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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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4

Architekt Byge wunderte sich, daß er, der sonst so ungewöhnlich fest auf seinen Beinen gestanden hatte, in der letzten Zeit an Schwindel litt.

Seine Frau bat ihn, einen Arzt zu Rate zu ziehen, aber davon wollte er nichts hören. Er tat seine Arbeit wie gewöhnlich, ging von seinem Zeichenbüro, wo er zwei Assistenten beschäftigte, zu den Häusern, die er im Bau hatte, und wo er die Arbeit selbst beaufsichtigte.

Die Gewissenhaftigkeit, mit der er sich persönlich von der Güte des Materials und der Arbeitsausführung überzeugte, hatte zu seinem Ruhm, den er als Künstler für die reinen und einfachen Linien seiner Arbeit genoß, noch den eines ungewöhnlich tüchtigen Bauleiters hinzugefügt. Aber ein wohlhabender Mann war er nicht geworden. Er konnte nicht mit dem smarten Geschäftssinn der neuen Generation konkurrieren. Er lieferte nie einen Plan ab, ohne daß er organisch aus seinem Innern hervorgewachsen war, während viele junge Architekten nach der Schablone arbeiteten, so daß ein einigermaßen tüchtiger Assistent eine Arbeit, von der ihm Stil und Etikette angewiesen worden war, fertigmachen konnte.

Das langsame Tempo, das eine notwendige Folge dieser persönlichen Arbeitsweise war, bewirkte, daß Aufträge, bei denen es sich um Schnelligkeit handelte, an seinem Hause vorbeigingen. Da er sich nie darauf verstanden hatte, sich bei Autoritäten beliebt zu machen, weil er ihnen bei seiner ausgesprochenen Selbständigkeit ein unwillkürliches Mißtrauen entgegenbrachte, so wurden ihm nur selten öffentliche Bauaufträge übergeben. Zeitig hatte er darum der Hauptstadt den Rücken gekehrt und sich in der nächstgrößten Stadt des Landes niedergelassen.

 

Architekt Byge war auf das Gerüst gestiegen, um ein in Sandstein ausgeführtes Ornament, das hoch saß, zu begutachten.

In seinem Eifer trat er, um besser zu sehen, ganz an den Rand des schmalen Balkens, wie er es schon so oft getan hatte. Er mußte den Kopf weit zurücklegen; in dieser angestrengten Stellung, die ihn in seinen jüngeren Jahren nie geniert hatte, wurde er vom Schwindel ergriffen.

Arbeiter, die unten standen, hörten ihn einen Schrei ausstoßen. Sie sahen ihn nach einem Halt durch die Luft greifen; seine linke Hand streifte einen Pfosten, ohne zuzufassen.

Dann fiel er hintenüber, stürzte herab und schlug im Fallen mit dem Nacken gegen die Kante der hohen Planke, die den Bauplatz einfaßte.

Als die Arbeiter herbeieilten, sahen sie gleich, daß er tot war. Es war kein Blut und keine Quetschung zu sehen; aber aus der Schlaffheit des Kopfes, als sie ihn aufhoben, sahen sie, daß der Nackenwirbel gebrochen war.

Die Leute trugen ihn nach seiner Wohnung. Der Kopf fiel auf die Brust herab, und die fleißige, feste Hand, die während des letzten Jahres so mager geworden war, hing schlaff am Handgelenk.

Dies geschah am selben Tage, als Svend sein Abiturientenexamen machte.

Munter singend sprang er die Treppe hinauf und konnte es kaum erwarten, seine Studentenmütze zu zeigen, die er sich gekauft hatte.

Er sah die Etagentür weit offenstehen, und während sein Herz stillzustehen schien, wußte er mit der Kraft einer plötzlichen Eingebung, daß ein Unglück geschehen sei.

Als er durch die offenstehende Tür ins Schlafzimmer kam, sah er seine Mutter über das Kopfkissen gebeugt liegen. Ihr Rücken bebte unter einem lautlosen Schluchzen. Er sah, wie der eine Arm seines Vaters über den Bettrand herabhing, während seine Beine in lebloser Ruhe auf der Bettdecke ausgestreckt lagen. Kopf und Brust wurden von seiner Mutter verdeckt.

