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Aus dem Leben einer Waise

Helene Hübener: Aus dem Leben einer Waise - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleAus dem Leben einer Waise
publisherVerlag der Francke-Buchhandlung GmbH
year1983
isbn3882242779
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
projectid4cc29158
wgs9110
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Heimatlos

Ein milder Frühlingstag. Es war, als sei das kleine Städtchen aus langem Winterschlaf erwacht. Überall Leben und Bewegung. Knaben spielten und lärmten auf der Straße, kleine Mädchen zeigten einander bunte Ostereier oder fuhren ihre Puppen spazieren in der warmen Frühlingssonne; Frauen standen schwatzend in den offenen Haustüren und freuten sich über das schöne Wetter; Männer waren geschäftig bei der Arbeit, es galt ein halb vollendetes Haus fertigzustellen.

Dem Bau gegenüber, an einem unteren Fenster eines zweistöckigen Hauses, stand ein blasses etwa elfjähriges Mädchen, das Gesicht an die Fensterscheibe gedrückt, und schaute hinaus auf das Leben da draußen. Zwei kleine Mädchen, die eben mit ihren Puppenwagen vorüberfuhren, blieben stehen, klopften an die Fensterscheiben und riefen: »Frieda, komm heraus.« Sie schüttelte traurig den Kopf, und eine Träne rollte langsam über die blasse Wange. Während die eine noch einmal bat, sagte die andere: »Laß sie nur, sie kommt doch nicht. Seit ihre Mutter gestorben ist, spielt sie nicht mehr mit uns.« Die Kinder schoben ihren Wagen weiter, und bald dachten sie nicht mehr an das einsame Kind in Trauerkleidern, dort unten in der Stube.

Als sei ihm plötzlich ein erlösender Gedanke gekommen, schlüpfte es aus der Tür, ging die Treppe hinauf und öffnete die zu den oberen Räumen führende Tür. Es betrat einen großen, zweifenstrigen Raum, in dem sich eine Menge Möbel, wie zum Umzug bereit, befanden. Einige Leute standen herum; sie besahen und betasteten die einzelnen Gegenstände, andere saßen und unterhielten sich über das, was sie etwa zu kaufen gedachten.

»Ich werde mir das kleine Plüschsofa erstehen«, rief eine Dame und setzte sich darauf. »Es paßt gerade in mein Zimmer, ich habe mir längst sowas gewünscht.«

»Wann ist die Versteigerung?« fragte eine andere.

»Morgen früh um 9 Uhr.« »Es sind recht wertvolle Sachen dabei«, meinte ein Herr. »Das Pianino hat einen schönen Klang, wenn es nicht sehr in die Höhe getrieben wird, fällt es mir hoffentlich zu.«

Der Raum füllte sich mit Leuten aus den verschiedensten Ständen. Aufkäufer, die mit alten Möbeln und Kleidungsstücken Handel trieben, fanden sich ein, darunter einige mit nicht gerade vertrauenserweckenden Gesichtern. Sie sahen aus, als möchten sie alles mit ihren scharf spähenden Augen verschlingen, fuhren bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand los, redeten und prahlten, was sie alles kaufen wollten. Immer neue Menschen erschienen auf der Bildfläche, es war heute freie Besichtigung der zu kaufenden Gegenstände. »Jetzt wird mir's unheimlich«, sagte die auf dem Plüschsofa sitzende Dame zu ihrer Begleiterin, »ich gehe. Ich weiß nun, was ich kaufen will, diese vielen Gesichter bedrücken mich.«

