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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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12

Justizrat Didrichsens Kontor lag in einem vornehmen Hause mitten in der Stadt.

»Bitte nehmen Sie Platz! Herr Justizrat wird gleich zur Verfügung stehen. Staatsrat Friedrichsen ist drinnen, aber das pflegt nie sehr lange zu dauern.«

Assessor Hansen war ein kleiner, rundlicher Herr mit zurückgekämmtem Haar und einem blanken, naseweisen Blick. Er drehte sich redselig auf dem Pultstuhl um und betrachtete voller Neugierde die Visitenkarte, die Svend ihm reichte.

Als er den Namen las, zeichnete sich ein plötzliches Interesse in den dicken Falten um seine Augen ab.

»Sind Sie vielleicht mit dem Politiker Kasper Byge verwandt?«

»Ja. – Haben Sie ihn gekannt?«

Svend dachte, wie klein Dänemark doch sei.

»Ja – nein – nicht persönlich. Aber ich war damals beim Nachlaßgericht des Städtchens, in dem er starb. Und ich habe –«

Er hielt inne und rieb sich das Kinn, als fürchte er zuviel gesagt zu haben.

»Sein Enkel können Sie ja nicht sein,« sagte er familiär, »denn er hatte ja keine Leibeserben.«

»Er war der Bruder meines Großvaters.«

»So so – ja.«

Der Assessor nahm die Visitenkarte, merkte sich den Vornamen und starrte vor sich hin, als suche er in seinem Gedächtnis. Dann liefen seine kleinen Augen hastig prüfend über Svends Erscheinung, während er sich nach einem Haufen Zeitungen reckte, die auf dem Pult lagen, und sie Svend zuvorkommend reichte.

»Bitte, Herr Byge, wollen Sie vielleicht die Zeitung lesen?«

Während Svend las, fuhr er fort ihn neugierig von der Seite zu betrachten. Svend merkte es, fühlte sich davon geniert und fing seinen Blick auf.

»Lebt die Witwe noch?« fragte der Assessor verlegen und rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

»Wer?«

»Die Konferenzrätin, meine ich?«

»Ja!«

Svends Antwort war kurz, und Hansen begann schließlich zu schreiben.

Kurz darauf begleitete Didrichsen den Staatsrat hinaus. Auf dem Rückwege entdeckte er Svend und drückte ihm die Hand.

»Guten Tag, Herr Byge! – Bitte!«

Er schob Svend mit der Hand in sein Privatkontor hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es war ein großes, elegant möbliertes Zimmer, das mehr einem Herrenzimmer als einem Kontor glich. Nur ein großer Geldschrank verunzierte es.

Didrichsen bot ihm eine Zigarre an und sprach mit seiner eintönigen, gedämpften Stimme, die soviel Zeit hatte und alte Dinge zu einer wohlverwahrten Vertrauenssache machte. Es war, als spräche er in einer geschlossenen Kiste.

Svend wolle sich also mit dem Anwaltberuf vertraut machen. Richtig, sehr richtig. Alles prüfen und das Beste wählen. Vielleicht würde er schließlich doch noch zu der Anschauung gelangen, daß es interessanter sei, Ordnung in verwickelte Lebensverhältnisse verschiedenster Art zu bringen, als sich mit Akten in einem Büro für öffentliche Arbeiten zu beschäftigen. Gott bewahre, die ministerielle Laufbahn sei ja auch – – aber wo die Beamten des Ministeriums mit totem Papier arbeiteten, da arbeitete der Rechtsanwalt mit lebendigen Menschen – wenn er sich so ausdrücken dürfe.

Die Unterredung wurde nur kurz. Denn als Hansen den Kopf zur Tür hereinsteckte und den mächtigen Welten meldete, mußte Didrichsen abbrechen, so leid es ihm täte, denn es hätte ihn wirklich interessiert, offen und herzlich mit einem jungen Mann wie Svend zu sprechen; es gäbe heutzutage sowenig junge Leute und so weiter. Aber Welten könne man ja nicht warten lassen.

Welten trat in das Privatkontor ein, während Didrichsen mit Svends Hand in seiner sich zu Hansen wendete und sagte:

»Referendar Byge tritt hier morgen um neun Uhr an Svendsens Stelle ein.«

»Adieu, adieu!« nickte der unverändert zutrauenerweckende Blick der grauen Augen.

Svend bekam jetzt vollauf zu tun.

Von neun bis zwölf Uhr bei Didrichsen, wo er unter Hansen arbeitete, während derselbe sich mit Händen und Füßen in seine Vergangenheit und Familienverhältnisse hineinzubohren versuchte.

Seine Tätigkeit sagte ihm zu. Es war Luft und Leben darin. Leute kamen und gingen. Stattliche Kaufleute, die fest auftraten und im Vorzimmer lärmten. Damen in Witwenschleiern. Es war ein ewiges Rasseln mit der Geldkasse, die Hansen verwaltete. Denn in welcher Angelegenheit die Leute auch kamen, so endete es immer mit Geld.

