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Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Zweiter Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida3d8e670
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Drittes Buch

1

Ein ganzes langes Jahr war seit jenem Nachmittag, als Svend zu Ellen kam und seine Schuld gestand, vergangen.

Ein ereignisreiches Jahr, insofern als es Kruse zu einem einsamen Mann gemacht, Svend und Ellen in einem mit allem modernen Komfort eingerichteten Heim vereinigt, den neugebackenen Ehemann und seinen Mitarbeiter Juhl durch eine Erweiterung von Brynchs Departement, bei der Kruse seine Hand im Spiel gehabt, zu Assessoren gemacht und schließlich für eine nah bevorstehende Familienvergrößerung gesorgt hatte.

Mit dem allerersten wurde bei Assessor Byges ein Erbe erwartet und Ellen war aus diesem Grunde bereits im September von Wildpark in die Stadt gezogen, obgleich das Wetter noch mild und sommerlich war.

Die Zeit vom Oktober bis zum Hochzeitstage am siebenten Januar war viel zu kurz gewesen. Es war unmöglich gewesen, all die tausend Dinge zu erledigen, die dazu gehören, das Heim eines wohlhabenden jungen Mädchens aufzubauen.

Dann kam der Tag mit der Trauung in der Frauenkirche, Diner im Hause des Departementschefs und der Abreise nach der Brautnacht im Hotel in Korsör.

Sie waren drei Wochen in Paris gewesen, wo sie die Erinnerungen aus ihren ersten Verlobungstagen aufgefrischt hatten. Jetzt aber war es Winter. Auf dem Rasen im Garten von Versailles, wo sie damals im Gras gelegen und an einem strahlenden Morgen die Vögel hatten singen hören, lag jetzt Schnee.

Svend konnte es nicht vor sich selbst verbergen, daß er in Gedanken bereits »damals« sagte.

Er blickte ängstlich zu ihr hin. Auch über ihren Brauen lag ein leiser Wehmutsschatten.

Wie kann es nur sein, dachte er, daß wir einander eigentlich vor unserer Hochzeit näher waren als jetzt, wo wir Tag und Nacht beisammen sind?

Er hatte sich ihre Ehe anders vorgestellt. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen. Aber es war eine heimliche Enttäuschung da.

Da war ein Vorbehalt in ihrer Hingabe – nicht gerade Keuschheit – wohl aber Angst. Nein, auch nicht Angst.

Sehr viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm übrigens nicht. Sie waren den ganzen Tag auf der Fahrt, in den Museen, in den Champs Elysées, im Bois. Sie aßen jeden Tag in einem neuen Restaurant und waren jeden Abend in einem neuen Lokal. Ellen zog die Varietees vor; und in einem derselben hatte sie ein Erlebnis, das sie lebhaft interessierte.

Eines Abends saß zufällig neben ihnen in einer Loge – der Kammersänger. Er war allein. Da er Svend von Ansehen kannte – er war ihm mehrere Male mit Falk zusammen begegnet – so stellte er sich vor.

Ellen konnte ihre Freude über diese neue Bekanntschaft nicht verbergen. Oder es lag ihr nicht daran, sie zu verbergen. Mit strahlenden Augen und roten Wangen lauschte sie der herrlichen Stimme und erkannte bald die eine, bald die andere Handbewegung von der Bühne.

Sie aßen zusammen auf dem Boulevard zu Abend und waren sich einig, die Bekanntschaft in Kopenhagen zu erneuern, wenn der Kammersänger von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Italien zurückgekehrt sein würde.

Als die drei Wochen schließlich um waren, waren sie beide müde und nervös, und Svend sehnte sich nach einem geordneten und regelmäßigen Leben.

Die ersten Tage im neuen Heim waren voller Freude und Zufriedenheit. Es war ihnen beiden ein Fest, ihre Füße unter den eigenen eleganten und massiven Wohnstubentisch setzen zu können.

Es war ein Genuß, den eigenen Kaffee nach Tisch im eigenen bequemen Lehnstuhl zu trinken, die Füße auf dem eigenen weichen, persischen Teppich, während der Blick auf dem eigenen stilvollen Bücherschrank aus Mahagoni ruhte.

Es war eine Augenweide, Ellens hübsche Schultern sich in häuslicher Tätigkeit bewegen, ihre Augen sanft strahlen zu sehen, während sie umherging und die ganze häusliche Maschinerie prüfte, von den elektrischen Glockenzügen bis zu den Wasserhähnen im Badezimmer.

