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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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13

Die Säson hatte jetzt ernstlich begonnen. Welke Blätter schwirrten durch die Luft, und die Leute froren in ihren Sommerkleidern. Sonnenverbrannte Gesichter blaßten ab, Augen wurden herbstlich klar und kalt. Junge Mädchen vertrauten sich ihre Sommererlebnisse an und sträubten sich gegen den Herbst, bis sie es mit einem Seufzer aufgaben, sich entschlossen über ihre Herbsttoilette hermachten und an Gesellschaften und Theater dachten.

Der Kammersänger hatte seine großen Tage mit vollbesetzten Häusern. So hatte er noch nie gesungen. Die Begeisterung im Publikum warf ihren Reflex auf die andere Seite der Rampe und füllte seine Augen mit Glanz und Glück und Sieg. Einige widerstandslose Mädchenherzen bebten dabei wie ein Vöglein in einer weichen Hand. Man flüsterte von diesem und jenem, das dabei gebrochen sei. Die meisten aber gingen heil daraus hervor. Sein Bild hing ja in allen Fenstern und konnte für ein Geringes gekauft werden. Das war immerhin etwas.

 

Reichstag wurde einberufen und zwischen Männern hieß es allgemein: Wie wird es gehen? – Was wird sich ereignen?

Svend, der sich längere Zeit vollkommen der Politik verschlossen hatte, war durch den Verkehr mit seinem Schwiegervater wieder dafür interessiert worden. Besonders jetzt, wo es von Gerüchten und Mutmaßungen wie in einem Bienenkorb summte.

Er, der in seinen Studentenjahren mit fortgerissen worden war und zu der Fahne der Jungen und der Linken geschworen hatte, er kehrte jetzt zu den Anschauungen der Rechten zurück. Er sah deutlich, ohne daß Kruse ihn darauf aufmerksam zu machen brauchte, die gerade Linie, die die alte Freiheitspolitik – Onkel Kaspers Politik – mit der Rechten verband. Es war ja ihr Erb und Eigen. Svend war ein Byge und war stolz darauf; und er konnte, trotz ernsthafter Selbstprüfung, nicht einsehen, daß die Männer, die jetzt ans Ruder wollten, annähernd dieselbe Garantie für des Landes Wohl boten, wie die Erben der alten Freiheitspolitik.

 

Der alte Brynch kam in Jerseys Kontor gestürzt und ließ die Tür sperrangelweit hinter sich offen stehen. Sein weißes Haar flog ihm im Zugwind um die Ohren.

Er zerzauste sich den Bart mit der einen Hand und zerknitterte die Zeitung mit der anderen, während er vor sich hinstarrte, ohne etwas zu sehen – wie es seine Gewohnheit war, wenn sein eifriger Sinn ganz von etwas gepackt wurde.

»Wo ist Jersey? – Jersey!« kreischte er und lief durchs Zimmer.

Jersey stand neben ihm. Er war so an den »Berserkergang« des Alten, wie er es nannte, gewöhnt, daß er dadurch nicht im geringsten gerührt wurde.

»Hier bin ich. Was ist denn los?« fragte er verdrießlich.

»Haben Sie so was schon erlebt? Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen, haben Sie so was schon –? – So'n – so'n Bauernlümmel –«

»Wer denn? – Wer denn? – Ich habe heute noch keine Zeitung gelesen.«

Der Alte durchsuchte die Zeitung, zerknitterte sie aber gleichzeitig so hitzig, daß es ihm unmöglich war, das Betreffende zu finden. Schließlich gab er es auf.

»Haben Sie es nicht gelesen, frage ich?«

Jersey schüttelte den Kopf.

Brynch begann wieder, kam aber vor Aufregung ins Husten und schüttelte sich, bis er schließlich Luft bekam:

»Also stellen Sie sich vor, Jersey, steht dieser – wie heißt er noch – dieser Bauernlümmel, im Reichstag auf und wagt es, Seiner Majestät zu drohen!«

Jersey hatte ihm die Zeitung aus der Hand genommen, sich den Kneifer aufgesetzt und die Stelle gefunden. Sein graumeliertes Haar sträubte sich auf seiner hohen Stirn vor Interesse, wählend er las.

Brynch konnte sich nicht solange ruhig verhalten. Er mußte weiter.

Er riß die Tür zu v. Falks Kontor weit auf und steckte seinen aufgeregten Kopf zu dem soignierten Assessor hinein.

»Was sagen Sie, Herr Assessor?« v. Falk war der einzige, den Brynch in unwillkürlichem Respekt mit dem Titel anredete. »Ist es nicht entsetzlich, daß es so weit mit uns gekommen ist, was?«

»Ja, es ist entsetzlich!« antwortete v. Falk mit dem ernstesten Gesicht von der Welt, während sein ruhiger Blick Brynchs suchte – »ja, Sie haben vollkommen recht, Herr Departmentschef.«

Brynch atmete geräuschvoll, faßte v. Falk am Rockkragen und begann sich des weiteren über die Sache zu äußern.

Falk hörte anscheinend aufmerksam zu und nickte an den passenden Stellen.

Der Alte krähte so laut, daß Juhl vorsichtig die Tür zu seinem Kontor öffnete, um auch teilzunehmen.

Kaum wurde Brynch ein neues Gesicht gewahr, als er sich daraufstürzte, und auf Svend, der jetzt auch hinzutrat.

Er hatte sich inzwischen so weit beruhigt, daß er sich in Erinnerungen verlor.

Denn wo Brynch auch begann, es kam immer der Punkt, wo die alten Zeiten sich vordrängten.

Im selben Augenblick meldete der Diener, daß der Sekretär des Ministers in Brynchs Kontor warte.

»Was will er?« brummte Brynch, strich sich den Bart, glättete sein Haar und folgte dem Diener mißmutig.

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