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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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14

Als Svend nachmittags voller Hoffnung zu v. Falk kam und ihm von der Audienz erzählte, sah dieser ihn bewundernd an:

»Wie konnten Sie sich nur dazu überwinden!«

Nachdem sie sich eine Zigarre angezündet und es sich behaglich gemacht hatten, Svend im Sofa und v. Falk auf der Chaiselongue, fragte Svend:

»Was meinen Sie, daß sich jetzt ereignen wird?«

v. Falk blies langsam den Rauch von sich.

»Nichts. Der König wird Tithoff rufen lassen. Tithoff wird ihm etwas von Weltens ungeheurer Bedeutung für den Staat vorschwatzen, von der Schändlichkeit, Weltens nationale Bestrebungen und sein hübsches Zusammenarbeiten mit der Regierung zu verdächtigen. Und von Ihnen –«

»Von mir?«

»Von Ihnen wird man sagen, daß Sie an Unreife und Größenwahn leiden und darum nur auf einem sehr bescheidenen Platz verwendet werden können; worauf Tithoff irgendein unschädliches kleines Kassenamt für Sie aussuchen wird, mit der boshaften Bemerkung, daß Sie auf Grund Ihrer unbestechlichen Rechtschaffenheit und Ihres sozialen Reinlichkeitssinnes für diesen Posten besonders geeignet seien.«

Svend sprang auf und stellte sich vor v. Falk hin:

»Herrgott, seien Sie doch ernsthaft!«

Falk betrachtete ihn lange, und es kam eine eigene Wehmut in seine großen, schweren Augen, als er sagte:

»Ich bin ernst, vollkommen ernst.«

Wieder blies er den Rauch in einer langen Wolke von sich und fügte mit weicher Stimme hinzu:

»Ich fürchte für Ihre Zukunft, lieber Byge, Sie werden viel durchmachen müssen, bevor Sie – bevor Sie zur Ruhe kommen.«

Svend sah ihn an. Tief in ihm dämmerte die Erkenntnis, daß Falk recht haben mochte; aber er wagte nicht, es sich einzugestehen. Er setzte sich wieder still auf seinen Platz, während Falk ihm mit den Augen folgte und sagte:

»Dennoch bereue ich es nicht, Byge, daß ich Ihnen so geraten habe. Menschen wie Sie, müssen der reinen Linie folgen – können nur von persönlichen Erfahrungen belehrt werden. Es war nicht nur mein experimentaler Schönheitsdrang, der mit mir durchging. Nicht Egoismus allein.«

Svend beugte sich vor und starrte durch das Halbdunkel auf Falks großes weißes Gesicht.

»Egoismus?« fragte er erstaunt.

Falk antwortete nicht.

Svend verließ seine große Wohnung und mietete sich in zwei Dachstuben ein, die er mit seinen eigenen Möbeln möblierte. Denn jetzt mußte gespart werden.

Er hatte Aussicht über einen Park, und die Nachmittagssonne schien auf seine Fenster.

Das erste Frühstück bekam er von der Frau, bei der er wohnte, einer einsamen, alten Schutzmannswitwe. Die übrigen Mahlzeiten aß er in einem Restaurant. Das war einsam und trist.

Es verging kein Abend, wenn er in seine einsamen Zimmer zurückkehrte, ohne daß er an Ellen und seine Knaben dachte. Es geschah auch, daß er weinend sein Kopfkissen zerdrückte, bevor er Ruhe fand. Des Morgens aber war er stark und sicher im Gefühl, das Rechte erwählt zu haben.

Er gewöhnte sich schließlich an sein neues Leben, das ihm nach dem Abschied im Ministerium viel Zeit für seine Anwaltstätigkeit ließ, der er sich mit Eifer widmete. Er war wie in der ersten Zeit der erste morgens im Kontor und der letzte, der ging.

Seit dem Bruch mit Ellen und den darauf folgenden privaten Unterredungen mit Didrichsen war Svend schweigsam und zurückhaltend im Büro gewesen. Er war stets in seine Arbeit vertieft und sprach nur vom Geschäft.

