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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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8

Ellen verlor bald die Lust, wie zu erwarten war.

Nachdem sie die Lichter in den vielarmigen Silberleuchtern auf dem Sekretär entzündet hatten, damit das Innere der Fächer beleuchtet wurde – als der erste Haufe angegilbter Papiere aus Kruses Assessortagen geöffnet und seinen Inhalt von mehr oder weniger interessantem Stoff, Referate über Sitzungen, Geschäftsbriefe und dergleichen offenbart hatte –, da begann Ellen sich bereits zu langweilen.

Sie zählte die Haufen in den Schränken, und da Svend nicht darauf eingehen wollte, die Reihenfolge zu unterbrechen, um solche zu suchen, die interessanter aussahen – hauptsächlich die, in denen Ellen Briefe von ihrer Mutter vermutete –, so erklärte sie, daß er sie rufen solle, wenn er etwas Spannendes fände, und setzte sich bequem ins Sofa, um das Feuilleton zu lesen.

Da aber Svend, der in seine Arbeit vertieft war, nur kurze Antworten gab, wenn sie ihn unterbrach, und nachdem sie schließlich auch noch alle Annoncen in der Leitung gelesen hatte, sagte sie mürrisch gute Nacht und ging zu Bett.

 

Es wurde weit über Mitternacht, bevor Svend zu Kruses Tagen als Departementschef kam.

Er fand keine Veranlassung, etwas aus den früheren Haufen für den Nachlaß auszuscheiden.

Es waren viele interessante Schreiben darunter, Briefe von Leuten, die später berühmt geworden waren – Entwürfe zu Zeitungsartikeln, wirtschaftliche und politische – und vieles mehr. Aber es war unmöglich, alles durchzulesen. Svend numerierte die Haufen und notierte das, worauf er später zurückkommen wollte, wenn er erst das Ganze durchgesehen hatte.

In dem Haufen aus den ersten Departementscheftagen tauchten Tithoffs und Weltens Namen zum erstenmal auf, wogegen Didrichsens Name ganz bis in die Assessortage verfolgt werden konnte.

Der erste Brief von Welten war überschrieben:

»Hochwohlgeboren Herrn Departementschef Kruse.«

Es war eine Mitteilung von Welten in seiner Eigenschaft als Bankier, daß er für Kruses Rechnung eine Partie Aktien in dem Stein- und Kalkwerk zu 88 gekauft und sie später zu 97 verkauft habe. Die Kursdifferenz stehe Kruse in Weltens Kontor zur Verfügung.

Daher stammte also Kruses Bekanntschaft mit Welten. Er war Kruses Bankier gewesen.

Sein Schwiegervater hatte ihm mal erzählt, daß er ganz mittellos begonnen und sich langsam zu Wohlstand hinaufgearbeitet habe.

Diese Papiere, die die Vermögensangelegenheiten seines Schwiegervaters berührten, interessierten Svend darum besonders. Er meinte etwas aus diesem langsamen Emporsteigen lernen zu können.

In den früheren Papieren war von Honorar für Extraarbeiten im Ministerium und ähnlichen Einnahmequellen die Rede gewesen. Außerdem war daraus hervorgegangen, daß Kruse als Sammler kostbare Möbel auf Auktionen gekauft und sie später unter der Hand mit großem Vorteil wieder verkauft hatte; die Kontokorrentbücher aus jener Zeit aber konnte Svend nirgends finden.

So weit hatte Kruse es also durch verständige Ökonomie bereits in seinen ersten Departementstagen, zweiundvierzig Jahre alt, gebracht, daß er Aktien für einen Betrag von 8800 Kronen kaufen konnte. Welten hatte sie für 9700 Kronen verkauft, also hatte er in weniger als zwei Monaten 900 Kronen verdient.

Es interessierte Svend außerordentlich zu sehen, welche feine Nase Kruse bereits damals gehabt hatte.

Er suchte weiter und freute sich an jedem Papier, das Weltens feine, spitze Handschrift trug.

