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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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20

Schließlich kam der Tag, an dem Svend abermals dem Nichts gegenüberstand.

Es traf ihn mitten bei der Arbeit an einer größeren politischen Abhandlung.

Er wollte eine Broschüre herausgeben, die wie ein Sturm über das Land hingehen sollte.

Sie sollte die alte Frage, inwieweit eine Regierung nach Prinzipien handeln oder sich von Interessen leiten lassen sollte, von neuem aufnehmen. Sie sollte mit Beispielen illustriert werden, die jeder, der nur einigermaßen in dem öffentlichen Leben mitfolgte, verstehen konnte, ohne daß sie direkte Veranlassung zu gerichtlicher Klage oder Konfiskation boten.

Da kam wieder diese unselige Ernährungsfrage und sperrte ihm den Weg!

Es half nichts. Die Arbeit ging vor. Er mußte sich bis auf weiteres durch Anleihen helfen. Er schuldete Frau Henrichsen Miete; aber sie drängte ihn nicht, obgleich er wußte, daß sie das Geld notwendig brauchte.

In dem Restaurant, wo er aß, genoß er einen ausgiebigen Kredit. Darauf konnte er wohl noch einen weiteren Monat leben.

Aber dann waren da all die kleinen täglichen Ausgaben, das Taschengeld; das mußte er leihen.

Es war Svend eine große Enttäuschung gewesen, als v. Falk heiratete. Ihm war es, als verliere er dadurch seinen einzigen Freund.

Während der ersten Zeit hatten sie auf v. Falks Aufforderung korrespondiert; die Briefe aber wurden seltener und seltener, und Svend meinte eine fremde Hand zwischen den Zeilen zu spüren – die Hand Kammas, der Freundin Ellens.

Jetzt, wo er in Not war, galt sein erster Gedanke dennoch v. Falk; aber er konnte sich nicht dazu überwinden, ihn um eine Anleihe zu bitten. Wenn er wenigstens allein gewesen wäre.

Da ging er zu dem Rechtsanwalt der Konferenzrätin.

Doktor Fratz empfing ihn freundlich; als er aber sein Anliegen hörte, stellte er sich gleich abweisend.

Er bedaure, aber er habe strikte Order.

Außerdem sei die Konferenzrätin so schwach, daß das Schlimmste zu erwarten sei.

Als er hörte, daß es sich um einige hundert Kronen handele, ließ er sich schließlich darauf ein, sie Svend für eigene Rechnung leihweise gegen einen Wechsel zu verschaffen. Svend ging froh nach Hause und beschleunigte seine Arbeit.

Als die Broschüre aber schließlich fertig war, war sie zu einem Buch von anderthalb hundert Seiten angeschwollen.

Er ging vergebens von Verleger zu Verleger damit.

Einige wiesen von vornherein mit kräftigen Worten eine politische Broschüre zurück.

Andere machten sich wohl die Mühe sie zu lesen oder ließen sie lesen, fanden sie dann aber zu gewagt – gesetzt, daß der Verkauf verboten wurde! – oder nicht gewagt genug, um als Skandal zu wirken.

Schließlich fand sich eine junge, vorwärtsstrebende Firma, die den Versuch wagen wollte, wenn Svend einen eventuellen Verlust tragen würde.

Als der Verleger aus diesem Anlaß nach seinen ökonomischen Verhältnissen fragte, verlor Svend die Geduld und nannte den Namen der Konferenzrätin auf solche Weise, daß der Mann begriff, daß er es mit einem reichen Erben zu tun habe.

Das änderte die Sache.

Dann handelte es sich nur noch um gewisse notwendige Änderungen; es zeigte sich bald, daß diese Änderungen eine teilweise Umarbeitung erforderten, auf die Svend sich, wenn auch ungern, einlassen mußte.

Svend wurde bedenklich, als er sah, welche Wirkung der Name der Konferenzrätin auf den Verleger ausübte.

