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Aus dem Leben eines Unglücklichen

Heinrich Hansjakob: Aus dem Leben eines Unglücklichen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinrich Hansjakob
booktitleErinnerungen einer alten Schwarzwälderin ? Kleine Geschichten
titleAus dem Leben eines Unglücklichen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesAusgewählte Erzählungen
volumeFünfter Band
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080828
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Heinrich Hansjakob

Aus dem Leben eines Unglücklichen

Seit Jahr und Tag bringe ich meine dienstfreie Zeit außerhalb der Stadt Freiburg zu. In einem ehemaligen Karthäuserkloster, jetzt städtisches Armenhaus, am Walde gelegen, mit herzerhebender Aussicht ins tannenumgrenzte Dreisamtal, habe ich mir eine stille Klause angelegt, in der ich ausruhe, sinne und spinne.

An schönen Tagen verlasse ich diese Klause und steige hinab ins grüne Tal, wandle langsam an Bach und Wiese einige Zeit aus und ab und kehre dann mehr oder weniger stillvergnügt wieder in meine Zelle zurück.

So geschah es auch an einem warmen Frühlings-Nachmittag des Jahres 1898. Die Sonne lachte über Berg und Tal, die Drosseln jubelten in den Föhren, die Bienlein summten an den blühenden Stauden am Bache hin, und aus den Matten streckten die ersten Blumen lebensfroh ihre Kelche dem erweckenden Lichte entgegen.

Zwischen Fluß und Bächlein ließ ich mich inmitten des grünen Wiesengrundes auf einer »Stellfalle«, welche die Bewässerung der Wiesen reguliert, nieder, um auszuruhen.

Da lag vor mir in dem trockenen Wassergraben ein alter, abgenutzter Besen aus Birkenreisern. Kaum hatte derselbe bemerkt, daß ich einige Sekunden auf ihn niedersah, als er in meinem Geiste also zu reden anfing: Du alter Kulturfeind kommst mir gerade recht. Schon öfters sah ich dich vorüberwandeln und hätte gern mit dir gesprochen. Ich bin auch einer von denen, welche die Kultur der Menschen unglücklich gemacht hat, eines ihrer allerersten Opfer. Drum laß dir, der du die Kultur so liebst wie ich, erzählen aus dem Leben eines solchen Unglücklichen, erlöse ihn dann von seinem Dasein und sage deinen Mitmenschen, was selbst ein Besen durch sie zu leiden hat.

Seit dem vergangenen Spätherbst liege ich hier, vom Wasser dahergetragen und dann von ihm verlassen. Niemand, hat mir je im Leben auch nur einen mitleidigen Blick zugewandt. Du bist der erste Mensch, der, da du mich alt und einsam hier liegen sahst, mit teilnehmenden Blicken auf mich geschaut hat. Drum will ich dir mein Herz ausschütten, dir meines Lebens Unglück schildern und dir alles sagen, was ich erlebt habe von den Tagen seliger Kindheit an bis auf diese Stunde.

Auch ein Besen hat ein Herz und jede Pflanze eine Seele, die da fühlt und empfindet, und wir Pflanzen, Kinder des gleichen Vaters, sind euch Menschen mehr verwandt, als ihr nur wißt und glaubt. Es dämmert anfangs bei euern neumodischen Gelehrten, daß auch wir Bewußtsein haben.

Drum, wer in uns lesen kann, dem vermag auch unsereiner etwas zu erzählen.

Ich kenne dich, den langen Mann, schon seit den seligen Tagen meiner Kindheit. Meine Heimat ist auch die deine. Ich bin im Kinzigtal geboren wie du und deinem »Paradies« noch naher verwandt als du.

Du hast das Dörfchen Hofstetten bei Hasle nur aufgesucht als Asyl der Ruhe, ich aber bin auf seinem Grund und Boden geboren.

Du kennst gar wohl im obersten Winkel des Tälchens, das von der Heidburg herabzieht, den kleinen, stillen See, dessen Wasser die Mühle des »mittleren Buren auf dem Tochtermannsberg« treibt. Oberhalb jenes kleinen Gewässers, das wie ein Erdauge in die einsame Welt ringsum schaut, stand ein Birkenhain und am Rand desselben die Mutter, die mich geboren, eine stattliche, alte – Birke.

Es war Frühlingszeit, da ich zum Bewußtsein kam. In den Matten unter mir blühten die Schlüsselblumen, auf der Heide über mir sang die Lerche, in dem kleinen See zu meinen Füßen spielten die Forellen, und wir Birkenzweige kosten miteinander in der lauen, linden Luft, die vom Elztal herüberwehte.

Auf den Frühling kam der Sommer. In den goldenen Ginsterblumen, die auf der Heide blühten, lagen die Hirtenknaben und sangen ihre Lieder, während neben ihnen friedlich ihre Schafe weideten.

Auch andere, unbekannte Menschen zogen jauchzend an uns vorüber, hinauf zur Heidburg.

Auf den Feldern des Tochtermannsbergs arbeiteten lustig und emsig die »Völker« von den Bauernhöfen.

Nie Sonne lachte weithin über zahllose, waldige Kuppen und, von einem Silberhauch verschleiert, schauten die Berge des Kinzigtals zu uns herauf.

»Wie ist die Erde und das Dasein auf ihr so schön«, – dachte ich oft in dieser Frühjahrs- und Sommerszeit meines jungen Lebens, in dem selbst die Stürme uns nichts anhaben konnten.

Wenn ein Gewitter vom Kandelberg mit Sturm und Regen daherzog und es in den Lüften pfiff und rauschte, da tanzten wir Birkenreiser unter munterstem Lachen mit einander wie eine fröhliche, übermütige Knabenschar.

Oft warnte die alte Birkenmutter und sprach: »Kinder, treibt's nicht zu toll, sonst empfindet ihr's um so mehr, wenn Tage kommen, die euch nicht gefallen werden!«

Wir lachten, wenn die Mutter so sprach, und schalten sie als griesgrämig und neidisch über die Freuden der Jugend. »Ihr werdet noch an mich denken,« so konnte sie oft erwidern, »wenn ihr einmal fern der Mutter und fern der Heimat ein ödes, verachtetes Leben führt.«

Und dann erzählte sie folgende Geschichte, die sie von ihren Ahnen gehört: »Einst war die Birke ein heiliger Baum. Die Keltenbäuerlein, die hier oben gewohnt, kamen in der Maienzeit in die Birkenhaine, um den Göttern zu opfern, Birkensaft zu trinken und einen ehrbaren Reigen zu tanzen.«

»Als aber die Alemannen und die Franken vom Rhein herauf in die Täler und auf die Berge an der Kinzig hin kamen mit ihrem Gotte Wodan, mit der Liebesgöttin Freya und den andern Götterteufeln, – da lernten die Frauen den Teufelsdienst. Sie fuhren auf Besen von Birkenreisig hinüber auf den ›Farnkopf‹ und auf den ›Kandel‹ und trieben allerlei nächtlichen Unfug zu Ehren der Teufelin Freya.«

»Tagsüber hielten sie ihre Besenpferde in der Küche versteckt, um sie gleich bei der Hand zu haben, wenn sie nachts zum Dache hinausziehen und auf die zwei Teufelsberge reiten wollten.«

»Vom Kloster Gengenbach herauf, das die fränkischen Herzoge gegründet, erschienen aber bald die Mönche und predigten in den Tälern und auf den Höhen um den Farnkopf und Kandel die christliche Religion.«

»Sie verboten den Wibervölkern aufs strengste die Besenfahrten und die Hexerei und mahnten sie, mit ihren teuflischen Reitpferden den Schmutz aus ihren Hütten zu fegen, den wahren Gott zu fürchten und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen.«

»Um den Teufel und seine Gelüste auszutreiben, lehrten die Mönche die Leute ferner, das Birkenreis zu Ruten zusammenzubinden und damit ihre Kinder zu züchtigen.«

»So entstanden die Kehrbesen und die Ruten. Und seit jenen Tagen müssen zahllose Birkenkinder ihre Mütter und ihre Heimat verlassen, um Opfer der Kultur und der Erziehung in der Menschheit zu werden.«

»Im Staub und Schmutz gehen die einen unter, während die andern ihr Leben stückweise lassen müssen auf den Händen und auf den Rücken böser Buben und Maidle.«

»Glücklich die Reiser, die bei der Mutter bleiben dürfen, bis auch diese sterben muß, und dann in feuriger Lohe gen Himmel steigen können, wenn die Bauern des Schwarzwalds zur Sommerszeit ihre Reutfelder ›brennen‹.«–

So erzählte die Birkenmutter oft und mahnte ihre im Winde und mit dem Winde spielenden Kinder an den Ernst des Lebens und an die trübe Zukunft. Umsonst! Wir spielten weiter und freuten uns des Lebens auf der wunderbaren Höhe unter der Heidburg.

