gewesen wäre. Der junge Bräutigam wollte am folgenden Tage schon wieder abreisen, und so war die Zeit nur knapp bemessen.

Oben in unserem traulichen Stübchen dachte ich über den heutigen Tag nach, ach, und es waren recht trübe, dumme Gedanken. Zuerst kam es mir vor, als wäre es recht lieblos von meinem Vater, daß er mir erst heute, nach gemachter Sache, seinen Entschluß, das Amt niederzulegen, mitgeteilt hatte. Dann sah ich wieder das höhnische Lächeln um den Mund des jungen Pastors und hörte endlich Kathrins derbe Strafpredigt. Mein Gott, wenn sie recht hätte, wenn Hanna sich auch bald verlobte, und ich müßte in die öde Heimat zurück! Der Gedanke drängte sich mir heute zum zweiten Male mit aller Gewalt auf. Ich drückte meinen Kopf in die Kissen und weinte, als ob mir das Herz brechen müßte. Ich weinte mich schließlich in den Schlaf und träumte die wunderlichsten Geschichten, so daß Hanna, die ich nicht kommen gehört hatte, mich ganz ängstlich fragte, ob ich krank sei, ich spreche so sonderbares Zeug zusammen.

In den nächsten Tagen hatte ich kaum Zeit, mich flüchtig an dies alles zu erinnern. Es gab nach der Abreise des Grafen Satewski sehr viel zu tun. Die Aussteuer für Ruth wurde von Frau v. Bendeleben mit dem ganzen Stolze einer glücklichen Mutter in Angriff genommen, auch wir durften nicht müßig sein. Die großen Truhen in der Wäschestube waren geöffnet und ganze Ballen der köstlichsten Leinwand wurden zerschnitten. In einer großen Stube arbeiteten sechs Näherinnen, und wir mußten helfen und wurden fleißig ermahnt: »Ihr könnt dabei etwas lernen.« Eine Zeitlang fuhren wir jeden Tag in die Stadt, gingen von Laden zu Laden und kehrten stets mit ungeheuren Paketen wieder heim. In unserem Stübchen im Turme lagen große Haufen feiner Zeuge, und Hanna und ich saßen mittendrin, unsere Arbeit an der Nähsäule festgesteckt, und bemühten uns, die feinsten Stiche zu machen. Draußen entfaltete sich der Frühling immer herrlicher, unsere Augen sahen über den Park hin, der im hellsten Grün schimmerte. Seitwärts lag das Dorf, und die Häuser leuchteten aus den blühenden Obstbäumen wie aus einem Meere von Schnee. Ich trällerte und sang bei meiner Arbeit mit den Vögeln um die Wette. Wenn aber das Wetter gar zu schön war, schlüpften wir in unsere Reitkleider, und dahin flogen wir durch die frühlingsduftigen Fluren.

So kam die Zeit heran, wo Hochzeit sein sollte. Die mächtigen Kisten und Kasten waren bereits abgeschickt. Hanna hatte zu meinem Entzücken ihr Hochzeitskleid anprobiert und reizend ausgesehen, und an einem schönen Maimorgen stand ich auf der Terrasse und winkte mit dem weißen Tuche, und aus dem Reisewagen, der, mit vier Pferden bespannt, auf der Chaussee so rasch dahinrollte, wehten auch weiße Tücher. Ich sah ihm nach, bis die Bäume ihn meinen Blicken entzogen. Dann trocknete ich meine Tränen, die mir der Abschied von Hanna entlockt hatte, und ging ganz traurig in unser Zimmer. Es war mir ordentlich sonderbar, so allein zu sein, niemand zu haben, mit dem ich plaudern konnte. Und als alle Trostgründe, die ich mir selbst vorsagte, daß vierzehn Tage eine so kurze Zeit seien, daß Hanna ja versprochen hatte, immerfort an mich zu denken, nichts halfen und die Tränen sich mir immer von neuem wieder in die Augen drängten, nahm ich meinen Strohhut und ging nach meines Vaters Hause.

Ich war selten in der letzten Zeit dort gewesen. Der Gedanke, den jungen Pfarrer anzutreffen, war mir peinlich. Ich hatte sogar an dem Sonntage, wo er feierlich als Pfarrer eingeführt worden, nicht die Kirche besucht, womit ich Kathrinens ernstlichen Zorn weckte. Ich hatte Mühe gehabt, sie wieder zu besänftigen.

