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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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9

Es wurde eine lange und traurige Erzählung.

Anfangs suchte er verlegen nach Worten. Sie war ihm doch so fremd. Aber diese klaren, festen Augen wollten nichts von Umschweifen wissen, duldeten keine Beschönigung. Als er erst erfaßt hatte, daß sie voller Menschlichkeit waren, da beichtete er ihnen sein Leben, mit Wort und Blick. So stark war seine Ehrlichkeit, daß er fühlte, daß er sich nie so offen und unverschleiert jemandem offenbart hatte – nicht einmal sich selbst. Und wie er sich diesen Augen anvertraute, war es, als ob er die Bürde einen Augenblick von den Schultern nehmen und in Ruhe und Frieden Atem schöpfen konnte.

Als er aber zu der letzten großen Niederlage kam, daß er, dessen Gedanken und Wünsche so hoch gespannt gewesen waren, jetzt ganz von unten beginnen, die Schmach erleiden sollte, in demselben Kontor, wo er die größten Chancen gehabt hatte, als Schreiber zu beginnen, da übermannte ihn dennoch sein Elend.

»Übermorgen,« sagte er mit bebender Stimme, ohne daran zu denken, seine Bewegung vor diesem Blick zu verbergen, der sein Schicksal so teilnehmend in sich aufnahm, »übermorgen melde ich mich bei dem Mann, der sein Versprechen nicht hielt, und bitte demütig um Verzeihung.«

»Nein, das tust du nicht!«

Sie merkte selbst nicht, daß sie ihn geduzt hatte. Sie war blaß, und ihre Augen hatten einen dunklen Schein bekommen. Sie preßte die Lippen aufeinander, während ihr fester Busen heftig unter ihrer Taille wogte.

»Sie sind doch ein Mann!« fügte sie hinzu, indem sich zum erstenmal ein Zug von Unwillen um ihren Mund legte.

Svend sprang auf.

»Ja, was soll ich denn tun?« sagte er heftig, »meinen Sie nicht, daß ich Tage und Nächte gegrübelt und gegrübelt habe?«

Sie blieb sitzen und sah zu ihm aus, das Kinn in ihre weißen Hände gestützt. Als sie nicht antwortete, fügte er hinzu:

»Sie vergessen meine Schulden!«

»Ach, Ihre Schulden!« sagte sie verächtlich. »Wem schulden Sie denn?«

Er nannte den Wucherer.

»Na, und? – Der hat ja Ihr Mobiliar. Das mag er behalten!«

Svend sah sie unsicher an. Das war ihm noch gar nicht eingefallen. Die alten Möbel, von denen die meisten seinem Vater gehört und die seine Mutter ihm mitgegeben hatte, als er zur Stadt gezogen war, um zu studieren!

Er sprach von den Erinnerungen, die –

»Erinnerungen!« unterbrach sie ihn höhnisch, »wenn es das Leben gilt, streicht man die Erinnerungen.«

Sie lächelte vor sich hin, halb höhnisch, halb schmerzlich, als dächte sie: Was habe ich alles streichen müssen?

Was war es nur mit diesem Lächeln? Es schien die Erinnerungen aus seinem Gemüt zu verwischen. Es war, als entglitte ihm die Verantwortung, die er im Namen seines Geschlechtes zu tragen meinte, als sähe er plötzlich mit ganz neuen Augen: Das, was er nicht loslassen zu können meinte, wurde plötzlich zu etwas Feindlichem, das ihn niederdrückte, weil es ihn nicht loslassen wollte. Es lag da und versperrte ihm den Weg.

»Und wem sonst noch?« fragte sie.

Er nannte den Wechsel von Doktor Fratz.

»Ach, dieser Rechtsanwalt wußte ja, was er riskierte.«

Aber der Restaurateur und all die anderen, die dem reichen Erben Kredit gegeben hatten?

Ja, was denn weiter? Er wollte sie ja nicht um ihr Geld betrügen. Sie müßten nur warten.

Sie überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie bestimmt:

»Aber du mußt fort aus Kopenhagen.«

Dieses Mal entdeckte sie das »Du«. Sie wurde rot, wiederholte den Satz mit »Sie«, mußte aber im selben Augenblick lächeln.

