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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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19

Als der Sommer vorbei war, sollten die Knaben zur Schule.

Es war die höchste Zeit. Henning war acht und Jörgen sieben Jahre alt. Sie hatten bei dem Fräulein, in dessen Obhut sie gewesen waren, bevor ihr Vater sie zu sich nahm, lesen gelernt, aber im Laufe des Sommers hatten sie alles wieder vergessen.

Svend überlegte lange hin und her. Dann faßte er einen Entschluß und sagte eines Nachmittags auf ihrem gewohnten Spaziergang zu Lisbeth:

»Weißt du, wo ich heut gewesen bin?«

»Nein.«

»Ich habe die Jungen in der Volksschule angemeldet.«

Lisbeth betrachtete ihn eine Weile forschend; sie dachte an die Rede, die sie ihm an jenem Neujahrsabend gehalten hatte.

»Ich glaube, du hast recht daran getan!« sagte sie schließlich und nickte vor sich hin.

Als es bekannt wurde, daß die Knaben des Hotelbesitzers wie ganz gewöhnliche Arbeiterkinder in die Volksschule gehen sollten, war zuerst ein großes Erstaunen im Hotel. Das erfinderische Fräulein Franzen aber hatte schnell eine Erklärung bei der Hand.

Wenn der Vater nicht einmal eine ordentliche Erziehung an die Knaben wenden wollte, so könne man ja leicht ausrechnen, auf welche Weise sie zur Welt gekommen seien! Daß sie sich nicht schämten!

Es wurde in der ganzen Stadt darüber geklatscht.

Svend kannte nicht viele Bürger persönlich. Er hielt sich am liebsten unten am Hafen auf, wo er stundenlang auf der äußersten Mole saß und die Fischerboote aufs Meer fahren oder schwer beladen mit schlaff hängenden, nassen Segeln zeitig am Morgen heimkehren sah.

Jetzt, wo das Geklatsch über ihn und Lisbeth in der ganzen Stadt verbreitet war, begannen die wenigen, die er kannte, ihm aus dem Wege zu gehen. Niemand wollte gern mit diesem Byge gesehen werden, von dem niemand etwas anderes wußte, als daß er eines schönen Tages mit einem Haufen Geld in die Stadt gekommen sei und den alten Hagensen aus seinem eigenen Haus herausgekauft hatte.

Hagensen gefiel sich plötzlich in seiner Märtyrerrolle. Er legte sich eine gottergebene Miene zu. Wenn er an seinen Stöcken umherstolperte und alten Bekannten begegnete, schüttelte er seinen kahlen Kopf, sprach von seinem alten Haus, das der andere ihm weggenommen habe, bis er selbst ganz gerührt wurde.

Der Beamtenstand der Stadt suchte bei jeder Gelegenheit zu zeigen, daß er sich diesen Byge und sein »Fräulein« drei Schritt vom Leibe hielt.

Es hieß, daß sogar der Bürgermeister die treffenden Worte zu Christensen, dem Matador der Stadt, der im Stadtrat das große Wort führte und den er sonst nicht leiden konnte – gesagt habe, der wahre Grund, weshalb der Mann seine Kleinen in die Volksschule gegeben habe, sei natürlich der, daß er selbst die Empfindung habe, daß die armen Kleinen sich nicht zwischen Kindern besserer Leute wohl fühlen würden.

Christensen, der die große Schiffswerft und Holzsägerei auf der anderen Seite des Fischereihafens besaß, war sonst ein vorurteilsfreier Mann, der sich nicht in die Privatangelegenheiten anderer Leute mischte. Wenn der Bürgermeister dem Hotelbesitzer übles nachsagte, wäre es sonst Grund genug für ihn gewesen, den Mann in Schutz zu nehmen, da er und der Bürgermeister immer Gegner zu sein pflegten. Aber es schien, als wolle der Herr Byge oder wie er sonst hieß, seine Nase in Christensens Sachen stecken. Wenn man der Sache auf den Grund ginge, war er vielleicht ein verkappter Sozialdemokrat.

Christensens Werkführer hatte im Hafen gehört, daß Byge mit den Fischern, wenn sie des Morgens heimkamen, ein Gespräch anzuknüpfen pflegte. Er trieb sich ja immer in aller Herrgottsfrühe am Hafen herum. Und wie es hieß, nicht nur um Fische für das Hotel einzukaufen; denn er ging zu den Leuten an Bord und traktierte sie mit Zigarren und Bier.

