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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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14

Als Brynch gegangen war, kam Jersey hinzu, und jetzt begann eine ruhige Erörterung des Geschehenen.

»Ich verstehe nicht,« sagte Jersey zu Juhl, indem er geflissentlich über v. Falk hinwegsprach, »weshalb die Herren im Reichstag jetzt wieder die große Trommel rühren, gerade jetzt –«

Er hielt inne mit einem vorsichtigen Blick auf v. Falk.

Juhl dachte bei sich, daß er den Prinzen ausforschen wolle.

»Sie können ja nichts Dümmeres tun, als den König zu provozieren. Es sieht aus, als ob irgend jemandem ein Bein gestellt werden sollte.«

»Hö, hö!« Galten kam angestolpert, »weshalb schicken sie sie nicht nach Hause?«

Niemand nahm Notiz von ihm.

Jetzt kam v. Falk in Schwung. Es amüsierte ihn immer, sich so zu stellen, als wisse er mehr als andere. Damit konnte er sowohl Jersey wie Juhl ärgern, die ungern einräumen wollten, daß v. Falk Zutritt zu Kreisen hatte, die ihnen verschlossen waren.

»Jersey hat recht,« sagte er mit seiner ruhigen Sicherheit, »es werden neue Dinge von großer Tragweite vorbereitet; die Führer aber wünschen natürlich im Grunde ihres Herzens, daß alles beim alten bliebe, damit sie ihrer Macht nicht beraubt werden oder sie mit anderen teilen müssen. Sie sollen sehen, meine Herren,« fügte er mit Nachdruck hinzu, während er seinen ruhigen Blick von Jersey zu Juhl und von Juhl zu Svend gleiten ließ, »ich prophezeie, daß wir in diesem Jahr ein reguläres Finanzgesetz bekommen.«

»Meinen Sie?« wandte Jersey mit einem spöttischen Lächeln ein, »und für welchen Preis?«

Falk ignorierte ihn:

»Ein reguläres Finanzgesetz!« wiederholte er. »Die neue Zeit ist im Anmarsch, meine Herren.«

»Die neue Zeit!« grunzte Galten empört und rückte v. Falk auf den Leib, als wolle er ihn mit seinen Gorillaarmen schlagen.

»Hö, hö! – Was meinen Sie mit der neuen Zeit?«

Jersey und Juhl wechselten wieder einen Blick. Das Dumme war ja, daß man nie recht wußte, wo v. Falk wurzelte. War es nur Humbug oder hatte er wirklich Gelegenheit, in die Karten zu gucken?

Sie wußten – Juhl hatte es entdeckt und es gleich an Jersey weitergehen lassen – daß v. Falk mit Welten zusammenkam. Er hatte etwas von seinem Kapital in dem Steinbruch angelegt, der in der Gegend von Lindersbo lag. Und Welten – ja, Welten! – Wenn irgend jemand im Lande Bescheid wußte, so war er es. Wußte von Dingen, fast bevor sie geschehen waren. Darin lag ja seine Macht.

Es hatte sich kürzlich das Merkwürdige ereignet, daß der Geheimrat, dem man seit einer Reihe von Jahren in dem Organ der Linken scharf zugesetzt hatte, in einem Leitartikel desselben Blattes als der hervorragendste Mann des Landes gepriesen worden war. Vielleicht hatte die Zeitung pekuniäre Schwierigkeiten und mußte seine Bankhilfe in Anspruch nehmen; aber es konnte ja auch mehr bedeuten. Außer Jersey hatten sich viele andere über diese Schwenkung den Kopf zerbrochen.

Jersey machte einen Versuch.

»Sie denken an Welten?« sagte er scharf, als wolle er ohne Umschweife auf den Kern der Sache gehen.

Falk sah ihn fest an. Er verstand die Frage bis auf den Grund, hatte Juhl und Jersey schon seit langem durchschaut; und er genoß die Unsicherheit, die sich unter Jerseys überlegenem, etwas spöttischem Ton verbarg.

Falk liebte es, mit seinen Mitmenschen zu experimentieren.

Das Wort von der neuen Zeit hatte er aus der Luft gegriffen, um die Wirkung zu prüfen. Jetzt verfolgte er die eingeschlagene Richtung. Ohne Jerseys Blick loszulassen nickte er langsam und sagte mit Nachdruck:

»Ja, Welten! – Welten, meine Herren!«

Es ging wie ein Ruck durch Jersey. Er sah Juhl an, dessen Augen mit Neid und Bewunderung auf v. Falk ruhten.

Falk stand offenbar Welten näher, als sie bis jetzt geglaubt hatten. Dort war die Quelle seiner Überlegenheit. Falk aber war zu klug, um in eine Falle zu gehen. Wenn er so offen davon sprach, war also das, was in der Luft lag, schon so weit gediehen, daß Eingeweihte ein absolutes Schweigen nicht mehr für notwendig hielten.

Es war nicht ratsam, weiter zu gehen.

Jersey zuckte die Achseln und sah spöttisch aus. Dann drehte er sich auf den Hacken um und ging in sein Kontor.

»Was meinte er mit Welten?« fragte Svend, als er und Juhl wieder auf ihren Plätzen saßen und die Tür zu v. Falks Kontor geschlossen war.

»Versuchen Sie etwas darüber zu erfahren!« antwortete Juhl vertraulich. »Ihr Schwiegervater hat ja soviel mit dem Bankdirektor zu tun.«

Als Svend auf dem Heimwege begriffen war, sah er v. Falk ein Stück vor sich. Er beeilte sich ihn einzuholen.

