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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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11

Departementschef Kruse war ein Mann mit großem Einfluß. Nicht nur in Regierungskreisen, sondern auch in der Geschäftswelt hatte sein Name ein besonderes Gewicht.

Svend wunderte sich oft, wie bekannt er war. Die wenigsten Leute wußten, wer sein Chef, der alte Brynch, war; und kannte einer ihn, so schüttelte er nachsichtig den Kopf; fast alle aber hatten in irgendeiner Beziehung Kruses Namen nennen hören.

»Ach so, das ist der, der im Aufsichtsrat der Landbank ist,« sagte der eine und nickte bedeutungsvoll.

»Ist Ihr Schwiegervater nicht Vorsitzender im Aufsichtsrat der Vereinigten Versicherungsgesellschaften?« fragte ein anderer, »Sie wissen, die Versicherung, die Welten voriges Jahr startete.«

Svend wunderte sich, wie ein einzelner Mann so viel bewältigen konnte. Denn außerdem war Kruse Inspektor für die Regierung bei den großen Steinbrüchen, die von der Regierung kontrolliert wurden. Das war auch eine von Weltens Unternehmungen. Der Steinbruch lag irgendwo im südlichen Seeland. Da Kruse ein sehr gewissenhafter Mann war und die Beaufsichtigung ihn stark in Anspruch nahm, so hatte er – um das ewige Hin- und Herreisen zu vermeiden – an Ort und Stelle eine Villa gebaut, mit einem Park, der sich ganz bis ans Meer erstreckte. »Wildpark« hieß der Besitz.

Hier verbrachten Kruses die Sommermonate, wenn sie von ihrer jährlichen Auslandsreise zurückkehrten. Es war nicht weiter von Kopenhagen entfernt, als daß Kruse ein um den anderen Tag in seinem Stadtkontor sein konnte. In diesem Jahr waren sie indessen früher in die Stadt gezogen, weil Ellen ungern so weit von Svend entfernt sein wollte.

Kruse war eine offizielle Natur durch und durch, folglich kein Freund von heimlichen Verlobungen. Er wünschte, daß gleich Karten geschickt und die Veröffentlichung mit einem Fest gefeiert werden sollte. Das war vielleicht etwas altmodisch, aber er war nun mal aus der guten alten Zeit.

 

Svend hatte immer ausweichende Antworten gegeben, wenn Kruse nach seiner Tante fragte. Das war auch bis jetzt gegangen; eines Tages aber sagte Kruse:

»Einer der ersten Besuche, die Sie und Ellen machen müssen, ist bei Ihrer Tante, der Konferenzrätin.«

Da mußte Svend Farbe bekennen.

Er erzählte, wie das Verhältnis zwischen ihnen sei, wie sie eigenmächtig ihre Verpflichtungen gebrochen hätte. Als er erst begonnen hatte, ließ Kruse nicht locker, bevor er alles wußte. Es interessierte ihn augenscheinlich alles, besonders was Svend von ihrem Unwillen bereits bei seinem ersten Besuche erzählte.

Kruse legte ihm nur zweierlei zur Last: »Knabenstreiche«, sagte er und runzelte die Brauen, als er die Geschichte vom Frack hörte. Und dann, daß er ihr keinen Besuch gemacht, als er sein Examen hinter sich hatte.

»Damit haben Sie sich die allerbeste Gelegenheit zu einer Versöhnung entgehen lassen. Es wäre um so leichter für Sie gewesen, als Sie ja durch eigene Hilfe Ihre Verpflichtungen erfüllt hatten. Nun ist nichts weiter zu tun, als daß Sie und Ellen der Konferenzrätin einen Besuch abstatten, sobald sie eine Verlobungsanzeige bekommen hat.«

»Niemals!« sagte Svend bestimmt.