Eines Tages gingst auch du, dem ich mein Leben erzähle, an unserm Birkenhain vorüber. Du kamst vom Tal heraufgestiegen. An deiner Seite schritt ein steinaltes Männlein.

Bei meiner Mutter bliebst du stehen, lehntest dich an ihren Stamm, um etwas auszuruhen, und sprachst zu deinem Begleiter: »Es ist ein Elend auf dieser Welt, Großvater!«

»Io, frili isch es eins,« meinte dieser, »aber ma sieht's erst, wenn ma alt isch!«

Dann schlichet ihr zwei wieder fort, gegen die Heidburg hin, die Birkenmutter aber rief uns zu: »Habt ihr's jetzt gehört, was das Leben ist?« – Aber wir hörten es wieder nicht und spielten lustig weiter; wir waren ja jung, und rings um uns war heiteres Leben und Sonnenschein in Berg und Tal. –

Es kam der Herbst. Die Blätter wurden gelb und fielen ab. Wer Wind spielte nicht mehr mit uns, sondern nur mit ihnen, die er über die Heide hinwarf. Nebel stiegen vom Kinzigtal herauf und legten sich auf Wald und Heide. Die Hirtenknaben lagen nicht mehr singend in den goldenen Ginsterblumen. Frierend und still gingen sie bei ihren Herden auf und ab. Die Vögelein schwiegen längst im Walde. Melancholischen Angesichts gruben die Landleute unterhalb des kleinen Sees die »Bodenbirnen« aus der kalten Erde.

Auf der nahen Heide, die wir Birkenkinder übersahen, war ein Taglöhner an der gleichen Arbeit. Der Bur, dem das öde Feld, die Mühle, der See und der Birkenwald gehörten, hatte dem armen Mann erlaubt, in den rauhen Boden Erdäpfel zu setzen.

Jetzt holte er die wenigen Früchte aus dem sandigen Lande. Sein Weib und seine zwei Kinder halfen ihm dabei.

Seine Hütte lag drüben hinter der Heidburg, auf dem »Heidenacker«, und der Mann hieß im Volke nach seinem Wohnort und seinem Vornamen der »Heide-Michel«.

Unsere Mutter kannte ihn längst und hatte uns im Frühjahr schon vor ihm gewarnt; denn er war in seiner freien Zeit ein – Besenbinder.

Und richtig, was geschah? Eines Morgens, da der Taglöhner wieder am Kartoffelgraben war, schritt der Bur aus dem Nebel daher, um in seine Mühle hinabzugehen. Als der Heide-Michel ihn sah, legte er seine Hacke weg, eilte zu ihm hinab und sprach: »Morn wer i fertig mit Erdäpfel-Usmache, und derno will i wieder ans Besemache. Drum wollt' i Euch froge. Nur, ob i nit Eure alte Birke stümmle derf zua Bese-Rîs. I will im Frühjohr Euch dafür a paar Tag schaffe im Feld.«

»Gern, Michel,« gab der Bur zur Antwort, »loß ich Euch Bese-Rîs hole in mim Birkewäldele; 's nächst Johr muaß es doch umg'haue were; es isch jez alt g'nua, un's Birkeholz gilt Geld in Hasle drunte.«

Bei diesen Worten ging ein Weherauschen durch den Birkenhain, und alt und jung begann zu klagen, daß sie sterben sollten. Jetzt erst glaubten wir lebenslustige Birkenkinder den Worten der Mutter.

Schon am zweiten Tag kam der Heide-Michel von der Heidburg herab in Begleitung seiner zwei Buben, die einen Karren hinter sich herschleppten.

Nochmals rauschte wildes Weh durch den Hain bei ihrem Nahen. Nie Birkenmütter sollten ihre Kinder für immer verlieren. Sie sollten sehen, wie diese fortgenommen wurden, um in der Welt ein elendes Dasein zu führen und schließlich fern der schönen Heimat, die sie geboren, mißbraucht und verachtet zu endigen.

Es war ein kalter, frischer Herbstmorgen, Die Sonne hatte diesmal den Nebel zeitig hinabgeworfen ins Kinzig- und ins Elztal. Zum letztenmal schauten wir Birkenkinder die waldigen Bergspitzen im Sonnenlicht und gedachten des kurzen Lebensglückes, das wir genossen auf einsamer Höhe, wo wir mit den Winden gespielt und gekost hatten und selig waren in jugendlichem Träumen.

Doch es gab nur kurze Augenblicke für Schmerz und Abschied. Schon kletterte der eine Bube des Heide-Michels mit scharfem Hackmesser an dem Leibe der Mutter hinauf. Mir schwanden die Sinne in Todesangst ...

Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit zahllosen Birkenkindern unter dem Strohdach einer uralten Hütte auf dem Heidenacker, während der Heide-Michel in der dumpfen, kleinen Stube auf der Ofenbank saß und einen Haufen meiner Lebens- und Leidensgefährten zu Besen herrichtete.

Ruten band er selten mehr. Früher hatte er viele auch in die Stadt geliefert; aber die Ruten sollen jetzt mehr und mehr abgekommen sein und die Kinder wieder wild und roh aufwachsen. Der Teufel wird nicht mehr ausgetrieben mit Ruten, weil die neumodischen Menschen nicht mehr an ihn glauben. Ich konnte dem Michel durch die kleinen Schiebfensterchen, die wir fast verdeckten, zusehen an seiner Arbeit. Friedlich seine Pfeife schmauchend, schnitt er die Birkenreiser zu und band sie zusammen, nicht ahnend, daß er fröhliche Lebewesen für ihre ganze Zukunft unglücklich mache.

Aber ihr Menschen habt überhaupt kein Gefühl für die Leiden, so ihr in tausendfacher Art unzähligen Mitgeschöpfen antut. Ihr versteht es nur, die Werke und die Schöpfungen Gottes zu vernichten. Ihr benehmt euch als brutale Herren, als die Tyrannen der Schöpfung, und opfert kaltblütig eurer Selbstsucht alles und jedes, was Gott geschaffen hat. –

Doch dem Heide-Michel konnte ich auf die Dauer nicht grollen. Er war ein armer Mann, und die Not lehrte ihn, Birkenreiser aus ihrem Jugendglück zu reißen und zu Besen zu machen. Und dann hatte er ja keine Ahnung davon, daß auch wir Pflanzen und Bäume leben und fühlen: denn er selbst trug des Lebens Not ohne besonderes Empfinden.

Er war ein braver, wetterharter Mann. Er und die Seinen lebten arm, aber rechtschaffen, begnügten sich mit schmaler Kost, hofften auf ein besseres Leben in einer andern Welt und falteten des Tages dreimal die Hände zu ihrem Gott und Herrn. Im übrigen ließen sie Gottes Wasser über Gottes Land laufen und nahmen alles, wie es kam, gut und schlecht.

Eines Morgens holte er auch uns Kinder der alten Birke am kleinen See in seine warme Stube, um die letzte Feile an unser zukünftiges Elend zu legen.

So kam ich in die Stube des Taglöhners. In ihr lag eine alte Frau, die Mutter des Heide-Michels, auf ihrem Schmerzenslager und seufzte und betete Tag und Nacht. Schon viele Jahre lang litt sie an Gicht und mußte im Sommer und Winter das Bett hüten. Bei ihrem Anblick bekam ich das erste- und das letztemal Mitleid mit euch Menschen, mit euern Schmerzen und euern Leiden. Denn daß die arme, alte Mutter, die all' ihre Lebtage nur Mühe und Arbeit gehabt, zum Schlusse noch so viel mitmachen mußte in hilfloser Lage in einsamer Stube auf dem weltabgeschiedenen Heidenacker, das wollte mir doch des Uebels zu viel scheinen.

