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Aus dem Leben eines Vielgeprüften

Heinrich Hansjakob: Aus dem Leben eines Vielgeprüften - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Hansjakob
booktitleErinnerungen einer alten Schwarzwälderin ? Kleine Geschichten
titleAus dem Leben eines Vielgeprüften
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesAusgewählte Erzählungen
volumeFünfter Band
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1

Jeden Morgen nach dem Frühstück setze ich mich noch einige Minuten an das Fenster meines kleinen Eßzimmers und schaue, nichts denkend, auf den Franziskanerplatz hinab.

Leute kommen und Leute gehen vor meinen Augen hin und her – im Schatten des Denkmals, das die Stadt Freiburg dem Pulver-Erfinder und Franziskaner-Mönch, dem schwarzen Berthold, aufgestellt hat.

Selten fesselt eines der an mir vorüberziehenden Menschenkinder meinen Blick. Alltagsgeschäfte bilden Alltagsgesichter. Nur an Sonntagen, wenn die Menschen, frei vom Joch der Arbeit, morgens zur und von der Kirche gehen und am Nachmittag zu Ausflügen über den Franziskanerplatz wandeln, sieht man verklärte Mienen.

Was aber seit einigen Wochen meine Aufmerksamkeit täglich auf sich zieht, das ist ein alter Gaul, der, an einen Milchwagen gespannt, jeden Morgen nach neun Uhr einige Zeit unter meinem Fenster steht.

Ich bin sonst kein Freund der Milchkarren, die auf dem genannten Platz auftauchen und wieder verschwinden. Die meisten sind mit Hunden bespannt, und diese Bestien bellen, so oft jemand ihnen und der von ihnen transportierten Ware zu nahe kommt.

Hundegebell ist mir aber der verhaßteste Lärm. Mit Pferden bespannte Milchwagen ersparen mir diesen Lärm, und ich sehe sie ebenso gern vor meinem Hause, wie ich die Hundewagen hasse.

Der neulich angerückte Karrengaul ist ein Rotschimmel, dem man bessere Tage und einstige Kraft und Schönheit heute noch ansieht. Mit vornehmer Ergebung in sein dermaliges Los und sein Geschick überhaupt steht er da mit gesenktem Kopf und mit einer Duldermiene, die mich rührt und an das wahre Wort des Philosophen Schelling erinnert: »Das Leben ist ein Schmerzensweg, den jedes Wesen zurücklegt; davon zeugt der Zug des Schmerzes, der auf dem Angesicht der Tiere liegt.«

Lachen und Weinen sind ja besondere Privilegien des armseligsten und geplagtesten Geschöpfes hienieden, des Menschen. Darum sieht man heitere und lachende, traurige und weinende Menschen: den Tieren aber ist es nie ums Lachen. In ihren Mienen zeigt sich höchstens ein Grinsen, das viel besser paßt auf die Zustände dieses Lebens, als das Lachen. Sie weinen auch nicht, die armen Tiere, aber in ihren Augen liegt allzeit ein großes Stück Melancholie, das laut genug dafür spricht, daß auch sie teil haben an dem Fluch, der auf dieser Erde liegt.

Sie sind dabei insofern vernünftiger als wir Menschen, denen in besseren Stunden die Lebensfreude aus den Augen spricht, als ob es immer so wäre.

Die Tiere sind konsequenter und philosophischer; sie halten es keine Stunde der Mühe wert, den Schmerz dieses Daseins zu vergessen und zu verbergen.

So auch mein Rotschimmel. Er trägt stets den Zug eines Weltweisen, dem diese Erde ein Jammertal ist, zur Schau.

Ob auf dem Franziskanerplatz fröhliche Kinder um ihn spielen, ob verklärte Kirchengängerinnen oder singende Blaumontagsleute an ihm vorüberziehen, er verliert seinen Ernst und seinen Trübsinn keinen Augenblick. Und ob Regen oder Schnee, Sturm oder Wind, Sonnenschein oder Nebel über den Platz gehen – er verändert niemals weder seine Stellung noch seine Miene.

Sein Gleichmut und seine philosophische Ruhe haben ihm deshalb längst meinen Beifall gewonnen. Und er muß es nach und nach gemerkt haben, daß ich der einzige Mensch bin an und auf dem Franziskanerplatz, der ihm Beachtung schenkt und ihn zu würdigen versteht.

So oft ich nämlich in letzter Zeit ans Fenster komme, schaut er etwas mehr nach rechts, damit ich seinen schmerzlichen Zug besser sehen und besser in ihm lesen könne.

Als ihm vor einigen Tagen – gegen Ende Januar 1903 – der Wind die schützende Decke wegriß, welche der Milchmann, sein Herr, über ihn geworfen hatte, ging ich hinunter und legte sie wieder über seinen alten Leib. Da wandte er sein sorgenvolles Haupt zu mir, schaute dankbar an mir hinauf und fing also zu reden an:

»Ich sehe dich täglich an deinem Fenster droben sitzen und mit Wohlwollen und Teilnahme auf mich herabschauen. Daß du aber heute aus deinem Haus heraus kommst, um mich zu bedecken gegen des Wetters Unbill, das beweist mir, daß dein Wohlwollen gegen mich ein tatkräftiges ist.«

»Keiner der vielen Menschen, die an mir vorübergehen, kümmert sich um den armen Karrengaul, weder um ihn selbst, noch um seine Decke. Und wenn mein Milchmann gekommen wäre und die Decke am Boden gesehen hatte, würde er mir dieselbe übergeworfen haben mit den Worten: ›Kannst du, altes, verfluchtes Vieh, nicht still stehen, daß die Decke nicht herunterfällt!‹«

»Du aber hast sie mir schweigend und mitleidsvoll auf den Rücken gelegt und zeigst seit Wochen Blicke des Mitgefühls für mich. Drum will ich einmal reden und dir aus meinem Leben erzählen, auf daß du den Menschen es sagest, was unsereiner in ihrem Dienste mitmacht und wie es einem ›unvernünftigen‹ Geschöpfe zumute ist, das sein Leben und seines Lebens Kraft dem Herrn der Schöpfung zum Opfer gebracht hat.«

»Jeden Morgen in den nächsten Tagen, wenn du am Fenster sitzest, schaue auf mich und vernimm die Stimme, die aus meinen Mienen spricht.«

»Du tust ein gutes Werk, wenn du auch einmal einem alten Gaul zum Wort verhilfst. Denn auch aus eines Tieres Mund können Worte der Weisheit kommen. Auch unsereiner hat eine lebendige Seele und ist viel gescheiter und empfindsamer, als ihr Menschen wißt und glaubt.«

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