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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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17

Der erste Januar kam mit stillem, klarem Frostwetter. Als Svend sein Rouleau aufrollte, lag der Park mit seinen bereiften Bäumen und Büschen in blendendem Morgenlicht da. Dort draußen glühte eine Hoffnung so stark und reich, daß der Mißmut mit einem Schlage aus seinem Gemüt entschwand.

Er streckte seine Arme dem Leben entgegen und jubelte über die erste Verzauberung des Jahres.

Nachdem er gefrühstückt und eine Weile in die schimmernde Landschaft geblickt hatte, zog er sich an und ging in den Park.

Dort war es voll von Spaziergängern. Die Leute kamen schon aus der Kirche. Die Glocken läuteten. Ein tiefer Baßton brummte um die Wette mit einem höheren, helleren. Die Glocken schienen einander überzeugen zu wollen, die eine von dem Düsteren, die andere von dem Heiteren.

Svend ging zum Teich, in der Mitte des Parkes. Dort schwammen Schwäne und schnappten mit einer Haltung nach dem Brot, das ihnen zugeworfen wurde, als erwiesen sie den Menschen eine Ehre, wenn sie ihre Brotkrumen nahmen.

Svend blieb plötzlich stehen und griff sich mit einer unwillkürlichen Bewegung ans Herz. Die junge Dame dort, die sich über einen kleinen geputzten Knaben beugte, um ihm die Nase zu trocknen, während ein anderes Kind, noch kleiner und noch geputzter, neben ihr trippelte und zwei großen Schwänen Furcht einjagen wollte, indem es seine kleinen Fausthandschuhe gegeneinander schlug – ja – das war Ellen. Und das waren Henning und Jörgen.

Tränen schossen ihm in die Augen und blendeten seinen Blick. Er zog sich in eine Seitenallee zurück, um sie zu betrachten, ohne selbst gesehen zu werden. Es erschien ihm unfaßbar, daß diese flotte, junge Frau, für die das Leben so munter wie ein Scherz zu sein schien, die Seine gewesen war, daß sie wirklich Tag und Nacht Seite an Seite gelebt hatten.

Und die beiden Kleinen – Henning und Jörgen –, das waren seine Knaben. Als er sie zum letztenmal sah, spielten sie auf dem Teppich. Sie ritten auf seinen Knien, während er ihnen etwas vorsang – und jetzt – jetzt würden sie ihn kaum wiedererkennen, wenn er plötzlich vor ihnen stünde.

Wie bitter das war! – Wie kalt, wie einsam! Was hatte er verbrochen, daß ihm alles genommen worden war!

Wieder wurden seine Augen von Tränen geblendet.

Ellen hatte Brot mit, das die Kleinen den Schwänen zuwerfen durften. Sie waren entzückt und plauderten unausgesetzt.

Als das Brot schließlich aufgezehrt war, bürstete sie sich mit ihrem Muff die Krumen vom Rock, ordnete die Kleider der Kinder und wandte sich zum Gehen.

Svend folgte ihnen von fern. Er verlor sie nicht aus dem Auge, solange sie im Park waren. Als sie durch das Gittertor hinausgingen, blieb er stehen und sah ihnen nach, bis er ihren großen Trauerhut und die weißen Handschuhe der Kleinen nicht mehr unterscheiden konnte.

Da kehrte er traurig in seine einsamen Stuben zurück.

Die ersten Tage nach Neujahr benutzte Svend, um sich auf seine augenblickliche Lage zu besinnen. Sein Geld war bald zu Ende. Er mußte sparen, einen Ausweg suchen.

Leider sah es so aus, als würde seine Sache mit dem Ministerium im Sande verlaufen. Sie hatte keine für ihn sichtbare Spur hinterlassen.

Der Gedanke, zu Kammerherrn Tithoff zu gehen, wie der Kabinettsekretär ihm geraten hatte, war von vornherein ausgeschlossen.

Aber irgend etwas mußte er tun.

Er hatte bereits vor längerer Zeit seine Gedanken über das herrschende System und seine Schäden niedergeschrieben. Sie hatten sich unwillkürlich zu einem polemischen Aufsatz geformt; und als er sie jetzt von neuem durchlas, kam ihm der Gedanke, daß er einen scharfen und treffsicheren Zeitungsartikel daraus machen könne.

Er machte sich sofort an die Arbeit; und bereits bevor es Abend wurde, war der Artikel fertig.