Die kleine Frieda war von niemand beachtet worden; die Menschen hatten alle zu sehr mit ihren Angelegenheiten zu tun. Als sie die vielen fremden Menschen sah, versteckte Frieda sich schnell hinter einen großen Schrank und flüchtete von da durch die offenstehende Tür in ein kleines Nebenzimmer, das außer einem Bett und einem Koffer ganz leer stand. Sie setzte sich auf den Koffer, begrub das kleine Gesicht in die Hände und begann jämmerlich zu schluchzen. In diesem Stübchen hatte ihre inniggeliebte Mutter den letzten Atemzug getan, hier hatte sie kurz vorher mit ihr gebetet und sie der Obhut des treuen himmlischen Vaters übergeben. »Er wird dich nicht verlassen noch versäumen«, hatte sie gesagt, »vertrau stets auf ihn, halte dich fest zu seinem Wort, das Wort Gottes ist die ewige Wahrheit.«

Plötzlich wurde die Tür, die vom Vorsaal aus in das kleine Zimmer führte, hastig aufgerissen. Eine ältere Frau sah sich suchend um und stürzte dann auf die Kleine zu. »Da bist du schon wieder hier oben, Kind. Du solltest ja gar nicht mehr hinauf. Und nun sitzest du hier und weinst wieder. Trockne schnell deine Tränen. Der Onkel, der dich mitnehmen will, ist eben angekommen, er will dich sehen.« Dabei faßte sie das Kind an der Hand und zog es hinter sich her, nicht durch das große Zimmer, sondern durch die Tür, durch die sie gekommen, über den großen Vorraum, der zur Treppe führte.

»O mein Vögelchen«, rief plötzlich die Kleine, machte sich los und eilte einem Tischchen zu, wo im Halbdunkel ein kleiner Kanarienvogel in einem hübschen Drahtkäfig leise zirpte. »Mein armes Vögelchen, es hat heute noch nichts bekommen –«

»Ich hab's gefüttert«, beruhigte die Frau. »Ich nehme es hernach in meine Stube, komm jetzt, Kind, den Onkel dürfen wir nicht warten lassen.«

Frieda warf noch einen letzten Blick auf ihr Eigentum, dann folgte sie der Hauswirtin nach unten.

In der unteren Stube schritt ein langer, hagerer Herr auf und ab. Als die Tür sich öffnete, drehte er sich um und sagte, während er Frieda die Hand reichte: »Dies also ist die Kleine. Wie heißt du, mein Kind?«

»Frieda Senker.« Leise und schüchtern kam es von ihren Lippen. »Deine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tode geschrieben. Ich bin ein entfernter Vetter, nähere Verwandte hat sie nicht. Sie hat mich gebeten, mich deiner anzunehmen. Du wirst, wenn die Sachen hier geordnet sind, mich begleiten und künftig bei uns wohnen. Ist alles zur Versteigerung bereit, Frau Nekel?«

»Alles, Herr. Sie ist für morgen früh angesetzt. Mein Mann und ich haben ordentlich geschuftet, bis alles soweit war. Der Herr schrieb, er habe nur wenig Zeit und könne sich nicht lange aufhalten –«

»Nein, ich habe sehr wenig Zeit. Die ganze Sache kommt mir recht ungelegen.«

Wieder ging er im Zimmer auf und ab. Die Wirtin entfernte sich, und Frieda, die etwas Scheu empfand vor dem fremden, wie es schien, etwas gestrengen Onkel, trat ans Fenster und sah dem Treiben auf der Gasse zu.

»Mein Kind, ich gehe jetzt in mein Gasthaus«, sagte auf einmal der Onkel neben ihr, »wo bleibst du?«

»Ich bin seit meiner Mutter Tod bei Frau Nekel, sie holte mich gleich herunter, als – mein Mütterchen starb –«

»Hübsch von der Frau«, unterbrach sie der Onkel. »Ob wir ihr etwas dafür bezahlen müssen?«

»Ich weiß es nicht«, war Friedas Antwort.

»Morgen werden wir wohl noch hierbleiben, aber übermorgen spätestens, denke ich, reisen wir.« Mit diesen Worten verabschiedete sich der neue Onkel und ließ die kleine Waise allein.

