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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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9

Wie Departementschef Kruse vorausgesagt hatte, wurde kurze Zeit darauf im Departement für Hafen- und Fischereiwesen ein Platz frei.

»Sie sollten sich melden,« sagte Kruse zu Svend, »vorausgesetzt, daß Sie sich für Hafen- und Fischereiangelegenheiten interessieren.«

Svend sehnte sich danach, eine Tätigkeit zu bekommen, die ihn mit dem öffentlichen Leben in Verbindung brachte. Vorläufig galt es nur irgend etwas zu ergreifen, später würden seine Fähigkeiten und seine Arbeitskraft ihn schon zu bedeutenden Aufgaben führen.

Weshalb nicht ebensogut mit Hafen- und Fischereiangelegenheiten beginnen wie mit etwas anderem?

»Bestellen Sie dem Departementschef Brynch einen Gruß von mir und sagen Sie ihm, ich hätte Ihnen geraten, sich um die Stelle zu bewerben.«

Svend schob nichts auf morgen auf, was er heute tun konnte. Darum befand er sich eine halbe Stunde, nachdem er mit seinem Schwiegervater gesprochen hatte, auf den ausgetretenen Treppen des roten Ministerialgebäudes.

Er kam in einen dunklen Korridor, der sich in einer tiefen Perspektive bis zu einer offen stehenden Tür erstreckte. Es roch sauer und dumpf.

»Wo treffe ich den Departementschef Brynch?« fragte Svend einen Angestellten, der aus einem Zimmer kam.

»Das Hafendepartement ist in der ersten Etage,« sagte er und zeigte auf die offene Tür am Ende des Korridors, »dort rechts die Treppe hinauf.«

Svend klopfte zweimal vergeblich an die Tür des Departementschefs. Er war gerade im Begriff, unverrichteter Sache fortzugehen, als ein kleiner, brünetter Kontormensch mit unordentlichem, graumeliertem Haar und einer Feder hinterm Ohr seinen Kopf aus der gegenüberliegenden Tür steckte.

Svend drehte sich um und grüßte.

»Ist Herr Departementschef Brynch nicht zugegen?« fragte er.

Der Kontorist schob die Brille auf die Stirn und betrachtete ihn mit klugen, braunen Augen.

»Ich will mal nachsehen!« sagte er. Er ging über den Korridor und donnerte eine solche Salve gegen die Tür, daß Svend lächeln mußte.

Der Kontorist verzog den Mund und schüttelte den Kopf.

»Der Alte ist nicht so leicht zu wecken.«

Noch eine Salve.

Da knackte ein Sofa. Ein Tisch wurde geschoben. Schwere Schritte auf dem Fußboden. Dann ertönte eine schnarrende Greisenstimme:

»Herein!«

Der brünette Kontorist zog sich zurück, und Svend trat ins Zimmer.

Er hatte einen vornehmen, älteren Herrn, in der Art wie Kruse, erwartet.

Den alten Mann aber, mit der weißen Halsbinde und dem Vatermörder, der sich so ungeniert hinter der Brille den Schlaf aus den Augen rieb, den hätte er eher für einen Dorfschullehrer gehalten als für einen Regierungsbeamten.

»Wa – was wollen Sie?« schnarrte der Alte und sah ihn geistesabwesend an.

»Mein Name ist Svend Byge. Mein Schwiegervater, Departementschef Kruse hat –«

»Ach so, Sie sind das!« sagte der Alte geschäftig und zog ihn am Rock zu dem großen, viereckigen Arbeitstisch, der mit Papieren und Akten beladen mitten im Zimmer stand.

»Bitte, setzen Sie sich.« Svend nahm Platz, und der Alte setzte sich ihm gegenüber in einen Lehnstuhl.

Er gähnte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und legte sich schließlich ganz wach in den Stuhl zurück.

»Also Sie sollen Kruses Tochter haben? Ja, ja, ist ein hübsches kleines Mädchen und Geld hat sie auch. Keine üble Sache für so'n jungen Referendar wie Sie.«

Svend richtete sich auf und bekam einen roten Kopf.

