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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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3

In Hörweite von dem alten Garten lag ein strohgedecktes Haus hinter einem Wall, der mit Weißdorn und Flieder bewachsen war.

Hier wohnte der Schütze und seine Frau.

Er war in seinen jungen Tagen Kutscher auf dem Gutshof gewesen; nachdem er aber einen Huftritt von einem Hengst in die Hüfte bekommen hatte, taugte er nur noch zu leichter Arbeit.

Es war eine Art Invalidenpension, die er in dem kleinen Waldhaus mit seinen drei Tonnen Ackerland genoß. Er hinkte an seinem Stock umher, sägte Brennholz, reinigte seinen Garten von Unkraut und öffnete die Waldpforte, wenn die Herrschaft oder sonst jemand, der im Walde angestellt war, angefahren kam.

Damit er sich auf seine alten Tage nicht zu gering fühlen sollte, hatte er den Titel eines Schützen bekommen, und da seine Frau, die Stubenmädchen auf dem Gutshof gewesen war, die Wäsche der Gutswirtschaft reparierte und ein hübsches Stück Geld damit verdiente, so stand das alternde Ehepaar sich gut.

Da sie keine Kinder hatten, nahmen sie ein kleines Mädchen in Pflege, das man der Hebamme des Dorfes zum Unterbringen übergeben hatte.

Es war ein Zwilling; das andere Kind, ein Knabe, war gleich nach der Geburt gestorben. Das war alles, was ihre Pflegeeltern von ihr wußten. Das Geld aber für den Unterhalt des Kindes wurde ihnen prompt jedes Vierteljahr von einem Rechtsanwalt aus der Handelsstadt zugestellt.

Es war ein kräftiges, gesundes Kind mit großen dunkelgrauen Augen, vollem blonden Haar, das sich in der Sonne wellte, einer kleinen kecken Nase und feiner, flaumiger, durchsichtiger Haut.

Ihr Pflegevater hatte ihr ein Zicklein geschenkt, das frei umhersprang, mit einem Zigarrenband um den Hals. Wenn sie es rief, kam es auf sie zugehüpft und meckerte mit seiner dünnen Stimme.

Svend stand eines Tages vor dem Wall und sah durch eine Öffnung in der Hecke wie Lisbeth dem Zicklein Milch zu trinken gab.

Da fragte er.

»Was willst du für die Ziege haben?«

Sie sah ihn erstaunt mit ihren runden Augen an.

Dann warf sie den Kopf zurück und sagte mürrisch:

»Ich werde Jens doch nicht verkaufen!«

Svend war gekränkt und sagte:

»Wie bist du dumm, daß du nicht weißt, daß alle Ziegen Mads heißen.«

Sie sah ihn wieder erstaunt an; dann sagte sie sanft:

»Du kannst gern hereinkommen und mit uns spielen.«

Svend fühlte sich überwunden. Er wußte nicht, was er antworten sollte; nachdem er es sich aber eine Weile überlegt hatte, kletterte er über die Hecke.

Svend und Lisbeth wurden schnell gute Freunde. Sie war ein Jahr jünger als er, war aber fast ebenso groß und mit viel dickeren Armen.

Jedesmal, wenn er mit dem Leiterwagen nach dem Moor fahren durfte, besuchte er Lisbeth und das Zicklein.

Wenn sie den schweren Wagen rattern hörte und Svend auf dem Wagenbrett neben dem Knecht entdeckte, vergaß sie Zicklein und Hühner und Küchlein und stürmte ihm entgegen.

Er winkte ihr mit der Mütze; und kaum war er vom Wagen heruntergesprungen, so hatte sie ihm schon alles berichtet, was sich seit dem letztenmal an merkwürdigen Dingen zugetragen hatte.

»Ihr seid wohl Brautleute!« sagte der Knecht und lachte ihnen zu.

»Ja!« sagten sie und lachten.

Sie glaubten, er wolle damit sagen, daß sie so schön zusammen spielten. Dann nahm Lisbeth Svend bei der Hand und lief mit ihm davon. Als sie ein Stück gelaufen waren, drehte sie sich um und rief dem Knecht zu:

»Und Jens auch. Jens ist auch mit Brautleute.«

Ihre Freundschaft hielt über die ganze Ferienzeit an, sie war stark und echt.

