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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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18

Es verging eine Woche, ohne daß Ellen etwas von Svend sah oder hörte.

Da eines Nachmittags in der Dämmerstunde, als sie am Fenster saß und von dem Geheimnisvollen träumte, das sie gestern abend erlebt hatte, klingelte es mit den drei kurzen Zeichen, die sie gleich nach ihrer Verlobung verabredet hatten.

Ellen erhob sich hastig, prüfte im Spiegel, ob man ihrem Gesicht etwas ansehen konnte, wischte sich alle heimlichen Traume aus ihren sanften Augen, lächelte sich selbst verstohlen zu und ging in den Korridor hinaus, wo Fräulein Jensen gerade die Tür öffnete.

»Endlich!« sagte Ellen mit einem vorwurfsvollen Lächeln. Sie war gar nicht böse und streckte ihm beide Hände entgegen.

Er entledigte sich schnell seines Mantels und eilte ihr entgegen, ohne wie sonst einige freundliche Worte an Fräulein Jensen zu richten.

Ellen sah gleich, daß etwas im Wege war. Er hatte einen vergrämten Zug über der Nasenwurzel und seine Hände waren ganz kalt.

Sie dachte an ihr heimliches Erlebnis. War es möglich, daß Svend auf irgendeine Weise –?

Mit klopfendem Herzen lehnte sie sich zärtlich an ihn und versuchte seine Augen mit einem ihrer sanftesten Blicks zu fangen.

Er aber wich ihrem Blick aus und zog sie mit ins Zimmer.

»Sind wir allein?« fragte er, als sie im Sofa Platz genommen hatten, ohne daß er Miene machte, sie zu küssen.

»Papa kann jeden Augenblick aus dem Ministerium kommen.«

Voller Furcht vor dem, was kommen würde, zog sie sich soweit wie möglich von ihm in die Sofaecke zurück, während sie in aller Eile eine Selbstverteidigung hervorsuchte für den undenkbaren Fall, daß er wirklich erfahren haben sollte –

Er saß und sah vor sich nieder, als sammele er sich zu etwas Ernstem und Schmerzlichem.

Dann atmete er tief auf und sah ihr zum erstenmal voll ins Gesicht.

Sie versuchte zu lächeln; er aber erwiderte ihr Lächeln nicht, es machte ihn nur noch ernster.

»Ellen!« sagte er schließlich und ergriff ihre Hand, die sie ihm zögernd und unsicher ließ.

»Ich muß dir etwas sagen« – er sah sie nicht an, preßte nur ihre Hand fieberhaft zwischen seine beiden –, »dir etwas beichten!«

»Was ist denn los?« fragte sie, um der Sache ein Ende zu machen. Sie fühlte sich unendlich erleichtert. »Etwas beichten« – das klang nicht, als ob er etwas wüßte –

»Ich muß dir etwas sagen,« begann er wieder, »ich bekomme keine Ruhe, bevor ich es gesagt habe. Du weißt nicht, wie ich gelitten habe! – Versprich mir erst, daß du nicht fragen willst!«

»Das kommt doch ganz darauf an!« Jetzt, wo die Angst überstanden war, zögerte sie und zog ihre Hand an sich. Was konnte geschehen sein?

»Nein – du mußt es mir fest versprechen, hörst du, Liebling! Sonst kann ich es nicht sagen. Und ich muß es sagen.«

»Nun ja!« Ihre Neugierde war zu groß. »Ich verspreche es dir.«

Es bebte um seine Lippen und seine Brauen zogen sich zusammen.

Dann wandte er den Kopf von ihr ab und flüsterte:

»Ich bin dir untreu gewesen!«

Ellen atmete erleichtert auf. War das alles? Sie hatte ihr eigenes heimliches Erlebnis vergessen und wollte gern Näheres wissen.

»Wann?« fragte sie streng, indem sie ihm zu verstehen gab, daß sie sich in ihrer weiblichen Würde tief gekränkt fühlte.