Kruse musterte ihn einen Augenblick. Dann faßte er ihn beim Rockkragen und sagte mit Nachdruck:

»Ein gebildeter Mann – aus guter Familie – Departementschef Kruses zukünftiger Schwiegersohn – kann sich den hergebrachten Formen nicht entziehen. Sie mögen der Konferenzrätin, der Witwe Ihres Wohltäters, gegenüber fühlen und denken, was Sie wollen, aber Sie haben ihr einen Besuch zu machen und Ihre Braut vorzustellen.«

Svend wurde dunkelrot. Eine heftige Antwort lag ihm auf der Zunge; Kruse aber sah es und beugte rechtzeitig mit einem Blick vor, dessen Kälte und Strenge Svend einschüchterte.

Hinterher machte er sich Ellen gegenüber Luft. Sie schmollte auch und wollte sehr ungern den alten Drachen, wie sie sich ausdrückte, besuchen. Aber sie kannte ihren Vater und wußte genau, wie weit man bei ihm gehen durfte.

 

Eines Sonntagnachmittags trat Svend an und holte Ellen zu dem verhaßten Gang ab. Sicherlich würde sie den Besuch ebenso ungern empfangen, wie er ihn ablegte. Trotzdem sollte die Komödie gespielt werden. Absurd, lächerlich!

Als sie vor der Villa standen, war kein Mensch an den Fenstern zu sehen. Im Wohnzimmer waren die Jalousien herabgelassen.

Auch nicht in den Giebelfenstern, wo die Dienstbotenkammern lagen, bewegte sich eine Gardine, als ihre Fußtritte über die Granitwege des Gartens knirschten.

Svend nahm sich zusammen und läutete. Er sah so verbissen ärgerlich aus, daß Ellen lachen mußte.

Svend lauschte angestrengt. Er hatte Herzklopfen beim Gedanken an all die Unannehmlichkeiten, die ihm hier geboten worden waren.

Gott sei Dank! – es ertönten keine Schritte drinnen. Das Haus war wie ausgestorben.

»Sie ist natürlich mit ihrem Dragoner zur Kirche gegangen!« sagte Ellen. »Und die Mädchen haben keine Lust, die Tür zu öffnen.«

Svend begann erleichtert aufzuatmen.

»Wir läuten nicht mehr als dieses eine Mal, nicht?«

»Das fehlte gerade!«

Svend faßte sie um die Taille und küßte sie in seiner Erleichterung.

»Du, mein Hut!«

Dann nahm er Ellens und seine Visitenkarte und hörte sie mit unendlicher Wonne in den Briefkasten plumpsen.

»Adieu.«

Sie eilten die Treppe hinab und durch den Garten, und hüteten sich wohl zurückzublicken, damit nicht eins der Mädchen in der Tür stehen und winken konnte: Bitte, die Herrschaft ist zu Hause!

Weder Ellen noch Svend erhielten einen Glückwunsch von der Konferenzrätin; ebensowenig erschien sie zum Empfangssonntag bei Kruses, was der Departementschef erwartet hatte. Man kam damit leicht über eine Frage hinweg: die Konferenzrätin brauchte nicht zur Verlobungsgesellschaft eingeladen zu werden. Später erfuhr man, daß die alte Dame krank sei. Svends Mutter und Schwester würden demnach die einzigen Familienrepräsentanten von seiner Seite sein. Das war etwas mager; aber dabei war nichts zu machen.

Dagegen hatten Kruses die Genugtuung, daß das kleine, hübsche Stubenmädchen Anna eines Tages ganz erschrocken, rot und beehrt, Seine Durchlaucht meldete.

Prinz Adolph suchte sich als Junggeselle soweit wie möglich vom Etikettenzwang loszumachen. Es war eine bekannte Tatsache, daß er die Bourgeoisie dem Adel vorzog. Ellen hatte Jenny Lindholm oft beneidet, wenn sie damit protzte, daß der Prinz bei ihnen »aus und ein gehe«!

Der Prinz traf sowohl den Departementschef wie Ellen zu Hause.

Er blieb fast zwanzig Minuten. Man frischte alte Reiseerinnerungen auf, sprach von London und Paris.

Der Prinz berührte sogar, daß Ellens Verlobter ja im Finanzministerium angestellt sei, wo er sicher Gelegenheit haben werde, Herrn Byge näher kennen zu lernen; er sei ja augenblicklich sozusagen »sein eigenes Departement«.

