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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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22

Fräulein Franzen war die erste, die die Neuigkeit erfuhr.

Sie kam des Morgens zu Lisbeth in die Plattstube und sagte: »Ich will Ihnen nur sagen, Fräulein, daß es so nicht weiter geht.«

»Was soll das heißen?«

»Der ›feine‹ hat gestern beschlossen, daß er dem Hotel seine Kundschaft entziehen will. Darauf habe ich schon lange gewartet.«

»Was geht das Sie an?«

»Das geht mich insofern etwas an, als ich hiermit zum Ersten kündige. Wollen Sie so freundlich sein, Herrn Byge das zu sagen.«

»Warum tun Sie das nicht selbst?«

»Ach Gott, es geht ja immer alles durch Sie, Fräulein.«

Lisbeth verstand. Es war also so weit gekommen, wie sie gefürchtet hatte.

Sie dachte an die erste Zeit ihres Hierseins. Wie waren sie glücklich miteinander gewesen! Wie hatte sie sich der Kinder gefreut!

Damals war sie ihm unentbehrlich gewesen. Und jetzt – kein Vertrauen mehr, keine Kameradschaft. An dem Tage, an dem sie ihn zuerst mit Frau Christensen gesehen hatte, war der Umschlag geschehen.

Was die beiden nur zusammen hatten? Ob es wirklich nur Geschäfte waren, die ihn zu Christensens führten?

Und trotzdem das grundlose Geklatsch über Svend und sie. Es war bald nicht mehr zum Aushalten. Wenn es nicht der Knaben wegen wäre, so ginge sie auf und davon.

Als Svend nach Hause kam, erzählte sie ihm, was Fräulein Franzen gesagt hatte.

Er lachte nur darüber.

»Ich pfeife auf den Klub von 1888,« sagte er, »und was Fräulein Franzen betrifft, so ist sie nicht mehr als jede andere wert, laß sie nur gehen.«

»Aber sie war frech,« sagte Lisbeth.

Svend sah auf und verstand sie gleich. Dann klingelte er.

»Fräulein Franzen,« sagte er zum Kellner.

Die Büfettmamsell stellte sich neben die Tür mit den Händen in die Seite und brannte darauf, alles das zu sagen, was sie sich vorgenommen hatte.

Svend zählte eine Summe auf den Tisch.

»Hier,« sagte er ruhig, »ist Ihr Lohn und Kostgeld bis zum Ersten – und nun vor Abend aus meinem Hause!«

Fräulein Franzen war vor Verwunderung ganz stumm. Nachdem sie das Geld genommen hatte, drehte sie sich in der Tür um und sagte nur:

»Adieu und ich danke auch schön!«

Svend hatte ein gutes Wort von Lisbeth erwartet; aber sie sah aus dem Fenster und erwartete, daß er zu ihr kommen sollte.

Da sagte er:

»Ich kann dir eine Neuigkeit erzählen, Lisbeth.«

»So?«

»Ich habe in Sandöre einen Bauplatz für ein Badehotel gekauft, das Christensen für mich bauen will. Es soll bis zum nächsten Sommer fertig sein.«

Sie drehte sich um und sah ihn an. Das sagte er ihr jetzt erst. Frau Christensen hatte es wahrscheinlich schon lange gewußt. Es war vielleicht eine Idee von ihr, da ihr Mann das Hotel bauen sollte.

Das Blut stieg ihr zu Kopf.

»Dann bist du wohl mit Christensen dort gewesen und hast alles Notwendige in Sandöre verhandelt, denn hier zu Hause haben wir dich ja fast nicht gesehen in der letzten Zeit.«

»Ja, das bin ich.«

Sie wandte sich von ihm ab, damit ihre Augen ihm nicht ihren Zorn und ihre Enttäuschung verraten sollten.

»Seine Frau hat euch wohl begleitet?« sagte sie und bereute es im selben Augenblick.

Sie summte vor sich hin und eilte aus dem Zimmer, bevor er Zeit hatte zu antworten.

 

Von dem Tage ging es beständig mit Lisbeths Laune bergab. Sie fühlte sich überflüssig, obgleich die Arbeit im Hotel vollständig auf ihr ruhte, weil Svend ganze Tage, ja bisweilen auch Nächte in dem etwas nördlich gelegenen Sandöre verbrachte.

Wenn sie so den ganzen Vormittag allein umherging, begann sie ernstlich daran zu glauben, daß ein Liebesverhältnis zwischen Svend und Frau Christensen bestehe. Er sah ja aus wie das personifizierte Glück, während sie sich Tag für Tag grämte, so daß selbst das Personal im Hotel es ihr ansehen konnte. Sogar Henning kam eines Abends zu ihr hin und legte seine Wange gegen ihre, indem er fragte:

»Bist du krank? Du siehst so traurig aus?«

Sie versuchte sich stolz und hart zu machen.

