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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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7

Gleich nach dem Begräbnis erhielt Svend ein Schreiben von einer altmodischen, steifen Hand, die er nicht kannte. Es war von der Konferenzrätin. Es lautete:

Herr stud. jur. Svend Byge!

Ich bestätige Ihnen hierdurch dieselbe Unterstützung, die mein Gatte Ihnen zu seinen Lebzeiten zukommen ließ, indem ich von der Voraussetzung ausgehe, daß Sie Ihre Studien nach Verlauf der festgesetzten fünf Jahre beendigt haben werden.

Mit freundlichem Gruß
M. Byge.      

P.S. Wollen Sie mich bitte wissen lassen, ob Sie den Frack Ihres verstorbenen Onkels haben wollen und seine juridischen Bücher.«

Dieser Brief von der Witwe seines Onkels kränkte Svend aufs tiefste. Dieselbe mißtrauische, ja fast beleidigende Kälte, die sie ihm damals bei seinem Besuch bewiesen hatte, sprach daraus.

Wofür hielt sie ihn? – Wie konnte sie es wagen, einem Byge, dessen Namen sie selbst trug, eine Unterstützung auf so kränkende Weise anzubieten?

Sie erfüllte ja nur ganz einfach eine Pflicht. Onkel Kasper hatte ihm selbst ausdrücklich gelobt, daß er durch seinen Tod keinen Verlust erleiden sollte.

Sein verletztes Ehrgefühl ließ ihn in der Nachschrift eine vorsätzliche Demütigung erkennen.

So arm waren weder Architekt Byges Witwe noch ihr Sohn, daß er darauf angewiesen war, die abgelegten Kleider seiner reichen Verwandten aufzutragen. Oh, das hätte Onkel Kasper ahnen sollen! – Aber es war ja klar, daß sie wie Hund und Katze zusammengelebt hatten. Möglich, daß Onkel Kasper knauserig und mürrisch gewesen war; aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck gehabt; er hatte einen noblen Charakter – das hatte sein verstorbener Vater auch immer gesagt.

Svend arbeitete sich schließlich in solche Wut hinein, daß er, ohne mit seiner Mutter zu beratschlagen, folgendes Antwortschreiben aufsetzte:

»Frau Konferenzrat Byge!

Indem ich Ihnen für Ihre geehrte Mitteilung danke, will ich nicht unterlassen zu bemerken, daß ich meinem lieben verstorbenen Onkel, der es mir möglich machte, meine Studien fortzusetzen, stets eine tiefempfundene Dankbarkeit bewahren werde.

Ergebenst

Svend Byge.

P.S. Es wird mir eine teure Erinnerung an Onkel Kasper sein, seine juridischen Bücher zu empfangen.«

Von dem Frack erwähnte er kein Wort. Er fand, daß es so am vornehmsten sei.

Als Svend kurz darauf seine Mutter von dem Geschehenen in Kenntnis setzte, bekam er einen sehr bekümmerten Brief von ihr.

So könne man älteren Leuten, die einem noch dazu helfen wollten, nicht schreiben. Jetzt habe er die Konferenzrätin wahrscheinlich gekränkt. Wer weiß, vielleicht habe Onkel Kasper selbst bestimmt, daß er seinen Frack erben solle. Vielleicht sei es gerade als eine Ehre gemeint.

Sein unseliger Stolz sei wieder einmal mit ihm durchgegangen. Wenn er es nicht lernen könne, sich vor denen zu beugen, die an Alter, Erfahrung, Reichtum oder Klugheit über ihm standen, so würde es ihm schlecht ergehen im Leben.

Außerdem erzählte seine Mutter, sie habe von Großmutter gehört, daß ein Testament von Onkel Kasper vorliege, daß aber keine Veränderung geschehen würde, solange Tante Mathilde lebe, auf deren Mitgift ein Teil des gemeinsamen Vermögens basiere.


Svend war zu Anfang von dem größten Eifer erfüllt gewesen, so schnell wie möglich mit seinen Studien fertig zu werden, um sich wieder als ein freier Mann zu fühlen.

Als er aber das Studentenleben näher kennen lernte und sah, wie verschwenderisch die anderen Studenten mit ihrer Zeit umgingen, da machte seine lebhafte Natur, sein Drang, das Leben kennen zu lernen, sich so heftig geltend, daß er nicht länger widerstehen konnte.