Aber je mehr ich später euch brutale Sünder kennen lernte, um so weniger mehr empfand ich Mitgefühl und Teilnahme für das, was ihr zu leiden habt. –

An einem kalten Winterabend band der Heide-Michel 25 Stück Besen – unter ihnen auch mich – zusammen, lud sie auf seinen Handkarren und fuhr damit über die Heide hin.

Blutrot ging die Sonne unter. Die Tannen neigten sich im Abendwind, der eisigkalt über die Wasserscheide des Kinzig- und Elztales ging. In der Ferne sah ich noch den Birkenhain stehen, der meine Heimat und der Zeuge meines Jugendglückes gewesen war, und wo trauernd meine Mutter stand, gewärtig des baldigen eigenen Todes. Ich warf ihm einen letzten, wehmutsvollen Blick zu und gedachte der kurzen Lebensfreude bei ihm.

Vor einer einsamen Schenke, zum »Rößle« genannt, hielt der Heide-Michel an. Hier stand ein Wagen, mit einem Pferde bespannt; der Fuhrmann saß drinnen in der Stube, und nur sein Hund, der unter dem Wagen lag, bellte den armen Mann vom Heidenacker an. Der warf, ohne sich an das Bellen zu kehren, seine Besen auf den Wagen und ging auch in die Schenke.

Jeden Freitag Abend fuhr der Wälder-Hans – so hieß der Fuhrmann – hier oben an. Er kam aus dem Kinzigtal herauf und zog durchs Elztal gen Freiburg zum Samstags-Markt.

Wer was zu verkaufen hatte: Frucht, Butter, Eier, Hühner, Schafe, Kälber, Besen – der brachte seine Ware am Abend zum Rößle und übergab sie dem Wälder-Hans, auf daß er sie in Freiburg zu Markt bringe.

Drinnen in der warmen Wirtsstube saßen an dem Abend, da ich angefahren kam, um den Wälder-Hans die Verkäufer und Verkäuferinnen, handelten, feilschten und tranken, während draußen Roß und Wagen, und was darinnen war, geduldig in der Kälte standen und warteten.

Kaum hatte ich mich beim Licht, das aus der Stube drang, recht umgesehen und als Leidensgefährten einige Säcke voll Hafer und einen Korb voll Hühner entdeckt, da kam noch ein Bauer von der andern Seite der Heide dahergefahren, brachte ein Schaf und ein Kälblein, warf beide mit zusammengebundenen Füßen in den Wagen und suchte dann ebenfalls die Stube auf.

Die armen Tiere stöhnten vor Schmerz, die Hühner piepsten ihr Leid in stillen Tönen in die Nacht hinaus, während wir Besen stumm und still unsern Jammer trugen.

Da fing der alte Spitzhund des Wälder-Hans' bellend zu reden an und sprach höhnisch zu den armen Tieren: »Warum denn so traurig, ihr Herrschaften? Ihr seid ja alle auf dem Weg in die schöne Stadt Freiburg; dort wird euer Leid bald enden: den Hühnern wird der Hals abgeschnitten, und Schaf und Kälblein sticht man in die Schlagader. Dann fallen die Menschen über eure Leichen her und verzehren sie.«

Zittern erfaßte die also Gehöhnten bei dieser unverdienten, hündischen Schicksalsverkündung.

Die Hühner hatten jahrelang ihr Bestes, die Eier, den Menschen geliefert, das Schäflein seine Wolle, des Kälbleins Mutter ihre Milch gegeben und alle sich des Lebens in Unschuld gefreut auf der Schwarzwaldhöhe und den Menschen treu gedient. Und nun dieser Lohn und dies Ende! Das arme Kälblein hatte noch keinen Schritt ins Leben gemacht, als es von der guten Mutter weggenommen, gebunden und zum Tode geführt wurde.

Sie durften wohl zittern, diese unschuldigen Lebewesen, über das, was ihrer wartete, und die Menschen verabscheuen, diese herzlosen Folterknechte und Tierfresser.

»Ihr,« so höhnte der Spitzer, nun an uns Besen sich wendend, weiter, »ihr bekommt es etwas besser. Ihr werdet zwar nicht mehr mit den Winden spielen im hellen Sonnenschein, in der kühlen Morgen- und in der milden Abendluft; ihr werdet auch keine Hirtenknaben mehr singen hören – aber ihr werdet doch etwas länger leben als die andern Heidekinder. Ihr dürft den Kot der Straßen und den Staub der Häuser in der Stadt genießen und in der Zwischenzeit in einem finsteren Winkel stehen und euch des Daseins freuen auf dieser schönen Erde.«

Jetzt kehrte sich der alte Schimmel, der alles gehört hatte, vorn am Wagen um und rief: »Schäme dich, du gemeines, boshaftes Hundevieh, deine Mitgeschöpfe so zu höhnen. Du hast es wahrlich nicht vonnöten, dich und dein Schicksal über andere zu setzen. Hunger und Schläge sind meist dein Los, und du könntest den Undank und die Roheit der Menschen zur Genüge kennen, so gut wie ich!«

»Seit zehn Jahren stehen wir treu und ehrlich im Dienst des Wälder-Hans'. Du wachst über seine Habe, und ich ziehe sie ihm bergab und bergauf. Während er aber in den Wirtsstuben sitzt und sich beim Glas wohl sein läßt, müssen wir auf der Straße warten und hungern und dursten und frieren.«

»Wenn du einen Augenblick deinen Posten verlässest, um in der Küche für deinen Hunger einen Knochen zu suchen, so gibt's Schläge, daß du vor Schmerz heulst. Bist du alt geworden, so schlägt er dich tot und wirft dich auf den Schindanger.« »Und wenn ich nicht ziehe und springe, wie er es haben will, regnet es Flüche und Peitschenhiebe. Und mein Ende ist das Messer des Schinders.«

»Also laß deinen Hohn über andere Geschöpfe und lehre sie nur eines: den Menschen hassen, der unser aller Quälgeist und vor dessen Blut- und Hab- und Mordgier kein Geschöpf sicher ist – vom Stein in der Erde bis zum Adler in der Luft.«

Beschämt schwieg der Hund, legte sich auf einen Habersack und knurrte in sich hinein.

Eben kam der Wälder-Hans aus der Schenke und hinter ihm drein die Bauern und Taglöhner und Wibervölker, deren Waren er verkaufen sollte und denen er allen zum Abschied versprach, ihre Sachen auf dem Markt gut zu besorgen.

Durch Nacht und Nebel sah ich den Heide-Michel über das öde Feld heimziehen, während der Wälder-Hans die Laterne an seinem Wagen anzündete und gleich darauf rief: »hü, Schimmel!« – und abwärts ging's dem Elztal zu.

Als wir unten im Tale angekommen waren, stand in finsterer Nacht an einem Kreuzweg eine Gestalt und rief dem Wälder-Hans ein »Halt!« zu. Es war die Butter-Bärbel, ein älteres Weibsbild aus dem Prechtal. Sie handelte seit Jahren mit Butter nach Freiburg und wartete hier jeweils auf den Wälder-Hans, um ihm ihre mit Butter gefüllten Körbe aufzuladen, sich dann zu ihm zu setzen und mit ihm zu fahren.

Die Bärbel begann alsbald zu klagen, bei der Kälte sei es anfangs kein G'spaß mehr, Händlerin zu sein. Gestern und heute sei sie von Hof zu Hof gegangen, um ihren Butter zusammenzubringen, und Wetter und Wind hätten sie bis ins Mark hinein frieren gemacht. Wenn nicht die und jene Bäuerin etwas Warmes spendiert hätte, wär's nicht zum Aushalten gewesen. Und nun noch die Nacht hindurch fahren im kalten Wagen und gleich nach der Ankunft auf den kalten Marktplatz sitzen, da könne man seine Sünden abbüßen.