Da faßte Ellen Mut, spitzte ihre roten Lippen, zeigte ihre Grübchen, hob die Augenbrauen schelmisch in die Höhe und sagte wie in einer plötzlichen übermütigen Eingebung:

»Eure Durchlaucht haben ja beinah zu meiner Verlobung Gevatter gestanden, darum müßten Durchlaucht eigentlich zu meiner Verlobungsgesellschaft kommen. Nicht, Papa?«

Der Departementschef blickte hastig abwehrend auf; der Prinz aber lächelte entgegenkommend.

Da griff Kruse ein:

»Durchlaucht müssen die jugendliche Ungeniertheit meiner Tochter entschuldigen. Aber es war gut gemeint. Es würde uns natürlich eine große Freude sein, wenn Durchlaucht unser kleines Fest beehren wollten.«

Der Blick des Prinzen wurde etwas fern, die Wolke aber zog schnell vorüber; dann verbeugte er sich und sagte:

»Ich danke bestens für die Einladung. Es wird mir ein Vergnügen sein – sofern der Tag – – –«

Ellen beeilte sich, die Zeit zu nennen, die vorläufig festgesetzt war. Sie verstand sich meisterlich darauf, schelmisch auszusehen; und die Augen des Prinzen ruhten auf ihr, während er nachdachte.

»Ich will meinen Adjutanten fragen,« sagte er, »ob ich an dem Tage frei bin.«

»Oh, ich kenne Leutnant Flindt sehr gut,« sagte Ellen strahlend und unverdrossen, »ich werde mich lieb Kind bei ihm machen, damit er Eure Durchlaucht frei gibt.«

Kruse schüttelte mißbilligend den Kopf. Der Prinz lachte, während sich zwei rote Flecke auf seinen Wangen abzeichneten.

»Ich erwarte eine eigenhändige Einladung von Ihnen, gnädiges Fräulein,« sagte er und senkte seinen Blick in ihre schelmischen blauen Augen.

Einige Tage danach hielt Ellen triumphierend ein eigenhändiges Billett von dem Prinzen mit Krone und Namenszug in der Hand. Mit spitzen, zierlichen Schriftzügen dankte er und freute sich, an dem »bedeutungsvollen« Tage zugegen sein zu dürfen.

Svend fühlte sich natürlich Ellens und seiner selbst wegen geehrt. Aber es gefiel ihm nicht, daß Ellen selbst geschrieben und Antwort bekommen hatte.

»Bist du eifersüchtig?« fragte sie belustigt und fächelte ihm neckend mit dem prinzlichen Billett, das schwach duftete, um die Nase.

»Ja!« sagte Svend und blickte ihr fest ins Auge. »Meinst du, daß ich nicht gemerkt habe, wie er dich ansieht? Er geniert sich nicht – und du übrigens auch nicht.«

Ellen amüsierte sich eine Weile über seine Gereiztheit. Dann faßte sie ihn mit ihren weichen Fingern um den Kopf und sah ihn mit ihrem sanften blauen Blick an.

»Glaubst du, daß ich mir etwas aus diesem ältlichen Herrn mache, wo ich dich habe? Aber er ist doch Prinz, und es kann dir in deiner Karriere sehr von Nutzen sein, wenn er bei uns verkehrt. O Gott, wie wird Jenny Lindholm sich ärgern, wenn sie es hört!«

Svend hatte einen ernsten Protest wegen der Protektion auf den Lappen. Ellen aber schloß ihm den Mund mit einem Strom von kleinen hastigen Küssen.

 

Als der Tag herankam, wurden große Vorbereitungen gemacht.

Svend sah Ellen nur im Fluge. Immer erwartete sie jemanden oder mußte selbst irgendwohin. Selbst über die kleine, beherrschte Persönlichkeit des Departementschefs war Unruhe gekommen. Wenn er zu Hause war, fiel ihm beständig irgendetwas ein, dessen er sich vergewissern mußte. Es war ein immerwährendes Hinundher in dem sonst so ruhigen Hause.

Sie wurde unpräzise bei den täglichen Spaziergängen. In der letzten Woche hörten diese ganz auf.