»Hier ist dein Vogel, Kleine«, sagte Frau Nekel und setzte das Vogelbauer auf den Tisch. »Wir wollen ihn unten behalten, sonst wird er morgen am Ende mitverkauft –«

Frieda ging auf den Tisch zu, steckte den Finger in den Käfig und rief: »Lieber kleiner Hansi, ich habe in diesen traurigen Tagen gar nicht an dich gedacht.« Zutraulich kam das Tierchen näher und pickte an dem Finger seiner Herrin. »Frau Nekel«, fing diese nach einer Weile an, »Sie sagten, der Vogel würde, wenn er oben bleiben würde, vielleicht mit verkauft; werden denn Mütterchens Sachen alle verkauft?«

»Ja doch, ja, Herzenskind. Es muß Geld herauskommen, ohne Geld will der Onkel dich nicht mitnehmen, und – es ist sonst sehr wenig da –«

»Mutter hat immer noch viel für Geld gearbeitet, das kann ich noch nicht. Ich kann weder sticken noch Wäsche auf der Maschine nähen, aber ich werde es lernen, werde noch viel lernen, dann kann ich mir auch Geld verdienen. Der Onkel, der mich mitnehmen will, ist wohl arm?«

»Ich weiß es nicht, Herzchen, weiß es nicht«, sagte Frau Nekel und streichelte der Kleinen die Wangen.

»Muß ich Ihnen auch Geld geben dafür, daß Sie mich seit meiner Mutter Tod hier behalten haben?«

»Behüte, Kind, nicht einen Pfennig sollst du mir geben. Wo bliebe da die christliche Barmherzigkeit, wenn man seinem Nächsten nicht in der Not hilft. Deine liebe Mutter ist stets freundlich und gut gegen mich gewesen, hat immer pünktlich ihre Miete bezahlt, hat mir oft etwas auf ihrer Maschine genäht, und als sie dann zum Sterben krank lag, hat sie mir die Hand hingestreckt und gesagt: ›Nehmen Sie sich meiner Frieda an, bis er kommt und sie holt‹.«

»Bis der Vetter kommt und sie holt, behalte ich das Kind, hab' ich ihr in die Hand versprochen, und was man einer Sterbenden verspricht, das muß man halten.«

»Werden denn die Sachen, die bei uns in der Stube alle so hübsch nebeneinander standen – werden sie alle auseinandergerissen?«

»Einer kauft dies, der andere das, je nachdem. Aber den Vogel nimmst du mit, dafür will ich schon sorgen. Wir knüpfen ein Tuch um das Bauer, dann ist's Vögelchen ganz still, unterwegs merkt keiner etwas von ihm.«

»Aber meine Kleider werden doch nicht verkauft?«

»Nein, mein Kind. Komm jetzt mit mir, wir wollen deinen Koffer packen und das Bett verschnüren. Dein Bett, das in der Kammer steht, geht mit. Das hat der Onkel so befohlen.«

Frieda begleitete Frau Nekel die Treppe hinauf. Sie sprach fast gar nicht, ihr Köpfchen hatte zu viel zu denken. Vor vierzehn Tagen war es noch so schön auf der Welt gewesen, da hatte Mutterliebe sie umfangen und alles Trübe von ihr ferngehalten. Dann auf einmal waren dunkle Wolken heraufgezogen, schwere Trübsal war über sie hereingebrochen, die Mutter war tot, das Heim, das trauliche, gemütliche Heim sah wie eine Wüste aus; fremde Menschen hatten diesen Nachmittag oben gehaust, hatten ihre Sachen befühlt und betastet, als ob sie gar kein Recht mehr daran hätte, und was würde nun mit ihr? Einem fremden Onkel sollte sie folgen in die unbekannte Welt und ihr Mütterchen verlassen, die draußen auf dem Gottesacker unter dem grauen Hügel schlief.

Als sie mit Packen fertig waren, nahm sie still die Suppe, die Frau Nekel brachte, und legte sich dann ins Bett. Denn sie hatte in diesen Tagen viel geweint und bedurfte dringend des Schlafes.

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