Es war amüsant, sie in ihrem eigenen Heim Besuche annehmen, sie mit eleganten Handbewegungen Plätze in bequemen Stühlen, die ihm und ihr gehörten, anweisen zu sehen.

Er erkannte ihre Meisterschaft in allen gesellschaftlichen Dingen an.

Bald aber war es nicht mehr neu – weder für ihn noch für sie.

Er hatte viel in seinen beiden Kontoren zu tun; sie war viel allein. Darum langweilte sie sich und begann wieder das Leben, das sie als junges Mädchen geführt hatte.

Vormittags Besorgungen in der Stadt, dann zum Konditor, um Freundinnen zu treffen; ein munterer Spaziergang und dann nach Hause zum Mittagessen, das sie nicht persönlich beaufsichtigte. Sie war von ihrem Elternhaus nicht daran gewöhnt, und sie hatten eine perfekte Köchin, die beleidigt war, wenn die Hausfrau in die Küche kam.

 

Ein ereignisreiches Jahr war es auch für Svends Arbeitsleben geworden. Erstens seine Beförderung im Ministerium und zweitens hatte Didrichsen ihm kurz nach seiner Heimkehr eine verantwortungsreichere Stellung gegeben.

Das Gefühl der Verantwortung erhöhte seine Arbeitslust. Er kam früher als irgendeiner der anderen und ging häufig nach dem Mittagessen wieder hin.

Ellen sah diese Nachmittagsarbeit ungern. Sie gab Veranlassung zu Tränen.

Das erstemal ging es ihm sehr zu Herzen. Er küßte sie und blieb zu Hause. Sie hatten einen gemütlichen Abend wie in der allerersten Zeit.

Das zweitemal, als es geschah, gab er auch nach; diesmal aber wurde es ein Theaterabend mit darauffolgendem Souper.

Das drittemal versuchte er fest zu bleiben. Er versuchte sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß er seine Arbeit zu seiner und anderer Zufriedenheit machen müsse. Er appellierte an ihre Eitelkeit. Wollte sie einen Mann haben, der es nie zu etwas anderem als zum Assessor im Ministerium brachte? Er erinnerte sie an das, was er ihr schon vor langer Zeit anvertraut hatte, daß er darauf hinarbeite, sich eine Position zu verschaffen, von der aus er mit Gewicht eine öffentliche Tätigkeit aufnehmen könnte.

Sie kümmerte sich nicht um seine Worte. Sie machte die Frage im stillen zu einer Kraftprobe zwischen ihnen. Sie wollte ihren Willen haben, weil sie die Stärkere sein wollte. Und sie wurde die Stärkere. Svend gab nach und blieb wie die vorigen Male zu Hause.

Als es aber das nächstemal geschah, da wurde ihm plötzlich klar – ein unbeherrschter Blick ihrer Augen verriet es ihm –, daß es weder Furcht vor einem langen, langweiligen Abend, noch Trauer, ihn gehen zu sehen, sondern nur eine Kraftprobe, ein kleiner, hitziger Zweikampf war, auf dem die häusliche Zukunft, so wie sie sie wünschte, aufgebaut werden sollten

Da blieb er fest. Er bat, daß etwas Abendbrot für ihn hingestellt werden möchte; er käme spät nach Hause. Und dann ging er.

Als er etwas nach elf Uhr nach Hause kam, stand das Abendbrot auf dem Tisch im Eßzimmer für ihn bereit, aber weder die Hausfrau noch das Mädchen waren da.

Er saß im Wohnzimmer und wartete auf sie. Um zwölf Uhr kam sie strahlend und mit warmen Wangen.

Sie war bei Emmy Danielsen zum Abendessen gewesen und schien ihren Zwist ganz vergessen zu haben.

Sie sang und plauderte, wahrend sie sich entkleidete, faßte ihn bei den Schultern, barg ihren Kopf girrend an seinem Halse und küßte ihn schließlich mit ihren kleinen hitzigen Küssen auf den Mund.

Ihr Atem war süß und von Wein gewürzt.

»War Besuch da?« fragte er, »du riechst nach Champagner.«

Sie lachte mit glänzenden Augen und rieb ihm die Backen mit ihren weichen Händen.

»Niemand weiter als ich. Aber du weißt ja, daß Emmy manchmal so wild und ausgelassen ist. Und als die Alten zu Bett gegangen waren, ließ sie Champagner auf ihr Zimmer kommen. Ich sage dir, es war amüsant.«

Ellen summte und tanzte vor dem Spiegel, während sie ihr Haar für die Nacht flocht.

