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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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23

Es war an einem stillen Juninachmittag.

Lisbeth und Svend saßen zusammen auf der offenen Veranda, von wo sie einen weiten Ausblick über Himmel und Meer hatten. Die Knaben spielten in einem kleinen sandigen Garten zu ihren Füßen.

Eine ganze Woche hatten sie in schönster Harmonie miteinander verlebt, am Strande spaziert und im Sand gefaulenzt, während die Junisonne ihre Wangen durchglüht hatte. Es war ein gesegnetes Wetter gewesen. Sie hatten große Spaziergänge gemacht, Bernstein gesucht, den Frühlingsschrei des Kibitz über den mageren Ackerfeldern in Sandöre gehört, hatten gesehen wie der Austernfischer mit seinem roten Schnabel im niedrigen Flug das stille Wasser über den Sandbänken durchsuchte. Sie hatten mit den Fischern in dem Sandörer Fischerdorf gesprochen. Svend kannte sie alle, die Alten in ihren Flausröcken mit den goldenen Ohrringen, den struppigen Bärten und den Augen, die vom Meer, über das sie vom ersten Tage ihrer Geburt an geblickt hatten, blau geworden sind.

Sie hatte nicht gewußt, daß Svend die Fischer so gut kannte. Sie plauderten mit ihm, als gehöre er zu ihnen.

Wie ein Traum war ihr diese Zeit gewesen, so schön, daß sie sich hüten mußte, daß nicht neue Hoffnung in ihr aufblühte.

Jetzt sitzen sie beim Nachmittagskaffee mit einem kleinen niedrigen Tisch vor sich. Ihnen ist so wohl, daß keiner von ihnen Lust hat zu sprechen.

Da knirschen rasche Schritte über den Kies, der vor dem Hause gestreut ist.

Lisbeth sieht zur Seite, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen.

Richtig. Da kommt Knud auf seinen dicken Beinchen auf Henning und Jörgen zugelaufen; er ist leichtfüßiger als früher. Und kurz darauf grüßt Frau Christensen mit ihrem Sonnenschirm zu Svend herauf, der sich erhebt und ihr entgegengeht.

»Guten Tag, guten Tag,« ruft sie atemlos.

Jetzt ist sie ganz bis zum Haus gekommen. Sie schüttelt den Knaben die Hand. Dann wird sie Lisbeths ansichtig, die sich im selben Augenblick erhebt. Sie ist blaß; es ist das erste Mal, daß sie die Frau, deren Rivalität sie fürchtet, in der Nähe sieht.

Svend wendet sich zur Veranda um.

»Darf ich Ihnen Fräulein Ström vorstellen, die meinen Knaben wie eine Mutter ist! – Frau Christensen, von der ich Ihnen erzählt habe.«

Agnete wirft einen scharfen und kritischen Blick über Lisbeths aschblondes Haar und große blaue Augen.

Dann grüßt sie mit vornehmer Zurückhaltung und gibt den Knaben eine Tüte Konfekt, die sie ihnen aus der Stadt mitgebracht hat.

»Ja, lieber Herr Byge, hier haben Sie mich und während der nächsten vierzehn Tage werden Sie mich nicht wieder los. Der Doktor will, daß ich Seebäder nehmen soll, obgleich ich eigentlich keine Lust dazu habe. Aber er sagt, es ist gerade meine Trägheit, die ich überwinden muß.«

Lisbeth fühlt sich grenzenlos überflüssig und merkt auch, daß die Situation Svend bedrückt.

Erst will sie still ihres Weges gehen, aber sie kann doch der Versuchung nicht widerstehen, jetzt, wo sie sie zum erstenmal zusammen sieht, ihr Verhältnis durch persönliche Anschauung zu beurteilen. Weshalb sollte sie auch weichen?

Sie geht die Verandatreppe hinunter und macht eine Bemerkung übers Wetter.

Agnete sieht sie an, als habe sie ihre Gegenwart ganz vergessen.