Aber er tröstete sich damit, daß das Ende der Konferenzrätin – nach Aussage des Rechtsanwaltes und nach dem, was seine Mutter schrieb, die von Tante Amalie unterrichtet war – jeden Augenblick erwartet werden konnte.

Dann würde seine Lage mit einem Schlage eine ganz andere werden.

Dieser Gedanke hielt ihn beständig aufrecht; aber er bewirkte gleichzeitig, daß er in keinem Punkt nachgab.

Seine ökonomische Lage war verzweifelt, das war sicher. Aber er tröstete sich damit, daß es ja nur eine augenblickliche Misere war; er konnte doch nicht eine Stellung annehmen, in der er sich zu der Meinung anderer bekennen oder wenigstens seine eigene zurückhalten mußte, um die Forderung des Augenblicks zu befriedigen und dadurch das Tieferliegende, auf dem er seine Zukunft aufbauen wollte, zerstören.

Wenn es möglich wäre, der Forderung des Augenblicks zu entgehen!

Er zerbrach sich den Kopf nach einem rettenden Ausweg.

Er mußte um jeden Preis Geld haben; es erschien ihm undenkbar, daß man nicht auf irgendeine Weise auf eine so bald zu erwartende Erbschaft Geld erheben könne.

Der Wirt in dem Restaurant hatte bis jetzt keine Schwierigkeiten gemacht. Weder Schneider noch Schuhmacher, Zigarren- oder Buchhändler drängten ihn im Augenblick.

Aber da war Frau Henrichsen. Sie konnte er nicht länger warten lassen. Der Termin, an dem sie selbst die Miete bezahlen sollte, war längst vorüber. Er wußte, wie wenig sie hatte, und schämte sich jeden Morgen, wenn sie mit seinem Kaffee hereinkam. Es wurde dennoch der Restaurateur, der den Ausschlag gab.

Er kam eines Abends zu ihm und präsentierte ihm die Rechnung. Es täte ihm leid, aber er sei selbst in Verlegenheit.

Svend betrachtete die Rechnung. Er hatte nicht gedacht, daß sie so groß sei.

Jetzt war guter Rat teuer.

Svend grübelte und grübelte den ganzen Nachmittag.

Er hatte nicht einmal Zeit, an Falk zu schreiben und Antwort von ihm zu bekommen.

Doktor Fratz war ausgeschlossen.

Er dachte einen Augenblick an seine Mutter, wies den Gedanken dann aber beschämt von sich.

Nachdem er vergeblich seinen Bekanntenkreis durchgegangen war, bekam er eine Idee.

Er nahm die Zeitung und fand darin eine Annonce: »Billige Darlehen gegen Gageüberweisungen, Wechsel oder Mobiliar.«

Svend war keinen Augenblick im Zweifel, daß er es hier mit einem Wucherer zu tun habe.

Er empfand einen tiefen Widerwillen und schämte sich über sich selbst, als wolle er einen verbotenen Weg betreten. Er tröstete sich aber damit: wenn es eine Lage gäbe, die derartige Geschäfte rechtfertige, so sei es sicher seine. Denn was waren die schamlosen Zinsen im Vergleich dazu, daß er dadurch die augenblickliche Schwierigkeit überwinden und Zeit zum Warten bekommen konnte. Svend kam in der Mittagsstunde zu einem düsteren Hause mit schmutzigen Kindern in der Haustür und einem üblen Geruch von brenzligem Fett. Fast hätte er den Mut verloren. Aber es blieb ihm ja keine Wahl. Darum stieg er die Treppe hinauf und zog die Glocke, wo »I. O. Nielsen, Kaufmann« auf einer gesprungenen Porzellanplatte stand.

Ein specknackiger, untersetzter Mann mit schlaffen Hängebacken und einem seltsam aufgedunsenen Körper erhob sich vom Schreibtisch und betrachtete den Eintretenden mit einem Seitenblick, der gleichzeitig schläfrig und stechend war.

