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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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5

Es wurde wieder ein Sohn; größer und gewichtiger als der erste, aber weniger sanft von Charakter. Die Sache verlief ebenso leicht und normal wie das erstemal. Sie waren beide entzückt von Nummer zwei, außer wenn er des Nachts schrie; und ihr Verhältnis, das während des vergangenen Jahres durch Svends Arbeitseifer bedeutend abgekühlt war, wurde jetzt fast ebensogut wie während ihrer Brautzeit.

Als Svend sich aber wieder mehr seiner Arbeit zuwandte, lebten sie von neuem nebeneinander, anstatt miteinander.

Zu Anfang des neuen Jahres gab es wieder ein Taufdiner. Und wieder betrachtete Svend mit steigender Besorgnis die Rechnungen, die sich auf seinem Schreibtisch häuften.

Kruse kam auch diesmal unerwartet zum Mittagessen. Beim Kaffee fiel sein Blick auf die Rechnungen.

»Wie geht es mit der Ökonomie?« fragte er.

»Es geht,« antwortete Svend und wurde rot.

»Ja, siehst du, den neuen kleinen Mann« – er war nach Svends Vater Jörgen genannt worden – »den nehme ich auf mich.«

»Ich danke für deine gute Absicht, Papa, aber ich kann mich nicht dareinfinden, daß du meine Versorgerpflichten übernimmst.«

»Papperlapapp!« sagte Kruse in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Dann saß er eine Weile und starrte vor sich hin, während sein Mund schlaff wurde und einfiel.

»Bald werdet ihr ja doch das Ganze bekommen, Ellen und du,« fügte er hinzu.

Svend wurde gerührt; »Nun sage ich ebenso wie du, Papa, papperlapapp.«

»Ja, ja,« Kruse strich sich mit der Hand über seine blanke Stirn und glättete die buschigen Augenbrauen, »ich danke dir für deine gute Absicht. Aber das weiß ich besser als du, mein Freund.«

 

Beim Schluß des Reichstages wurde die Birne in einem Reichstagsbeschluß eingetauscht, und der Apfel – das nagelneue Finanzgesetz – lag blitzblank auf dem Tisch und konnte der ganzen Bevölkerung gezeigt werden.

Aber die große Umwälzung, die man im Ministerium erwartet hatte – wo nur die Ältesten sich erinnerten, daß ein ganzes Ministerium auf einmal abgedankt hatte –, blieb vollständig aus, und alles schien wie zu Abrahams Zeiten zu bleiben.

Es wurde wieder Frühjahr. Die höchsten Herrschaften eröffneten wie im Vorjahre die Kunstausstellung, die Bäume sprangen aus, die Schollen wurden schmackhaft und die Theater schlossen.

Ja, es wurde sogar St. Johannisnacht, ohne daß in Brynchs Departement eine Veränderung geschah.

Brynch vertiefte sich mehr und mehr in alte Erinnerungen. Wo er auch anfing, er endigte immer mit »in meiner Jugend –« Und es war nicht so merkwürdig, daß er sich in Erinnerungen verlor, denn er sollte Ende September sein fünfzigjähriges Jubiläum im Dienste des Staates begehen.

Der Sekretär des Ministers hatte ihn mehrmals wegen der bevorstehenden Auszeichnung vorgehabt – er hatte die Wahl zwischen dem Kommandeurkreuz und dem Konferenzrattitel. Aber jede Andeutung auf die schwere Bürde des Alters, auf eine ehrenvolle Abdankung zugunsten jüngerer Kräfte und dergleichen, prallte völlig an Brynchs dicker Haut ab. Er fand sich selbst ganz jugendfrisch und interessierte sich im übrigen nur für die Auszeichnung. Die Wahl war schwer. Wahrscheinlich würde er sich für den Titel entscheiden. Denn davon würde auch seine Frau – Frau Konferenzrat – Vergnügen haben, während er den Orden doch nur allein tragen konnte.

Das Departement hatte beschlossen, daß es seinen alten Chef mit einem Diner feiern wollte. Da das Wetter ungewöhnlich milde und sommerlich war, hatte man das Badehotel Skodsborg gewählt.

Beim Kaffee, der auf der überdeckten Veranda eingenommen wurde, kam Jersey auf v. Falk zu, der an einem der kleinen Tische mit Juhl und Svend zusammensaß.

»Ich höre, daß die Herren von der Staatsanleihe sprechen. Wissen Sie, wann sie offiziell wird, Herr Byge?«

»Woher soll ich es wissen?« fragte Svend erstaunt.

»Ich dachte, daß Ihr Schwiegervater vielleicht davon gesprochen hätte – sein Departement hat ja damit zu tun.«

»Er hat kein Wort davon erwähnt!« sagte Svend. Das also war es gewesen, was Kruse in der letzten Zeit so beschäftigt hatte. Im selben Augenblick hörte man Brynchs kreischende Stimme vom Nebentisch:

»Ich sage, das ist ein guter Anfang, sage ich, wenn ich an all das denke, was in den vielen Jahren versäumt worden ist. Das neue Ministerium beginnt gottlob damit, daß es uns Gelder für Bahnbau und Hafen- und Fischereiwesen bewilligt, um die wir all die Jahre eingekommen und mit denen wir Mal für Mal abgewiesen worden sind. Ich kann Ihnen sagen, meine Herren« – Brynch atmete geräuschvoll und schob die Hand in die Weste– »es hat mir manches Mal leid getan, daß man wegen dieser elenden Politik nichts für die Bevölkerung tun konnte. Wenn wir auch keinen besseren Mann haben konnten als unseren alten, ehemaligen Minister, so sage ich dennoch: Gelobt sei der Vergleich!«

»Ich habe gehört,« fuhr Jersey zu v. Falk gewendet fort, »daß Welten die Emission übertragen worden ist.«

Er betrachtete v. Falk forschend, dieser aber verzog keine Miene.