»Was, Sie sind es?« sagte v. Falk liebenswürdig und schob seinen Arm unter Svends.

Sie sprachen von diesem und jenem. Als v. Falk selbst auf die Szene vom Vormittag zu sprechen kam und sich über Brynch, »den lieben Alten«, amüsierte, fragte Svend:

»Was meinten Sie eigentlich mit Welten?«

Falk sah ihn neckend an.

»Weshalb möchten Sie das gern wissen?«

Svend errötete und hatte den Drang, sich zu verteidigen.

»Weil er einen Einfluß und eine Macht hat, aus denen ich nicht klug werden kann. Überall, wo es gilt, wird sein Name genannt, auch in Sachen, mit denen er anscheinend gar nichts zu tun hat.«

Falk betrachtete Svends eifriges Gesicht mit Ironie.

»Sie werden schon noch mal verstehen lernen,« sagte er, »daß es keine Sache gibt, an der ein hervorragender Bankdirektor nicht beteiligt ist. Übrigens will ich Ihnen gern verraten, was ich meinte. Nichts weiter, als Jersey eine Nuß zum Knacken zu geben.«

»Aber der Systemwechsel – die neue Zeit?«

Falk wurde ernst.

»Glauben Sie vielleicht, daß wir bis ans Ende der Welt von Brynchs und Kruses und anderen netten Leuten wie Sie und ich regiert werden? – Glauben Sie, daß die, die unten sind, sich das auf die Dauer gefallen lassen? Ein Wechsel ist eine vollkommen berechtigte Forderung. Ich muß sagen, ich freue mich geradezu darauf. Sie sollen sehen, es wird eine Wohltat sein, wenn diejenigen ans Ruder kommen, die sich auf die Dinge selbst verstehen, anstatt auf die Wissenschaft der Dinge, auf Papiere, Dokumente und dergleichen, die nur widerspiegeln und nicht leben.«

Als sie in eine Allee einbogen, kam Ihnen ein Reiter entgegen. Ein eleganter junger Mann mit einer vollendet harmonischen Gestalt, der brillant zu Pferde saß. Sein Gesicht war geistvoll und strahlend heiter. Die einzelnen Züge verschwanden bei dem starken Eindruck einer schönen und heiteren Seele.

Falk grüßte.

Das Pferd machte einen nervösen Seitensprung, als habe der Reiter ihm die Sporen gegeben, um Gelegenheit zu haben, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Dann erwiderte er Falks Gruß mit einem großen Lächeln und einem lauten guten Tag.

»Wer war das?« fragte Svend und sah sich nach dem Reiter um.

»Kennen Sie den Kammersänger nicht?«

Falk blieb stehen und sah sich um, mit Schönheitsfreude in seinem großen Blick.

»Sehen Sie nur, wie frei er seinen Kopf trägt! – Er ist eine Augenweide.«

Svend mußte lachen.

»Sie sprechen wie ein verliebtes junges Mädchen.«

»Ich liebe ihn auch auf meine Weise, wie ich alles Schöne liebe. Ach, Gott, die jungen Mädchen! Da haben wir wieder mal das Unvermögen der Frau, die Art ihres eigenen Gefühls zu unterscheiden. Sehen Sie den da – das ist ein Mann, der im Besitz von größeren Glücksfähigkeiten ist, als irgend jemand von uns. Ebenso wie seine Stimme schöner ist, will er auch, daß sein ganzer Körper und seine Seele es sein soll. Er will ein menschliches Glücksideal durch sich selbst verkörpern. Er will es, und es ist ihm geglückt. Er entzückt und bezaubert, weil er wie eines unserer unmittelbarsten Ideale lebendig unter uns wandelt und Glück für uns ausstrahlt. In ihm hat der allgemeine, der klassische Herzensseufzer nach der schönen Seele in dem schönen Körper Leben und Atem gefunden. Ich liebe nicht ihn, sondern das Ideal in ihm. Kennen Sie Platons Symposion? – So wie Sokrates Alkibiades liebte, so sind auch meine Gefühle ohne Begehr. Die Flauen dagegen, unsere allerliebsten Theatergänger, wissen selbst nicht, wovon sie eigentlich bezaubert werden; sie möchten am liebsten die Glücksblume mit nach Hause nehmen.«

 

Svend begleitete v. Falk nach Hause und speiste bei ihm zu Mittag.

Als er abends nach Hause ging, grübelte er darüber, wodurch dieser Mann soviel Anziehung auf ihn ausübte.

Vor allen Dingen dadurch, daß v. Falk aus einer Lebensanschauung heraus sprach, die ihm neu und interessant war. Dieser scharfe Zuschauerblick bei einem Mann, der doch mit beiden Füßen auf der Arena stand, fesselte Svend, dem es selbst so schwer fiel, sich zu der Höhe der Dinge emporzuheben, von wo aus ihre Perspektive klar und scharf zu übersehen ist.

v. Falks ruhiger, fester Blick, der trotz seiner Ironie sowohl Kraft wie Wärme besaß, hielt Svend fest, aber forderte ihn gleichzeitig zum Widerstand heraus. Er rührte an etwas in seinem Ich, das er nicht gutwillig hergab. Er zwang ihn, sein Bestes zu geben.

Dazu kam, daß v. Falk das Ideal realisiert zu haben schien, nach dem Svend in seinen Studentenjahren gestrebt hatte: die über alle praktischen Rücksichten und Nahrungssorgen erhabene freie und persönliche Erkenntnis.

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