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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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6

Svend lag die halbe Nacht wach und grübelte darüber, was morgen, an dem letzten Tage des Jahrhunderts, mit ihm geschehen würde.

Welten kannte sein Schicksal, wußte von seiner Entlassung, der Audienz und von allem, was Svend getan hatte, um seinen Einfluß auf die Regierung zu hintertreiben. Was wollte er jetzt von ihm?

War es möglich, daß der allmächtige Mann nach einem Feinde schickte, um ihn zu verhöhnen? Nein, so klein konnte er nicht sein, das war unmöglich.

Svend grübelte und grübelte, während er sich schlaflos auf seinem Bett hin und her warf; aber er kam zu keiner Klarheit. Nur kehrte der eine Gedanke beständig zurück: Er will deine Mitwisserschaft kaufen, jetzt, wo du in Not bist.

Es war noch nicht hell, als er aufstand. Während er sich wusch, brach sich ein bitteres Lächeln durch sein Elend Bahn: Daß Welten ihn zu sich kommen ließ, war doch endlich ein Resultat – das einzige – das er durch die Entlassung, die Audienz beim König und den Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit erreicht hatte.

Dann dachte er wieder: Welten will, daß du sein Geschöpf wirst, ebenso wie all die anderen.

Es durchrieselte ihn kalt. Er erinnerte sich des Besuches bei I. O. Nielsen, und er dachte, daß der Wucher, den Welten mit seiner Seele treiben wollte, tausendmal blutiger sei.

Er ging den ganzen Morgen in seinem Garten auf und ab. Einen Augenblick blieb er stehen, entschlossen, dem Ganzen zu entlaufen, für sein letztes Geld zu seiner Mutter zu reisen, sich dort zu verstecken und Vergessen zu suchen. Aber dann dachte er an den Wechsel bei Doktor Fratz, beim Wucherer – Frau Henrichsens Geld, das schlimmste von allem; und es wurde ihm wieder klar, daß er keine Wahl hatte.

Mußte er denn wirklich zuschlagen und Weltens Geschöpf werden?

Nein – nein! – Das konnte niemand von ihm verlangen, weder Frau Henrichsen, noch seine Mutter, noch sonst jemand auf der Welt. Sich zerstückeln, seine lebendige Persönlichkeit preisgeben wegen einer elenden Geldesschuld! Wie ein Hund vor diesem Feind kriechen, den er im besten Glauben verfolgt, das Brot nehmen, das er ihm zuwarf!

Nein – nein!

Und dennoch – es blieb ihm ja keine Wahl.

Während ihm der Schweiß auf die Stirn trat, starrte er in den niedrigen, grauen Himmel hinauf und war dem Verzweifeln nahe.

Eine Stunde saß er in dumpfe Grübeleien versunken da. Dann erhob er sich mit einem Seufzer, kleidete sich mechanisch an, verschloß seine Tür und wanderte zur Stadt. Von dem ewigen Kampf gegen das Unabänderliche ermattet, war er entschlossen, den Zufall walten zu lassen und – wenn er Welten gegenüberstand – so zu antworten, wie der Augenblick es ihm eingab.

Es war gegen drei Uhr, als Svend in Geheimrat Weltens Vorzimmer stand.

Es saßen schon einige Herren da und warteten. Sie versuchten sich den Anschein zu geben, als ob sie ganz gleichgültig wären, aber der eine trocknete sich heimlich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Der Kontordiener nahm Svends Karte in Empfang und Svend setzte sich auf den freien Stuhl neben die anderen.

Wie durch einen Nebel sah er, wie einer der Wartenden sich erhob, mit unsagbar zaghaften Schritten durchs Zimmer ging und sich neben der Tür bereithielt, durch die jetzt ein fetter Börsianer mit einem gutmütigen Lächeln auf den Lippen herauskam.

Sein Herz hämmerte so laut, daß er es hören konnte. Seine Hände waren feucht und er konnte sich kaum aufrechthalten, während er dasaß und der endlichen Besiegelung seines Schicksals entgegensah.

Nach einer unsäglich qualvollen Wartezeit kam er schließlich an die Reihe.

Als er in dem großen, halbdunklen Kontor stand, dessen Fenster sehr hoch lagen, sah er den Nacken des Allmächtigen mit dem trocknen, farblosen Haar, über den Schreibtisch gebeugt, während die Feder über das Papier kratzte.