»Aber wie bist du denn nach Hause gekommen?«

»Ich – wie ich? – ach so – der Diener hat mich natürlich begleitet.«

 

Am Ministerium wurde Svend abermals eine Beförderung zuteil.

Im Laufe des Sommers ließ Brynch ihn hereinrufen und sagte, daß er ihn zu seinem Sekretär machen wolle.

»Es ist ja jetzt Mode mit einem Sekretär,« sagte der Alte und strich sich seinen struppigen Bart, »das gab's in meinen jungen Tagen nicht. Da hatte nur der Minister einen Sekretär; aber jetzt hat sowohl Damm – und der – der im Kultusministerium, wie heißt er doch gleich – – und Ihr Schwiegervater hat ja auch einen.«

Als Svend Kruse davon erzählte, lächelte dieser und zog seine buschigen Brauen pfiffig zusammen. Er sagte nichts, Svend aber begriff gleich, daß es Kruse sei, der Brynch dazu überredet hatte.

Jersey gratulierte, als er davon hörte.

Juhl sagte »Wohl bekomm's!« mit einem kurzen Auflachen, das nicht ohne Neid war, obgleich das neue Amt keine Gehaltserhöhung, sondern nur erhöhten Fleiß mit sich brachte.

Die Arbeit mit dem Fischereigesetz war beendigt. Ein dickes Gutachten war das Resultat von Juhls und Svends vereinigten Bemühungen. Es war so gegangen, wie Jersey gesagt hatte: Sie hatten über die Sache geschrieben, aber der Prinz hatte unterschrieben, als es so weit war.

Er behauptete zwar, daß er den ganzen dicken Band durchgelesen habe. Svend glaubte es nicht; und Juhl sagte voller Überzeugung: Das fehlte gerade!

Svend hatte schon einen Teil seiner Frische zugesetzt. Der ursprüngliche Trieb, der ihn von den Dokumenten in die Wirklichkeit, von der sie handelten, hinausgetrieben hatte, genierte ihn jetzt nicht mehr. Jetzt arbeitete er mit Routine und nicht über die Bürozeit hinaus, ebenso wie die anderen.

Falk, der eines Tages aus seinem Kontor kam und Svend zwischen seinen Papieren sitzen sah, sagte belustigt:

»Recht so, Byge. Jetzt sind Sie ein echter königlich dänischer Aktenmensch geworden. Sie sollen sehen, in einem halben Jahr sind Sie ebenso verdummt wie wir anderen.«

Svend blickte hastig auf. Wie gewöhnlich wirkten v. Falks ironische Worte abstoßend und anziehend zugleich auf ihn. Er wurde sie nicht wieder los. Es war etwas Zweideutiges an v. Falk, das ihn reizte. Er ärgerte sich, daß er ihn nicht durchschauen konnte, und er wußte, daß es v. Falk belustigte, mit ihm zu experimentieren.

 

Was das öffentliche Leben des Landes anbetraf, so war es nicht so ereignisreich geworden, wie man geglaubt hatte.

In dem politischen Erdboden hatte dennoch nichts von dem verborgenen Samen gekeimt. Es war keine volkstümliche Birne gegen einen konservativen Apfel eingetauscht worden. Das regelmäßige Finanzgesetz, nach dem alles heimlich seufzte, war noch nicht gereift.

Es wurde schlimmer als je geschlampt.

Vernünftige Leute wendeten jeder Politik endgültig den Rücken. Sie schlossen sie aus jeglicher Diskussion aus und überließen sie Politikern von Profession bei öffentlichen Versammlungen.

Cholerische Menschen wurden gelb im Gesicht, wenn die Rede auf das Finanzgesetz kam.

Sanguinische Menschen, die bei dem hoffnungsvollen Beginn der Reichstagssitzung den Himmel voller Geigen hängen sahen, duckten sich bei den spöttischen Bemerkungen, ließen aber im tiefsten Innern die Hoffnung nicht fallen.

Die Pessimisten kassierten triumphierend einen neuen Sieg für ihre Lebensanschauung ein, während die Phlegmatiker ihren Geschäften nachgingen und zufrieden waren, solange alles beim alten blieb und nicht an den Steuern gerührt wurde.

Falk genoß das Ganze von seinem erhöhten Standpunkt aus wie ein Schauspiel.

Svend aber war abwechselnd voller Empörung, voll Mißmut oder voll erkämpfter Gleichgültigkeit.

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