Das eigentliche Pfarrhaus lag dem Hause meines Vaters gegenüber. Ich war ganz erstaunt, als ich es heute sah, kaum wiederzuerkennen war es: sauber mit Ölfarbe angestrichen, blitzten die neuen, klaren Fenster so hell und freundlich, dahinter schimmerten schneeweiße Gardinen und ein hübscher Blumenflor. Unter dem alten Lindenbaum im kleinen Vorgarten stand ein weiß angestrichener Tisch nebst Bank, das Schloß an der alten Haustür blitzte und funkelte in der Sonne. Alles sah anheimelnd aus, daß ich unwillkürlich stehenblieb und hinüberschaute. Da bog sich der Kopf einer alten Frau hinter den Blumen hervor, und ein paar gutmütige blaue Augen begegneten den meinen einen Augenblick, dann senkte sich der Kopf wieder, und ich sah nur noch die Spitzen der weißen Haube.

Als ich mich unserem Hause zuwandte, kam es mir doppelt häßlich vor. Die Fenster so trübe und ohne Vorhänge, der Kalk der Mauer abgebröckelt, die morsche Haustür mit tiefen Spalten. Ich trat in den Hausflur, die Tür zur Wohnstube stand offen, und Kathrin lag auf der Erde und scheuerte die Dielen.

»Komm mir hier nicht herein, du machst es sonst wieder schmutzig«, sagte sie nicht eben allzu freundlich. »Ich will es ein bißchen ordentlich haben, es könnte doch sein, daß die Mutter des jungen Herrn Pastors einmal herüberkäme, und da will ich nicht, daß man sagen soll: Die alte Kathrin ist eine unsaubere Wirtin.«

»Seine Mutter ist die alte Frau drüben am Fenster?« erkundigte ich mich.

»Ja, Gretel, und eine Prachtfrau ist sie, das kannst du glauben. Auch nach dir hat sie gefragt, und ich soll dir bestellen, daß du sie einmal besuchen möchtest. Ich konnte es nicht ausrichten, du bist ja seit beinahe zwölf Tagen nicht hier gewesen, und aufs Schloß gehe ich nimmer.«

»Ist's wahr«, fing sie nach einer kleinen Pause wieder an, als ich ihr keine Antwort gegeben hatte, »ist's wahr, daß die Herrschaft in diesen Tagen nach Wien zur Hochzeit reist?« Ich erwiderte, daß sie vor zwei Stunden abgereist sei. »Dann kommst du wohl so lange zu uns, Gretel?« fragte die Alte, und in ihren Augen blitzte es freudig auf.

»Nein, Kathrin«, sagte ich so freundlich wie möglich, »das kann ich nicht, ich muß haushalten im Schlosse, Frau v. Bendeleben hat mir alle ihre Schlüssel übergeben.«

Statt einer Antwort fing Kathrin so heftig an zu scheuern, daß sie mir mit dem schmutzigen Wasser das hellblaue Kleid bespritzte. Ich zog mich zurück und stieg die steile Treppe hinauf zu meines Vaters Stube.

»Es ist gut, daß du kommst«, sagte er, als ich ihn begrüßt hatte. »Geh einmal hinüber und bitte meinen Amtsbruder, er möchte sich einen Augenblick zu mir bemühen. Es ist um etwas Geschäftliches.«

»Kann ich Kathrin nicht schicken?« fragte ich.

»Ja, das ist mir gleich«, meinte mein Vater.

Kathrin schlug mir meine Bitte rund ab. »Soll ich mich erst wieder anziehen, um den kleinen Weg zu machen? Du siehst, daß ich so nicht gehen kann«, fügte sie hinzu und zeigte auf ihre schmutzige Schürze. »Also, flink, lauf hinüber, du hast noch junge Beine.«

Ich hatte die größte Lust zu opponieren, ging aber schließlich, um nicht zu ungefällig zu erscheinen. Zögernd schritt ich über die Straße und blieb einen kleinen Augenblick vor der Tür der Pfarrwohnung stehen.