Er hieß »Das herrschende System«, beschuldigte die Regierung ziemlich unverblümt der Abhängigkeit von einer näher bezeichneten Privatperson und endete mit der direkten Aufforderung an die Minister, abzudanken.

Nachdem er lange hin und her überlegt hatte, kam er schließlich zu der Überzeugung, daß er den Artikel nirgends anders angebracht bekommen würde als in der Zeitung, die den Mut gehabt hatte, seinen Schwiegervater zu verdächtigen.

Der Redakteur – ein kleiner grauhaariger Herr mit festgeschlossenen Lippen und ausdruckslosen, wasserblauen Augen hinter einem goldenen Kneifer – bot Svend mit einer eigenen, vorsichtigen Höflichkeit einen Stuhl an.

Es lag ein halb neugieriger, halb mitleidiger Blick in seinen blassen Augen, als ob er Svend nicht recht ernst nähme; es war offenbar, daß auch er von der Sache gehört hatte und sie von einem voreingenommenen Standpunkt betrachtete.

Er las den Artikel durch, während Svend dabeisaß.

»Ja, Herr Byge,« sagte er nach einem Augenblick der Überlegung, während er seinen Kneifer sorgfältig mit seinem Taschentuch putzte, »der Artikel ist gut geschrieben, aber er ist zu scharf. Es tut mir leid, daß ich ihn nicht bringen kann. Wir haben ja schon früher in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen« – der Redakteur lächelte schalkhaft – »Sie erinnern sich vielleicht, wie die ganze Bürgerschaft über uns herfiel, als wir Departementschef Kruse angriffen.«

Dann legte er sein Gesicht in würdige Falten, setzte den Kneifer auf und fügte hinzu:

»Außerdem bin ich nicht davon überzeugt, daß es so schlimm ist, wie Sie schreiben. Welten ist ja wirklich einer unserer wenigen bedeutenden Männer, dem ich – eh – keinen Stein in den Weg legen will, solange ich nicht persönlich davon überzeugt bin, daß es für das Land notwendig ist. Und wie gesagt, ich glaube es nicht.«

Aha, dachte Svend bitter, auch hier hat der Allmächtige seine Hand im Spiel gehabt.

»Ihrer selbst wegen, Herr Byge,« fügte der Redakteur mit väterlichem Wohlwollen hinzu, »möchte ich Ihnen raten, den Artikel in der Schublade zu lassen. Ein so scharfer Artikel muß mit einem Namen gedeckt werden. Und ich fürchte, er kann gerade von Ihrer Hand – ein Mann, der seinen Abschied im Zorn genommen hat – ohne Wirkung bleiben, weil man ihm mit einem Achselzucken und dem kleinen Wort: ›Querulant‹ begegnen wird.«

Querulant?

Svend sah ihn erstaunt an. Das war etwas Neues. Es erfüllte ihn mit einem so plötzlichen Zorn, daß das Blut ihm heftig zum Herzen drang. Er meinte doch, daß er die Sache von allen Gesichtspunkten betrachtet hatte, aber dies war ihm noch nicht eingefallen.

Querulant!

Dies Wort traf ihn hart. Er fühlte, wie boshaft es war, wie gewissenlos, wie mächtig im Munde derer, die es zur rechten Zeit und am rechten Ort zu gebrauchen verstanden.

Hatte man ihn vielleicht schon mit diesem schwarzen Stempel der Wahnvorstellung versehen?

Er fühlte die Augen des Redakteurs auf sich ruhen, darum nahm er sich rasch zusammen, griff nach dem Artikel, steckte ihn ohne ein Wort zu sagen in die Tasche, verbeugte sich und ging, während der kleine grauhaarige Redakteur sich verblüfft erhob, um ihn zur Tür zu begleiten, es aufgab, sich wieder setzte und ihn mit einem indignierten Kopfschütteln aus seinem Leben strich.

Svend war erbittert. Das war wie ein Drachenkampf. Nirgends etwas, das er treffen konnte. Alles entglitt ihm aalglatt, um ihn hinterher vom Rücken zu umspannen.

Querulant!

Was für eine niederträchtige Waffe! Denjenigen, der für sein Recht kämpft, zu einem Unzurechnungsfähigen zu machen, mit dem man Mitleid hat, und sich damit der Frage des Unrechts zu entledigen.

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