Das Beste wäre vielleicht, sie packte ihr Zeug und ginge davon.

Aber da waren die Knaben, die sie nicht mehr entbehren konnte.

Dennoch war sie reizbar und ungerecht gegen sie. Sie konnte nicht dagegen an, denn sie glichen ihm allzusehr. Wie war es traurig, daß sie gegen die, die ihrem Herzen am nächsten standen, so bitter geworden war! Aber er allein trug die Schuld.

Als das Frühjahr schließlich kam – als die Fenster offen standen und die milde, frische Luft hereinließen, die von dem großen bebenden Meer kam und über Sand und Heide strich, als das Blut durch die Adern jagte und unter der Haut prickelte – da konnte sie es nicht länger aushalten.

Härte und Stolz fielen von ihr ab. Sie, die nicht geweint hatte, seit ihr Kind gestorben war, lag nun ganze Nächte und weinte herzbrechend.

Sie schämte sich dessen, meinte, daß sie nicht wohl sei; sie konnte gewiß die Seeluft nicht vertragen. Und zum erstenmal dachte sie ernstlich daran, fortzureisen.

Die Knaben verstanden sie nicht. Sie fingen an sich vor ihr zu fürchten. Bisweilen zog sie sie an sich und küßte sie mit plötzlicher Heftigkeit, zu anderen Zeiten konnte sie sie hart anblicken und sie wegen des geringsten Versehens bestrafen.

Da geschah es, daß sie Jörgen eines Abends in ihrer gereizten Stimmung eine Ohrfeige gab. Es war das erstemal, daß sie einen von ihnen schlug. Sie bereute es sofort und wollte ihn abends beim Gute-Nacht-sagen küssen. Er aber wandte sich angstvoll von ihr ab. Und Henning kehrte ihr beleidigt den Rücken.

Als sie in ihr Zimmer kam, setzte sie sich ans offene Fenster – die hellen Nächte hatten gerade begonnen – und starrte hilfesuchend übers Meer, bis sie schließlich einen Entschluß faßte. Sie sagte sich selbst, wenn es so weiterginge, so würde ihr Gemüt sich gegen ihn und sie und gegen alle verbittern. Sie hatte keine Wahl. Niemand kann sein Herz zwingen. Deshalb faßte sie den Entschluß fortzureisen.

 

Tags darauf kam Svend von Sandöre nach Hause.

Er war in strahlender Laune, stutzte aber, als er den Ausdruck in ihrem Gesicht sah.

»Bist du krank?« fragte er ängstlich und streckte die Hand nach ihr aus.

Sie wandte sich ab und nahm all ihren Mut zusammen.

Jetzt wollte sie es sagen.

»Ich glaube, ich kann die Seeluft nicht vertragen,« sagte sie, »ich will fortreisen.«

Er blickte sie überrascht an und konnte nicht gleich eine Erwiderung finden.

Sie wagte ihn nicht anzusehen, wußte deshalb nicht, daß er bleich geworden war und ihre ganze teure Gestalt – von dem aschblonden Haar bis zu den festen, weichen Schultern und den starken, runden Armen – mit einem warmen Blick umfaßte.

Er aber sah, wie ihre Lippen zitterten, er sah, wie sie sie fest aufeinander pressen mußte, um ihr Gesicht zur Ruhe zu zwingen. Und alles was er sah, ließ ihn verstehen, was ihre Stirn und ihr Mund und ihre Augen seinem Herzen zuflüsterten. Dennoch wollte er nicht noch einmal beginnen, bevor er seiner Sache ganz sicher war. Sie hatte damals in den Dünen den Kopf geschüttelt. Das hatte er nicht vergessen.

»Ich wollte dir gerade sagen,« begann er schließlich, »daß das Hotel in Sandöre fertig ist. Ich hatte mir gedacht, daß wir alle die Sommerferien dort verbringen wollten. Ich hatte mich so darauf gefreut, wieder wie in der ersten Zeit mit dir und den Knaben am Strande spazieren zu gehen.«

Fast wäre sie ihm um den Hals gefallen – es war der liebevolle Klang seiner Stimme, der sie dazu verlockte; aber sie beherrschte sich und sagte mit der leisen Stimme, die solch tiefen Klang hatte, in den er sich gleich an dem ersten Neujahrsabend verliebt hatte:

»Das will ich gern, Svend. Darauf freue ich mich! Aber« – fügte sie leise hinzu, während der Lichtschein von ihrem Gesicht verschwand, weil ihr eingefallen war, daß Frau Christensen wahrscheinlich auch zum Sommer dort Seebäder nehmen sollte – »aber zum Herbst will ich von hier fort.«

Er sah sie wieder an, nein, er konnte nicht aus ihr klug werden.

»Wie du willst, Lisbeth!« sagte er still und begann die Post durchzusehen, die auf seinem Schreibtisch lag.

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