Die alte Ane stand an der Tür und weinte mit gebeugtem Kopf. Als sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht zukehrte, das vor Schmerz und Mitleid bebte, war es mit seiner Fassung vorbei; und noch lange nachher erinnerte er sich des erbitterten, gegenstandslosen Zornes, der sich in den ersten Augenblicken mit dem Schmerz vermischte, ja, denselben fast noch überwog.

Nach dem Begräbnis zeigte es sich, daß Svends Vater, nachdem alles bezahlt war, nicht viel mehr als die Lebensversicherung hinterlassen hatte, die er in jungen Jahren für seine Frau gekauft hatte.

Svend begriff bald, daß er seiner Mutter nicht zur Last fallen durfte; seine Schwester Gerda war ja noch ein halbes Kind; er mußte sich seinen Unterhalt selbst verdienen und seiner Mutter eine Hilfe und Stütze sein.

Solange er lebte, sollte niemand, der zu ihm gehörte, Not leiden, das stand fest.

Er wollte, wenn er zum Semesteranfang nach Kopenhagen kam, gleich Nachhilfestunden und Schulstunden suchen, und was sich sonst einem achtzehnjährigen jungen Mann mit gutbestandenem Examen bieten mochte.

Mit einem tiefen Seufzer dachte er an all das, worauf er sich nach beendigtem Schulzwang hatte stürzen wollen.

Ach, es gab ja kaum eine Vorlesung, die in dem Halbjahrsprogramm der Universität aufgeführt war, die er nicht hatte hören wollen, von den Anfangsgründen des Sanskrit bis zu der Integral- und Differentialrechnung für Fortgeschrittenere.

Nein, nein! Er wollte nichts von alledem aufgeben.

Wer einen starken Willen besaß und warten konnte, der ging nicht einigen Schwierigkeiten aus dem Wege. Tagsüber wollte er für seinen Unterhalt arbeiten; des Nachts aber, wenn alles im Hause schlief, sollten die teuren Bücher hervorgeholt werden. So würde er schließlich alles erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Diese Überlegungen erfuhren plötzlich und unerwartet eine Wendung durch ein Ereignis, das ungefähr einen Monat nach dem Tode seines Vaters eintrat.

Eines Tages empfing seine Mutter ihn, als er nach Hause kam, mit einem freudestrahlenden Gesicht. Es war ein langer Brief von Onkel Kasper gekommen.

Der Konferenzrat schrieb, daß er gehört habe, wie bescheiden sie nach dem Tode ihres Mannes leben müßten, und da er von anderer Seite in Erfahrung gebracht habe, daß ihr Sohn Svend ein begabter junger Mensch sei, der dem Namen der Familie Ehre machen könne, so habe er beschlossen, ihn in seinem Studium zu unterstützen, damit seine Laufbahn durch den plötzlichen Tod keine Verschiebung erleide. Er wolle sie darum bitten, ihm ihren Sohn auf einen kurzen Besuch zu schicken, damit sie gemeinsam die Wahl eines Brotstudiums treffen könnten.

Svends Mutter hatte den Konferenzrat nur bei vereinzelten großen Familienfestlichkeiten getroffen.

Sie kannte ihn als einen sonderbaren, etwas mürrischen Herrn, der sehr zurückhaltend war; ihr Mann aber hatte stets seine vornehme Persönlichkeit gelobt und auf seine unbeugsame politische Überzeugung hingewiesen, die dem Lande noch nutzbringender gewesen wäre, wenn man Charakterfestigkeit in Dänemark besser zu schätzen gewußt hätte. Denn als Onkel Kasper merkte, was die neue Zeit mit sich brachte, daß mit dem, was früher für Männer unantastbar gewesen war, gelost und gehandelt und geschachert wurde, da zog er sich tief enttäuscht zurück und wurde Zuschauer wie so viele der Besten.

Auch an das, was man von seiner Kleinlichkeit und seiner Knauserigkeit erzählte, hatte Architekt Byge nie recht glauben wollen. Er pflegte mit dem ihm eigenen warmen Lächeln hinter dem blonden Bart zu sagen:

»Wer zusammenhält, was er besitzt, pflegt immer in den Augen desjenigen, der sein Eigentum verschwendet hat und nun das des anderen begehrt, für geizig ausgeschrien zu werden.«

So wurde Svend denn ausgerüstet und mit seinem besten Anzug und den besten Ermahnungen seiner Mutter in die Hauptstadt geschickt.

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