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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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17

Eine Woche später hatte Svend das Hotel für eine ziemlich geringe Summe gekauft.

Hagensen hatte sich für Lebzeiten zwei Dachzimmer im Hotel ausbedungen. Die Kost sollte er auch für ein Billiges haben.

Als der Handel erst abgeschlossen war, wurden sie gute Freunde. Der Alte lehrte ihn Sechsundsechzig spielen, und Svend mußte jeden Abend einen Grog mit ihm trinken.

Jetzt, wo er sein eigenes Haus hatte, schrieb er Lisbeth und forderte sie auf, die Leitung des Hotels mit ihm zu übernehmen. Das war der zweite Schritt, den er schon längst beschlossen hatte.

Sie antwortete mit einem telegraphischen Ja und verzichtete auf den Rest ihres Lohnes in dem Café, wo sie angestellt gewesen war, um gleich kommen zu können. Dann brauchte sie einige Tage, bis sie alles gepackt und geordnet hatte, denn sie dachte sich wohl, daß sie fürs erste nicht zur Hauptstadt zurückkehren würde.

Svend stand auf dem Bahnhof, um sie zu erwarten.

Schon bevor der Zug hielt, sah er ihr aschblondes Haar unter der Reisemütze und ihre großen klaren Augen, die nach ihm ausspähten.

Sie erkannte ihn nicht gleich, bis sich ein großes Lächeln des Wiedererkennen um ihren Mund legte.

»Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Sie sehen ohne Bart so englisch aus.«

Sie versuchte sich in seinem Gesicht zurechtzufinden und dachte darüber nach, ob sie sich seit dem letztenmal näher gekommen seien.

»›Sie‹, Lisbeth?« sagte er, während er ihr mit ihrem Gepäck behilflich war.

Sie blickte sich hastig auf dem Perron um und sagte:

»Bedenke, wir sind in einer kleinen Stadt. Es geht nicht an, daß der Wirt zu seiner Büfettmamsell du sagt.«

»Zu seinem Kompagnon, meinst du.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe mir alles unterwegs überlegt. Das mit dem Kompagnon geht nicht. Du weißt, was die Leute sagen werden. Uns kann es ja einerlei sein, aber es schadet dem Geschäft.«

»Well,« sagte er, » dann muß es aber auch bei ›Fräulein‹ bleiben.«

»Natürlich!«

Sie warf ihm von der Seite einen prüfenden Blick zu und fügte mit leiserer Stimme und mit dem tiefen Klang, dessen er sich von jenem Abend so gut erinnerte, hinzu:

»Hoffen wir, daß es gehen wird!«

»Es soll gehen!« sagte er und preßte seine Lippen fest aufeinander.

 

Es ging.

Es war ein Leben und ein Zug in dem Unternehmen, daß die Kunden mit Verwunderung fragten, ob es wirklich das alte Hotel sei.

Lisbeth war früh und spät auf ihrem Posten und hatte ihre Augen überall. Sie hatte die Küche, die Zimmer, die Leinensachen und die Wäsche unter sich und regierte mit einer natürlichen Autorität, die niemals fehlgriff und bei der dennoch die Freundlichkeit nicht zu kurz kam.

Das Personal des Hotels liebte sie sehr. Sie hatte etwas an sich, daß jeder, der mit ihr in Berührung kam, Lust fühlte, ihr sein Herz zu öffnen.

Sie sagte einmal im Scherz zu Svend: »Man kann doch nicht allen Leuten in ihren Herzensangelegenheiten helfen. Was soll man eigentlich, mit all der Vertraulichkeit?«

Svend dachte an sich selbst in jener Neujahrsnacht.

»Es ist die Teilnahme in deinen Augen, die tröstet,« sagte er, »die Leute können dir ansehen, daß du es gut mit ihnen meinst.«

 

Das Hotel wurde bald ein so gutes Geschäft, daß Svend an den dritten Schritt denken konnte.

Er erkundigte sich in Kopenhagen, wo Ellen sich aufhielt und wo seine Knaben in Kost waren.

Der Kammersänger und seine Frau waren von London nach Paris gereist, dann nach Italien, wo sie den Winter über bleiben wollten, bis er im Mai auf großen deutschen Bühnen singen sollte.

Svend schrieb ihr einen freundlichen Brief, worin er sie an die Verabredung bei ihrer Scheidung erinnerte, daß die Knaben bei ihm sein sollten, falls sie sich wieder verheiraten würde.