»O ja, es ist warm – jetzt haben wir ordentlich Sommer bekommen. – Was ich sagen wollte, Herr Byge, denken Sie sich nur, mein Mann hat sich in den Kopf gesetzt, daß er sich hier draußen eine Villa bauen will.«

Svend lächelt und nickt. Dann schlägt er ihr vor, ihr das Hotel zu zeigen.

Als sie nach einer Weile zurückkommen, hört Lisbeth ihn sagen:

»Mit Vergnügen, gnädige Frau! Sie können die beiden Zimmer dort oben mit Balkon bekommen. Von dort haben Sie die herrlichste Aussicht. Aber die Kost müssen Sie vorläufig im Wirtshaus nehmen. Wir sind nämlich noch nicht fertig mit der Küche und leben ganz auf Feldfuß. Wir haben noch die Handwerker im Hause.«

»Gott sei Dank!« denkt Lisbeth, fühlt sich aber im selben Augenblick durch ihren eigenen armseligen Trost gedemütigt.

Sie richtet sich stolz auf und geht durch die Veranda an den beiden vorbei.

»Gehen Sie fort, Fräulein Ström?« fragt Svend.

»Ja!« sagt sie und geht hochaufgerichtet an ihnen vorbei auf ihr Zimmer.

Als Frau Christensen und der Kleine zum Wirtshaus gegangen sind, wo sie übernachten wollen, bis Svend die Zimmer hat instandsetzen lassen, als Henning und Jörgen schlafen und alles still ist, geht Lisbeth auf die Veranda hinunter, wo Svend sitzt und über das Meer und in die helle Nacht hinausstarrt.

Sie hat es sich lange genug überlegt. Sie fühlt, daß sie dieser Situation nicht gewachsen ist. Deshalb will sie weichen. »Svend!« sagt sie und hält sich fest an dem Stuhl, der neben ihm steht.

Er sieht zu ihr auf, wie sie dort im Halbdunkel steht, während die helle Nacht ihre zitternden Schatten über ihre Schultern und über das weiße Gesicht legt, das geradeswegs auf ihn gerichtet ist.

»Ich kann nicht mehr!« sagt sie tonlos, »ich reise morgen fort.«

Er erhebt sich und will ihre Hand fassen.

»Lisbeth!« Das ist alles, was er über die Lippen bringen kann.

Sie aber zieht die Hand heftig zurück, während sie fühlt, daß sie alles das, was sie solange getragen, nicht mehr zurückhalten kann.

»Ich weiß nicht, ob etwas zwischen dir und ihr ist – es geht mich ja auch nichts an. Aber das weiß ich, daß ich zu gut bin, um mit solchen Blicken betrachtet zu werden, wie diese geputzte Dame sie mir zugeworfen hat. So eine kann leicht mit dem Leben fertig werden. Sie ist zeitlebens auf Händen getragen und von einem Mann beschützt worden, den sie gewiß noch obendrein betrügt. – Rühr mich nicht an! – Du hast ganz recht, davon weiß ich nichts, und es geht mich auch nichts an. Das ist es auch gar nicht, was ich dir sagen wollte.«

Sie tritt ganz nahe an ihn heran; ihre Augen blitzen dunkel durch die helle Dämmerung.

»Ich will nicht bei dir sein, wenn ich überflüssig bin. Ach, es ist ganz anders geworden, wie ich gedacht hatte. Als du schriebst, daß du mich nicht entbehren könntest – erinnerst du dich noch? – Da glaubte ich dir und kam sofort. Aber jetzt weiß ich, daß es dein Hotel war, das mich nicht entbehren konnte. Und als du deine Knaben zu dir kommen ließt – erinnerst du dich noch? – Da konntest du mich auch nicht entbehren. Aber es waren deine Knaben, die mich nicht entbehren konnten. Nicht du selbst.«

Sie merkt, daß ihre Stimme im Begriff ist, ihr den Dienst zu versagen, aber sie beherrscht sich, denn sie will sich jetzt alles vom Herzen herunterreden.

