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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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16

Der kleine, zierliche Kabinettsekretär erhob sich von seinem Sofa und kam ihm freundlich lächelnd entgegen.

Es war ein ganz anderer Empfang als beim erstenmal.

Die Liebenswürdigkeit verblüffte Svend, der sich gegen kühle Zurückhaltung gewappnet hatte.

»Ich bin erfreut. Sie zu sehen,« sagte der Sekretär und gab ihm seine ganze Hand.

Svend nahm im Sessel Platz und brachte sein Anliegen vor.

Der Kabinettsekretär tat sehr erstaunt.

So hätte er die Sache gar nicht aufgefaßt. Er könne ihm versichern, daß Seine Majestät einen vorzüglichen Eindruck von ihm bekommen und sich sehr gnädig über ihn geäußert habe; aber der König hätte auch die Auffassung, daß er seinen Abschied genommen habe, um ein vollkommen unabhängiger und freier Mann zu werden.

Svend betrachtete den Kabinettsekretär, dessen kleine, lebhafte Augen munter blitzten, voller Erstaunen.

»Sie vergessen das Unrecht, das man mir im Ministerium zugefügt hat!« sagte er ernst.

Der Kabinettsekretär lächelte, als ob Svend einen Witz gemacht hätte; als der junge Mann aber unverändert ernst blieb, beugte er sich vor und sagte:

»Wenn Sie im Staatsdienst bleiben wollten, weshalb dann dieser Umweg durch Abschied?«

»Ich hatte keinen anderen Weg, um meine Ansprüche geltend zu machen!«

Jetzt schien ihm der Augenblick gekommen, wo er den Kabinettsekretär ausforschen konnte.

»Ich habe Grund anzunehmen,« fügte Svend hinzu, »daß Seine Majestät nicht nur meine Ansprüche verstanden, sondern auch dem Betreffenden gegenüber Schritte unternommen hat –«

Der Kabinettsekretär sah hastig auf.

»Wie meinen Sie das?«

»Daß Seine Majestät mit Kammerherrn Tithoff gesprochen hat, wie es seine Absicht war.«

»Das hat er sicher; aber wie gesagt: ich habe den Eindruck, daß weder der König noch der Minister Sie so verstanden haben, daß Sie in ein neues Amt einzutreten wünschen.«

Er lächelte wieder mit fast herausfordernder Liebenswürdigkeit.

»Es ist ja nur begreiflich,« fügte er hinzu, »daß ein junger vermögender Mann wie Sie sich nicht durch ein öffentliches Amt binden möchte. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich sicher ebenso handeln.«

»Vermögend?«

Svend sah erstaunt auf. Was sollte das heißen? – War es Unwissenheit oder ein Versuch, ihm sein Verhältnis zu Kruse zu entlocken.

Nach einem Augenblick der Überlegung sagte er:

»Ich gestatte mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich nach Lösung meiner Ehe auf jeglichen Anteil an dem hinterlassenen Vermögen meines Schwiegervaters verzichtet habe.«

»Das meinte ich auch gar nicht!« sagte der Kabinettsekretär mit unveränderter Liebenswürdigkeit. » Enfin! – Wenn Sie nicht darüber zu sprechen wünschen, so lassen wir das.«

Svend hatte den bestimmten Eindruck, daß der Kabinettsekretär wirklich meinte, daß er ihm etwas verbergen wolle. Deshalb beeilte er sich zu versichern:

»Ich bin alles andere als vermögend, und wenn ich –« er war dicht daran zu verraten, daß seine Anfrage nach einem Amt nur ein Vorwand sei, aber er schwenkte noch rechtzeitig ab – »und wenn ich mich der Hoffnung hingebe, ein neues Amt, natürlich in einem anderen Etat, zu bekommen, so ist es, um der Zukunft unbekümmert ins Auge blicken zu können, bis –«

Er wollte sagen:

»Bis ich mir einen Weg zu einer politischen Wirksamkeit gebahnt habe.«

Der Kabinettsekretär aber mißverstand ihn und unterbrach ihn lächelnd:

»Ich verstehe – bis Ihre Zeit gekommen ist.«

Dann erhob er sich und sagte wie in einer naheliegenden Gedankenverbindung:

»Sagen Sie mal, Herr Byge, wie alt ist eigentlich Ihre Tante, die Konferenzrätin Byge?«

Svend sah erstaunt auf. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf. Der Kabinettsekretär spielte auf Onkel Kaspers Vermögen an.

Das Blut stieg ihm zu Kopf. Es war jetzt das dritte Mal, daß ihm diese Anspielung in einer ernsten Unterredung begegnete. Es schien, als ob alle anderen, vom Prinzen und Kruse, bis zu dem Assessor bei Didrichsen, über diese Sache Bescheid wußten, nur für ihn war sie beständig in Dunkel gehüllt.

War wirklich etwas Wahres daran? Tausend Gedanken und Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Er fand keine Zeit zur Überlegung, ob er dementieren oder mit Stillschweigen darüber hingehen sollte, darum begnügte er sich damit, die gestellte Frage zu beantworten.

»Meine Tante ist, soviel ich weiß, neunundsechzig Jahre alt; aber sie ist sehr leidend.« »Das tut mir leid!« sagte der Kabinettsekretär bedauernd. Die kleinen lebhaften Augen aber blinzelten Svend ein »Gottlob« zu.