Sie hatte intime Konferenzen mit Papa, in die nicht einmal Svend eingeweiht wurde. Er fühlte sich überflüssig, wenn er sie auf dem Wege zum Ministerium besuchte. Es kam nie zu einer ordentlichen Unterhaltung. Einige eilige Worte und ein flüchtiger Kuß; das war alles.

Ellen sprach verblümt von einer Überraschung für die Gäste, die sie sich ausgedacht und nach einigem Widerstand von Papas Seite durchgesetzt hatte. Es ärgerte Svend ernsthaft, daß er sie nicht erfahren durfte.

Er dachte an seine Mutter und Gerda. Wie würden sie sich in einer so vornehmen Gesellschaft zurechtfinden – sie, die geradeswegs aus der Provinz kamen?

Hin und wieder dämmerte ein Gefühl in ihm auf, daß er in etwas hineingeraten sei, wo er sich nicht zu Hause fühlte.

Auch mit seiner neuen Tätigkeit war er unzufrieden, seit er Zeit fand, darüber nachzudenken.

Die Arbeit, die er unter Juhls Leitung tat, konnten ja Hunderte und Aberhunderte ebensogut, ja vielleicht besser verrichten als er.

Er, der sich früher – ja, eigentlich seit dem Tode seines Vaters, mit Geduld gewappnet, er, der sich in den Jahren des aufgezwungenen Studiums daran gewöhnt hatte, ohne Hast in die Zukunft zu blicken – er fand, daß es jetzt Zeit sei, daß das Erwartete sich zeigen müsse.

Einmal mußte die Frucht doch reifen. Einmal mußte die Aufgabe, die er lösen sollte, sich doch offenbaren.

Er wußte wohl, daß sie nicht von selbst kommen würde. Er mußte beständig wachsam sein, alle Seiten des öffentlichen Lebens im Auge behalten, das Interesse für alles Menschliche bewahren, dann würde sein Gemüt den Angriffspunkt, wo er einsetzen konnte, schon von selbst finden. Während man wartete, galt es, sich die Position zu verschaffen, ohne die alle Worte und Taten kein Gewicht hatten, wie bereits Onkel Kasper ihm eingeschärft und wovon der Departementschef, der selbst in einem verhältnismäßig jungen Alter eine bedeutende Stellung erlangte, ihn überzeugt hatte.

Die Stellung hatte er ja jetzt. Departementschef Kruses Schwiegersohn – das war auch eine Art Position. Ein Tag aber verging wie der andere. Leer, trivial, voll gleichgültiger Kleinigkeiten. Was merkte er von dem öffentlichen Leben, in das er sich hatte hineinstürzen, bei dem er mit festen Händen hatte zugreifen wollen, wenn er erst einmal angefangen hatte?

Er ging Berichte von allen Küstengegenden des Landes durch. Von überall liefen Klagen ein. Während er Auszüge aus den eingegangenen Schreiben machte, brannte er vor Begierde, die Dinge, von denen er las, persönlich in Augenschein zu nehmen, anstatt darüber zu schreiben.

Eines Tages beklagte er sich Juhl gegenüber. Was konnte es nützen, daß sie hier säßen und schrieben und ihr Urteil abgäben? Sie hatten ja im Grunde gar kein Verständnis für das, womit sie sich beschäftigten. Praktische Leute an Ort und Stelle seien die einzigen, die Abhilfe schaffen könnten.

Juhl lächelte überlegen. Leute, die kaum ihren Namen schreiben konnten; Fischer mit Südwester und Kautabak im Munde sollten der Regierung zeigen, wo der Schuh drückte? – Das wäre noch schöner!

Svend hatte von Kindheit auf einen so tiefen Respekt vor der akademischen Bildung und ihrem Einfluß auf die Denk- und Beschlußfähigkeit, daß er gegen seinen Willen Juhl recht geben mußte.

Inzwischen glitt das Leben wie ein großer, breiter Fluß vorbei. Er sah ihn in den Zeitungen schäumen und brausen, umreißen und Schlamm ansetzen, immer in reißender Tätigkeit, während er selbst mit ausgebreiteten Armen am Ufer stand, ohne zu ahnen, wo er sich hineinstürzen sollte.

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