So und ähnlich klagte das Butterweib im Weiterfahren das Elztal hinab ihrem Freunde, dem Wälder-Hans. Diesen ließen aber die Klagen der Bärbel kalt. Er meinte, das alles müsse er ähnlich auch mitmachen, aber so bringe es eben ihr beiderseitiges Gewerbe mit sich. Wenn die Bärbel Näherin geworden wäre, könnte sie im Winter an den Ofen sitzen und im Sommer in den Schatten. So aber sei sie Bötin und Butterhändlerin geworden und müsse es sich im Leben darnach gefallen lassen.

Er, der Wälder-Hans, wisse sich zu helfen bei jeder Jahreszeit. Im Sommer trinke er möglichst viele Schoppen gegen den Durst, im Winter tue er es ebenso gegen die Kälte.

Drum, wo in einem Dörflein auf der Fahrt durchs Elztal heute noch ein verspätetes Wirtshauslicht brannte, hielt er an und trank eins, und die Butter-Bärbel trank mit ihm.

An die armen Geschöpfe, die vor dem Wagen und im Wagen froren und zitterten und Schmerzen litten, dachte keines von beiden. Sie waren ja Menschen, jene nur Tiere, und für diese hat der kultivierte Universitäts-Professor, der sie bei lebendigem Leib malträtiert, so wenig ein Herz, wie der rohe Fuhrmann.

Als wir uns nach langer, kalter, nächtlicher Fahrt gegen Morgen der Hauptstadt des Schwarzwaldes näherten, sprach der Wälder-Hans zur Bärbel: »Du könntest die Besen, so hinten im Wagen liegen, aus dem Markt feil halten neben deinem Butter. Der Heide-Michel hat sie mir mitgegeben. Er ist ein armer Mann, und ich möchte ihm seine Ware so gut als möglich verkaufen. Du kennst aber die Stadtweiber besser als ich und bringst die Besen drum auch besser an.« »Gern,« gab die Bärbel zurück, »will ich dem Heide-Michel seine Besen verkaufen. Sie sind aber nicht mehr so begehrt wie früher. Die besseren Leute wollen jetzt nur noch Wurzelbesen: doch ich will schauen, daß ich die Birkenbesen, so gut es geht, zu Geld mache.«

Eine halbe Stunde nach diesem Zwiegespräch lagen wir Birkenkinder zu den Füßen der Butter-Bärbel auf dem Münsterplatz zu Freiburg.

Das war der denkwürdigste Tag meines Lebens, der Tag, an dem ich einige Stunden auf diesem Marktplatz lag und in eine ganz neue Welt hineinsah.

In Nacht und Nebel zogen die Marktweiber daher, beladen mit schweren Körben, setzten sich auf dem kalten, steingepflasterten Münsterplatz auf eine lange Reihe von Bänken und warteten frierend auf die kaufenden Stadt-Weiber.

Im Hintergrund erhob sich das majestätische Gotteshaus wie eine riesige Steinpredigt gen Himmel, als wollte es sagen: »Wie groß bin ich und wie klein seid ihr Menschen mit all eurem Krämerwesen. Millionen haben schon zu meinen Füßen gekauft und verkauft und sind längst in Staub gesunken: ich aber, eures Gottes Haus, bin ewig und unveränderlich euch armseligen Menschen gegenüber.«

Als die kalte Morgensonne den Platz beleuchtete, übersah ich elender Besen den ganzen Markt und erkannte nach einiger Umschau, daß unsereiner die niedrigste Stufe unter den feilgebotenen Waren einnahm.

Einst wiegte ich mich im Aether des Himmels, die Vögelein sangen mir ihr Morgen- und ihr Abendlied, die Hirtenknaben jauchzten zu meinen Füßen, und heute lag ich als die armseligste aller Waren auf den Steinen eines Marktplatzes.

Mein Ingrimm gegen die Menschen, die mich unglücklich gemacht, wuchs, und ich fand nur einigen, wenn auch elenden Trost darin, daß ich hier so viele Mitgeschöpfe unter der gleichen Tyrannei leiden sah. Vom Vogel in der Luft bis zum armen Frosch herab erblickte ich zahllose Tiere auf dem Marktplätze, alle geopfert der Gefräßigkeit der Menschen.

Und von der Kastanie und von der Winteraster bis hinab zum Birkenbesen hatten unzählige Pflanzen ihre Heimat verlassen und sterben müssen, um hier verkauft zu werden.

In hellen Scharen strömten aus Gassen und Gäßlein die Stadtweiber und ihre Dienstmädchen, um ihre Einkäufe zu machen. Mit Netzen, mit Körben, mit Taschen und Säcken bewaffnet, zogen sie daher, arm und reich, schön und häßlich, um die Bedürfnisse des menschlichen Lebens einzuhandeln.

Ich sah hier, wie ihr Menschen geplagt seid für eures Lebens Notdurft und wie ihr alles, was ihr zum Leben braucht, teuer erkaufen müßt. Ich gönnte euch Tyrannen diese Sorge und die Umstände, so ihr machen müßt, um leben zu können.

Wie viel besser sind wir, die Opfer eurer Lebsucht, daran. Uns Birkenreiser und die Pflanzen alle nährt und kleidet die Mutter Natur ohne unser Zutun. Licht und Luft und Essen und Trinken kommen uns zu, ohne daß wir das Geringste dazu beitragen müssen. Kurzum, wir und unzählige Mitgeschöpfe wären sorgenlos und glücklich, wenn es keine Menschen gäbe. –

Es ging lange, bis mein Schicksal entschieden wurde. Zunächst handelten und markteten die Käuferinnen um Lebensmittel, die sie den armen Landweibern möglichst billig abdrückten. Besen waren nicht gesucht, und während die Butter-Bärbel ihren Butter fast allen angebracht hatte, lagen wir Birkenkinder noch unbegehrt am Platze. Die Bärbel fragte unermüdlich: »Braucht ihr keine Besen?« – und erhielt zur Antwort: »Birkenbesen sind nicht mehr Mode. Die neumodischen Dienstmädchen schämen sich ihrer, sie wollen nur noch Wurzelbesen.«

Endlich kam eine einfach gekleidete, ältere Frau und verlangte nach einem Birkenbesen, aber, wie sie sagte, nicht für sich, sondern im Auftrage einer Köchin, die keinen Besen durch die Stadt tragen wolle.

Diese Köchin schenke ihr, der armen Frau, den Kaffeesatz und andere Abfälle aus der Küche, und dafür besorge sie ihr derartige Einkäufe und Ausgänge.

Die Butter-Bärbel machte einen Besen von den anderen los und übergab ihn der Frau für zwanzig Pfennig. Dieser Besen war ich.

Die Frau nahm mich unter den Arm, wanderte durch Straßen und Gassen und verschwand endlich mit mir in einem kleinen, aber schönen Hause.

In diesem Kaufe ging nun mein Unglück erst recht an. Was ich in dem halben Jahre, welches ich da zubrachte, erlebt, das gäbe ein ganzes Buch. Ich will mich aber kurz fassen und dir nur den kurzen Inhalt meines Lebens und meiner Erfahrungen mitteilen, um dich nicht allzulange aufzuhalten. Die Matten sind jetzt noch feucht, und du könntest dich erkälten, wenn du zu lange bei mir sitzen und meine Klagen alle anhören wolltest.

Das Haus bewohnte ein junges Ehepaar. Er war der Sohn eines reichgewordenen Bierbrauers und lebte von dem, was sein Vater ihm hinterlassen, lebte, wie alle diese Glückspilze der Industrie, ein Leben des Vergnügens und des Nichtstuns.

Sie war die Tochter eines armen Universitäts-Professors und hatte den jungen Bierprinzen geheiratet, weil sein Geld ihr ein bequemes Dasein bot.

Er rauchte Zigarren, spielte Billard, ging auf die Jagd, las Zeitungen und schlug die Zeit tot, so gut es ging und so weit er das Zeug dazu hatte.

Sie spielte Klavier, malte, fuhr Rad, genoß Romane, besuchte das Theater und gab Teegesellschaften. Von einer Haushaltung verstand sie nicht das Geringste. Nicht einmal einen Kaffee hätte sie kochen können.