Auch Didrichsen gegenüber beschränkte sich sein Verhältnis auf die notwendigsten Unterredungen. Svend hatte den Eindruck, als ob es Didrichsen gerade so recht sei.

Die einzige private Bemerkung, die zwischen ihnen gewechselt wurde, fiel, als der Justizrat seine Entlassung in der Zeitung gelesen hatte.

»Ich lese in der Zeitung, daß Sie Ihren Abschied genommen haben, Herr Byge.«

»Ja!« antwortete Svend.

»War das auch ein wohlüberlegter Schritt?« fragte Didrichsen vorsichtig und ernst.

Svend fühlte wohl, daß es gut gemeint war. Aber er wollte sich höchst ungern auf Näheres einlassen und antwortete darum ziemlich kurz:

»Ich hoffe es!«

Didrichsen schüttelte seufzend den Kopf.

Einige Zeit nach der Audienz beim König rief Didrichsen ihn eines Morgens in sein Privatkontor.

Als Svend ihn gedankenvoll am Fenster stehen sah, merkte er gleich, daß es sich um etwas Ernstes handelte.

Er bekam Herzklopfen und trat mit einem fragenden Gesicht näher.

Didrichsen wandte sich mit dem müden Ausdruck in den Augen zu ihm um, den Svend so gut kannte. Er machte sich etwas an den Papieren auf dem Schreibtisch zu schaffen, während er sagte:

»Ja, Herr Byge, es tut mir leid« – Svend konnte seiner Stimme anhören, daß es ihm wirklich leid tat –, »ich muß Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß ich Sie nicht mehr in meinem Büro behalten kann.«

Svend zuckte zusammen.

Nichts kam ihm unerwarteter als dies. Er hatte in der letzten Zeit mit einem Fleiß und einem Eifer gearbeitet, der seinem Prinzipal nur dienen konnte. Er kannte seinen eigenen Wert; und jetzt kassierte man ihn also.

»Gilt die Kündigung für sofort?« fragte Svend mit mühsam erkämpfter Ruhe.

»Ja! – Sie dürfen mich nicht mißverstehen,« Didrichsen hob abwehrend seine Hand, ohne ihn anzusehen, »Sie wissen, daß ich sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit bin – eine Extragage für drei Monate liegt für Sie bereit; aber ich habe – man hat mir erzählt« – hierbei blickte er von der Seite auf Svends blasses Gesicht–, »ich weiß aus bester Quelle von Ihrer Audienz bei meinem alten Freund, dem Kammerherrn Tithoff und – eh, von der beim König. Ich hoffe, Sie werden begreifen, daß ich nicht Vertrauensmann des Ministers und eh – hm! – meines hochverehrten Geschäftsfreundes Welten sein und zur selben Zeit einen jungen Mann in verantwortungsvoller Stellung in meinem Büro haben kann, der unbehindert Zutritt zu allen inneren Angelegenheiten hat – einen jungen Mann, der einen so – eh – ganz ungewöhnlichen und gegen die Herren aggressiven Schritt unternommen hat.«

Die letzten Worte kamen so leise, daß sie fast nicht zu hören waren. Svend empfing den Eindruck, daß Didrichsen hier weiter ging, als er eigentlich durfte.

Svend fand sich selbst wieder. Es war ein kitzelndes Gefühl der Befriedigung, den Schlag zu empfangen und im selben Augenblick zu verstehen, weshalb und wofür.

Es war Welten, wie Falk zu sagen pflegte. Falk hatte doch immer recht.

Jetzt sollte er ausgehungert, sollte machtlos gemacht werden. Er wußte zu viel. Er mußte von jedem Platz, von wo aus seine Stimme gehört werden konnte, entfernt werden.