Svend blickte auf das Rosenmuster des Teppichs.

»Du hast doch versprochen, nicht zu fragen!« sagte er schwer.

»Sag mir nur wann!«

»Neulich abend als wir von Rigmor Jensen kamen.«

Er warf sich auf die Erde und drückte ihre weichen Hände gegen seine Stirn. Sie hatte sich auf Strenge vorbereitet; seine plötzliche Heftigkeit aber überrumpelte sie, so daß sie ihm ihre Hände ließ.

Endlich bekam er in einem Strom von Worten Luft.

»Ich sagte dir ja, daß ich es nicht mehr aushalten könne. Aber du verstehst es nicht, denn du bist – aber bedenke, ich bin ein Mann. Für uns Männer ist es etwas anderes – etwas ganz anderes, wenn man jung und warmblütig ist – und –«

Sie fühlte warme Tränen auf ihren Händen.

»Ich hab mich selbst verflucht, verachtet. Aber was nützt es? Das einzige, was hilft, ist, es dir zu sagen – und deine Verzeihung zu erbitten. Du mußt mir verzeihen, hörst du, verzeih mir!«

Ellen sah erstaunt und verwirrt auf sein blondes Haar herab.

Sie dachte an einen kleinen, hell erleuchteten Hotelsalon, an einen Tisch, der von Silber und Kristall blitzte, an eine lange weiße Prinzenhand, die dreist mit ihren Fingern spielte, während sie einen herrlichen französischen Pfirsich in ihr Champagnerglas ausdrückte.

Sie fühlte weiche, kitzelnde Bartspitzen ihre nackte Schulter streifen, die diskrete Liebkosung einer warmen Hand auf ihrem Hals, indem sie ihr den Abendmantel umlegte.

Einen Augenblick glühte die Röte in ihren Wangen auf, als sie ihn so ehrlich und zerschmettert zu ihren Füßen sah. Aber nur einen Augenblick.

Was war ein Schulterkuß gegen das, was er auf dem Gewissen hatte?

Heute morgen, als sie erwachte, hatte dieser Kuß sie ein wenig bedrückt. Vorhin, als er klingelte, hatte sie auch gewünscht, daß das heimliche Erlebnis und der Schulterkuß nicht gewesen wären. Jetzt aber – jetzt fühlte sie sich wieder schuldfrei und leicht.

Sie hob seinen Kopf zu sich empor, sah ihm in die feuchten, betrübten Augen und sagte vorwurfsvoll:

»Svend, wie konntest du nur!«

Er schüttelte nur den Kopf.

Einen Augenblick saß sie so mit seinen Schläfen zwischen ihren Händen. Dann küßte sie ihm verzeihend die Stirn.

Sie hatte eine unbändige Lust zu fragen. Aber sie sah ein, daß es unter ihrer Würde wäre. Sie würde kleiner in seinen Augen werden, wenn sie ihn trotz des gegebenen Versprechens ausforschen wollte.

»Versprichst du mir, daß es nie wieder vorkommen soll?« sagte sie.

Svend erhob sich.

Jetzt, wo er sich erleichtert hatte, wurde er wieder ruhig.

Er nahm ihre Hände in seine und setzte sich neben sie in die Sofaecke.

»Siehst du, Ellen,« begann er, »du kannst wohl begreifen, daß ich über derartige Sachen nicht mit dir sprechen kann. Dazu bist du zu, zu« – er hatte »zu fein« sagen wollen, verbesserte sich aber und sagte »zu unschuldig«.

»Natürlich verspreche ich dir, daß es nicht wieder vorkommen soll. Aber etwas kannst du ebensogut verstehen wie ich – und das ist, daß wir bald heiraten müssen. Auch deinetwegen – –«

»Was das anbelangt –!« sagte sie gekränkt, zog ihre Hand an sich und richtete sich höher auf.

»Doch, Ellen.«

Er griff wieder nach ihrer widerstrebenden Hand und hielt sie fest.