»Bitte, nein,« bat er und faßte nach ihrer Hand, »wir haben uns ja früher auch geduzt.«

Sie betrachtete ihn mit einem festen und prüfenden Blick, gab ihm aber nicht die Hand. Dann legte sich das zärtliche oder wehe Lächeln um ihren Mund.

»Gut, sagen wir du,« sagte sie einfach.

»Dann ist da noch meine Wirtin,« sagte er, »Frau Henrichsen. Und das ist das schlimmste. Denn sie ist arm.«

»Wieviel schuldest du ihr?«

»Fünfundachtzig Kronen.«

Sie ließ einen Augenblick ihren Blick ins Weite schweifen, als rechne sie.

»Die kann ich dir leihen!« sagte sie dann ohne weiteres.

Svend blickte sie erstaunt an. Was sollte er sagen? Er hatte Lust, ihre weiße Hand in die seine zu nehmen, weil sie so warm an seinem Elend teilnahm.

Aber sie ließ ihm keine Zeit zum Danken.

Sie studierte sein Gesicht, während sie ihn verwundert anblickte.

»Was willst du eigentlich in diesen staubigen Kontoren?« sagte sie.

»Das ist doch mein Fach.«

»Wenn man so viel gelernt hat wie du, muß man doch auch was anderes können. Kannst du Sprachen?«

»O ja!« Er lächelte über ihren Eifer. »Englisch kann ich am besten. Ich bin sehr gut durchgekommen, als ich in London war.«

Sie griff das Wort auf.

»Kennst du jemanden in London?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich war mal beim Gesandten zum Diner. Aber sonst« – er hielt bei der Erinnerung an alte Tage inne; dann fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu:

»Richtig – ich kenne auch noch den Portier eines Hotels – er war in Kopenhagen gewesen – ich war eines Abends Gast in seinem Hause.«

Ihre Augen wurden dunkel. Sie erhob sich und ging mit raschen Bewegungen durchs Zimmer, als würde ihr das Denken leichter beim Gehen.

Mitten im Zimmer wandte sie sich zu ihm um, umfaßte die goldene Uhrkette mit beiden Händen und sah ihn fest mit ihren blauen Augen an.

»Reise nach London!« sagte sie.

Er blickte erstaunt auf.

»Das Reisegeld – und der Aufenthalt?«

Sie antwortete nicht, fuhr nur fort, seinen Blick festzuhalten, damit er ihr nicht entschlüpfen sollte.

»Meinst du, daß ein dänischer Assessor in London etwas wert ist?«

»Ach was, Assessor!« sagte sie geringschätzig, »es ist dein Fehler, daß du zu viel gelernt hast. Alles, was du dir zusammenstudiert hast, ist ja nur eine Fessel um dein Bein.«

Er erhob sich überrascht.

Seltsam, daß sie das, was ihm in den letzten Tagen, während er Brennholz in seinem Garten sägte, so undeutlich vorgeschwebt hatte, ganz ruhig und ohne Umschweife aussprach.

»Wenn du ein ganz gewöhnlicher Arbeiter oder Handwerker wärest, so würdest du dich nicht so hereingerudert haben. Ihr sitzt und studiert in euren vier Wänden, während das Leben euch zwischen den Fingern hindurchschlüpft. Und wenn ihr zufällig eines schönen Tages ins Leben hinausgestoßen werdet und euch selbst oben halten sollt, dann zappelt ihr wie ein junger Hund, der ins Wasser fällt.«

Was sagte sie da – so einleuchtend und selbstverständlich?

Seine Augen starrten sie groß und rund an.

Woher kamen ihr diese Worte? Das war es ja, was auf dem Grund seiner nächtlichen Seufzer gezittert, was er aber nicht hatte ans Tageslicht ziehen können, weil soviel Staub, so viele Schichten jahrelanger Vorurteile darauf gelegen hatten.

Sie sprach sich warm, wie sie da vor ihm stand und an ihrer goldenen Kette zerrte.

»Glaubst du, daß das Leben sich etwas aus deiner Gelehrsamkeit macht? Was ist sie wert, wenn sie dir nicht mal zum täglichen Brot verhelfen kann, sobald du mit einem deiner dummen Büromenschen aneinander gerätst? Glaube mir, die neue Zeit, der wir entgegengehen – das neue Jahrhundert –, fragt nicht mehr nach Examen, sondern danach, was ein Mann unter Männern wert ist.«

Sie betrachtete ihn von oben bis unten, seine Gestalt, seine Hände, als wolle sie ihn taxieren.