Indem er Svend zur Tür begleitete, sagte er:

»Ich kann natürlich nicht dafür einstehen, was Kammerherr Tithoff für einen Eindruck bekommen hat; aber wenn Sie wirklich ein neues Amt wünschen, so möchte ich Ihnen doch raten, zu ihm zu gehen. Es ist ja nicht unmöglich, daß Tithoff irgend etwas für Sie hat, was er Ihnen anbieten kann. Er ist ja so ein außerordentlich wohlwollender Mann, dem es gar nicht ähnlich sieht, vorsätzlich ein gegebenes Versprechen zu brechen.«

Svend antwortete nichts.

Auf seinem Wege nach Hause war er so von den Worten des Kabinettsekretärs über seine Vermögensverhältnisse in Anspruch genommen, daß er weder sah noch hörte, was um ihn herum vorging. Er fuhr darum zusammen, als dicht neben ihm eine wohlbekannte Stimme »guten Tag, Byge« sagte.

Es war Premierleutnant Flindt, der Adjutant des Prinzen. Der kleine, runde Offizier strahlte förmlich vor guter Laune und Selbstzufriedenheit in dem klaren Frostwetter, unter einem graublauen Himmel.

»Wie geht's Ihnen? Lange her, seit wir uns gesehen haben!« Flindt drückte ihm herzlich die Hand und Svend verstand, daß er damit sagen wollte, daß seine Ehescheidung und Entlassung das gute Verhältnis zwischen ihnen nicht getrübt habe.

Sie gingen ein Stück zusammen.

Svend konnte es nicht unterlassen, nach dem Prinzen zu fragen.

»Es geht ihm großartig!« sagte Flindt, fühlte aber im selben Augenblick instinktiv, daß Svend ihn vielleicht mißverstehen würde. Man konnte ja nicht wissen, was Ellen ihm gesagt hatte, denn Flindt wußte aus Erfahrung, daß bei ehelichen Auseinandersetzungen der eine Teil dem anderen gewöhnlich das an den Kopf wirft, was dem anderen am unangenehmsten zu hören ist.

Er beeilte sich deshalb hinzuzufügen, indem er Svend mit seinen lebenslustigen Augen fest ansah:

»Ich muß Ihnen sagen, mein lieber Byge, daß Sie einen großen Bewunderer in Seiner Durchlaucht haben.«

»Wirklich?« Svend bekam einen strammen Zug um den Mund. Flindt aber faßte ihn unterm Arm und fuhr eifrig fort:

»Ja, wahrhaftig. Von solchen Leuten wie Byge müßten wir mehr haben, sagte er neulich, als von Ihrem Abschied und – eh – der Audienz beim König die Rede war.«

Flindt preßte seinen Arm:

»Verflucht schneidig von Ihnen! Abschied aus Überzeugung. Das macht Ihnen niemand nach. Und dann eine alte, gebrechliche Erbtante im Rücken – ha, ha. Ich beneide Sie von ganzem Herzen, Byge, tatsächlich. Sie nehmen eine ganz exzeptionelle Stellung ein.«

Auch er sprach von der Erbschaft. Das mußte ja in der ganzen Stadt bekannt sein. Er wollte diesem Gerücht doch mal auf den Grund gehen.

»Erbtante? Was wissen Sie eigentlich davon, Flindt?« fragte er und sah ihn fest an.

»Gott bewahre, wenn es ein Geheimnis sein soll, so weiß ich natürlich nichts.«

»Nein, sagen Sie mir bitte die Wahrheit!«

Flindt sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er verständnisvoll:

»Ach, lassen Sie mich in Ruh, Sie Geheimniskrämer. Das weiß doch alle Welt.«

»Woher wissen Sie es aber?«

»Ich?« Flindt dachte nach. »Ich weiß es wohl vom Prinzen – oder von meiner Frau – oder ich hab es im Ministerium gehört. Wenn es übrigens ein Geheimnis sein soll, so ist es ungewöhnlich schlecht verwahrt. Wissen Sie, Byge, so was kann nicht geheimgehalten werden. Ich will gern glauben, daß es die Absicht Ihres ehrenwerten Onkels war – das sieht alten Leuten, die etwas zu vererben haben, ähnlich. Wenn man nur eine Andeutung auf ihr Testament macht, bekommen sie schon einen Schlaganfall. War der Alte nicht auch ein bißchen geizig – vorsichtig mit jungen Leuten, und so?«

Svend nickte.

»Da haben Sie's. Und dann steigt er ins Grab und meint, was die Witwe und der Rechtsanwalt und die Zeugen und der Notar wissen, das könne ewig ein Geheimnis bleiben.«

Flindt lachte nachsichtig, und Svend unterließ es zu widersprechen. Er wußte ja doch nichts, und vielleicht war es das klügste, die Leute bei ihrem Glauben zu lassen.

Rechtsanwalt – Notar!

Wieder ein Streiflicht. Hatte Assessor Hansen nicht gesagt, daß er sich Konferenzrat Byges erinnerte? Sollte er bei der Unterschrift des Testaments zugegen gewesen sein?

Der Gedanke beschäftigte ihn so stark, daß er sich Flindts so schnell wie möglich zu entledigen versuchte.

Sie schieden mit einem freundschaftlichen Händedruck voneinander.

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