»Doch, Ellen. Auch für dich ist das Warten nicht gut. Das ist unnatürlich. Verlobungen sind ein Unding. Und worauf warten wir eigentlich? Jetzt, wo ich die beiden Stellungen habe, können wir sehr gut heiraten, wenn du geduldig und genügsam sein willst.«

»Papa muß zuschießen!« sagte Ellen und ging gleich zu dem Praktischen über.

»Das ist gar nicht notwendig. Wenn man nur nicht zu anspruchsvoll ist und dies und jenes entbehren will –«

»Weshalb sollte ich etwas entbehren? Warum sollte ich nicht ebensolches Heim haben wie andere unseres Kreises, wenn ich fragen darf?«

»Wie du willst. Eins aber ist sicher, und das ist, daß wir unsere Hochzeit nicht länger als notwendig aufschieben wollen.«

Draußen ging die Entreetür.

»Das ist Papa,« sagte Ellen und erhob sich fröhlich.

»Laß es uns gleich sagen!« bat Svend und zog sie zu einem hastigen Kuß an sich.

Ellen bedachte sich einen Augenblick. Da öffnete sich ihrem Blick plötzlich eine ganz neue und strahlende Perspektive: Möbel kaufen, Wohnung suchen, Aussteuer bestellen, Kleider anprobieren. Es wirbelte ihr von neuen und lockenden Situationen durch den Kopf.

»Ja,« sagte sie mit aufblitzender Freude, drückte ihm hastig die Hand und öffnete die Tür zum Korridor.

»Guten Tag, Papa!«

Sie legte den Arm um seinen Hals und küßte ihm die Backe, wie sie zu tun pflegte.

»Tag, mein Kind! – Etwas spät heut geworden; ich mußte auf den Minister warten, der im Reichstag war. Ah, da ist ja Svend! – Sie haben sich lange nicht blicken lassen.«

Kruse klopfte ihn auf die Schulter und drückte ihm die Hand.

Ellen stellte sich ihrem Vater in den Weg, als er in sein Zimmer wollte. Sie blickte ihn mit ihren sanftesten Augen an und sagte:

»Svend und ich haben eine sehr feierliche Sache mit dir zu bereden.«

Kruse sah Svend an, der sich verlegen durchs Haar fuhr.

»Und was ist das für eine Sache, wenn man fragen darf?«

Ellen wurde rot.

»Svend soll es sagen!« erklärte sie und wandte sich ab.

Svend aber machte keine Miene etwas zu sagen.

So mußte sie sich denn selbst dazu entschließen. Sie wandte sich schnell zu ihrem Vater um, mit den Händen auf dem Rücken.

»Wir wollen heiraten, Papa!«

Kruse sah scherzhaft erstaunt von einem zum anderen.

»Das kommt mir nicht gerade überraschend!« sagte er ergeben. »Verlobt man sich nicht zu eben diesem Zweck?«

»Ja, aber wir wollen jetzt heiraten.«

Ellen begegnete herausfordernd einem neckenden Blick.

»Jetzt?« lächelte Kruse, »soll es sofort sein?«

Sie wurde rot, mußte lächeln, zog es dann aber vor, zu schmollen.

Da nahm Svend ernst das Wort:

»Ellen und ich sind uns einig geworden, daß wir sobald wie möglich Hochzeit machen wollen.«

»So, so, das ist eine beschlossene Sache!« Kruse lächelte noch immer, »werden wir vorher noch zu Mittag essen können? In dem Fall will ich nämlich meinen Rock wechseln!«

»Papa, sei doch vernünftig!« bat Ellen und nahm seine Hand.

»Ja – ja!« sagte er schließlich ernst. »Erst wollen wir essen, und nachher bereden wir die Sache in aller Ruhe beim Kaffee. Svend bleibt doch heut abend hier?«

Als Svend um elf Uhr glückstrahlend und singend aus der Haustür ging, war die Hochzeit auf einen der ersten Tage im neuen Jahr festgesetzt.

Ende des ersten Bandes

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