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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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10

Die Tür zum Nebenkontor stand offen. Es war ein Zimmer genau wie das erste, nur stand statt des Schreibtisches ein Pult am Fenster.

»Hö! hö!« bellte eine tiefe Stimme, als Jersey mit Svend hindurchging.

Eine gebeugte Gestalt, die über dem schrägen Pult lag und schrieb, die Augen ganz dicht über dem Foliopapier, richtete sich langsam auf und wandte sich halb zu ihnen um. Er hatte weißes Haar, das wie der Schopf eines Klowns über der gefurchten Stirn in die Höhe stand.

»Hö hö!« bellte er wieder und bereitete sich darauf vor, guten Tag zu sagen und die Hand zu geben.

»Das ist unser neuer Assistent, Referendar Byge!« sagte Jersey sehr laut und ging ganz nah ans Pult heran – Expeditionssekretär von Galten!«

»Hö hö! – freut mich!« brummte er und reichte Svend eine Hand, die steif, trocken und kantig war, wie ein Pergamentband.

Dann begann er umständlich in seinem Gedächtnis zu forschen –

»Byge! – hö hö – was für ein Byge? Von den Nyköbinger Byges – oder –«

»Von den richtigen Byges!« schrie Jersey und zog Svend eiligst mit sich fort, bevor noch der Expeditionssekretär Zeit bekam, sich des näheren über die Familie zu äußern.

»Der bekommt nun nichts getan, bevor er sämtliche Byges durchgegangen ist,« sagte Jersey halblaut – »er ist ein lebendiger Familienkalender.«

Die Tür zum nächsten Kontor war geschlossen. Jersey klopfte umständlich an.

»Entschuldigen Sie, Herr von Falk, dürfen wir mal durchgehen.«

Vor dem herabgerollten Rouleau, das klapperte, als die Tür ging, saß Assessor von Falk in seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt, die Füße in Lackstiefeln auf einem anderen Stuhl, und las in einem französischen Roman. Auf dem Schreibtisch schwamm es von beschriebenen Bogen in allen Größen, während vier Briefpresser, kostbar und künstlerisch ausgeführt, die Dokumentenhaufen festhielten.

An der Wand war eine Rembrandtsche Radierung mit Zeichenstiften festgeheftet. Eine Statuette von Michelangelos gefesseltem Sklaven stand auf einem Bord in der Ecke. Ein kleiner runder Tisch mit einem Syphon und Glas darauf teilte das lange, schmale Zimmer in zwei Teile. Neben einem offenen Bücherregal, das mit staubigen Dokumentenmappen vollgestopft war, stand ein sehr stilvoller, englischer Bücherschrank mit Werken in mattfarbigen Ledereinbänden.

Der Assessor erhob sich langsam und legte das Buch aus der Hand.

Er war groß und lässig in der Haltung. Die eine Schulter war höher als die andere. Der ruhige Mund war in gleicher Richtung wie die Schulter etwas hochgezogen, und auch die Kopfform hatte dieselbe Drehung. Aber es war nichts Entstellendes damit verbunden. Er hatte ein unbewegliches Gesicht, mit festen, ernsten und forschenden Augen.

In dem Blick, den Jersey mit dem Assessor wechselte, während er Svend vorstellte, lag eine so herzhafte Kälte, daß sie Svend auffiel.

Der Assessor musterte Svends Anzug, seinen Schlips und verweilte schließlich mit einem Schimmer von einem Lächeln in den feinen, weiblich gekräuselten Mundwinkeln auf seinem hellen, halsstarrigen Blick.

»Freut mich!«

Die unerwartet tiefe und klangvolle Stimme machte mit einem Schlage die Erscheinung sympathisch. Der Eindruck auf Svend war so stark, daß er sich in Falks Augen widerspiegelte, in denen ein plötzlicher Blitz des Interesses entzündet wurde.

Jersey war bereits an der Tür.

Svend verbeugte sich kurz vor Falk, der bereits wieder den Roman ergriffen hatte und ein wohlwollend nachdenkliches Lächeln hinter ihm hersandte.

Das Kontor, in das sie jetzt hineinkamen, war im Gegensatz zu dem vorherigen sehr hell. Beide Fenster standen offen, und als die Tür geöffnet wurde, flatterte ein Teil lose Blätter über den großen Arbeitstisch.

Jersey beeilte sich die Tür zu schließen. Ein kleiner, magerer, blonder Herr, äußerst korrekt gekleidet, mit kurzgeschorenem Haar und spitzem Vollbart, griff schnell nach den Papieren und erhob sich darauf mit einem verbindlichen Lächeln.

Svend sah gleich, daß der Bürochef und der kleine, behende Herr im besten Einverständnis miteinander lebten.

»Herr Juhl, darf ich Ihnen unseren neuen Assistenten, Referendar Byge vorstellen. Der Departementschef meint, daß er sich besonders für Fischereiwesen interessiert – ha – ha –«

Sie lachten beide und forderten Svend dasselbe Lachen ab, das nach stillschweigendem Büroübereinkommen Brynch zukam und »alter Idiot« bedeutete.

