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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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16

Als Svend nach fünfjähriger Abwesenheit mit dem Dampfer nach Aaberg kam, war er ein Mann, der wußte, was er wollte, und der es gelernt hatte, Zeit und Gelegenheit seinem Willen dienstbar zu machen.

Es war zeitig im Jahr. Die Luft war milde und der Himmel voll Frühjahrsahnungen.

Der Dampfer kam bei Nacht an. Svend blieb an Bord; er wollte doch nicht weiter reisen, hatte kein anderes Ziel.

Von Gerda hatte er vor einigen Monaten Mitteilung bekommen, daß ihre Mutter in dem alten Haus gestorben war. Während ihrer letzten Tage hatte sie froh und hoffnungsvoll von Svends Zukunft gesprochen; aber sie wußte, daß sie ihn nicht mehr zu sehen bekommen würde.

Gerda war jetzt als Lehrerin in einem Landdistrikt hoch oben in Jütland angestellt. Er wollte ihr schreiben, wenn die Schulferien begännen, damit sie bei ihm sein und es gut haben könnte.

Als er am Morgen vom Deck aus über den Hafen blickte – die langen Molen, die roten Zollgebäude, den Abhang mit den Anlagen, den Wasserturm, der sich über die niedrige Häuserreihe erhob – mußte er lächeln. Er hatte dennoch nicht gedacht, daß die Verhältnisse hier so klein seien.

Indem er langsam durch den Hafen ging, nahm er einen Überblick über die Stadt, von der aus er jetzt wirken wollte. Er hatte sein Gepäck mit dem Wagen zum Hotel geschickt. Er selbst ging zum Telegraphenbüro. Er hatte Lisbeth geschrieben, daß sie ihn hier in Aaberg treffen sollte; jetzt erwartete er ihre Antwort.

»Kann nicht kommen,« stand im Telegramm, »erwarte dich hier!«

Dann muß sie lange warten, dachte er und lächelte. Sie würde schon anderen Sinnes werden, wenn sie näheren Bescheid bekäme.

Aber ärgerlich war es doch. Er hatte sich nach ihr gesehnt.

Als er bis zum höchsten Punkt des Abhanges gekommen war, blieb er stehen und blickte von der Aussichtsbank in den neuen Anlagen über das Meer.

Die Dünen drüben lagen noch im Morgennebel; weiter oben aber war der Himmel klar. Die Sonne zwang sich durch eine weiße Wolkenschicht hindurch und warf schillernde Streiflichter über das Wasser.

Er stand lange in tiefe Gedanken versunken. Dann wandte er sich ab und ging langsam bis zur Hafenstraße.

Die meisten Häuser waren kleine Neubauten, nur eine einzelne Villa brüstete sich zwischen dem kleinen Gewürm.

Als er das Hotel erreichte, betrachtete er es genau, bevor er hineinging, und im Laufe des Tages suchte er mehrmals Gelegenheit, es auch von innen näher in Augenschein zu nehmen.

 

Der Wirt, der alte Hagensen, war ein ehemaliger Schiffskapitän, mit einer hohen blanken Glatze und einem langen grauen Bart.

Er litt an Gicht in den Beinen, bewegte sich mühsam an zwei Stöcken vorwärts und saß meistens in seinem Lehnstuhl in der Wirtsstube mit der Pfeife im Munde.

Als Svend zu Abend gegessen hatte, setzte er sich zu ihm mit seinem Whisky, zündete sich eine Zigarre an und vertraute ihm auf eine bescheidene und ruhige Weise an, daß er hierher gekommen sei, um ein modernes Hotel zu errichten.

Der Alte zuckte zusammen, griff nach seinen Stöcken, blieb aber doch sitzen und atmete mühsam.

»Hier in der Stadt,« sagte er, »haben wir keinen Bedarf für mehr Hotels.«

»Für meines wird schon Bedarf werden.«

Der Alte maß ihn einen Augenblick. Dann trocknete er mit seinem roten Taschentuch den Tabaksaft von der Pfeifenspitze und sagte: »Wenn Sie Ihr Erspartes aus dem Fenster werfen und in Ihrem eigenen Haus hungern wollen, so kann ich Sie ja nicht daran hindern!«

»Das ist auch meine Meinung!« antwortete Svend bedächtig und rauchte schweigend weiter.

»Was kosten wohl die Baugründe hier in der Hafenstraße?« begann er kurz darauf.

Der Alte sah ihn wieder an. Dann seufzte er tief auf, legte seine Pfeife auf die Fensterbank und sagte:

»Wenn Sie ein neues Hotel vor meiner Nase errichten, so werden wir beide am Hungertuch nagen. Aber weshalb soll ich hungern, wenn ich fragen darf? Können Sie Ihr Geld nicht wo anders anlegen, ohne daß Sie mir das Brot vom Munde fortnehmen?«

»Das meine ich auch, weshalb sollen wir beide hungern? Ich könnte Ihnen ja auch das Hotel abkaufen.«

»So lasse ich mich nicht an der Nase herumführen!« sagte der alte Hagensen hitzig und schüttelte seinen blanken Kahlkopf. »Ich verkaufe nicht

»Wenn Sie ein modernes Konkurrenzhotel als Nachbarn bekommen, werden Sie wohl trotzdem dazu gezwungen werden« – Svend sah ihn sanft an –, »aber dann wird es Ihnen wohl schwer werden zu verkaufen.«

»Das ist meine Sache!« sagte der Alte und griff nach seinen Stöcken. Er mußte sich Bewegung machen, um sein Blut zu beruhigen.

»Gewiß, gewiß! Ich will ja auch weder heute noch morgen anfangen, und wir können immer noch über die Sache reden. Aber Sie könnten mit Ihrem Rechtsanwalt darüber sprechen.«

»Ich habe keinen anderen Rechtsanwalt als mich selbst!« sagte der Alte und stolperte schnaufend davon.

»Desto besser!«

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