Es war wie ein erfrischendes Gewitter, hier zu stehen und den Schlag zu empfangen. Er sah den alten Geheimrat mit seinen eingefrorenen Runzeln vor sich. Er brannte darauf, sich an ihm zu rächen, und zur selben Zeit kam er ihm ganz nah – es war lächerlich –, so nah wie in Freundschaft. Er empfand trotz seines Hasses und seines Zornes ein blindes Gefühl von Bewunderung für seine Starke und seine Rücksichtslosigkeit.

»Ich begreife diesen Schritt sehr gut!« sagte er und trat dicht an den Schreibtisch heran. Um seinen Mund lag ein so seltsames Lächeln, daß es Didrichsen ganz unheimlich zumute wurde.

»Welten hat meinen Kopf verlangt!« sagte er scharf und lachte.

Didrichsen wollte etwas Würdiges und Abweisendes sagen. Ein Blick auf Svends Gesicht aber ließ ihn verstummen. Er fürchtete eine Explosion. Dieser junge Brausekopf mußte sich ja entladen. In Gottes Namen, aber nur nicht bei ihm.

Didrichsen beeilte sich, ihm sein Gehalt zu geben.

Svend machte erst eine Bewegung, als wolle er es zurückweisen, bedachte sich dann aber und zählte es zum Erstaunen des Justizrates ruhig nach.

Gott sei Dank! – Didrichsen atmete erleichtert auf – er nahm die Sache also vernünftig.

Als Svend die Tür erreicht hatte, drehte er sich um und fragte höflich:

»Darf ich auf eine Empfehlung von Ihnen rechnen, Herr Justizrat?«

Didrichsen blickte verlegen auf seine Fingerspitzen. Das war ja der schwierige Punkt. Er würde es ja mehr als gern tun, aber er wagte es nicht. Was würde es nützen, wenn er zu einem anderen Rechtsanwalt käme, wo er frei reden konnte. Nein, er mußte fort, in andere Kreise, wo er keinen Schaden anrichten konnte. Da war die kleine Steuereinnehmerstellung, die Tithoff für ihn in Bereitschaft hatte, wenn er mürbe geworden war. Der Ärmste, warum verfuhr er so schlecht mit sich selbst. Er mußte doch mal das Leben und die Welt, in der er arbeiten sollte, kennen lernen.

Oder war er verrückt?

Dieser Gedanke tauchte plötzlich in ihm auf und ließ ihn mit ängstlichen Augen in die Höhe blicken. Aber nein! Er hatte einen Starrkopf, einen Heißsporn vor sich, aber keinen Verrückten. Didrichsen faßte Mut. Er ging auf Svend zu, legte ihm die Hand auf die Schulter, sah ihm in die Augen und sagte:

»Lieber Byge, glauben Sie einem alten, erfahrenen Mann: Dort, wo Sie jetzt gehen, führt kein Weg vorwärts.«

Svend richtete sich auf und betrachtete ihn kalten Blickes.

»Wollen Sie mir eine Empfehlung geben, Herr Justizrat, ja oder nein?«

Didrichsen duckte sich, zog seine Hand zurück und sagte mit einem tiefen Seufzer:

»Solange Sie das Leben so wie jetzt betrachten und danach handeln, kann und wage ich Ihnen keine Empfehlung zu geben, die Ihnen eine Vertrauensstellung in der juristischen Welt öffnet.«

Svend versuchte die Tiefe dieser ernsten Worte zu loten. Er fühlte, daß sie ehrlich waren, und antwortete bewegt:

»Leben Sie wohl, Herr Justizrat, und Dank für die Zeit, die ich in Ihrem Geschäft gearbeitet habe.«

Didrichsen wandte sich um, als habe jemand ihn beim Namen gerufen. Es blitzte in seinen Augen, entweder von einer Träne oder von einem Hoffnungsschimmer.

Er nahm Svends Hand in seine beiden.

»Leben Sie wohl, Byge,« sagte er leise, »und kommt eine Zeit, wo es Ihnen schlecht geht, dann kommen Sie zu mir. Das müssen Sie mir versprechen!«

Svend beugte schweigend den Kopf. Er konnte vor Bewegung nicht sprechen.

Dann verließ er das Zimmer.

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