Es war überraschend, wie Kruse das Geschäftliche leitete. Wieder und wieder kaufte er Aktien und Obligationen, und immer mit Gewinn. Nicht eine einzige von Weltens Abrechnungen enthielt einen Kursverlust.

Es war amüsant, die Entwicklung von Kruses und Weltens Privatverhältnis bei dieser glückbegünstigten Geschäftsverbindung zu verfolgen.

»Hochwohlgeboren« fiel fort. Statt dessen stand: »Hochverehrter Herr Departementschef«. Dann kam »Lieber Herr Departementschef«. In den letzten Briefen hieß es schlecht und recht: »Lieber Kruse«.

Diese langjährige Geschäftsverbindung zwischen Kruse und seinem Bankier also war es, die die Zeitung in den Schmutz gezogen und als eine unwürdige, fast kriminelle ökonomische Abhängigkeit verdächtigt hatte.

Eher hatte man Welten von Kruse abhängig nennen können. Denn die Stadt war doch voll von Bankiers, und Kruses feine Nase kam doch auch Welten zugute, denn er berechnete sich wohl eine Provision wie alle anderen.

Ja, ja, aus diesem Nachlaß konnte man viel lernen.

Amüsant war es auch, wie dieser feine Spürsinn, der in Verbindung mit natürlichem Takt Kruses vornehmste Eigenschaft gewesen sein mochte, von denen gewürdigt wurde, die ihn kennen lernten.

Da waren vertrauliche Briefe von Ministern, die ihn in besonderen Angelegenheiten um Rat fragten. Zum Beispiel von Tithoff. Svend konnte chronologisch verfolgen, wie die Orden durch Kruses Verdienst reif wurden und von selbst auf seine Brust fielen.

Und seine Ämter –

Es war ja selbstverständlich, daß Welten sich eine so außergewöhnliche Kraft sicherte. Er hatte nicht umsonst den Ruf, daß er stets den richtigen Mann für den richtigen Posten zu finden wisse.

Da war der Brief, in dem Welten Kruse aufforderte, in die Bankverwaltung einzutreten. Eine bedeutende Tantieme war damit verbunden.

Dann kam in einem Päckchen für sich die Korrespondenz betreffs der Stein- und Kalkwerke, bei denen Kruse ja später Aufsichtsbeamter der Regierung geworden war.

Einer der ersten Briefe, der Svend in die Hand fiel, handelte von der Konzession für den Hafen, der in der Nähe des Steinbruches angelegt werden sollte.

Welten bat Kruse, daß er seinen Einfluß geltend machen möge. Kruse schien dies abgeschlagen zu haben, denn in dem nächsten Brief versuchte Welten ihn zu überreden und fügte hinzu, daß er für Kruses Rechnung Aktien der Stein- und Kalkwerke gekauft habe, da vorauszusehen sei, daß sie nach Erlangung der Konzession stark steigen würden. Für 50 000 Kronen!

Svend begriff nicht recht – wie konnte er ohne Kruses Auftrag für 50 000 Kronen Aktien kaufen?

Ah, hier war die Erklärung:

»Sie stehen vorläufig für meine eigene Rechnung«, stand weiter unten.

Ja, aber – Svend wurde wieder nachdenklich.

Vorläufig? was sollte das heißen?

Bis wann? – und weshalb bot er sie Kruse überhaupt an, wenn sie so vorteilhaft waren? – Ohne Auftrag! – Weshalb behielt er sie da nicht selbst? – 50 000 Kronen! – wie war es möglich, daß Kruse so viel verfügbares Kapital hatte, daß Welten daran denken konnte –?«

Svend griff sich an die Stirn, sein Kopf glühte, und seine Hände waren kalt von dem beschwerlichen Handschriftenlesen. Er stand auf und löschte die Gaskrone, holte die Lampe aus dem Bibliothekzimmer und blies die herabgebrannten Lichter aus.