»Wo hab ich dieses Gesicht schon gesehen?« dachte Svend.

Er konnte sich nicht darauf besinnen, und Herr I. O. Nielsen gab kein Erkennungszeichen von sich.

»Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte er und zog mit einer kurzen, dicken Hand einen Rohrstuhl zum Schreibtisch heran.

Im selben Augenblick, als Svend die belegte Stimme mit dem etwas fremdartigen Akzent hörte, wußte er Bescheid.

Das war ja Jens Nielsen, der Pseudo-Amerikaner, der seinerzeit auf der Reise nach England von dem Lehrer entschleiert worden war. Der Mann war damals so betrunken gewesen, daß er sich des Auftrittes jetzt wohl kaum erinnerte.

Hier war er also gelandet, der prahlerische Whiskytrinker. Gott weiß, was aus seiner schweigsamen Frau mit den vielen Ringen geworden war? Svend brachte sein Anliegen vor.

»Wieviel wollen Sie borgen?« fragte Nielsen und trommelte mit seinen dicken Fingern auf der Tischplatte.

»Dreihundert Kronen!«

»Das ist viel Geld! – Welche Sicherheit bieten Sie?«

»Wieviel Zinsen nehmen Sie?« fragte Svend anstatt einer Antwort.

»Gegen Wechsel zehn Prozent.«

»Jährlich?«

Nielsens Blick glitt träge über Svends Gesicht.

»Monatlich – selbstredend.«

»Das sind hundertundzwanzig Prozent im Jahr!« sagte Svend zornig.

»Jahr?... Hier gibt's nichts, was Jahr heißt. Ich leihe nur auf einen Monat.«

»Aber Sie erneuern das Darlehn?«

»Dem steht nichts im Wege, wenn der Schuldner es wünscht; aber dann ist es ein neuer Wechsel und abermals zehn Kronen – selbstredend.«

»Also für dreihundert Kronen gegen einen Wechsel macht es –«

»Dreißig Kronen im Monat – ja.«

Svend hätte ihm am liebsten seine Verachtung gezeigt und wäre seines Weges gegangen. Aber es blieb ihm leider keine Wahl.

Dann sagte er seinen Namen und nannte die Konferenzrätin. Die trägen Augen mit dem stechenden Blick ruhten unausgesetzt auf ihm, während er sprach.

» Well!« sagte er, »Sie können dreihundert Kronen gegen einen Wechsel bekommen, aber der Name Ihrer Tante muß hinten drauf stehen.«

»Der Name meiner Tante?« Svend betrachtete ihn höhnisch.

»Glauben Sie, daß ich Ihnen einhundertzwanzig Prozent für lumpige dreihundert Kronen geben würde, wenn ich die Unterschrift meiner Tante bekommen könnte?«

»Glauben Sie, daß ich Leuten auf ihr ehrliches Gesicht hin Geld pumpe?« fragte Nielsen und gab ihm seinen Blick zurück. Sie maßen einander einen Augenblick. Dann beugte Nielsen sich vor in seinem Stuhl und nahm einen dicken Haufen blauer Wechsel, die mit einem schwarzen Gummiband zusammengehalten waren, von einem Regal.

»Sehen Sie – dieser Haufe –, das sind lauter erstklassige Namen. Wer sie drauf geschrieben hat – das geht mich ja nichts an, verstehen Sie –!« Er sah von der Seite mit einem listigen Blick zu Svend auf und fügte hinzu:

»Wenn ich nur den Namen bekomme, das genügt mir. Dem Indossenten den Wechsel präsentieren, das gibt es nicht in meinem Geschäft, verstehen Sie; ein Name ist ein Name – wenn das Geld pünktlich eingeht, meine ich.«

Er wog den Haufen mit einem selbstgefälligen Ausdruck in der Hand.