»Du hast es nicht gelernt, deine Hände zu gebrauchen, das ist klar – aber du bist sprachgewandt, bist groß und schlank und hast ein nettes, gebildetes Wesen.«

Sie bekam eine Idee. Wie ein Funke, der Feuer fängt, so huschte das zärtliche oder wehe Lächeln über ihr Gesicht.

»Portier – ja – das wäre etwas für dich. – Portier!«

Svend sah sie an. Verhöhnte sie ihn in seinem Elend.

»Portier?« fragte er unsicher.

»Ja – Portier!«

Sie trat ganz nah an ihn heran und blickte ihm so fest ins Auge, daß er ihr nicht zu entschlüpfen vermochte.

»Warum willst du dich hier in Dänemark verhöhnen und hunzen lassen? Pfeife ihnen ein Stück und stürze dich kopfüber ins Leben hinein! – Ja, das rate ich dir, Svend! – Reise morgigen Tages nach London! Keine lange Bedenkzeit. Glaube mir, ich kann dir ansehen, daß du ganz krank bist vor Überlegen und Prüfen, ob das ehrlich genug ist und das groß genug und das dritte – hu! – ich wäre schon längst verrückt geworden, wenn ich du gewesen wäre.«

Svends Herz klopfte heftig; er hatte sich höher aufgerichtet. Sie lächelte wieder, weil sie den Knaben von damals jetzt wiedererkannte.

»Portier?« Er sah das große Hotel und den distinguierten Herrn vor sich, der gegen alle so höflich gewesen war und sein Hausboot auf dem Fluß hatte. Es war ein lächelndes Bild, das da vor ihm auftauchte.

Sie sah, wie es in ihm Wurzel schlug und beeilte sich, nachzuhelfen.

»Ich sage dir, darin liegt eine Zukunft. Wer sich auf solche Weise emporgearbeitet hat, der wird ein reicher Mann, während andere, Akademiker, es zu nichts weiter bringen, als andere anständige Leute über den Kopf anzusehen. Sie erlangen mit knapper Not gerade das, was sie zum Leben brauchen – und einen noblen Titel kurz bevor sie sterben. Aber weder Reichtum noch Macht.«

Da merkte sie, daß er an seine Zukunftsträume dachte, die sich nicht so in Geld werten ließen.

»Und wenn du dich erst in England emporgearbeitet hast,« fuhr sie fort, »dann kehrst du zurück und kannst deinem Lande noch immer nützen.«

»Portier!« wiederholte er.

»Findest du es vielleicht schöner, übermorgen um Verzeihung zu bitten und einen Knochen zugeworfen zu bekommen, von dem du weder leben noch sterben kannst? Pfui!«

Sie warf den Kopf verächtlich in den Nacken und nahm ihre Wanderung durch die kleine Stube wieder auf.

Zum erstenmal seit dem Tage bei Doktor Fratz begann es für ihn zu dämmern. Es war, als habe sie ihn mit ihren starken Armen von der Bürde befreit und ihm gezeigt, wie wenig sie des Tragens wert gewesen sei.

»Lisbeth!« sagte er und trat neben sie, ohne zu wissen, was er von ihr wollte.

Sie aber dachte: Wird er jetzt alles zwischen uns beiden verderben, indem er mich küssen will – er ist ja ein Mann und hat sich gewiß lange keinem Weib genähert. Deshalb zog sie sich von ihm zurück und stand fest und abweisend auf ihren Füßen.

»Aber das Reisegeld – und der Aufenthalt für die erste Zeit?« sagte er; das hatte sie ja vergessen.

»Das kann ich dir leihen!«

Es ist wie ein Traum. Er sieht sie zur Kommode gehen und ein Sparkassenbuch herausnehmen, in dem viele Scheine liegen. Sie hat das Geld heute gehoben, für ein Mobiliar, das sie sich zusammengespart hat; aber das kann warten.

»Bitte! Hier ist das Geld für deine Wirtin. Und hier sind zweihundert Kronen für die Reise und die ersten Tage in London.« Plötzlich fällt ihr etwas ein – »Du hast doch deinen Frack? Den kannst du nicht entbehren?« Denn sie denkt bei sich: gesetzt, er wird Kellner; aber sie spricht es nicht aus, dazu ist sie zu klug.