Ging er da des Vormittags von einer schematischen Vorlesung zur anderen und begrub sich, wenn er zu Mittag gegessen hatte, in große dickleibige Bücher, die die verwickeltsten Lebensverhältnisse behandelten, als seien es schematische Aufgaben, während der Lärm des lebendigen Lebens zu seiner Dachkammer herauftönte, und die Wolken am bleichen Herbsthimmel, der sich rein und hoch über schmutzige Dächer und verfallene Schornsteine wölbte, dahinjagten.

Nein, das konnte er auf die Dauer nicht aushalten. Er war doch ein Mensch wie die anderen. Was er während der ersten Zeit versäumte, würde er leicht einholen können, wenn er sich erst richtig ins Zeug legte.

Man konnte doch nicht von ihm verlangen – und das war auch sicher nicht Onkel Kaspers Meinung gewesen –, daß er Abend für Abend in seinem Dachstübchen sitzen und zusehen sollte, wie das Leben und die Jugend dort unten in dem Menschenstrom vorbei fluteten.

Zu Anfang bestand sein Lebensgenuß nun freilich nur darin, daß er nach dem Mittagessen mit seinen Studiengenossen im Restaurant sitzen blieb. Es wurde Domino gespielt, über brennende Zeitfragen diskutiert, Grog getrunken, und das Ende war schließlich, wenn die Kellner das Licht löschten, daß man sich gegenseitig nach Hause begleitete, bis die Straßen öde wurden und der Tag zu dämmern begann.

Wie trunken taumelte er dann am Vormittage aus dem Bett. Die Folge war, daß er die Vorlesungen versäumte. Er mußte sich die Kolleghefte bei einem fleißigen Studiengenossen leihen. Doch währte es nicht lange, bis er die ewige Schreiberei satt bekam und es aufgab.

Am Sonntag aber, wenn er verabredetermaßen nach Hause schreiben sollte, warf er sich seine Säumigkeit vor; doch brachte er sich nicht dazu, einen festen Vorsatz zur Besserung zu fassen. Denn sein zweites Ich – das, das sich nicht gebeugt hatte, als er die Verpflichtung gegen Onkel Kasper übernahm –, dieses Ich, das die Welt kennen lernen und dem nichts Menschliches fremd sein sollte, das setzte sich trotzig und heftig zur Wehr und pochte auf sein ursprüngliches Recht.

Es endigte dann wohl damit, daß er stundenlang, das Kinn in die Hand gestützt, über die Dächer in den Himmel hineinstarrte, verzagt, weil er sich an etwas gebunden hatte, wogegen sein persönlicher Freiheitsdrang sich wehrte.

Da stieg dann bisweilen der Gedanke flüchtig in ihm auf, daß er Onkel Kaspers Angebot nie hätte annehmen dürfen.

Er erinnerte sich der Worte seines Vaters, daß man auf seinen eigenen Füßen stehen müsse. Vielleicht war gerade das das Geheimnis des Lebens, daß man sich kopfüber hineinstürzen und entweder siegen oder zugrunde gehen mußte.

Bisweilen dachte er ernstlich daran, auf die Unterstützung zu verzichten und seine Freiheit zurückzuverlangen. Aber darin lag etwas, was seiner Rechtschaffenheit zuwider war. Der, dem er das Versprechen gegeben hatte, war ja tot; und er allein hätte ihn davon entbinden können.

Außerdem hatte er sich so daran gewöhnt, an jedem Ersten bei dem alten Bankier eine Summe zu erheben, die gerade die notwendigsten Ausgaben deckte, daß er mit Schaudern dachte, wie es ihm ergehen würde, wenn er plötzlich dem Nichts gegenüberstände.

Ach, wenn sein Vater doch gelebt hätte, dann wäre alles anders gekommen.

Was verstand seine Mutter von den Rücksichten, die eine freie Persönlichkeit sich selber schuldete?

Für sie lag die Sache so einfach, davon handelten ihre Briefe ja beständig.

Fleißig und sparsam sein und dankbar gegen Gott, der alles zum Besten lenkt, und vor allen Dingen seinen Eigensinn und seinen Stolz bekämpfen.

Jedesmal wenn er ihrer und Gerdas, die jetzt ein großes Mädchen von elf Jahren war, gedachte, wurde ihm weich ums Herz; und dann vergaß er seine freie Persönlichkeit.

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