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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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11

Die Stube, in der Svend schlief, lag unmittelbar unterm Dach und bekam von einer Milchglasscheibe in der Decke Licht. Wenn es regnete, konnte er bei dem Prasseln der Regentropfen kaum einschlafen.

Sein Nachbar, hinter einer dünnen Bretterwand, war ein junger Kellner, der selten vor zwei Uhr zu Bett kam. Dann warf er seine Stiefel mit einem Krach vor die Tür, entkleidete sich unter Schnaufen und Schimpfen und verfiel sofort in einen schnarchenden Schlaf.

Um sechs Uhr ging der Hausknecht von Tür zu Tür und weckte.

Svend war immer zu rechter Zeit unten. Es galt ja, jede Arbeit so pünktlich wie möglich zu verrichten.

Er verbrachte die meiste Zeit des Tages in der Halle, nahm Aufträge entgegen oder wies Zimmer an, wenn der Portier beschäftigt war. Hin und wieder rief der junge Mann hinter der Glaswand ihn herein, trug ihm auf, eine Seite im Hauptbuch zusammenzuzählen oder eine Rechnung auszustellen.

Anfangs fiel es Svend schwer, weil er die besondere Hotelbuchführung nicht kannte, und er hatte gleich eingesehen, daß er auf niemandes Wegweisung rechnen könne. Alles, was gelernt werden sollte, mußte er erraten.

Sowenig Worte wie möglich, das schien das Prinzip in diesem Fach zu sein. Es war, als ob die Angestellten zum Ersatz für all die überflüssigen Worte, die sie an beschwerliche und weitschweifige Fremde verschwenden mußten, sich gegenseitig ausschwiegen.

Svend konzentrierte seine Gedanken auf seine Arbeit. Der Tag ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Er erinnerte sich noch Mr. Johnstones Geschäftsgeheimnis von seiner früheren Reise her: Jedem Gast vollkommen zur Verfügung zu stehen, solange man mit ihm zu tun hatte.

Mehrere Male hatte er Gelegenheit, seine Liebenswürdigkeit in Mr. Johnstones Gegenwart zu entfalten, aber es wurde ihm nie klar, ob er den Beifall des Inspektors gewann. Johnstone war immer höflich, behandelte ihn aber nicht anders als die übrigen Angestellten. Svend sah wohl ein, daß es so in jeder Beziehung das beste sei; dennoch berührte es ihn anfangs wie eine Demütigung.

Nachdem ein Monat vergangen war, wurde der eine Portier krank, und Johnstone trug Svend auf, seine Stellung vertretungsweise zu übernehmen.

Es wurde sehr anstrengend. Er hatte abwechselnd Tag- und Nachtdienst. Da es ihm aber selbst trotz größter Wachsamkeit, bei seiner eigenen Fremdheit, unmöglich war, den Fremden genügende Auskunft über die verwickelten Verkehrsverbindungen der ungeheuren Stadt zu geben, so passierte es ihm mehrere Male beim Nachtdienst, daß er sich irrte und für die Folgen verantwortlich gemacht wurde.

Als infolgedessen ein französischer Geschäftsreisender, dem er einen verkehrten Bahnhof angegeben hatte, seinen Zug verfehlte und in seiner Wut das Hotel dafür verantwortlich machte, rief Mr. Johnstone Svend zu sich und sagte ihm, daß er ihn nicht als Portier gebrauchen könne, jedenfalls vorläufig noch nicht.

Dagegen erhielt er auf Grund seiner Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit im Rechnungswesen das Amt, die Einkäufe zu kontrollieren.

Morgens um fünf Uhr fuhr er mit dem Materialwagen zum Fisch- und Gemüsemarkt, notierte, was eingekauft wurde, und trug die Verantwortung dafür, daß alles, was aufgeschrieben war, auch richtig im Hotel abgeliefert wurde.

Jetzt bekam er Kost und einen Wochenlohn. Aber die Arbeit war auch viel mühsamer als seine frühere – und unangenehmer. Denn er mußte früh und spät auf dem Posten sein, und dadurch machte er sich unbeliebt, sowohl bei den Lieferanten, die gewohnt waren, den Einkäufern Angeld zu geben, als auch bei den Leuten des Hotels, die jetzt nicht mehr wie sonst etwas für ihren privaten Haushalt beiseite bringen konnten.

Sie versuchten ihm Fallen zu legen, wälzten jeden Fehler, der begangen wurde, auf ihn ab, und machten sich auf alle Weise seine Fachunkenntnis zunutze.

Es glückte ihnen auch häufig, seine Rechnung in Unordnung zu bringen; aber sein guter Wille und seine Umsicht machten, daß Mr. Johnstone sich fest auf seine Ehrlichkeit verließ und ihn in seiner Arbeit unterstützte.

Manche Nacht warf er sich todmüde auf sein Bett, verzweifelt über seine freudlose Einsamkeit zwischen Menschen, die in allem, außer robuster Arbeitskraft, tief unter ihm standen.

Er gelobte sich, daß er dieser Tätigkeit, die noch dazu schlecht besoldet war, bei der ersten besten Gelegenheit den Rücken kehren wollte.

Es mußte doch kleinere Hotels geben, wo die Ansprüche, die an einen Portier gestellt wurden, nicht größer waren, als daß er sie bereits jetzt bewältigen konnte.

 

Der eine graue Morgen löste den anderen ab, nur unterbrochen von der schläfrigen Ruhe des Sonntags, der fast noch unerträglicher war als die Werktage, weil die Untätigkeit Gedanken heraufbeschwor.

Er hatte sich selbst gelobt, daß er Lisbeth nicht schreiben wolle, bevor er ihr das Geld schicken konnte. Dennoch saß er mehrere Male des Sonntags mit der Feder in der Hand und dachte an ihre seltsame, wie vom Schicksal bestimmte Begegnung am letzten Abend des alten Jahrhunderts. Aber er brachte es nie weiter als zu »Liebe Lisbeth!« Dann erhob er sich mißmutig und riß den Bogen entzwei.

Seiner Mutter aber hatte er gleich geschrieben, als Mr. Johnstone ihn engagiert hatte. Er schrieb, daß er fortgereist sei, weil die Verhältnisse in Dänemark ihm zu eng geworden seien. Sie solle sich nicht ängstigen, es ginge ihm gut und er sei im Begriff, einen ganz neuen Weg einzuschlagen.

Er bekam Antwort aus dem »Witwenhaus«, in das sie bereits eingezogen war.

Der Brief war voller Besorgnis für seine Zukunft. Sie bat ihn, nach Hause zu kommen. Jetzt, wo sie freie Wohnung und die 800 Kronen im Jahr habe, könne sie ihm sehr gut helfen, besonders da Gerda ihr Examen ausgezeichnet bestanden und bereits eine Stellung als Hilfslehrerin bekommen habe.

Svend war tief gerührt über ihren Brief, aber er war fest entschlossen, sie nicht um Geld zu bitten, wie es ihm auch gehen würde. Sie hatte seinetwegen Kummer genug gehabt.

Er schrieb darum einen sehr vergnügten Brief nach Hause, daß er alles habe, was er brauche, und daß er hoffe, sie in nicht zu langer Zeit im »Witwenhause« besuchen zu können.

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