Und wenn sie bisweilen in die Küche kam und vom Kochen redete, war das so dumm, daß die Köchin und das Zimmermädchen das Lachen nicht halten konnten und nachher spotteten über die »dumme Schneegans«, welche sie sonst mit »gnädige Frau« zu titulieren hatten.

Ihre Dienstboten waren zwei Mädchen vom Land, die aber in der Stadt alles, was sie aus der Heimat mitgebracht, abgestreift hatten: Tracht, Sitte, Mundart und, dem Beispiel ihrer Herrschaft folgend, auch die Religion.

Den Sonntagmorgen benutzten sie, statt zur Kirche zu gehen, um einen Spaziergang in Begleitung ihrer guten Freunde vom Militär zu machen. Sie erzählten sich dann am Mittag gegenseitig, wo sie gewesen seien und wie gut sie sich unterhalten und wo sie am Nachmittag ihre »Schätze« zu finden ausgemacht hätten.

Diese Mädchen waren stets einig, weil beide darauf bedacht waren, ihre Herrschaft so gut wie möglich zu hintergehen, was um so leichter war, als die klavierspielende, malende und radelnde Frau, wie gesagt, nichts vom Hauswesen verstand. Sie konnte nicht einmal einen Wurzelbesen von einem Reisigbesen unterscheiden. Darum war auch ich ins Haus gekommen unter der Firma »Wurzelbesen«. Der Betrag des Minderwertes war in die Tasche der Köchin gewandert.

Weniger einig als ihre Dienerinnen war deren Herrschaft. Der »gnädige« Herr und die »gnädige« Frau schrieen einander oft noch spät am Abend so laut und so mißliebig an, daß ich, dessen Platz hinter der Küchentüre war, es nur zu gut hören konnte.

Sie schalt ihn bei diesen nächtlichen Zwiegesprächen einen »Bierlümmel« ohne Bildung und Anstand, weil er nach Tabak oder nach Kognak riechend aus seiner Abendgesellschaft heimgekommen war.

Als Antwort mußte die gnädige Frau die Worte: Bettelmensch, Faulenzerin und ähnliche Worte hören.

Am anderen Tag beim Frühstück waren beide aber meist wieder einig, und man hörte nur: »Lieber August« und »Liebe Ella!«

Doch, was soll ich armseliger Besen dir von euch Menschen reden, von eurer Ehrlichkeit, eurer Bildung und eurer Heuchelei! Nu kennst ja das alles. Ich wollte dir ja nur von meinem Unglück erzählen.

Ja, Unglück! Oder ist es keines, wenn lebensfrohe Birkenkinder aus dem Aether des Himmels herabgerissen und hinter eine Küchentüre gestellt werden?

Ist es kein Unglück, wenn sie diesen elenden Winkel nur verlassen, um in Staub und Kot getaucht zu werden, sie, die mit den Zephyren gespielt und im Tau des Himmels sich gebadet?

Ist es kein Unglück, wenn die einstigen Gefährten jauchzender Hirten und singender Schnitterinnen nur noch streitende Eheleute und betrügerische Dienstboten um sich sehen und nachts als Gesellschaft hungrige Mäuse?

O, wie oft dachte ich hinter meiner Küchentüre an die Mahnungen der Birkenmutter, und wie oft verwünschte ich euch Menschen, die ihr euere Mitgeschöpfe so unglücklich macht!

In Freiburg werden die Straßen noch in alter, schöner, deutscher Art von den Hausbewohnern gefegt. Und die Mittwoch- und Samstagnachmittage waren die einzige Zeit, wo ich in die frische Luft kam. Aber was nützte diese mir, dem Schnee und Straßenkot Hören und Sehen und Fühlen benahmen!

Auch davon halte ich nichts, daß die süddeutschen Studenten den über die Straße fegenden Mädchen den Namen Besen geben. Diese jugendlichen menschlichen Besen verachteten uns trotz der Verwandtschaft.

Die Köchin war zu stolz, um noch eine Gasse zu kehren: darum mußte mich die arme Frau, welche mich von der Butter-Bärbel gekauft, auf der Straße und auf dem Trottoir malträtieren.

Ich kam von diesem Mißbrauch eines Birkenkindes, das einst so lichte und hehre Tage gesehen, jeweils erst wieder zu mir, wenn die Frau mich in das Bächlein, so in Freiburg durch alle Straßen zieht, tauchte, um mich vom Schmutze zu reinigen.

So war das Wasser mein einziger Wohltäter, aber auch mein Leidensgefährte; denn allen Schmutz muß es sich gefallen lassen. In das Bächlein, das klar und heiter von den Bergen herab in die Stadt kommt, werft ihr Menschen jeden Unrat und mißhandelt es dadurch gerade so wie uns Birkenkinder.

Im Hause drinnen, im Hof und in den Gängen handhabte mich die Köchin; sie fand es aber nie der Mühe wert, mich draußen im Bächlein wieder zu kühlen: denn es hätte jemand das dumme Bauernmädle mit einem Besen in der Hand sehen können. –

So war, alles in allem genommen, schließlich die Ecke hinter der Küchentüre, sonst ein trauriges Asyl, noch mein Bestes. Ich hatte doch Ruhe und ward nicht erniedrigt in Staub und Kot.

Ja, ich hatte in dieser finstern Ecke öfters noch Gesellschaft. Ein Mäuslein, das in stillen Stunden des Tages aus der Wand kroch und nach Brosamen und sonstigen Abfällen ausging, versteckte sich der Nähe halber, sobald ein Geräusch sich hören ließ, unter mich, bis die Gefahr vorüber war.

Das verfolgte Tierchen tröstete mich manchmal im eigenen Elend, wenn es erzählte, wie die Menschen mit seinem Geschlecht umgehen. »Von Gott ins Dasein gerufen, wie sie,« also pflegte es zu sagen, »verfolgen uns die Menschen auf jegliche Art durch Katzen, durch Gift und durch Fallen. Und gerät eines von uns lebendig in ihre Gewalt, so wird es erschlagen oder ersäuft oder zertreten.«

»Und das alles tun sie uns armen Geschöpfen an, weil wir unser bißchen Nahrung nehmen, wo wir es finden, und wie der, so uns geschaffen, es uns gelehrt hat von Jugend an.«

»Aber so sind sie, diese Menschen; sie allein wollen Gottes Willen kennen und verehren, und doch verfolgen, quälen und töten sie ihre Mitgeschöpfe herz- und gefühllos! O, diese Heuchler!«

»Mir haben sie Vater und Mutter und zahlreiche Geschwister ermordet: sie werden über kurz oder lang auch mich den Meinen nachsenden.«

Und so war es. Eines Tages nahm mich die Köchin aus der Ecke; das Mäuslein huschte unter mir hervor. Das Weibsbild schlug mit mir nach dem armen, flüchtigen Geschöpfe und, von mir wider meinen Willen erschlagen, verendete die unglückliche Freundin vor meinen Augen.

Meine Verbitterung nahm zu, und ich beneidete das Mäuslein: es hatte ja ausgelitten für immer. –

Noch auch die Stunde meiner Erlösung schlug. Der Winter war lange gewesen, Schnee und Regen wechselten monatelang ab.

Die Straßen waren schmutziger denn je und machten mich immer elender und arbeitsunfähiger.

An einem Mittwoch-Nachmittag im Frühjahr sprach die Frau, welche ihre Armut gezwungen hatte, der Köchin Dienste zu leisten, mich zu kaufen und unglücklich zu machen, zu dieser: »Der Besen ist jetzt auch nichts mehr. Man sollt' wieder einen neuen haben.«

»Werft ihn, wenn Ihr heute mit dem Fegen fertig seid, in das Bächle und kauft am Samstag einen andern!«^ – lautete das Urteil der Küchenfee.

Ich frohlockte! Endlich, so sagte ich mir, geht's an die Erlösung. Das Bächlein wird mich fortnehmen in die Dreisam und diese mich dem Rheine zuführen. In seinen reinen, klaren Fluten werde ich mich auflösen und im Sande seiner lachenden Ufer wird mein Grab sein.

Doch nicht bloß bei den Menschen, auch bei den Besen kommt es oft anders, als sie denken und wünschen.