Er tat alles ganz mechanisch. Seine Gedanken umkreisten beständig die große Summe, die Welten für Kruse gezeichnet hatte – heimlich, ohne Auftrag.

Von der erstaunlichen Geschäftstüchtigkeit geblendet, die Kruse in so wenigen Jahren ein verfügbares Kapital von 50 000 Kronen verschafft hatte, stürzte er sich mit erneutem Eifer über die Papiere.

Wieder ein Brief von Welten. Er dankte Kruse, daß er seinen Einfluß zugunsten der Konzession geltend gemacht habe. Dann stand da etwas von einem Widerstand im letzten Augenblick von seiten des Ministers, mit dem er aber bald fertig geworden sei.

Wieder lehnte Svend sich zurück und grübelte.

Kruses Einfluß bei der Regierung also war es, der die Konzession verschafft hatte – und diese Konzession war es, die die Aktien so gewaltig zum Steigen bringen würde.

Kruse aber war selbst Aktionär – heimlicher Aktionär.

Svend erhob sich, von einem plötzlichen, scharfen und unbarmherzigen Licht geblendet. Etwas wälzte auf ihn ein, obgleich er sich unwillkürlich dagegen wehrte – etwas, dem er auf den Grund gehen mußte.

Er beugte sich über die Papiere.

Da kam ein Brief von Welten, in dem er Kruse einen alten Bauernhof bei den Kalkwerken anbot – großer alter Garten, der sich bis zum Strand erstreckte – 75 Tonnen Land, die in wenigen Jahren Bauplätze für eine Stadt werden würden, die notwendig um den Hafen emporblühen müßte und nirgends anders liegen konnte.

Er hätte ihn an der Hand. Kruse solle ihn sehr billig bekommen. »Eine ausgezeichnete Sommerresidenz für den Aufsichtsbeamten der Regierung« stand da.

Im selben Augenblick, als Svend begriff, daß es sich hier um »Wildpark« handelte, erinnerte er sich der boshaften Bemerkung der Zeitung über Weltens Hypothek.

Er untersuchte fieberhaft die Daten der Briefe und machte eine Entdeckung, die seine Hände zum Zittern brachte.

Dieser Brief, der von dem Kauf von Wildpark handelte, war vor der Konzession geschrieben – der Konzession, die Kruse Welten verschafft hatte.

Svend bekam Herzklopfen. Ein Gefühl des Grauens kroch ihm durch den Körper.

Hier saß er mitten in der Nacht und durchstöberte die geheimsten Papiere eines Toten – seines Schwiegervaters; warf Streiflichter über das Verborgene einer Menschenseele, der er so nah gestanden und zu der er aufgesehen hatte.

Einen Augenblick dachte er daran, das Ganze aufzugeben; aber die angstvolle Ahnung, die bereits mehr war als ein Verdacht, zwang ihn gegen seinen Willen vorwärts.

Die Hypothek – die Abhängigkeit – alles das, was Kruse so gründlich dementiert hatte – er mußte jetzt Klarheit haben.

Er konnte den Gedanken an Kruses plötzliche Krankheit nicht loswerden.

Stand der infame Artikel wirklich damit in Verbindung?

Er versuchte die Sache von neuem ruhig zu durchdenken, wie sie sich ihm durch diese alten, vergilbten Papiere offenbarte.

Eins war unverkennbar: bevor die Konzession gegeben worden war, war Kruse Besitzer von Wildpark und Aktionär geworden, heimlicher Aktionär. Kruses eigene Interessen waren also im höchsten Grade mit diesem Hafen verbunden, den er durch seinen Einfluß Weltens Kalkwerk verschafft, nachdem er zuerst abgeschlagen hatte, dafür zu wirken.

Nein, nein – es war ja nicht möglich –, es mußte sich eine Lösung finden, eine ehrenhafte Erklärung.

Da war zum Beispiel die Hypothek, von der die Zeitung geschrieben hatte – davon hatte doch nirgends etwas gestanden.