Er errötet bis an die Stirn. Wie sie das Leben kennt und an alles denkt!

»Wieviel?«

»Fünfundzwanzig Kronen!«

»Schön. Dann schuldest du mir alles in allem dreihundert und zehn Kronen. Die schickst du mir, sobald du dir etwas verdient hast.«

Sie sieht ihn fest an, ohne eine Spur von einem Lächeln.

Als sie ihm aber das Geld reicht, wagt er es nicht anzunehmen. Er schüttelt den Kopf und tritt einen Schritt zurück.

Das Geld nehmen, das sie sich im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet hat, während ihm von anderen geholfen worden ist – vom Kinde zum Studenten – vom Studenten zum Assessor – bis er jetzt alles zugesetzt hatte!

Nein – nein! Er konnte ihr Geld nicht nehmen.

»Unsinn, Svend!«

Sie reichte es ihm von neuem.

»Ich kann nicht, Lisbeth!«

Erst stampft sie heftig auf den Fußboden. Dann wird sie betrübt und sagt mit dem zärtlichen oder wehen Lächeln und mit dem tiefen Klang in der Stimme:

»Nimm es meinetwegen, Svend!«

»Deinetwegen –?« fragen seine Augen.

»Ich will wissen, ob du etwas taugst.«

Jetzt ist es gesagt. Er betrachtet sie und das Geld in ihrer Hand; aber sie gibt ihm nicht mehr Worte.

Da nimmt er die Scheine, steckt sie zu sich, faßt ihre weiße Hand und sieht sie mit einem bittenden und fragenden Blick an.

Sie läßt ihre klaren Augen eine Weile in den seinen ruhen. Sie zieht ihn durch ihren Blick zu sich heran und hält ihn doch gleichzeitig in Abstand. Dann zieht sie behutsam ihre Hand zurück.

»Nein!« sagt sie mit ihrem Lächeln.

»Wann denn?« fragt er ohne Worte.

»Ich will erst wissen, ob du etwas taugst.«

Sie wendet sich ab und schließt die Kommode.

Er weiß nicht, ob er gehen oder bleiben soll.

»Du mußt jetzt lieber gehen!« sagt sie, ohne sich umzuwenden.

»Soll ich gehen?«

»Nein – wir wollen erst auf ein glückliches neues Jahr anstoßen!«

Sie zieht ihre Uhr zwischen zwei Knöpfen der strammsitzenden Taille hervor – es sind nur wenige Minuten von dem alten Jahrhundert noch übrig. Dann nimmt sie eine Flasche Portwein und zwei Gläser aus dem Schrank.

Nachdem sie eingeschenkt hat, öffnet sie die Tür zum Balkon. Sie treten hinaus. Es ist mild und sternenklar. In der Allee ist es ganz still, aber aus der Ferne dringt der Neujahrslärm zu ihnen. Sie sitzen auf dem Balkongitter und warten mit den Gläsern in der Hand.

Die Uhr schlägt zwölf. Alle Kirchenglocken der Stadt beginnen das neue Jahrhundert einzuläuten, sie begrüßen eine neue Zeit und eine glückliche Zeit.

»Ein glückliches neues Jahrhundert!« sagt sie und stößt mit ihm an.

Sie leeren ihre Gläser bis auf den Grund, während ihre Blicke ineinander ruhen.

»Lisbeth,« fragt er und faßt wieder ihre Hand, »darf ich dich etwas fragen?«

Sie nickt.

»Weshalb hattest du deinen Knaben Svend genannt?«

»Ach, das war ein Traum!« sagt sie und zieht ihre Hand an sich.

»Gute Nacht, Svend!«

»Gute Nacht, Lisbeth!«

Als er über den stillen Weg geht, wo der Kies unter seinen Füßen knirscht, sitzt sie noch oben auf dem Balkon und blickt hinab.

»Glückauf!« flüstert sie auf seinen Weg hinab.

Sie bleibt auf dem Balkon, bis sie ihn nicht mehr sehen kann.

Dann klirrt die Glasscheibe ihrer Tür durch die Nacht. Und während die Glocken läuten, wandert er mit Morgengrauen im Herzen in das neue Jahrhundert hinein.

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