»Du selbst, Svend, hast mich gut entbehren können. Ja, in der ersten Zeit, da hatte ich dein Vertrauen. Aber das war schnell vorbei. Im letzten Jahr habe ich dich kaum bei den Mahlzeiten gesehen. Ganze Tage und Nächte bist du fort gewesen – hier in Sandöre? – vielleicht – was weiß ich? – Aber es ist wie ich sage, du – für dich bin ich überflüssig geworden!«

Sie wendet sich von ihm ab. Er sieht es ihren Schultern an, wie ein lautloses Schluchzen sie schüttelt, wahrend sie kämpft, um stark zu bleiben.

»Lisbeth!« sagt er und greift nach ihrem Arm; aber sie entzieht sich ihm, »hör mich einen Augenblick ruhig an, dann will ich dir etwas erzählen, was dir Freude machen wird.«

Sie will ihn unterbrechen.

»Du sollst mich hören!« sagt er und tritt dicht an sie heran, »du, die in jener Nacht in mein Schicksal griff, wie niemand anderes es vor dir getan hat, sollst auch wissen, was sich für mich daraus entwickelt hat.«

Es tut ihr wohl, daß er jene Nacht erwähnt. Jetzt schweigt sie, um ihn anzuhören.

»Als ich in London auf den Fischmarkt ging, kam mir zum erstenmal ein bestimmter Gedanke; aber ich ließ ihn wieder fallen. Welchen Wert hatten auch meine Ideen? Ich hatte es gelernt, mich vor meinen eigenen Gedanken zu hüten. Aber jedesmal wenn ich den ungeheuren Markt sah, wo Fische aus allen Weltgegenden feilgeboten wurden, außer aus Dänemark, kamen mir die Gedanken von neuem. Eine Ernte von vielen Millionen Pfund; wir Dänen aber waren nicht dabei. Dann vergaß ich sie wieder eine Zeitlang, bis ich zum drittenmal hier nach Aaberg kam. Als ich den Fischereihafen hier wiedersah, das übelriechende Wasser, die kleinen Fischerboote, da kamen mir alle die alten Gedanken wieder. Ich erinnerte mich an all das, womit ich mich im Ministerium beschäftigt hatte – ich erinnerte mich der Fischer, die in einer Deputation aus Sandöre gekommen waren. Dieselben, mit denen du hier in diesen Tagen gesprochen hast. Ich hatte einst davon geträumt, ihr Abgeordneter im Reichstag zu werden. Siehst du, Lisbeth, von dem Tage, wo ich meine Füße in diese Stadt setzte, hat mich dieser Gedanke nicht verlassen. Mit ihm vor Augen kaufte ich das Hotel. Aber ich gelobte mir selbst, daß ich niemand von dem Ziel, das ich mir gesetzt hatte, etwas sagen wollte, nicht einmal dir. Denn ich habe einmal durch bittere Erfahrungen gelernt, daß man nicht Herr über einen Plan ist, den man von sich gegeben hat; und ich konnte seine Aussichtsmöglichkeiten nicht beurteilen, bevor ich festen Grund unter den Füßen hatte.«

Er wandte sich um und blickte über das stille Meer, das im Dunst der Sommernacht dalag und ihm zu lauschen schien.