Es dauerte einige Zeit, bevor er Antwort bekam. Sie schrieb ebenso freundlich wie er, konnte sich aber dennoch die Bemerkung nicht versagen, daß sie natürlich vorausgesetzt habe, die Knaben würden eine Erziehung bekommen, wie sie ihnen durch ihre Geburt und ihren Stand zukäme.

Svend begriff, daß es das Provinzhotel war, vor dem die Tochter des Departementschefs zurückschreckte.

In einer augenblicklichen Bitterkeit tauchten die alten Gefühle wieder in ihm auf.

Aber die Verstimmtheit dauerte nur einige Minuten. Dann lachte er vor sich hin und dachte an alles das, an was er seinerzeit selbst geglaubt hatte. Alle diese Unterschiede würden nach und nach ihre Bedeutung verlieren. Auch hier in Dänemark würde man es lernen zu fragen: Wer bist du, und wie arbeitest du? – statt wie die Alten: Aus welcher Familie bist du, und hast du eine standesgemäße Beschäftigung?

Er dachte daran, wie diese fünf Jahre die Vorurteile aus seinem Gemüt herausgedrängt hatten. Und jetzt, wo das, was er damals durchgemacht hatte, wie etwas Historisches hinter ihm lag, fiel es ihm zum erstenmal ein, daß er Welten eigentlich verkannt hatte.

Diese gesunde, starke Frage: »Was taugst du?« die immer in Geheimrat Weltens Blick blitzte, wenn er jemanden ansah, durchschnitt ja gerade alle Vorurteile. Aber tüchtig wie er als Kaufmann war, rechnete er mit dem sozialen Humbug, verstand den Kurswert desselben auszunutzen und kaufte ihn, um ihn für seine Interessen zu verwenden.

Ja, Welten – es war nicht unmöglich, daß der Tag käme, an dem er sich von neuem mit ihm messen würde.

Dann sollte Geheimrat Welten spüren, daß Svend Byge in der Zwischenzeit »festen Grund unter den Füßen« bekommen und das Leben kennen gelernt hatte.

Wie hatte er sich durchkämpfen müssen, als er mit dem Hotelkoch auf den Markt von Billingsgate ging und von nichts etwas verstand! Wie hatte er gelernt, sich zu ducken, und wie schwer war seine Lehrzeit gewesen!

Und nun sollte er seine Knaben dazu erziehen, dasselbe Fegefeuer durchzumachen? Ihnen dieselben Fußfesseln geben, die sein eigenes Vorwärtskommen gehindert hatten? Sie in dem Glauben erziehen, daß ihnen etwas anderes und Besseres vorbehalten sei als das, was sie sich selbst erzwingen würden? Gab es jemanden, der besser wußte, wie schicksalsschwanger es war, auf ein Erbe zu warten, als er?

Nein. Wenn es das war, was Ellen mit einer Erziehung meinte, die ihnen nach Geburt und Stand zukäme, so würden sie sich niemals einig werden.

Zum Leben sollten sie erzogen werden! Und Lisbeth sollte ihm dabei helfen – sie, die ihn selbst ins Leben hinausgestoßen hatte.

Was wäre er jetzt ohne sie gewesen? Er hätte seinen Charakter verdorben, indem er durch Kriechen und Schöntun dorthin zurückgelangt wäre, wo er vor seinem Abschied gestanden – ohne die Chancen, die er damals gehabt hatte.

Ins Leben hinaus sollten sie, auf eigenen Beinen stehen! Etwas moralischer Wert, etwas seelisches Feingefühl ging vielleicht dabei verloren – das hatte er selbst in diesen Jahren erfahren. Aber dabei war nichts zu machen. Das waren die Kriegskosten. Und das Leben ließ sich nur durch Kampf erobern.

Er antwortete Ellen, daß er seine Verantwortung den Knaben gegenüber ebensogut kenne wie sie. Nach einem Briefwechsel mit Didrichsen, der noch Ellens Vertrauensmann war, wurde bestimmt, wo und wann er die Knaben holen konnte.

Svend und Lisbeth wurden sich einig, daß sie die Sorge für die Knaben auf sich nehmen wollte. Sie schlug ihm vor, daß er eine Büfettmamsell engagieren sollte, die einen Teil ihrer Arbeit übernähme, damit sie sich den Knaben mehr widmen konnte.

Svend hatte keine Zeit zum Reisen. Auch wollte er ungern mit Didrichsen zusammentreffen, der in Ellens Namen die Knaben abliefern wollte. Bevor das Ziel erreicht war, das er sich gesetzt hatte, wollte er niemanden von seinen früheren Bekannten wiedersehen. Deshalb war es Lisbeth, die sich auch dieser Pflicht unterziehen mußte.

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