Neulich hatte ein ganzer Haufe um ihn herumgestanden, und er hatte zu ihnen gesagt, daß es eine Schande sei, wie die Fische halb tot in den Fischkästen lägen, weil sie den Abfall über Bord würfen, so daß das Wasser faulig würde. Und als dann einer der Fischer gefragt hatte, welchen Vorteil sie hätten, wenn sie es unterließen, da das Wasser ja doch keinen Abfluß habe, da antwortete er, daß sie zum Stadtrat gehen und eine Öffnung im Bollwerk des Schiffswerfthafens verlangen sollten.

Die Leute hatten ihn ausgelacht. Ob er glaube, daß Christensen sich darauf einließe. Er wolle nicht, daß die Schweinerei durch seine Werft abflösse oder daß Strom zwischen seine Docks käme. Und Christensen führe ja das große Wort im Stadtrat.

»Zum Teufel, so stimmt doch gegen ihn, damit er bei der nächsten Wahl fällt!« sagte Byge.

Mit dem, was der Werkführer gehört hatte, hatte es seine Richtigkeit; er wußte aber nicht, daß Svend später mit jedem Mann einzeln gesprochen und ihm klargemacht hatte, welcher Verlust durch das verfaulte Wasser für sie entstände.

Alles, was Svend sagte, hatte ein gewisses Gewicht, weil die Fischer wußten, daß er sich als Ihresgleichen betrachtete, da er seine Kinder in die Volksschule geschickt hatte.

Ihre Kinder und seine Kinder spielten zusammen und prügelten sich und badeten zusammen; so mußte es sein.

Svend befand sich nirgends wohler, als wenn er von Boot zu Boot ging und den Fang besah.

Dann dachte er an all das, womit er sich im Ministerium beschäftigt, worüber er gelesen und geschrieben und was er später in lebendiger Wirklichkeit auf dem Markte von Billingsgate gesehen hatte, wo Fischladungen aus allen Weltgegenden zusammenkamen, außer aus Dänemark.

Heimlich und sicher arbeitete er jetzt auf das Ziel zu, das er sich gesteckt hatte, als er nach Dänemark zurückkehrte.

Es war der Schiffsbauer Christensen, auf den er es zuerst abgesehen hatte.

Christensen war ein großer Mann, weil er so vielen Mündern Brot gab. Da waren die Arbeiter an der Werft und der Holzsägerei und dem großen Holzhandel. Außerdem war er Unternehmer im großen; alle, die kommunale Arbeiten bekamen, waren seine Strohmänner. Es war Christensen, der derartige Sachen im Stadtrat entschied. Man war daran gewöhnt und fand sich darein, weil er ein tüchtiger Mann war, der der Stadt im allgemeinen nützte.

Svend aber wollte es anders.

Er sprach zu den Arbeitern von dem Gestank, der zu ihren Häusern hinaufstieg – zu der langen Reihe von Arbeiterwohnungen, die ein Stück oberhalb der Werft lagen. Die Arbeiter hatten ihn bis jetzt noch nie gespürt; jetzt aber verpestete er geradezu die Luft, so daß sie sich räusperten und spuckten, wenn sie sich des Morgens in Hemdsärmeln vor ihrer Tür reckten.

Wenn ein Kind in der Häuserreihe krank wurde und sie keine andere Erklärung bei der Hand hatten, so war der pestartige Gestank daran schuld, der durch ihre Fenster hereindrang, weil Christensen dem Wasser keinen Abfluß geben wollte.

Und wie war es mit dem Lohn? Er schmälerte ihn, wo er konnte, er, der sich im Stadtrat mästete und alle Arbeiten der Gemeinde an sich raffte.

Aber das sollte jetzt ein Ende haben. Sie hatten lange genug geschwiegen. Damit hatte er recht – dieser Byge – daß es eine Schande für einen freien Mann sei, für jemanden zu stimmen, nur weil er der Arbeitgeber war.

So ging das Gerede von Mann zu Mann, sowohl im Fischereihafen wie auf dem Arbeitsplatz. Svend blies ins Feuer, wo er nur konnte, und als die Stadtverordnetenwahlen vor der Tür standen, da war die Sache reif.

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