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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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17

Sie nahmen Logenplätze.

Ellen war noch nie in einem Varieteé gewesen.

Als sie in das stark erleuchtete Lokal hineinkamen, wo der Tabakrauch wie ein Nebel um den Kronleuchter und die Logenkandelaber lag, wurde ihr Blick gleich von dem paillettenschimmernden Kostüm einer ausländischen Soubrette gefangen. Aus dem reichen, schwarzen Haar blitzte jedesmal, wenn sie im Takt zu der Musik mit kokett hochgehobenem Kleid ihr Bein zeigte, ein Diamantdiadem auf.

Nachdem sie sich Butterbrote bestellt hatten, gab es eine Pause von zehn Minuten.

Ringsumher im Saal erhob sich ein lautes Gerede. Eine Gesellschaft von jungen, halb angetrunkenen Schweden in einer Loge zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie stießen miteinander an und hielten Reden. Ein Kontrolleur kam hinzu und bat um Ruhe. Einer der jungen Leute faßte ihn am Rockkragen, ein anderer bot ihm ein Glas Wein an. Ein Dritter, der weniger betrunken war, beschwichtigte die Kameraden.

Ellen saß mit großen Augen da, die Hände im Schoß, und nahm all dies Neue in sich auf.

So also waren die jungen Herren, wenn sie sich auf eigene Kosten amüsierten.

Unten im Parkett erkannte sie mehrere aus ihrem eigenen Kreis.

Ellen zog sich zurück. Sie wollte hier doch nicht gern gesehenwerden.

Der Saal war nicht gefüllt gewesen, als sie kamen; bevor die Musik aber wieder begann, war jeder Platz besetzt.

Denn jetzt kam Rigmor Jensen.

Die Musiker waren an ihren Plätzen. Es klingelte auf der Bühne. Aller Augen sahen über den Kopf des Dirigenten hinweg. Ein Augenblick atemlosen Schweigens. Dann stand sie da.

Ein großes, gutmütig lächelndes Gesicht unter einer Flut von gelbem Haar. Ein Ungeheuer von einem Hut, eine Fanfare von einem Hut, ein Füllhorn von Rosen, das sich im nächsten Augenblick über den langen, hellblauen Seidenmantel, der von ihren Schultern herabhing, entleeren zu wollen schien.

Der Beifall brach los. Die Herren im Parkett erhoben sich und riefen. Blumen regneten auf sie herab. Sie lächelte und nickte, als gehöre jeder einzige dieser lärmenden Bewunderer zu ihren allerintimsten Freunden.

Ellen reckte sich über den Logenrand und verschlang sie mit den Augen.

So sah sie also aus, diese Halbdame, von der so viele Geschichten erzählt wurden. War das alles? Ellen rümpfte geringschätzig die Nase.

Ohne sich selbst zu rechnen, kannte sie viele wirkliche Damen, die wahrhaftig viel hübscher und reizvoller waren als dieses ordinäre, runde Gesicht mit den gutmütig lüsternen Augen und dem plebejischen Lächeln.

Und das Kostüm.

Rigmor Jensen begann zu singen. Mit einer kleinen, einschmeichelnden Stimme rezitierte sie zu einer bekannten Melodie.

Und dann –

Dann schlug sie plötzlich ihren Mantel auseinander.

Ellen stockte beinah der Atem.

Dort stand sie und offenbarte sich, wie der Herrgott sie geschaffen hatte.

Eine solche Nacktheit hatte Ellen nie auf einer Bühne für möglich gehalten.

Sie wurde ganz rot und bekam Herzklopfen.

Sie hatte natürlich Trikot an, hell und rosig wie die Haut; aber an diesem Trikot war etwas, das sie fast noch nackter machte, als wenn sie überhaupt nichts angehabt hätte.

Bei dem Jubel, der sie mit dem Orchester um die Wette umbrauste, verstand Ellen, was Rigmor Jensens Erfolg ausmachte.

Gegen ihren Willen wurde sie mitgerissen. Sie vergaß, sich im Namen ihres Geschlechtes zu empören. Fast hätte sie diese Frau beneidet, die von so vielen jubelnden Stimmen getragen wurde und lächelnd und sorglos nickte, als sei ihr Leben lauter Glück und Sonnenschein.

»Sieh!« sagte Svend im selben Augenblick und faßte ihren Arm.

»Wo –«

»Dort – in der Fremdenloge hinter der roten Gardine.«

Ellen sah es.

Es waren ein Paar weiße Hände, die mit den anderen zusammen applaudierten. Zwei lange, weiße Hände, die hinter der Gardine zum Vorschein kamen. Ein Kopf streckte sich vor und bevor er sich decken konnte, hatte Ellen gesehen, daß es der Prinz war.

Jetzt meinte sie auch Premierleutnant Flindts flotten Schnurrbart weiter hinten in der Loge zu unterscheiden.

Deshalb also hatte der Prinz das Theater so zeitig verlassen.

Ellen richtete sich höher auf. Sie war plötzlich verstimmt.

»Daß er an so was Geschmack findet!« sagte sie gereizt zu Svend.

Ja, solche Art Frauen! dachte sie bei sich und wollte sich selbst nicht eingestehen, daß sie sie beneidete.