»Wollen Sie sich jetzt bitte freundlichst Herrn Byges annehmen und ihn in Ihre Mysterien einweihen.«

»Mit Vergnügen!«

Ein hastiger Händedruck wurde gewechselt.

»Herr Byge wird am besten hier neben mir Platz nehmen.«

»Ja, wenn nicht der Prinz –«

»Wenn Seine Durchlaucht hier ist, arbeiten wir in der Bibliothek.«

»Sie müssen nämlich wissen, Herr Byge –« der Bürochef legte seine Hand familiär auf Svends Schulter: »daß Juhl die Ehre genießt, Sekretär im Verein zur Förderung von Fischereiangelegenheiten zu sein, dessen hoher Vorsitzender Prinz Adolph ist.«

»Prinz Adolph?« platzte Svend interessiert heraus.

Jersey hielt es für Devotion und sagte ironisch.

»Ja, Seine Durchlaucht in höchsteigener Person, den man wegen seines vieljährigen Interesses für Segelsport für diesen Posten geeignet gefunden hat. Und jetzt ist die Arbeit so verteilt, daß Juhl über die Sache schreibt, während seine Durchlaucht die Aufgabe hat, unter die Sache zu schreiben.«

Juhl lachte mit einem schwachen Protest, während Svend pflichtschuldigst den Witz des Bürochefs mit einem verständnisvollen Lächeln anerkannte.

Nachdem der Bürochef Svend von dem Gesuch an den Minister, von der Büroarbeit und den Gehaltsverhältnissen Bescheid gesagt hatte, empfahl er sich, nickte Juhl zu und kehrte über den Korridor zurück, um nicht noch einmal durch Falks Zimmer zu gehen.

Svend bekam seinen Platz an dem großen Tisch, Herrn Juhl gegenüber, angewiesen. Nachdem dieser Svends Verhältnis zum Departementschef Kruse erfahren hatte, wurde er noch verbindlicher.

Während einer halbstündigen, angenehmen Unterredung hatte man mehrere gemeinsame Bekannte gefunden. Juhl verschaffte sich einen genauen Einblick in Svends Verhältnisse: Sohn einer armen Witwe, hohe Protektion, sehr begabt, aber eingebildet.

Schließlich sah Juhl zu seinem Schrecken, daß die Uhr halb drei sei. Um drei Uhr wollte der Prinz kommen, um Einblick in einige ausländische, illustrierte Werke über Fischereigerätschaften zu nehmen, und Juhl hatte sie noch nicht aus der Bibliothek ausgewählt. Darum wurde verabredet, daß sie morgen anfangen wollten.

»Um elf Uhr?« fragte Svend. Der Bürochef hatte ihm gesagt, daß die Bürozeit von elf bis vier Uhr sei.

»Sagen wir halb ein Uhr. Vor zwölf ist doch kein Mensch hier.«

 

Svend hatte mit Ellen um drei Uhr ein Stelldichein am Schloß verabredet. Sie machten jeden Tag vorm Mittagessen einen gemeinsamen Spaziergang.

Svend kam etwas zu früh und wanderte auf und ab.

Endlich sah er ihre graziöse Gestalt auftauchen. Sie hatte das dunkelblaue Kostüm mit den Falten an, das er so sehr liebte.

Sie winkte, als sie ihn sah, und schritt schneller aus. Es war etwas Hüpfendes in ihrem Gang, wenn sie sich beeilte.

Sie gingen Arm in Arm, eng zusammen, vertraulich. Er erzählte launig von seinem Antritt im Ministerium. Sie lachten zusammen über den alten Brynch. Ellen kannte sowohl ihn wie v. Falk.

»Ja, der ist ja mein adliger Großvetter!«

»Wer – v. Falk?«

»Er ist ein richtiger Kunstsnob. Papa sagt, er bringt es nie weiter.«

»Als zu was?«

»Als zum Assessor. Er tut sicher nichts im Ministerium außer seine Gage zu heben. Aber er hat es auch nicht nötig. Er hat Lindersbo von seinem Vater, dem Hofjägermeister, geerbt der mit einer Kusine meiner Mutter verheiratet war.«

Svend erzählte von Juhl und dem Prinzen.

»Prinz Adolph?«

Ellen bekam einen roten Kopf vor Interesse.

Svend dachte an ihre erste Begegnung auf dem Dampfer und an das Diner beim Gesandten.

»Ach, Svend, mach dich bei ihm beliebt, hörst du.«

»Weshalb?«

Svend sah sie plötzlich unwillig an.

»Er hat viel Einfluß auf die Minister.«

»Ich bedarf keiner Protektion.«

Svend warf den Kopf in den Nacken. Ellen lachte laut auf.

»Du bist ein rechter Narr. Was ist denn dabei? Das tun die anderen doch auch. Weißt du was, Svend, es wäre fein, wenn er bei uns verkehren würde – er soll so amüsant und ungezwungen sein, wenn man ihn näher kennt. Er verkehrt bei Generals.«

»Wer ist das?«

»Jenny Lindholms Vater – du weißt, die mit der Narbe in der Backe.«

Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und wendeten jetzt um. Plötzlich faßte Ellen Svend am Arm.