»Schon möglich,« sagte er, »der Finanzminister ist ja ein alter Freund von Geheimrat Welten.«

»Und zu welchem Kurs?« fragte Juhl.

Falk zuckte die Achseln, und Jersey kaute auf seiner Zigarre, ohne zu antworten; er wollte nicht zugestehen, daß er nichts wußte.

»Da sind ja die Abendzeitungen!« sagte Svend und winkte dem Oberkellner, der mit den Zeitungen in der Hand vorbeiging. Jersey entfaltete das Regierungsorgan und überflog die Spalten. Plötzlich hielt er interessiert inne.

»Etwas Neues?« fragte v. Falk.

»Wenn man vom Teufel spricht – –« Jersey setzte sich, um in Ruhe zu lesen – »hier haben wir die ganze Gesetzesvorlage.«

Juhl rückte näher heran und guckte ihm über die Schulter.

»– Dreiprozentige Staatsanleihe – der Finanzminister zur Emission ermächtigt – für Bahnbau und andere öffentliche Arbeiten – ein Emissionskurs von 93.«

Jersey ließ die Zeitung sinken und dachte nach, während er zu v. Falk hinübersah.

»93 –?« wiederholte er – »das ist niedrig.«

»93,« sagte Juhl und betrachtete Jersey forschend – »und wer soll emittieren?«

Jersey las weiter:

»Die vereinigten Privatbanken!« sagte er.

»Also Welten!« bemerkte v. Falk trocken und blies den Rauch seiner Zigarre in einer langen Wolke von sich.

Ein Kollege von Jersey, Chef eines anderen Kontors, wandte sich hastig um, lehnte sich über den Stuhlrücken und blickte in die Zeitung.

»Das ist nicht möglich!« sagte er.

»Alles ist möglich!« bemerkte v. Falk ruhig.

»Aber die Nationalbank ist doch da –« wandte Svend ein.

»Aber Welten ist auch da!« sagte v. Falk in demselben Ton und sah mit dem bedeutungsvollen Blick, der Jersey immer unsicher machte, von einem zum anderen.

»Welten, meine Herren!«

»Er hat doch das alte Ministerium gestützt!«

»Welten stützt alle, die er brauchen kann.«

Es kam ein kühler Luftzug vom Sund her, der in undurchdringlicher Dunkelheit unter einem sternenbesäten Himmel dalag. Es war eigentlich viel zu spät im Jahr, um draußen zu sitzen.

Man fing an, sich Bewegung zu machen. Nur die älteren Herren, die Überzieher anhatten, blieben bei Likör und Zigarren sitzen.

Brynch hatte die Abendzeitung bekommen und las v. Galten daraus vor, der sich wie ein Schatten an ihn heftete.

»Jetzt fangen sie wieder mit ihrer Panama-Affäre an!« sagte Brynch und schüttelte bekümmert den Kopf. »Es ist doch zu toll, daß sie mit diesen Schurkenstreichen nicht fertig werden können.«

Die anderen blieben stehen und hörten zu. Brynch las Telegrammauszüge aus französischen Zeitungen vor.

Neue Minister kompromittiert. Neue Enthüllungen von alten Bestechungen. Neue Appelle an das Urteil des Volkes. Neue Pariser Schreie über die großen Schurken, die man laufen ließ, und die kleinen, die gehenkt wurden. »Die Panamasache ist eine Drachensaat. Für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, wachsen zehn neue hervor.« »Gott sei Dank!« Brynch lehnte sich atemlos nach dem Vorlesen in den Stuhl zurück, »ich sage Gott sei Dank, daß wir in unserem lieben kleinen Vaterland leben. Wenn wir uns auch zanken und streiten und vermodern und versumpfen, derartige Schurkenstreiche kennen wir doch hierzulande nicht.«

»Es lebe die dänische Ehrenhaftigkeit – und unser unbestechlicher Beamtenstand!« sagte v. Falk, der im selben Augenblick vorbeiging, mit feierlichem Ernst.

Jersey wandte hastig sein scharfes Profil zu ihm um und versuchte in seinem Gesicht zu lesen.

Als Svend und v. Falk nach Hause fuhren – Jersey und Juhl saßen auf der anderen Seite des Landauers –, wandte v. Falk sich mit seinem liebenswürdigen Gesicht zu Svend, der lange geschwiegen hatte:

»Weshalb so schweigsam an einem so festlichen Abend?« Svend richtete sich auf.

»Ich kann nicht leiden,« sagte er leise, »daß Ihnen nichts heilig ist.«

»Gott bewahre – was habe ich verbrochen?«

»Ich finde, daß unsere Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit zu echt ist, um lächerlich gemacht zu werden.«

»Aber ich habe ja gerade gesagt –«

»Oh, ich kenne Ihren Ton nur zu gut. Und weshalb uns in Verbindung mit solchem Morast wie die Panama-Affäre nennen?«

»Sie mögen recht haben.« Im selben Augenblick fuhr ein Landauer mit einem alten langbärtigen Kutscher dicht an ihnen vorbei.

»Das war Weltens Kutscher!« sagte Svend und drehte sich nach dem Wagen um.

»Wer aber saß rechts neben Geheimrat Welten?« fragte Juhl und versuchte vergebens die Dunkelheit zu durchdringen.

»Das war unser hoher Chef,« sagte v. Falk munter, »Seine Exzellenz der Finanz- und Verkehrsminister, Kammerherr von Tithoff.«

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