»Doch, mein liebes Frauchen«, unterbrach sich die alte Dame, »es ist zwar nicht höflich von mir, daß ich Sie so vor der Haustür des jungen Pastors stehen lasse für heute, aber ich habe seit langem nicht so viel gesprochen und bin angegriffen. Ich habe etwas ausführlich erzählt, es ist mir ja alles noch so deutlich in der Erinnerung, und heute werde ich doch nicht zu Ende kommen mit meiner Erzählung – ich denke, ich kann in den nächsten Tagen fortfahren, wenn Sie es hören wollen.«

Ich war so vertieft im Zuhören gewesen, daß ich ein ganz bedauerndes Gesicht machte, als sie auf einmal abbrach. »Aber bitte, bitte, dann recht bald die Fortsetzung«, bat ich. »Es interessiert mich so sehr, und Sie erzählen wunderschön. Nur eines vermisse ich: ich weiß nicht, wie Sie ausgesehen haben; besitzen Sie kein Bild von sich?«

»O ja, und Sie sollen es haben«, sagte Fräulein Siegismund, indem sie sich erhob und Licht anzündete. Es war nämlich ganz dunkel geworden. Sie schloß einen alten Schrank auf, der viele Fächer und Schubladen enthielt, und nahm ein kleines Etui heraus.

»Hier, liebes Kind, betrachten Sie es zu Hause, ich bin recht müde und bedarf der Ruhe.« Sie küßte mich zärtlich auf die Stirn, und als ich ihr die Erlaubnis abgeschmeichelt hatte, übermorgen wiederkommen zu dürfen, um weiter zu hören, eilte ich nach Hause, meinen Mann des langen Alleinseins wegen um Verzeihung zu bitten.

»Herr Hauptmann ist nicht zu Hause, er bekam vor einer halben Stunde einen Brief und ist gleich wieder fortgegangen im Helm«, sagte das Mädchen auf meine verwunderte Frage, warum denn alles finster und wo der Herr sei?

Doch da kam er schon die Treppe herauf.

»Ich wollte dich drüben abholen, Elli«, sagte er, »du warst aber schon fort. Komm mit, ich muß dir etwas erzählen.« Er zog mich in die Stube und faßte mich um. »Ich bekam heute abend einen Brief von deinem Vater. Die Mama ist etwas unwohl, wohl nicht bedeutend, glaub' ich. Aber es ist besser, wir reisen gleich hin, damit du sie pflegst. Ich holte mir eben Urlaub, und ich denke, mit dem Nachtzuge um zwölf Uhr können wir abreisen, meine umsichtige kleine Frau wird bis dahin reisefertig sein.«

Seine Stimme klang so leise, so traurig, daß ich die ganze Wahrheit erriet. Meine Mutter krank, schwerkrank, und ich so weit von ihr! Mir kam vor Angst keine Träne in die Augen, in fieberhafter Eile rüstete ich alles zur Reise, und erst als wir in der Bahn saßen und ich den Kopf an meines Mannes Schulter legte, konnte ich weinen. Oh, solche Fahrt, so rasch sie geht, wie langsam kommt sie uns vor. »Wirst du sie noch lebend antreffen? Vielleicht kommst du nur gerade zurecht, ihr die lieben Augen zuzudrücken. O Gott, laß sie noch leben, laß sie noch leben, hilf nur!« dachte ich, indem ich ruhelos im Abteil hin und her schritt, ohne auf die beruhigenden Worte meines Mannes zu achten.

Endlich, am andern Mittag, nach zwölfstündiger, ununterbrochener, langer Fahrt kamen wir an. Der Kutscher trat mit betrübter Miene an den Wagen. Auf die hastige Frage: »Wie geht es, Börner?« sagte er: »Schlecht, gnädiges Fräulein – wollte sagen, gnädige Frau. Der Herr Bruder sind auch eben gekommen.«

Zu Hause trat uns mein Vater mit Tränen in den Augen entgegen. Ich eilte an das Krankenbett: da lag sie, die arme, liebe Mutter, mit glühenden Wangen, und sprach unverständliche Worte und Sätze; eine Diakonissin erhob sich von dem Stuhl am Bette.

»Gottlob, sie lebt noch!« stammelte ich, als ich vor ihrem Lager niedersank. »O Gott, ich danke dir!« Es waren bange Stunden, die ich nun verlebte, und die Stunden reihten sich zu Tagen und die Tage zu Wochen. Das Fieber ließ wohl endlich nach, aber eine Mattigkeit trat ein, die das Schlimmste befürchten ließ. Mein Mann war wieder in seine Garnison zurückgekehrt, ebenso mein Bruder, und Briefe und Telegramme brachten ihnen die Nachrichten über das Befinden der teuren Kranken. An Fräulein Siegismund hatte ich manchmal gedacht, während ich die langen Nächte am Krankenbett durchwachte. Ich wiederholte mir in Gedanken ihre einfache Erzählung und erinnerte mich plötzlich, daß ich das kleine Etui, das sie mir gegeben und das ich in der Hand hielt, als wir die Schreckenskunde aus der Heimat empfingen, irgendwo auf einen Tisch oder Schrank des Wohnzimmers gestellt hatte, konnte mich aber nicht besinnen, wo. Nun bat ich meinen Mann, danach zu suchen.