»Da kommt er!« rief sie aus.

»Wer?«

»Der Prinz, mit einem jungen blonden Herrn.«

Svend spähte in die angegebene Richtung. Richtig. Der Prinz und Juhl kamen ihnen langsam entgegen. Der Zylinder des Prinzen überragte die übrigen Leute. Juhl trug einige Bücher unterm Arm und fühlte sich sichtlich durch die Gesellschaft der Durchlaucht geehrt.

»Wir rennen ihnen gerade in die Arme!« sagte Ellen und errötete; ihre Augen strahlten.

»Du sollst sehen, er erkennt mich!« sagte sie, schob ihren Hut zurecht und zog ihre Jacke herunter.

Svend ärgerte sich ein wenig, sagte aber nichts.

Ellen nahm Svends Arm. Seine Durchlaucht sollte sehen, daß sie verlobt waren, das war eine Veranlassung für ihn, stehen zu bleiben. Sie machte ihr liebenswürdigstes Gesicht; auch Svend richtete sich höher auf, während er den Prinzen im Auge behielt. Er sah, wie dieser einige Worte mit Juhl wechselte, worauf sie beide Ellen und ihn mit Interesse musterten.

Als sie grüßten, tat der Prinz, als erkenne er sie jetzt erst wieder. Er blieb stehen und richtete das Wort an Ellen.

»Fräulein Ellen Kruse, nicht wahr!« sagte er und reichte ihr die Hand. »Darf ich fragen, wie Sie sich nach der Reise befinden?«

»Danke, Durchlaucht, ausgezeichnet.« Ellen antwortete laut und mit zwitschernder Munterkeit.

»Und Sie, Herr Byge?«

Der Prinz reichte auch Svend die Hand, während er ihm wie einem alten Bekannten zulächelte.

»Wir haben ja gemeinsame Reiseerinnerungen,« sagte er, »erst auf dem Dampfer und dann der Abend beim Baron.«

Seine Augen ruhten interessiert in Ellens, die ihn anlächelten.

»Was muß ich hören – Sie haben sich mit unserem jungen Reisegefährten verlobt, gnädiges Fräulein? Meinen besten Glückwunsch!« Sie dankten beide. Svend fühlte sich geschmeichelt.

»Ja, Durchlaucht,« sagte er, »die Reise hat für uns beide das allerschönste Resultat gehabt.«

Ellen nahm Svends Arm und suchte eine Stütze daran, während sie Mut faßte. Es lag etwas im Blick des Prinzen, was ihr Mut machte.

»Durchlaucht müssen versprechen, uns in unserem Heim zu besuchen, wenn wir erst verheiratet sind.«

»Mit Vergnügen. Vorläufig aber möchte ich Ihrem Herrn Vater meinen Glückwunsch überbringen. Es war schon längere Zeit meine Absicht, dem Herrn Departementschef einen Besuch zu machen.«

»Papa wird sich sehr freuen!« sagte Ellen natürlich.

Ein Schelm lauerte in den Augenwinkeln des Prinzen.

Dann verabschiedete er sich und wandte sich zu Juhl, der ehrerbietig zurückgetreten war.

»Ach, verzeihen Sie, Sie kennen vielleicht nicht Herrn Juhl, meinen ausgezeichneten Sekretär und Mitarbeiter.«

Juhl grüßte und drückte Ellen die Hand. Svend lächelte er zu. Es war ja nicht so lange her, seit man das Vergnügen gehabt hatte.

»Adieu, adieu!«

Ellen knickste und Svend verbeugte sich tief.

Als sie so weit fort waren, daß die anderen sie nicht mehr hören konnten, drückte Ellen freudestrahlend seinen Arm und sagte:

»Hab ich das nicht gut gemacht?«

»Was?«

»Daß ich ihn ohne weiteres eingeladen habe.«

»Ja aber, Ellen, ich begreife nicht –«

»Gott, sei doch kein Frosch! – Es ist doch amüsant, mit einem Prinzen zu verkehren.«

»Er soll zur Verlobungsgesellschaft eingeladen werden,« entschied sie eifrig und schritt schneller aus.

Svend sah sie von der Seite an. Ihre Wangen hatten die zarte Röte, die sie entzückend kleidete, und ihre Augen waren groß und strahlend.

»Wie ist sie hübsch!« dachte Svend und vergaß alle Einwendungen.

Als Svend am nächsten Tage ins Büro kam, empfing Juhl ihn wie einen alten Freund.

Er erkundigte sich vorsichtig nach seiner Bekanntschaft mit dem Prinzen und fragte im Laufe des Gesprächs:

»Verkehren Sie bei General Lindholm?«

»Nein, ich kenne ihn nicht; aber meine Braut ist mit seiner Tochter befreundet. Weshalb meinen Sie?«

»Ach, ich dachte nur, weil er ein intimer Freund Ihres Onkels, Konferenzrat Byges, war.«

Juhls Blick forschte neugierig in seinem; Svend aber sah sich nicht veranlaßt, diesen kleinen, strebsamen Herrn in sein Verhältnis zu Onkel Kasper einzuweihen.

Was ging ihn außerdem General Lindholm an?

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