Die arme Frau löste mich an jenem Nachmittag vom Stiele und warf mich in das rasch vorbeieilende Stadtbächle. Lustig tanzend gleitete ich dahin, an deiner Martinskirche vorbei und freute mich schon, bald aus der Stadt draußen und wieder, wenn auch verstümmelt und elend, in Gottes freier Natur zu sein.

Auf einmal aber, ich war eben bei dem Wirtshaus zur Linde in der Unterstadt, griff eine rauhe Hand nach mir und zog mich aus den sanften Wellen.

Es war der Hausknecht des Lindenwirts. Er wusch gerade seine Stiefel ab im Bächle, sah mich dahertanzen und dachte: »Den Besen kannst du noch im Stall brauchen« – packte mich und ging mit mir davon. Nach wenigen Sekunden lag ich hinter einer Stalltüre. In meiner Nähe fraßen und stampften einige Pferde. Sie hatten mich aus meinem Schrecken wieder zur Besinnung gestampft und mich erkennen lassen, wo ich sei.

Aus einer Herrschaftsküche in einen Pferdestall ist ein großer Sprung zur Erniedrigung, und doch fand ich im Stalle bessere Menschen als in der Küche.

Der Hausknecht, ein Schwarzwälder, war in der Stadt ein Bauer geblieben: ehrlich, treu, bieder und wohlwollend. Den Pferden war er ein Freund; er redete mit ihnen, sprach ihnen zu, wenn sie fraßen, und streichelte sie.

Er und sein Herr, der Lindenwirt, verkehrten auf friedlicherem und anständigerem Fuß als der Bierprinz und die Professorstochter.

Wenn der Knecht mich nicht aus dem Büchlein gezogen, hätte ich ihn lieben können, ihn, den einzigen Menschen, bei dem ich Mitleid sah mit anderen Geschöpfen.

Selbst mich schien er schonen zu wollen; denn die ersten Tage lag ich still und unberührt hinter der Stalltüre.

Pferde waren nur tagsüber in meiner neuen Behausung. Sie gehörten Bauern und Fuhrleuten, welche am Morgen in die Stadt fuhren und am Abend wieder heimkehrten.

So wäre ich nachts allein in der großen, öden Stallung gewesen, wenn nicht ein alter Kater ihn zu seinem ständigen Jagdgebiet gemacht hätte.

Dieser Kater, ein Prachtexemplar, schwarz wie die Nacht und mit glühenden Augen, war auch kein Freund von euch Menschen. Ich muß dir von ihm erzählen: denn er war ein Original.

So oft er sein Gelüste an den Mäusen, die im Stalle umhersprangen, befriedigt hatte, ging er mit langen Schritten in meiner Nähe auf und ab und murrte zu meiner Freude und zu meinem Trost in seiner Katzensprache ein Klagelied über die heutigen Kulturmenschen.

»Ich,« so sprach er murrend, »bin von gutem, altem Katzenadel. Mein Großvater, Miaulis der zweiundsiebzigste, war Fürst aller Katzen in dieser Stadt. Seine Tochter, meine Mutter, machte eine Mißheirat mit einem Kater aus proletarischem Stamme, aber sie gab mir das Blut und die Gestalt ihres Vater-Fürsten.«

»Ich habe ihn noch wohl gekannt, den alten Miaulis, der mich trotz der Mißheirat seiner Tochter sehr lieb hatte. Wenn er in mondhellen Nächten seine Katzenuntertanen auf dem Rathausdache versammelte und ihre Klagen hörte über den Undank der Menschen, so konnte er manchmal sagen: ›Einst haben die Menschen uns Katzen göttliche Ehren erwiesen in Anerkennung unserer Leistungen bei Vertilgung der Mäuse. Im alten Aegypterlande errichtete ihr Dank uns Tempel. Und selbst im christlichen Mittelalter bis herauf in die neue Zeit waren wir liebe und geehrte Hausgenossen derselben. In meiner Jugendzeit lag noch auf jeder Ofenbank ein Kissen bereit für unsere Ruhe; mit der Familie nahmen wir unsere Mahlzeit ein, und die Alten bekamen das Gnadenbrot. Man ließ, sie, wohlgenährt, eines natürlichen Todes sterben.‹

›Je kultivierter aber die Menschen wurden, um so undankbarer und herzloser benahmen sie sich gegen unser Geschlecht, das heute nur noch im fernen Indien nach Verdienst geehrt und gepflegt wird. Dort gibt es Spitäler für Katzen, während wir in Europa durch Totschlag oder Gift aus der Welt geschafft werden in unsern alten Tagen‹

› Mich aber, Miaulis den zweiundsiebzigsten, mich, dessen Ahnen schon in den Hütten der Steinmetzen, welche das Münster erbauten, Mäuse fingen, mich sollen sie nicht töten.‹

»Und er hat Wort gehalten, der alte Katzenfürst. In einer stürmischen Nacht – es mögen zehn Jahre her sein – stürzte er sich von der Spitze des Münsters auf das Pflaster und war tot.«

»Er hat nicht mehr erlebt, was ich. In den Häusern der heutigen Stadtmenschen gibt's längst keine Ofenbänke und keine Katzenkissen mehr. Unsereiner darf sich überhaupt nicht blicken lassen in einem neumodischen Hause. Wenn's gut geht, dulden uns noch bürgerliche und ärmere Leute, aber auch nicht mehr in der Stube. Wo es noch hoch hergeht, steht in einem Winkel des Hausganges ein altes Schüsselchen mit Abfällen für uns.«

»Kommt eine von uns aus Hunger in eine Küche, so hagelt es Holzstücke auf sie.«

»Wenn bisweilen ein Menschenkind uns noch einige Liebe erweist, so ist's eine alte Jungfer, die in der Jugend lieblos durchs Leben wandern mußte und im Alter noch mit Katzenliebe sich begnügt.«

»Ich war in meinen jungen Jahren auch einige Zeit der Liebling einer solchen Jungfer; aber wenn sie mich zärtlich behandelte, küßte und mich an ihr altes Herz drückte, ging mir ein Widerwille durch die ganze Katzenhaut, so daß ich meiner Name bald entfloh und seitdem mich als Katzen-Stromer durch die Welt schlage.«

»Die Menschen verachte ich, weil sie es an uns verdient haben und ich sie kenne. Nicht genug, daß sie uns schlecht behandeln, sie verleumden uns auch.«

»Sie nennen uns ›falsch‹, während sie selbst die falschesten und unehrlichsten aller Geschöpfe sind. Unter Tausenden gibt sich nicht einer von ihnen, wie er ist, und von Jugend an lehren sie ihre Kinder, sich anders zu geben, als sie sind, und sich so unnatürlich und geziert als möglich zu benehmen.«

»Von der Falschheit der menschlichen Weibervölker will ich gar nicht reden; gegen die sind wir Katzen wahre Musterengel von Biederkeit und Offenheit.«

»Sie sagen uns ferner, die Herren der Schöpfung, wir seien katzenbucklich und kriechend, während sie viel weniger Rückgrat haben als wir und vor ihren Fürsten viel mehr Kratzfüße machen, als wir Katzen vor einem Katzenkönig, wie Miaulis der zweiundsiebzigste es war, der sich seinen Lebensunterhalt selbst verdiente und verschaffte und damit nicht seine Untertanen belastete.«

»Am boshaftesten aber ist es von den Adamskindern, daß sie ihre eigenen Sünden mit unseren Namen belegen. Wenn sie, diese genußsüchtigsten aller Wesen, durch wüstes Trinken ihrer Gesundheit geschadet haben und es ihnen schlecht ist vom Allzuviel, nennen sie das »einen Kater‹. Zum Hohn, daß sie uns hungern lassen, fügen sie noch den Spott und hängen uns, die wir von Wasser, Milch und Mäusen leben, den Namen ihrer Unmäßigkeit und Völlerei an.«

»Sie machen Kater- und Katzenköpfe infolge ihrer tollen Ausgelassenheit, die sie mit leiblichem Unbehagen büßen müssen, während der Ernst, so aus unseren Zügen spricht, die Trauer bedeutet über das elende Los, das die Menschen uns bereiten.«

»Aber,« so schloß der Kater seine Rede in seinem Auf- und Abschreiten, »ich räche mich an ihnen, so gut ich kann. Ich fange meine Mäuse nur in den Ställen, wo keine Menschen wohnen, und nachts störe ich diese aus dem Schlafe auf durch mein Katzengeschrei.«

Nach diesen und ähnlichen Worten machte er jeweils einen Sprung zum Stallfenster hinaus, und wenige Minuten später hörte ich ihn auf dem Wache seinen ganzen Ingrimm hinausschreien. – Ich aber war wieder zufriedener mit meinem Los, denn ich hatte wieder ein Wesen gehört, das auch meinen Gefühlen für euch Ausdruck verlieh.

