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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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5

Es war gegen neun Uhr, als Svend mit einer letzten großen Kraftanstrengung bei Didrichsen klingelte.

»Ist Herr Justizrat zu Hause?«

Das Mädchen zögerte mit der Antwort und betrachtete ihn prüfend in dem flackernden Licht der Gasflamme auf dem Treppenabsatz.

»Ja – a. Aber es ist Besuch da. Der Herr hat seinen Spielabend.«

Svend war bereits im Begriff umzukehren. Im selben Augenblick aber fühlte er, daß, wenn er jetzt nicht Ernst mache, dann würde er nie wieder Mut bekommen. Soviel Überwindung hatte ihn dieser Gang gekostet.

Er knöpfte fieberhaft seinen Rock auf, zog eine Karte hervor und sagte:

»Bitte, geben Sie ihm diese.«

Das Mädchen betrachtete sie, warf ihm einen verstohlenen Blick zu und klopfte dann an eine Tür in dem erleuchteten Korridor. Nach einer Weile kam sie zurück.

»Bitte!« sagte sie und öffnete die Tür zu einem Herrenzimmer.

Sie zündete die Lampe auf dem Schreibtisch an und ließ ihn allein.

Es klangen hastige Schritte auf dem Korridor.

Svends Herz klopfte so stark, daß es ihm fast den Atem benahm. Wie gut er diese Schritte kannte.

»Guten Abend, Byge!«

Svend war aufgestanden.

Er senkte den Kopf, außerstande, etwas zu sagen.

Didrichsen schloß die Tür und ging ihm einige Schritte entgegen, während er sich über den grauen Vollbart strich.

Jetzt erst konnte er Svends Gesicht ordentlich sehen – er hatte mit dem Rücken gegen die Lampe gestanden –, und im selben Augenblick wußte er Bescheid.

Ein tiefes Mitleid zog seine Gesichtsmuskeln zusammen, aber sie glätteten sich gleich wieder.

Er reichte Svend die Hand und nötigte ihn, auf dem Sofa Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl.

»Es ist mein Skatabend, Byge, aber ich wollte nicht, daß Sie vergeblich gekommen sein sollten.«

Svend schluckte und schluckte, um Worte zu einer zusammenhängenden Erklärung hervorzubringen. Schließlich gab er es auf.

»Mir ist es schlecht ergangen!« war alles was er sagen konnte.

Didrichsen betrachtete ihn mit seinem ruhig forschenden Blick.

»Ihre Tante ist gestorben!« sagte er schließlich.

»Sie hat mir nichts hinterlassen!«

»Hatten Sie es erwartet?«

Svend sah zu Didrichsen auf und fragte leise:

»Sie nicht auch?«

Didrichsen besann sich einen Augenblick, bevor er antwortete:

»Das will ich nicht leugnen. Sie haben daraufhin Schulden gemacht?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Nicht mehr, als ich nach und nach abbezahlen kann!«

Didrichsen beugte sich vor:

»Haben Sie etwas Unrechtes getan?« fragte er leise.

Svend verstand, daß er das meinte, wozu der Wucherer ihn aufgefordert hatte, den Namen der Konferenzrätin zu fälschen.

»Nein!« sagte er und sah auf, »ich habe mir außer Leichtsinn nichts zuschulden kommen lassen.«

»Wieviel müssen Sie haben?« fragte Didrichsen.

Er glaubt, daß ich gekommen bin, um ihn anzubetteln, dachte Svend. Dann erhob er sich und sagte:

»Ich bin gekommen, um Sie zu bitten, mir zu Arbeit zu verhelfen – einerlei welche –, um Geld wollte ich Sie nicht bitten.«

Didrichsen sah hastig auf. Jetzt erst begriff er, wie tief er ihn verletzt hatte.

»Armer Byge!« sagte er, erhob sich und legte ihm die Hand auf die Schulter, »es ist gekommen, wie ich gefürchtet hatte.

Seltsam,« fügte er nach kurzem Bedenken hinzu, »noch heute, ja, sogar heute abend wurde von Ihnen gesprochen.«

Svend erfaßte wie durch eine Eingebung, daß drinnen im Zimmer von ihm gesprochen worden sei; und daß der, der die Worte gesagt hatte, kein anderer war als Geheimrat Welten, der mit zu Didrichsens Skatpartie gehörte.

»Jemand hatte erfahren, daß es schlecht um Sie bestellt sei. Da sagte ich zu dem Betreffenden, wenn es wirklich der Fall wäre, so hoffe ich, daß Sie zu mir kommen würden. Wissen Sie – warum ihn nicht nennen? – was Geheimrat Welten dazu sagte?«

Didrichsen zögerte und forschte nach der Wirkung seiner Worte. Svend saß gesenkten Kopfes da und starrte vor sich hin.

»Er sagte: Wenn er kommt, dann schicken Sie ihn zu mir.«

Svend sagte nichts.

»Ja, lieber Byge« – Didrichsen legte eindringlich die Hand auf sein Knie –, »das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann: Gehen Sie zu Welten! – Ich weiß nicht, was er Ihnen sagen will. Aber Sie wissen so gut wie ich, daß er der Mann ist, der Ihnen eine Stellung geben kann, wenn er nur will.«

Svend sagte noch immer nichts. Er grübelte darüber, wie seltsam mit seinem Leben verfahren wurde, wie ironisch, wie höhnisch.

»Nun müssen Sie mich entschuldigen, Byge,« Didrichsen stand auf, »ich kann meine Gäste nicht länger warten lassen. Versprechen Sie mir, daß Sie zu Welten gehen wollen. Morgen ist Altjahrsabend; das ist ein glücklicher Tag!«

Svend beugte zustimmend den Kopf.

Er hatte ja keine Wahl.

Dann drückte Didrichsen ihm herzlich die Hand, begleitete ihn hinaus und sagte ermunternd:

»Mut, Antonius!«

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