Es mußte aus dem Grundbuch des Bezirks ersichtlich sein, wer die Hypothek hatte – denn der Hof war natürlich belastet. Wahrscheinlich hatte der frühere Besitzer, der Bauer, der das Gut verkauft hatte, diese Hypothek. Denn wer konnte ein Besitztum wie Wildpark schuldenfrei kaufen gegen volle Barzahlung? Kruses Vermögen war ja in Aktien und Wertpapieren angelegt. Außerdem – stand da nicht ausdrücklich »eine geringe Anzahlung«? Ja – da stand es, in dem ersten Brief.

Svend blätterte nervös weiter in den Briefen und suchte das Wort: Hypothek.

Er fand es.

»Die Zinsen der Hypothek stehen auf unserer alten Rechnung gebucht!« stand am Schluß eines Briefes, dem eine Jahresabrechnung beigegeben war.

Also doch!

Aber es war doch immerhin möglich, daß von einem anderen Besitztum die Rede sein konnte. Er wollte Gewißheit haben, koste es, was es wolle.

Er ging zum Schrank und suchte. Es mußte doch irgendwo ein Hauptbuch – ein Kontokorrent sein.

Im Schrank fand er keins.

Dann zog er die Schubladen des Schreibtisches auf und fand schließlich, was er suchte.

Da war ein Zwischending zwischen einem Journal- und einem Kontokorrent für das laufende Jahr.

Svend suchte nach dem letzten Fälligkeitstage der Hypothekenzinsen und fand unterm 18. Juni:

»Löste heute die erste Hypothek in Höhe von 75 000 Kronen bei Welten ein und besitze jetzt Wildpark schuldenfrei.«

75 000 Kronen! Woher stammte diese große Summe?

Sämtliche gebuchten Aktien und Obligationen, die Kruse in einem von Weltens Schrankfächern hinterließ, waren doch unberührt, wie aus den am Zinstermin erhobenen Kuponbeträgen hervorging.

Svend ließ den Rest des Haufens liegen und ging fieberhaft an die Korrespondenz des letzten Jahres. Sie lag chronologisch geordnet in der obersten Schreibtischschublade.

Ihm war, als habe er Fieber. Mit zitternden Händen suchte er, ohne sich eingestehen zu wollen, daß es das eine Wort »Staatsanleihe« war, das jetzt alle seine Gedanken in Anspruch nahm.

Lange suchte er vergebens. Da fand er schließlich einen Brief von Welten, vom 3. Juni. Darin stand:

»Ich habe heute mit Tithoff über die Staatsanleihe gesprochen und möchte jetzt gern eine Unterredung mit Ihnen in derselben Angelegenheit haben.«

Über das, was in dieser Unterredung verhandelt worden war, lag nichts Schriftliches vor.

In dem Tagebuch aber fand er unter dem 7. Juni:

»Hatte heute eine entscheidende Unterredung mit Welten.«

Und dann am 18. Juni die Einlösung der 75 000 Kronen.

An Brynchs Jubiläumstag im September war dann die Staatsanleihe im Regierungsblatt veröffentlicht worden.

Tags darauf verdächtigte die Zeitung Kruse, daß er von Welten bestochen sei. Und Kruse erklärte, daß er ein freier und unabhängiger Mann sei.

Ja – das war wahr. Als das Dementi kam, hatte Welten keine Hypothek mehr in Wildpark.

Da besaß Kruse es »schuldenfrei«. Aber um welchen Preis?

Svend wurde es eiskalt an Händen und Füßen, während ihn ein Gefühl tiefen Ekels durchschauderte.

Gleich darauf wurde ihm so brennend heiß, daß er aufsprang und ein Fenster zu dem dunklen Kanal hinaus öffnete.

Ein kalter Windzug kam herein, so daß die Lampe auf dem Schreibtisch aufflackerte. Er mußte es wieder schließen.

Dann ging er im Zimmer hin und her und versuchte das, was er erfahren hatte, zu sammeln.