Am ersten und letzten Samstag, den ich beim Lindenwirt zubrachte, sollte mir noch was passieren, das ich dir nicht verschweigen darf. Es zeigt, wie auch im Leben eines Reisigbesens merkwürdige Zufälle nicht ausgeschlossen sind.

Am Samstag in aller Frühe, kaum hatte der Knecht die Stalltüre aufgeschlossen, da trabte als erstes Marktpferd des Tages der Schimmel des Wälder-Hans' zu mir herein.

Er schaute sich um, sah mich hinter der halbgeöffneten Türe und schnupperte mich an. Ich erkannte ihn alsbald und sprach: »Das ist ja des Wälder-Hansen Schimmel!«

Jetzt ließ er ein freudig Wiehern ertönen, mit dem er fragte: »Ei, woher kennst du mich denn?«

Ich erzählte ihm alles, was sich auf unsere erste Bekanntschaft bezog an jenem Winterabend auf der Eck und erinnerte ihn an sein Mitgefühl mit den anderen Geschöpfen und an die richtige Würdigung, welche er damals den Menschen angedeihen ließ.

Tiefaufatmend schwellte der Schimmel seine Nüstern und sagte: »Aber wie siehst du drein, armes Birkenkind! So weit haben Kultur und Stadtleben an dir gesündigt, daß ich dich kaum wieder erkenne. Wie wird erst deine Mutter erschrecken, wenn sie dich sieht! Ich habe sie heute hierher gebracht. Draußen im Hof laden der Hausknecht und der Wälder-Hans das Birkenholz ab, welches dieser dem Bur auf dem Tochtermannsberg abgekauft und dem Lindenwirt wieder verkauft hat,«

»Ja, sie wird jammern, wenn sie dich zu sehen bekommt. Doch es ist ja eine Wahrheit, so billig wie Pferdefleisch, daß alles, was vom Land in die Stadt zieht, auf einen Kirchhof kommt – und mit der Zeit elendiglich zugrunde geht.«

»Ich selbst muß, von meinen Gängen in die Stadt abgeschunden, viel früher und martervoller enden als ein Ackergaul. Doch so wie diese Welt einmal unter der Herrschaft der Menschen für uns Tiere eingerichtet ist, hat ein frühes Ende großen Wert.«

Nach diesen Worten schritt der Schimmel seiner Krippe zu und vergaß über dem Heufressen bald seinen Weltschmerz. Mich aber hatte er in große innere Aufregung verseht durch die Nachricht, daß meine arme Mutter in meiner Nähe sei. Meine Sehnsucht ging nun dahin, zu ihr zu kommen. Aber wie sollte das geschehen? Sie regungslos draußen im Hof und ich ebenso hinter der Stalltüre.

Ich gab bereits alle Hoffnung auf, als gegen Mittag ein Fuhrmann mit zwei Pferden zugleich zum Stalle herein wollte. Er stieß die Türe auf, und da er ein Hindernis merkte, schaute er nach, erblickte mich und warf mich unmutig in den Hof hinaus. Ich flog an die Birkenholzbeuge, welche diesen Morgen aufgesetzt worden war. Es waren, zersägt und gespalten, die alten Birken aus dem Hain, in welchem ich geboren ward und die glückliche Zeit der Jugend verlebt hatte. Unter ihnen mußte meine Mutter sein.

Welche Fügung! Ich kam in die Nähe der Astnarben, auf denen ich einst gestanden, gelebt und des Lebens mich gefreut.

Mutter und Kind fanden und erkannten sich, beide mißbraucht, zerstört und vernichtet und beide unschuldig und sündenlos.

Schuld und Sühne ist ja nur ein Anteil der Menschen, und der Fluch, mit dem ihr Herrscher, ihr Tyrannen und ihr Quälgeister eurer Mitgeschöpfe beladen seid, ist noch ein kleiner Trost für eure geschlagenen Opfer.

Nicht, wie ihr so gern glaubt und sagt, nicht die Bildung und die Macht und nicht das Herrsein ist das höchste. Was höchste eines Geschöpfes ist, schuldlos dastehen dem Schöpfer gegenüber, und diese höchste Würde haben wir Pflanzen und Bäume alle ohne Ausnahme. Wir sind die Unschuld und ihr seid die Sünde.

Darum lieber als Reisigbesen leben und sterben ohne Schuld, denn als Mensch leben und sterben voll Sünde und ohne Erlösung. –

Das Wiedersehen von Mutter und Kind im beiderseitigen Elend war nur kurz, aber lang genug, um von der Mutter zu hören, wie gut sie prophezeit habe, als wir noch bei ihr im Hain waren und fröhlich kosten und spielten.

Sie sprach auch heute wieder wahre Worte: »Ich bin bald erlöst, das Feuer wird mich frei machen in des Lindenwirts Küche. Nu aber wirst noch einige Zeit herumgeworfen werden, ehe es ein Mensch der Mühe Wert findet, dich zu verbrennen.« –

Am Nachmittag trat ein Bauersmann in den Hof, als ob er was suchte. Er sah mich, trug mich hinaus auf die Straße, wo sein Wagen stand, und legte mich auf demselben unter ein Fäßchen, damit es im Fahren sich nicht rolle. Er hatte Wein darin, den er in der Stadt gekauft.

Auf der einen Seite des Fäßleins lag ich, auf der andern ein Stück Holz. Der Mann hatte nach einem zweiten Holz gesucht, keines gefunden, im Suchen mich erblickt und – erlöst aus der Gefangenschaft im Stalle.

Statt zu Wasser, kam ich jetzt zu Land aus der Stadt, die mein Unglück gewesen. Der Bauer und sein Weib setzten sich auf den Wagen, und es ging zum Tor hinaus.

Bald merkte ich, daß wir talaufwärts und dem Schwarzwald zufuhren. Ich sah wieder Berge und Tannen, fühlte Waldluft und lebte wieder etwas auf.

Weit hinauf ins Tal fuhr der Bauer. Immer näher traten Berge und Wälder, und immer rascher rollten die Bächlein von den Halden herab.

Bei einem einsamen Gehöfte jenseits der jungen Dreisam hielt endlich der Wagen an. Es war des Bauern Hof. Vor der Kellertüre ward das Weinfaß abgeladen und bei der Gelegenheit ich in einen Winkel hinter dein Hause geworfen.

Hier lag ich in der Frühjahrssonne, und niemand kümmerte sich mehr um mich. Ich hörte wieder, wie einst, die Vögelein singen und die Hirten jauchzen; aber du weißt es aus eigener Erfahrung, daß das nicht zu allen Zeiten erfreut.

Alte, müde, dem Grabe zuwankende Menschen werden schwermütiger, wenn der Frühling kommt und alles jung und fröhlich wird, weil sie fühlen, daß sie selbst es nimmer werden und ihre Frühlingszeit vorüber ist für immer.

So ging es mir, dem alten, abgebrauchten Birkenkind. Die singenden Vögelein und die jauchzenden Hirten, die liebe Sonne und die blumigen Matten erinnerten mich nur an mein für immer verlorenes Jugendglück und machten mir nur wehe in der Seele.

Vor dem Hof saß oft des Bauern Mutter, ein steinaltes, runzeliges Weiblein. Sie wärmte sich, still vor sich hinbrütend, in den Strahlen der Sonne. Von Zeit zu Zeit aber hörte ich sie murmeln: »Was tut auch unsereins noch auf der Welt?« Und dann nahm sie ihren Rosenkranz aus der Tasche und betete. Ich glaubte fest, sie bete jeweils um baldige, gnädige Erlösung aus diesem Leben.