Als aber Svend in seine eigene Stadt zurückkehrte, zu Mutter und Schwester und zur Schule, da vergaß er nach und nach seinen Spielkameraden.

 

Um die Weihnachtszeit desselben Jahres starb Svends Großvater.

Großmutter, die den Hof nicht allein weiterbewirtschaften wollte, übergab ihn mit Einwilligung ihres Sohnes dem Bruder des Verstorbenen, Onkel Kasper, welcher vom Erbteil des Urgroßvaters eine große Hypothek darauf stehen hatte.

Onkel Kasper war ein alter, schwerreicher, aber knauseriger Sonderling, der, nachdem er seinen vielen Ehrenämtern entsagt hatte, den größten Teil des Jahres zurückgezogen in der Hauptstadt lebte.

Als es wieder Sommerferien gab, wohnte ein fremder Pächter auf dem Gutshof. Großmutter war in die Stadt gezogen; Svend hatte niemanden mehr, den er in der Gegend besuchen konnte.

Das alte Haus war noch immer unbewohnt. Lisbeth stand oft und guckte mit Jens zusammen in den Garten hinein. Sie gedachte des vergangenen Sommers und sehnte sich in ihrer Einsamkeit nach dem Spielkameraden.

 

Ein besonderer Lichtglanz lag für Svend über der Erinnerung an den Sommer, den er einige Jahre später an der Nordsee verlebte.

Sein Vater hatte den Auftrag bekommen, einen Herrenhof, der abgebrannt war, wieder aufzubauen.

Sie wohnten in einem kleinen Haus, das am Fjord lag, dort, wo der Deich, der die ausgedehnten Ländereien, die zum Herrenhof gehörten, einfaßte, ins Land einbog.

Während der Vater auf dem Bauplatz beschäftigt war, streifte Svend allein umher.

Er lag in dem warmen Sand auf der Grenze zur Heide, in der dichten, bräunlichgrünen Decke, die weder Heidekraut noch Gras ist, aber etwas von beiden. Er lag und starrte in das feierliche, übermächtige Blau hinauf und füllte es mit Hoffnungen und Erwartungen.

Aus der Welt, die er kannte, formte er sich eine neue, größere und abenteuerlichere. Sie war nach seinem eigenen Bilde geschaffen. Er war ihr Mittelpunkt; und sie versprach ihm die Erfüllung alles dessen, was er sich wünschte.

Er dachte an das, was Großvater ihm vom Geschlecht der Byge erzählt hatte; er sah sie vor sich wie eine Reihe stattlicher Herren, die alle seinem Urgroßvater und dem alten König glichen.

Er war jetzt dem Bild mit den sich verneigenden Höflingen und der Schnupftabakdose entwachsen. Er sah sie jetzt in großen Handelshäusern, zwischen vielen geschäftigen Arbeitern, die ihrem Wink gehorchten und Tonnen zu ihrem Reichtum schleppten.

Er träumte davon, »Urgroßvater ähnlich zu werden«. Er füllte das Meer mit großen Schiffen unter vollen Segeln und mit weißen Galionsfiguren. Er träumte davon, wie er alle diese Schiffe dem König schenken wollte, wenn das Land in Not käme. Er gab sich Mühe, sich die Namen der Gutshöfe, die das Geschlecht besessen, ins Gedächtnis zurückzurufen. Er hatte sie in Großvaters Bibel mit den Silberspangen gelesen. Auf vergilbten Seiten hinten im Buche standen alle Familienmitglieder mit ihren Jahreszahlen aufgeführt, auf welchem Hof sie geboren, was sie erworben und was sie verkauft hatten. An einer Stelle stand – es las sich schon wie ein tiefer Seufzer – »wieder ein Hof, der dem Geschlechte verloren geht«.

Niemals empfand er die Einsamkeit wie eine Entbehrung. Im Gegenteil. In der Einsamkeit war er der Herr, der mächtige, der einzige, dessen Wille geschah. Für ihn allein erstreckte sich das Meer blank und blau; für ihn allein segelten die Wolken fernen Zielen zu.

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