Das Wort »schuldenfrei« hatte sich in ihm eingegraben und wollte ihn nicht wieder freigeben. Er wiederholte es unablässig im stillen, während Erinnerungen an Kruse und an Dinge, die dieser gesagt hatte, in ihm auftauchten und ihn zu rechtfertigen versuchte». Erinnerte sich an dieses und jenes. – Sprach so ein Schwindler, – ein bestochener Beamter?

Er dachte an Ellen, an seine kleinen Knaben; und wieder durchfuhr ihn ein Schauder. Er wagte es nicht, mit all dem, was auf ihn einstürmte, allein zu sein. Und noch weniger wagte er zu ihr, die ahnungslos schlief, hineinzugehen.

Er blieb stehen und griff sich an den Kopf.

Wie sollte er ihr das Schreckliche sagen? Ihr sagen, daß ihr Vater sein Vermögen durch Bestechungen verdient, von den ersten Tagen seines Wirkens als Departementschef an, als Welten ihn zum erstenmal gekauft hatte.

Das scharfe Licht, das jetzt über den ganzen Zusammenhang gefallen war, über die glänzenden Bankiergeschäfte, bewies, daß Kruse nie Kapital, sondern nur Einfluß gehabt hatte.

Und diesen Einfluß hatte er verkauft.

Die Kursunterschiede waren eine regelrechte Bestechung, wenn sie auch nicht von dem Strafgesetz betroffen werden konnten. Denn wer wollte beweisen, daß Welten nicht wirklich in Kruses Auftrag gekauft, daß Kruse nicht die feine Nase gehabt hatte?

Ach, er wollte das Ganze für sich behalten. Niemand brauchte die Schande kennen zu lernen. Ellen sollte nichts davon ahnen.

Er wollte Stillschweigen bewahren, und wenn der Nachlaß geordnet war, wollte er diese gefährlichen Papiere verbrennen.

Hatte Didrichsen – hatte Tithoff eine Ahnung?

Beide hatten auf die hinterlassenen Papiere angespielt. Tithoff hatte ihn sogar aufgefordert, daß er zu ihm kommen möge, wenn er eine Erklärung nötig habe.

Nein, nein! – Er hatte kein Recht, so etwas zu glauben.

Er wollte nicht zu Tithoff gehen, nichts verraten. Kruses Schande sollte mit ihm ins Grab sinken – und mit Welten, dem einzigen, der davon wußte.

Kruse hatte sich seinen Tod nicht so nah gedacht, sonst wäre diese Korrespondenz jetzt sicher verbrannt, oder wenigstens gereinigt gewesen.

Svend wünschte, daß es geschehen sei. Dann wäre nicht dieses furchtbare Geheimnis zwischen ihm und dem Toten gewesen, ein Geheimnis, das er sein ganzes Leben lang vor Ellen verbergen mußte.

Svend rang nach Atem und griff vor sich durch die Luft – so plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke:

Es konnte ja nicht verborgen bleiben!

Er versuchte seine Nerven zur Ruhe zu zwingen.

Ruhig denken! – Ruhig! – Also wie lag die Sache?

Er stand eine Weile und grübelte mit gesenktem Kopf. Aber er fand keine Lösung –

O Gott – o Gott – es konnte ja nicht verborgen bleiben!

Wie sollte er vor Ellen und der Welt verbergen, daß sie plötzlich arm geworden waren? Denn das Vermögen, das durch Unehrlichkeit erworben war, das konnten sie nicht annehmen.

Er versuchte sich einen Ausweg zu verschaffen. Was konnten er und Ellen dafür – es war ja der reine Zufall, daß er entdeckt hatte – wenn er die Briefschaften nicht durchgesehen hätte, dann würde er jetzt ja mit Recht reich sein. Nein, das konnte niemand verlangen, daß er Verzicht leistete!

Es gelang ihm nicht, um die Sache herum zu kommen.

Jetzt weißt du es aber – und jetzt kannst du die Erbschaft nicht antreten! protestierte etwas in ihm.