»Jetzt sage ich es zum erstenmal: Ich will dem Lande eine neue Einnahmequelle verschaffen, ich will nicht ruhen, bevor die Fischer Schiffe bekommen haben, die zu den großen Fischplätzen fahren und denselben Gewinn mit heimbringen können, wie die Fischer anderer Nationen. Was Deutsche, Holländer, Franzosen, Engländer können – bei Neufundland, bei den Nordseebänken, bei der isländischen Küste – das können Dänen ebensogut. Wir haben ein Geschlecht von Fischern, das hinter keinem anderen zurückzustehen braucht. Ich weiß es, denn jetzt kenne ich sie. Ich glaube sogar, daß sie der Kern unserer Nation sind. Hier in Sandöre, das ich jetzt kenne und das mich kennt, will ich den Anfang machen. In Aaberg soll ein Exempel gegeben werden. Hier sollen die ersten Gelder erhoben und die ersten Schiffe gebaut werden. Keine kleinen Benzin- oder Petroleumboote, wie wir sie schon haben, die einige Meilen von der Küste ins Meer hinaus dampfen können; sondern seetüchtige Schiffe – Schoner von 80 bis 100 Tonnen, die an den großen internationalen Fischfängen teilnehmen können, die monatelang unterwegs bleiben, an Bord reinigen und salzen, die im Biskayischen Meerbusen Steinbutt und Zungen fischen oder mit den Holländern die großen Heringszüge im Frühjahr und Herbst abwarten können. O du kannst mir glauben, ich weiß jetzt Bescheid! – Siehst du, deshalb habe ich mich um Christensen bemüht; ich konnte ihn gebrauchen. Wenn er uns die Schiffe bauen will, muß er auch behilflich sein, das Geld zu schaffen, deshalb ging ich in seinem Hause aus und ein – deshalb befreundete ich mich mit seiner Frau. Aaberg ist nur der Anfang. Später soll das ganze Land daran teilnehmen. Es soll zu einer nationalen Sache werden, denn es ist eine nationale Sache, einen ganz neuen Erwerb zu schaffen; und es ist unbegrenzt, was aus dem Meer geerntet werden kann. Und wenn es erst eine nationale Sache geworden ist, dann heuern wir durch die Konsulate die Dänen, die in fremden Diensten an den großen Fischfängen teilgenommen haben. Es gibt Dänen sowohl auf amerikanischen wie auf englischen Schiffen. Sie sollen unsere jungen Fischer alles das lehren, was sie selbst gelernt haben. – Dann aber kommt das Wichtigste. Geld, Lisbeth, ist nicht genug. Es ist wie bei einer Landesverteidigung: Festung und Kanonen genügen nicht, man muß Menschen haben, die sie bedienen. Weißt du, warum ich meine Knaben in die Volksschule geschickt habe? Weil sie von klein auf abgehärtet werden und in Kameradschaft mit den Kindern der Fischer und Arbeiter leben sollen. Meine Knaben sollen nicht studieren, sie sollen keine akademischen Bürger werden wie ihr Vater. Nein, sie sollen ins Leben hinaus. Sie sollen in die Fischereilehre! – Das ist etwas Neues, Lisbeth, nicht wahr, und klingt komisch? – In die Fischereilehre! – Aber du sollst sehen, in zehn Jahren wird es ebenso allgemein sein, seine Kinder in die Fischereilehre wie zur Landwirtschaft oder in die Handelslehre zu geben. Sind nicht alle Fächer überfüllt? Wird nicht überall, wo die Jungen vorwärts wollen, geklagt! Es ist kein Platz für sie da. Und hier lassen wir einen Erwerb liegen, der Tausende und Abertausende von unseren jungen Leuten beschäftigen kann.«

Lisbeth hatte ganz still dagesessen und gelauscht, wahrend ihre Augen groß auf ihm ruhten, wie er vor ihr stand und auf das lauschende Meer hinaussprach.

Als er innehielt und sich die Stirn trocknete, erhob sie sich und legte ihre Hände auf seine Schultern.

Ihr Gemüt war erfüllt von dem, was er ihr gesagt hatte; es machte ihren eigenen Kummer so klein – es machte sie demütig.

Dann wandte er sich zu ihr um und sagte mit einer Stimme, die tonlos war vor unterdrückter Bewegung:

»Und an all diesem solltest du nicht teilnehmen?«

Sie legte den Arm um seinen Nacken und blickte verwundert in seine hellen Augen. Sie wollte etwas sagen, aber die Stimme versagte ihr den Dienst.

»Ohne dich,« sagte er und beugte sein Gesicht auf sie herab, aber er brachte den Satz nicht zu Ende – »glaubst du, daß ich vergessen habe, daß du es warst, die –?«

Sie antwortete nicht, drückte nur ihr Gesicht gegen das seine.

Jetzt verstand sie endlich alles.

»Du hättest mich gleich haben können!« sagte er und küßte ihre Augen, »erinnerst du dich nicht des Tages in den Dünen, als du den Kopf schütteltest?«

»Ich glaubte, du tätest es der Kinder wegen. Aber ich wollte meiner selbst wegen erwählt werden.«

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