Während Svend an der Tür wartete, erinnerte er sich des ersten Males, als er diesen festen, eckigen Kopf mit den eingefrorenen Runzeln gesehen hatte. Es war bei der Verlobungsgesellschaft gewesen. Da hatte Geheimrat Welten ihm gegenüber gesessen und war einer von denen gewesen, die ihn als Departementschef Kruses zukünftigen Schwiegersohn gefeiert hatten. Und jetzt –!

Welten hob den Kopf und wandte sich ganz zu ihm um, während seine Hand noch auf dem Papier ruhte.

»Bitte!«

Svend trat näher. Die Feder zeigte auf den Stuhl neben dem Schreibtisch.

Svend setzte sich und fühlte im selben Augenblick, wie die Metallaugen mit ihrer außerordentlichen Aufmerksamkeit seinen Kopf gleichsam umspannten.

Ohne die Feder aus der Hand zu legen, richtete Welten sich höher auf und sagte:

»Ich habe von Ihrer Entlassung und von der Audienz beim König gehört. Sie haben Mut und Energie bewiesen. Aber Sie haben Ihre Karten schlecht gespielt.«

Svend richtete sich auf. Die Worte wirkten wie eine Anerkennung und gleichzeitig wie ein Peitschenschlag. Eine solche Offenheit hatte er nicht erwartet.

Nach einer Pause, während der Weltens Augen jeden Zug in Svends Gesicht genau studierten, fuhr er mit seiner trockenen Stimme fort, die so klang, als schlüge er kleine Nägel in einen Holzblock ein:

»Sie haben mich für die Handlungen der verantwortlichen Minister verantwortlich machen wollen.«

Svend beugte den Kopf in unfreiwilligem Respekt vor diesem Willen, der alle in seiner Hand hielt und ohne ein überlegenes Lächeln zu seinem gefallenen Feinde sprach.

»Diese Sache ist nicht schlechter als manche andere,« fuhr er fort, »aber es fehlte Ihnen an einer Fußfeste; und die Geschichte mit der Erbschaft hat Sie gestürzt.«

Welten machte wieder eine Pause, während seine Metallaugen die Wirkung seiner Worte tarierten.

»Ich habe mich nach Ihnen erkundigt,« fuhr er fort, »bei Tithoff und bei Didrichsen, Ihren ehemaligen Chefs. Soweit ich verstehe, haben Sie Fähigkeiten, die von Nutzen sein können. Aber Sie müssen ganz von unten anfangen. Kammerherr Tithoff hat mir gesagt, daß in Ihrem alten Büro durch Krankheitsfall ein Amt frei geworden ist.«

Svend griff sich unwillkürlich ans Herz und sah mit einem Blick auf, dessen flehende Angst ihm selbst unbewußt war.

Welten zögerte, als sei er einen Augenblick im Zweifel. Dann fuhr er fort:

»Der Schreiber hat einen Schlaganfall bekommen.«

Svends Hände zitterten, und er sah wieder auf, als bäte er um sein Leben.

Die Metallaugen ließen ihn nicht los. Zum erstenmal glitt es wie der Schatten eines Lächelns über die eingefrorenen Runzeln.

»Tithoff will den Schreiber durch einen außeretatsmäßigen Referendar ersetzen, der also gleichzeitig Abschreibarbeiten im Büro besorgen muß. Da Ihre Handschrift gut sein soll, nehme ich an, daß Sie die Stelle bekommen können. Wollen Sie sie haben?

Es ging wie ein Ruck durch Svend, als wolle er mit einem Fluch aufspringen. Aber er war nicht dazu imstande. Die Metallaugen hielten ihn fest. Der Stahl in ihm war gebrochen, und er dachte bei sich: Vielleicht meint er es gut.

Dann beugte er bejahend den Kopf.

»Schön!« sagte Geheimrat Welten und nickte, als akzeptiere er einen Wechsel, »morgen ist Feiertag. Melden Sie sich übermorgen bei Tithoff!«

Welten machte noch eine kurze Pause. Dann neigte er höflich den Kopf vor Svend und sagte:

»Wenn Sie wieder Grund unter den Füßen und das Leben kennen gelernt haben, wird es mir angenehm sein, Sie wiederzusehen – auch als Gegner. Guten Morgen!«

Welten nickte, tauchte die Feder ins Tintenfaß und begann zu schreiben, während Svend sich erhob, verwirrt und leer, sich verbeugte und hinausging.

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