»Keiner von den feinen Herrschaften bekommt den Wechsel jemals zu Gesicht – außer –« fügte er mit einer Grimasse hinzu, »das eine Mal, wo sie unterschreiben. Verstehen Sie?«

Ja, Svend verstand. Es war deutlich genug.

Nur den Namen hinten drauf. Wer ihn schrieb, das ging Herrn J. O. Nielsen nichts an. Erst hinterher, wenn das Geld nicht pünktlich einging.

»Ja, diese Art Wechsel sind sicher genug!« sagte Svend mit Nachdruck.

»Das stimmt!« Nielsen widersprach nicht. »Wenn der Name nur gut ist.«

»Das ist doch gar nicht so wichtig.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wechsel auf Zuchthaus sind doch eigentlich die feinsten.«

»Das verstehe ich nicht!« Nielsen grunzte ein kleines behagliches Lachen.

»Na, wird's also?« fragte er.

»Nein, es wird nicht, jedenfalls nicht auf diese Weise. Sie können Sicherheit in meinem Mobiliar bekommen; aber aus der Wechselgeschichte wird nichts.«

»Da irren Sie sich, daraus wird doch was; dann müssen wir aber noch einen Hypothekenbrief als Faustpfand nebenbei haben, und das ist viel umständlicher. Verschaffen Sie sich doch lieber den Namen Ihrer Tante hinten drauf, dann können Sie schon morgen das Geld bekommen.«

»Wann können Sie zu mir kommen und mein Inventar aufnehmen?« fragte Svend.

»Ich will sehen, daß ich mich morgen vormittag in aller Stille zu Ihnen schleichen kann. Vielleicht schicke ich auch Pedersen, meinen Prokuristen. Aber ich begreife Sie, ehrlich gestanden, nicht, Herr Byge. Es ist doch nicht Ihre Absicht, mich oder Ihre Tante um das Geld zu betrügen – also –«

»Das ist nun mal ein Prinzip von mir!« Svend konnte trotz seines Ekels vor dem Kerl ein Lächeln nicht unterdrücken, »ein Prinzip, das ich und das Strafgesetz gemeinsam haben.«

»Das verstehe ich nicht!« sagte Nielsen und machte ein dummes Gesicht.

»Na, ja, wie Sie wollen,« fügte er hinzu und erhob sich schwerfällig. »Ich will sehen, daß ich morgen früh zu Ihnen kommen kann – dann können Sie sich hier übermorgen das Geld abholen. Ist es Ihnen so recht?«

»Ja,« sagte Svend. »Adieu!«

 

Am nächsten Tage gegen elf Uhr klingelte Herr J. O. Nielsen bei Svend.

Er blickte sich in den beiden Zimmern um, schimpfte, daß nicht mehr da sei, und wollte ihm für alles nur zweihundertundfünfzig Kronen borgen.

Dann wurde alles gebucht.

Kurz darauf kam Pedersen, der mit bei der Taxierung half und als Zeuge unterschrieb; er verlangte fünf Kronen von dem Schuldner für seine Mühe.

Das Ganze vollzog sich nett und ruhig. Sowohl Nielsen wie sein Prokurist sprachen mit gedämpften Stimmen, so daß keine Einzelheiten hinter der mit einer Portiere verhangenen Tür gehört werden konnten. Man merkte, daß sie gewohnt waren, in besseren Häusern zu arbeiten.

Das Dokument wurde gleich ausgefertigt. Tags darauf erschien Svend in Nielsens Kontor, unterschrieb in Prokurist Pedersens Gegenwart und empfing zwei verhältnismäßig neue Hundertkronenscheine und fünf sehr schmutzige Zehner.

Pedersen bekam seine fünf Kronen und murmelte etwas von einer Flasche Bier, was aber weder bei J. O. Nielsen noch bei Svend, der mit seiner teuer erkauften Beute davoneilte, auf günstigen Boden fiel.

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