Endlich, endlich nach unsäglich langer Zeit, gab der Arzt mir die Versicherung, daß meine gute Mama, wenn auch noch sehr matt, doch außer Gefahr sei. Oh, wie dankte ich dem lieben Gott dafür. Dann schrieb ich an meinen Mann und an meinen Bruder und hatte die Freude, meinen Mann bald darauf hier zu sehen. Er brachte mir auch das kleine Etui und einen Brief von Fräulein Siegismund, den ich hier mitteilen will:

»Meine liebe, kleine Frau!

Mit inniger Teilnahme hat Ihre alte Freundin stets an Sie gedacht und mit Ihnen für die Genesung Ihrer teuren Mutter gebetet. Wie unaussprechlich freue ich mich, daß sie Ihnen erhalten blieb und daß ihre Gesundheit wiederkehren wird. Hoffentlich kommen Sie in einiger Zeit wieder zurück; ich habe Sie sehr, sehr vermißt. Als ich am Tage, nachdem ich die Erzählung meiner Schicksale begonnen, an das Fenster trat, nickte mir kein freundliches Köpfchen meinen Morgengruß herüber. Ich erkundigte mich gleich, da ich glaubte, Sie seien krank, und erfuhr nun erst das Traurige. Ich habe Ihnen, mein liebes Kind, die Fortsetzung meiner Geschichte aufgeschrieben, das Erzählen hatte mich doch recht aufgeregt. Wenn ich so jeden Tag in aller Ruhe ein Stündchen schreibe, brauche ich keine schlaflosen Nächte zu befürchten, und für Sie ist es auch besser so, als wenn Sie meine alte Stimme, die manchmal ganz heiser wird, so lange anhören sollen. Bald bin ich fertig, und dann, hoffe ich, find Sie wieder hier, und ich kann Ihnen meine beschriebenen Bogen überreichen. Wissen Sie noch, wo wir waren? Ich ließ Sie vor der Tür des jungen Pfarrers stehen. Es dauert lange, ehe Sie hineinkommen. Ihr lieber Mann will diesen Brief mitnehmen. Wie gern käme ich selbst, wäre gleich gekommen, um Sie bei der Pflege zu unterstützen! Doch was sollten Sie wohl mit einer alten, gebrechlichen Jungfer anfangen?

Tausend herzliche Grüße, mein liebes Kind, von Ihrer

alten Nachbarin.

N.S. Ihre Blumen habe ich mir herüberbringen lassen und pflege sie nach Kräften.«

Nun öffnete ich auch das kleine Etui, und ein Ausbruch des Entzückens entschlüpfte meinen Lippen. Ein Miniaturbild lag darin, auf Elfenbein gemalt. Ein reizendes Mädchenköpfchen hob sich von dem hellen Grunde ab. Es war kaum möglich, etwas Süßeres zu sehen, als dies rosige Gesichtchen mit den großen, blauen Augen unter den schwarzen Bogen der Brauen. Es lag ein solch neckischer und doch wieder schwärmerischer Ausdruck auf diesem länglichen, von dunklen Locken umrahmten Antlitz, daß das Original des reizenden Bildes unendlich anziehend gewesen sein mußte.

»Das alte Fräulein war ja einmal sehr schön«, meinte mein Mann. – »Ja, sehr schön«, pflichtete ich bei. »Gott sei Dank, daß sie alt ist, sonst möchte mir die Nachbarschaft doch gefährlich werden, um so mehr, da ich noch keine Aussicht habe, zurückzukehren«, setzte ich in leichter Neckerei hinzu.

Es war allerdings noch keine Aussicht zu meiner Rückkehr vorhanden. Der Arzt hatte dringend gewünscht, daß meine Mutter dem kalten Winter unserer Gegend aus dem Wege und nach dem Süden gehe. Sie sollte nach Italien, und da sie selbstverständlich der weiblichen Pflege sehr bedurfte, so konnte ich als einzige Tochter, so schwer es mir auch wurde, mich so lange von meinem Manne zu trennen, mir es doch nicht nehmen lassen, sie zu begleiten, und zwar um so weniger, da noch die größte Schonung und Vorsicht anempfohlen war.

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