Selbst wenn du es wolltest, so könntest du es nicht vergessen. An diesem Geld klebt ein Fluch! Du kannst deine und Ellens und deiner Söhne Zukunft nicht auf unehrliches Geld aufbauen. Du kannst es nicht, selbst wenn du es wolltest.

Es war, als starre er nach allen Seiten in ein unendliches trostloses Dunkel.

Sollte er seines Schwiegervaters Schande offenbaren? Wem sollte er sie bekennen? – An wen zurückzahlen?

Er blieb stehen, während er einen neuen Gedanken verfolgte.

Weshalb sollte Kruse der einzige sein –?

Welten, der ihn gekauft hatte –?

Und Tithoff – der doch als Minister der Staatsanleihe die letzte Verantwortung trug – waren seine Hände reiner als Kruses?

Hatte Welten sie alle gekauft – alle, die etwas bedeuteten? – Wurde er deshalb der Allmächtige genannt?

Svend griff vor sich durch die Luft. Alles das, wozu er von Kindesbeinen an aufgesehen hatte, – in Onkel Kaspers Land – in seines Großvaters Land – in seines Vaters Land, begann um ihn her zusammenzustürzen.

Nein – nein – das war ja nicht möglich.

Er wollte nicht weiter denken. Wollte sich nicht über den Abgrund beugen und sich die Augen nach festem Boden aus dem Kopfe starren.

War es denn so schwer für jemanden, der etwas erreichen wollte, ein ehrlicher Mann zu bleiben? Es war, als ob der Stahl plötzlich in ihm gebrochen sei.

Er sank auf einen Stuhl und versuchte in seine Zukunft zu blicken. Wofür sollte man kämpfen, wenn Ehrlichkeit der Preis war?

Die politische Tätigkeit, von der er geträumt und für die er gearbeitet hatte, verlor ihren Wert –

Er begriff jetzt – oh, er begriff es nur zu gut, weshalb Onkel Kasper sich von allen Vertrauensstellungen zurückgezogen hatte.

Er erinnerte sich der schweigenden Bitterkeit seines Vaters, gedachte seines schwierigen Lebensweges – wie langsam er vorwärts gekommen war – wie wenig er erreicht hatte:

Weil er ein ehrlicher, ein anständiger Mann geblieben war, der nicht verkaufen wollte, was niemand offen zu kaufen wagte.

Wenn es wirklich so war!

Er blieb eine Weile mit den Händen im Schoß sitzen und starrte trostlos vor sich hin.

Das Schlimmste war, daß er die Lust zu seiner Arbeit verloren hatte – gerade jetzt, wo er nur noch seine Arbeit hatte – wie alle mittellosen Leute.

Dabei mußte er wieder an Ellen denken. Wie sollte sie sich ohne Vermögen einrichten? Wenn sie von seinem Verdienst leben sollten, mußte ihre Lebensführung auf einem ganz anderen Fuß eingerichtet werden.

Aber das Vermögen – diese Frage war ja noch nicht gelöst. Wie sollte er das Erbe ablehnen, ohne die Schande der Familie zu offenbaren?

Wohltätigkeit? – Legate?

Ja – das war ein Ausweg.

Vor den Augen der Welt aus der Notwendigkeit ein Prinzip machen: es sei gegen seine Überzeugung, von einer Erbschaft zu leben; er erkenne nur seine Arbeit als Einnahmequelle an; so sei es am besten für ihn und seine Kinder!

Er lächelte bitter vor sich hin:

Das also würde die Frucht von Kruses Erbschaft sein, daß er mit einer Hehlerei, einer Lüge beginnen, sich in dem allgemeinen Urteil zum Sozialisten machen würde, um Kruse zu decken. Er wußte nur zu genau, wie diese Auffassung in seinem Kreise ausgelegt werden würde. Die meisten würden über »den unverbesserlichen Idealisten« den Kopf schütteln. Einige wenige würden ihn zum Helden und Märtyrer seiner Überzeugung stempeln.

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