Mit ihr konnte eine anständige Dame natürlich nicht konkurrieren. Was so eine bieten konnte!

Sie konnte es dennoch nicht unterlassen zu vergleichen.

Es mußten die Beine sein! – denn sonst – War solch starker Busen wirklich so schön? – Und diese plumpen Schultern!

Ja, wenn das der Geschmack des Prinzen war! Denn sonst – sie kannte eine Nackenlinie – eine Schulterpartie, wie das Frauenzimmer da unten sie sich wünschen konnte.

Das konnte unmöglich sein Geschmack sein, er, der an Liebreiz und Vornehmheit gewöhnt war.

Damals – auf der Gesellschaft – wie hatten seine Augen ihren Hals geliebkost!

Aber es waren natürlich die Beine – und die Nacktheit – das freche Wesen!

Pfui – solche Art Weiber!

Aber was das anbetraf, einen Mann wie den Prinzen zu fesseln, sein Begehren zu entfachen – bis dahin und nicht weiter – Ellen warf den Kopf in den Nacken und lächelte selbstbewußt ... was das anbetraf, so meinte sie hinter niemandem zurückstehen zu müssen.

Wenn man sicher sein könnte, daß er sich damit begnügen würde – und was konnte er sonst wohl von Departementschef Kruses offiziell verlobter Tochter erwarten? Ja, wenn – dann würde sie sich nicht fürchten, mit ihm zu soupieren.

Von der aufregenden Musik erhitzt, von dem Leben, das sich hier entfaltete, geblendet, gespannt auf die heimliche, verbotene Freude, die das strahlende Weib dort unten allen mit ihrer kleinen, frommen Stimme verriet und die in dem Jubel der Männer, die so gut Bescheid wußten und soviel zu erinnern hatten, ein Echo fand – ging sie in Gedanken noch einmal das durch, was Emmy erzählt hatte. Mit heißem Kopf sah sie ihre glücklichen Augen, ihr schuldbewußtes Lächeln vor sich; und sie sehnte sich danach, ihre innersten Gedanken mit einem ähnlichen Erlebnis zu füllen, das niemand kannte und das zu nichts verpflichtete.

Sie sah von der Seite zu Svends kräftigem, ehrlichem Profil auf und schämte sich ein wenig über ihre Gedanken.

Er war lieb; aber mit ihm war es etwas ganz anderes. Es war ja nur der gebahnte Weg, den man mit den Freundinnen von jeher besprochen hatte. Einmal mußte man sich ja verloben – und heiraten. Aber das andere – das mit dem Prinzen – das hatte man für sich – daran konnte man sich in heimlichen Augenblicken erfreuen.

 

Wieder saßen sie nebeneinander in der Droschke.

Mit einem Seufzer gab sie den Gedanken an das heimliche Souper auf; aber stärker als je klopfte es in ihrem Blut vor Verlangen nach etwas Neuem und Verbotenem. Da schlang sie plötzlich ihre Arme um Svends Hals und überschüttete ihn mit kleinen hitzigen Küssen.

Seine Backen begannen zu glühen. Er preßte ihre Brust gegen seine und gab ihr die Küsse zurück auf Mund, Augen und Hals. Als aber seine brennenden Hände über ihre Taille zu tasten begannen, stieg die Angst wieder in ihr auf.

Bebend schob sie seine Hände fort.

»Nein!« flüsterte sie und warf sich heute zum drittenmal zitternd in die Wagenecke zurück.

»Ellen!« Sein heißer Atem brannte ihren Hals, »ich kann es nicht mehr aushalten.«

Ellen schob ihn hastig von sich, richtete sich auf und glättete ihren Anzug.

»Nimm dich doch in acht!« sagte sie, »wir sind ja zu Hause.«

Der Wagen hielt. Er nahm seinen Hut auf, der herabgeglitten war, schluckte mit Anstrengung seine Aufregung herunter und sagte nichts mehr.

Dann stiegen sie aus.

»Gute Nacht und vielen Dank!« sagte Ellen und reichte ihm die Hand. Dann ging sie schnell ins Haus.

Svend wartete unten, bis er die Etagentür ins Schloß fallen hörte. Dann ging er mit einem Seufzer allein nach Hause.

Nachdem er eine Weile gegangen war, kam eine der Damen der Straße geradeswegs auf ihn zu.

»Guten Abend!« sagte sie und blieb vor ihm stehen.

Zwei aufmerksame Augen blickten ihn aus einem weißen Gesicht mit weichen, runden Wangen an. Zwei rote Lippen öffneten sich zu einem starken und unkeuschen Lächeln über weißen Zähnen, die Ellens glichen. Ein süßer Duft von Patschuli schlug ihm aufreizend entgegen.

Einen Augenblick schwindelte es ihm. Dann stieg ihm das Blut heftig zu Kopfe, während es sich wie ein Nebel vor seine Augen legte.

»Komm!« lachte er mit halberstickter Stimme, schob seinen Arm unter den ihren, wirbelte sie herum und stürzte sich kopfüber in eine atemlose Unterhaltung, während sie durch eine halbdunkle Seitenstraße eilten.

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