Der Frühling ging, der Sommer kam. Beide machten alles glücklich und zufrieden in und außerhalb des Hofes an der Talenge der Dreisam, nur die alte Großmutter und mich nicht.

Wir seufzten mitten im Sonnenschein und wünschten Erlösung. Sie kam.

Kaum warf der Herbst die ersten Nebel ins Tal, so sah ich die Großmutter nimmer. Sie legte sich nieder zum Sterben. Eines Morgens trugen sie die Lebensmüde als Leiche das Tal hinaus unter den Tränen ihrer Kinder und Enkel.

Sie hatte ausgelitten, die alte Frau, und ihr Scheiden legte auch mir wieder die Sehnsucht nach Auflösung naher.

Wie aber sollte diese mir nahen? Oft wünschte ich, die Bäuerin oder die Magd möchten mich sehen und in der Küche verbrennen, oder die Dreisam, die wenige Schritte von mir über Felsgestein sprang, mich mitnehmen auf ihrem Todesweg zum Vater Rhein.

Ich träumte immer noch von einem Grabe an seinen reizenden Ufern, die ich einst von den Bergen des Kinzigtales aus erblickt.

Da, es war um Allerheiligen, öffneten sich in einer stürmischen Nacht die Schleusen des Himmels, und tagelang ergoß der Regen sich über das Land.

Die Dreisam schwoll und nahte sich dem Gehöfte im engen Tale. Des Bauern Kinder jubelten über das viele Wasser, dessen Steigen ihr Vater mit Besorgnis betrachtete.

Die Kinder warfen Stücke Holz in die Fluten und freuten sich, wenn sie, hoch auftanzend, davon zogen.

Der Hannesle, des Bauern Jüngster, ersah mich bei diesem Spiele und tat mir den Gefallen, mich in die hochgehenden Wellen zu werfen.

Diesmal hoffte ich sicher, von der mächtigen Flut hinaus in den Rhein getragen zu werden und, zerrissen und zerfetzt, endlich einmal sterben zu können.

Doch wen das Unglück verfolgt, den verfolgt es bis ans Ende. So ging es auch mir. Kaum auf meinen Wellen im Weichbild der Stadt angelangt, wurde ich in den Kanal getrieben, welcher gegen die Karthause hin abzweigt, um die einstigen Klostermatten zu bewässern.

»Der Mattenknecht« hatte seine Stellfallen, die bald da, bald dort an dem Kanal angebracht waren, geöffnet, und die Wasser trugen mich in den Graben, in welchem du mich heute getroffen.

Als die Kälte kam, leitete der Mattenknecht das Wasser ab, und den ganzen Winter über und bis heute lag ich im trockenen Graben, hilflos, einsam und unglücklich.

Nur im Anfang des Frühjahrs leistete mir bisweilen ein alter Frosch Gesellschaft. Er kam an warmen Abenden den Graben herauf gehüpft, setzte sich zu mir und quakte seine Weheklagen in die stille Nacht hinein. Sie galten alle euch Menschen.

»O, diese schrecklichen Menschen,« so quakte er, »wie quälen sie uns arme Frösche! Im Frühjahr, wenn wir in Lebenslust an den Wasserrändern uns sammeln und unsere Liebeslieder singen, da kommen sie, die Herzlosen, fangen uns, schneiden uns lebend mitten entzwei, nehmen den Unterkörper mit und überlassen den Oberleib seinen Qualen und seinen Schmerzen.« »Und im Winter, wenn wir in tiefster Erde unter den Wassern uns begraben, um zu ruhen, ziehen sie uns mit Gewalt ans Tageslicht, um uns das gleiche Schicksal zu bereiten.«

So klagte und quakte der alte Froschvater, klagte und quakte, bis er nimmer kam.

Knaben, die in einer warmen Frühlingsnacht mit Lichtern über die Matten gezogen waren, hatten auch ihn gefangen und zerschnitten.

Seitdem, es mögen etwa drei Wochen sein, bin ich wieder allein mit meinem Jammer.

Oft sah ich dich vorbeigehen, sah auch, wie du bisweilen zerlumpte Bettler, die des Weges daherkamen, anhieltest, ausfragtest und beschenkt entließest. Und ich dachte manchmal: Wenn der lange, schwarze Mann dein Elend kennte, er würde dich sicher erlösen.

Heute kamst du zu mir herein. Ich benutzte die Gunst des Zufalls und erzählte dir mein Leben.

Ich sehe es deinen Mienen an, du hast aus meiner Erzählung Mitleid mit mir geschöpft: drum wage ich an dich eine Bitte:

Nimm mich weg von hier, aber wirf mich nicht in die nahe Dreisam: im Wasser habe ich kein Glück. Dort drüben am Walde sehe ich Rauch aufsteigen. Wo aber Rauch, da ist Feuer. Trage mich zu jenem Feuer und wirf mich hinein. Ich will dann als Rauch den Wolken mich verbinden, die eben gen Norden ziehen. Möge ein gütiges Geschick mich mit ihnen hinübertragen auf die Heide, auf der ich geboren, und dort mich als Träne niederfallen lassen in den kleinen See, über dem meine Mutter gestanden ist und über dem ich die seligen Tage der Kindheit verlebt habe.

Und wenn dann die Zweige eines jungen Birkengeschlechtes sich spiegeln in den stillen, klaren Wassern des Sees, dann will ich weinen über sie und weinen über mich, weinen über meine Vergangenheit und weinen über ihre Zukunft. Aber ich werde auch lächeln unter diesen Tränen, lächeln, weil ich da weinen und meinen Lebenslauf beschließen darf, wo ich ihn begonnen, lächeln, weil ich die Vögel wieder jubeln und die Hirten wieder jauchzen höre auf heimatlicher Erde, und weil sie Lieder singen, die ich als glückliches Birkenkind einst gehört habe.

So sprach der alte, unglückliche Besen, und hatte er mein Herz schon gewonnen durch die Schilderung seines Lebens, so rührte mich jetzt seine Bitte zu Tränen.

Ich fand zunächst fast keine Worte. Bewegt hob ich ihn auf und sprach: Armes Geschöpf, unglückliches Opfer der unglücklichen Menschheit, dein Wunsch soll erfüllt werden. Aber eines verlange ich von dir: du darfst nicht in Bitterkeit scheiden aus deinem Leben, du mußt vorher den Menschen, die dich unglücklich gemacht, verzeihen.

Glaube mir, altes, jammervolles Birkenkind, auf den Menschen ruht noch schwereres Leid, als du erduldet hast hinter der Küchentüre. Also vergiß und verzeihe, ehe ich dich erlöse.

Bedenke, daß die Menschen viel unglücklicher sind als ihr. Sie fühlen des Lebens Not und des Daseins Schmerzen viel mehr denn ihr, und sie büßen schwer für die Sünde ihres Stammvaters, der all' seine Nachkommen und die ganze Natur hineinzog in den Fluch des Schöpfers.

Darum seufzen sie und seufzen alle Geschöpfe, die unter des Menschen Sünde leiden, nach Erlösung.

Der Besen nickte zustimmend, und ich fuhr weiter: Möge der Himmel deinen letzten Wunsch erfüllen und dich ruhen lassen im kleinen Bergsee unserer Heimat! Und wenn auch mein Wunsch in Erfüllung geht, will ich dereinst ruhen zu den Füßen der Heide, die den See, dein Grab, trägt!

Sprach's und ging mit ihm hinüber zum Waldsaum, Hier hatten die Armen, so mit mir die Karthause bewohnen, die Waldmatte geräumt vom Laub und Holz des Winters und ließen beides verbrennen von lustigen Flammen.

In diese warf ich meinen armen Freund zum Staunen der Männer, die mich mit dem alten Besen daher kommen sahen.

»Für den ist's nicht schad,« meinte einer von ihnen. Keiner aber ahnte, daß ein Unglücklicher von seinem Dasein erlöst werden sollte.

Ich blieb stehen, bis der Besen verbrannt war. In lichten Rauchringen erhob er sich hinauf zu den Wolken und zog mit ihnen dem Walde und dem Kinzigtale zu.

Ich schaute ihm lange nach, und erst, als er jenseits des Waldes verschwunden war, ging ich nachdenklich zurück in meine Klause.








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