Dann hatte er eben Zeit zu einem kleinen genügsamen Frühstück und mußte dann ins Ministerium. Später als ein Uhr konnte er nicht gut dort antreten. Denn zu der Zeit kam Jersey mit seiner abgetragenen Ledermappe unterm Arm; und sein Erstes war, nachdem er den Rock gewechselt, die Manschetten auf das Regal gelegt und die Post durchgelesen hatte, das Büro zu inspizieren.

Svend arbeitete noch immer mit Juhl zusammen.

Je mehr Gesuche er unter die Hände bekam, aus denen er Auszüge machen mußte, desto mehr sehnte er sich von den Akten fort in das Leben hinaus, über das er schrieb.

Er roch die Wirklichkeit, die Notwendigkeit des Lebens: so ist es und so muß es sein, und wenn auch Gottes Engel in Kopenhagen säßen und an ihren Pulten regierten.

Da waren Schreiben mit dem reinen, klaren Salzwasser über sich. Man sah geradezu niedrige Stuben mit dem Ausblick auf das zornige Meer, das auch mitredete, wenn wortkarge Männer über das verhandelten, was mühsam zu Papier gebracht werden sollte.

Da waren vor allen Dingen die Fischer aus Sandöre. Sie beschwerten sich Jahr für Jahr. Svend fand in der Archivmappe einen ganzen Haufen Briefe, die alle dasselbe behandelten. Der Staat verdarb ihnen ihren Erwerb durch die Steinfischerei für den Hafen. Unter den großen Steinen lebte all das Kleingetier, wovon die Schollen sich nährten. Wenn der Staat die Steine heben ließ, ging das Getier zum Teufel. Die Scholle mußte auswandern, und den Fischern blieb auch bald nichts anderes mehr übrig, wenn der Staat ihnen das Brot vom Munde fortnahm.

»So ein Blech!« sagte Juhl und zuckte die Achseln. Svend aber ließ ihn nicht so leichten Kaufes davonkommen. Es kam zu einem Wortstreit, bei dem Juhl seine Pfeife einsteckte und Respekt vor Svends scharfem Blick bekam.

Nachdem Juhl gegangen war, ging Svend all die alten Schreiben durch. Sie jammerten nicht, machten nur wieder und wieder, fast in denselben Ausdrücken, auf die Tatsache aufmerksam, immer in der Hoffnung, daß die »löblichen Herren in Kopenhagen« die Sache schließlich in Ordnung bringen würden.

Und hier saßen »die löblichen Herren«, die nie in einem Fischerboot gewesen waren und Schollen nicht von Zungen unterscheiden konnten – sie lasen die Schreiben kaum, legten sie beiseite und regierten lustig auf Fisch und Meer und Sonne und Mond herum.

Der alte Drang, alles von sich abzuwerfen, auf und davonzugehen, stieg ihm wie ein Erstickungsgefühl im Halse empor.

All diese Umständlichkeiten an den Nagel hängen. Hinreisen und mit den Leuten sprechen, sich in ihre Angelegenheiten hineinversetzen, dann zurückkommen und ihnen ihr Recht verschaffen.

Juhl war wohl nicht schlimmer als die anderen, nur stumpf geworden von all den Schreibereien. Die Fischerei war das Tauende, an dem er sich in die Höhe ziehen wollte. Sonst interessierte er sich nicht im geringsten dafür, wie der alte Brynch gesagt hatte.

Nur schnell. Der Haufe muß vor vier Uhr durchgelesen sein. Dann schließen wir und morgen gibt es wieder anderes. Die Sachen müssen expediert werden. Damit basta. Wir können uns nicht lange mit jeder einzelnen aufhalten.

Schnelle Expedition, darauf kam es an.

Svend blieb bis spät in den Nachmittag hinein. Dann erhob er sich mit einem Seufzer und sah ein, daß es hoffnungslos sei. Als aber der Hunger sich seiner bemächtigte, stiegen Zweifel in ihm auf: Du bist sensibel, Svend, du bist naiv. Schreibereien und Menschen sind zweierlei. Wir jammern alle. Das liegt in unserer Natur.

Eines Tages aber, als der Prinz kam, während Juhl abwesend war, ergriff Svend die Gelegenheit, zeigte ihm die Schreiben von den Sandörer Fischern und trug ihm die Sache vor, wie sie sich ihm darstellte.

Der Prinz hörte mit erstauntem Wohlwollen zu, hob auch die Augenbrauen über den müden Augen, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich für etwas interessierte, sagte »ja« und »vollkommen richtig« und »da muß etwas geschehen«. »Kommen Sie nur wieder darauf zurück, mein lieber Byge.«

Als er zwei Minuten später nach seinem Zylinder griff und Svend aufforderte, ihn zu begleiten, war das Ganze vergessen.

Er erkundigte sich nach Ellen. Sei ihr gestern begegnet. Ein Kompliment für ihr scharmantes Aussehen. Ob sie und Svend nicht heute abend ins Theater gingen, um den Kammersänger in seiner neuen Rolle zu hören. Wie der Departementschef sich befände, kürzlich sei er erkältet gewesen.

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