»Ha, ha, ha!« lachte der Alte selbstgefällig und beugte sich vor, um Svend mit seinen gutmütigen Augen zu betrachten. »Sie können doch'n kleinen Scherz verstehen? Sonst passen Sie nicht in unser Departement. Wir scherzen hier nämlich alle. Sogar der Herr Minister.«

Darauf ließ sich mit nichts anderem als einem Lächeln antworten. Und das tat Svend.

»Also Sie wollen in unser Departement. Ja, Kruse sprach neulich schon davon – Svend Byge, sagten Sie –«

Der Alte notierte auf einem Bogen Papier, der vor ihm lag. Dann sah er auf und sagte:

»Wie war es doch noch, Herr Byge – interessierten Sie sich am meisten für Hafen- oder für Fischereiwesen?«

Svend versuchte dem Scherz mit würdigem Ernst zu begegnen. Aber es mißlang ihm. Er mußte lächeln, und als der Alte das sah, lachte er, daß es nur so in ihm gluckste.

»Ich gestehe,« beeilte Svend sich zu sagen – es war vielleicht eine Falle –, »daß ich noch nicht genügend bewandert bin, um –«

»Nee, das läßt sich denken! – Wenn Sie aber erst beide Wesen kennen gelernt haben, werden Sie sie mit wärmstem Interesse umfassen, alle beide, nicht?«

Svend bekräftigte es mit einem ernsten Kopfnicken.

»Und werden Ihre besten Kräfte –« der Alte blies die Backen auf und sah Svend unverwandt an, der den Kopf bejahend neigte – »und Ihren Fleiß und Ihr Streben dafür einsetzen, nicht?«

Jetzt platzte der Alte los und erhob sich geräuschvoll.

»Ihr seid mir die Rechten, ihr jungen Referendare. Pfeifen tut ihr sowohl auf das Hafen- wie auf das Fischereiwesen. Wenn ihr nur ein bißchen Lebensunterhalt und ein Tauende bekommt, an dem ihr euch heraufzieht, damit ihr heiraten und die Welt vermehren könnt – ha, ha, ha! Genau so war es zu meiner Zeit, und anders wird es wohl auch nie werden. Ach, wenn ich dran denke, wie ich vor achtundvierzig Jahren in diesem selben Zimmer saß und auf demselben Stuhl schwitzte wie Sie. Damals war der alte Dahl Departementschef – vornehmer, alter Herr, will ich Ihnen sagen, aber steif war er – und er fragte mich furchtbar ernst, ob ich mich auch für Ernährungssachen interessiere – damals hatten wir noch das ganze Ernährungswesen unter uns, müssen Sie nämlich wissen, später wurde es geteilt – und ich sagte, daß ich mich gewaltig für alle Erwerbszweige des Landes interessiere – ich pfiff damals auf den ganzen Rummel, das Interesse kam erst viel später; aber ich will Ihnen sagen, ich hatte mich zu früh verlobt, ebenso wie Sie, und wollte mir einen Lebensunterhalt verschaffen. Ach, ja, ja – ha, ha, ha! Das wird wohl nie anders werden.«

Der Alte strich sich über den unordentlichen, grauen Großvaterbart und gluckste noch ein wenig mit feuchten Augen, während er Svend am Ärmel faßte und sagte:

»Ja, ja, mein lieber Byge, in fünfzig Jahren sitzen Sie vielleicht hier und lächeln über einen jungen Mann, der gerade das Examen hinter sich hat und mit Meilenstiefeln vorwärts will.«

Er erhob sich und schob den Stuhl geräuschvoll zurück.

»Na, kommen Sie nur mit mir. Wir wollen jetzt zum Bürochef gehen und alles gleich ordnen.«

Der Alte stolperte über den Korridor, und Svend folgte ihm.

Ohne anzuklopfen riß er die Tür zu dem brünetten Kontoristen auf, der Svend geholfen hatte, ihn zu wecken.

»Hören Sie mal!« schnarrte er.

Der Brünette tauchte hinter einem Bücherbord auf, das von oben bis unten mit Mappen und Dokumentenkasten mit vergilbten Etiketten vollgestopft war.

»Tag, Jersey! – Darf ich Ihnen –« er zog Svend am Ärmel heran – »Referendar Byge vorstellen – Kruses zukünftigen Schwiegersohn.«

Er stutzte, schob die Brille in die Höhe und musterte Svend von neuem.

»Byge? – Byge? – Sagen Sie mal, sind Sie wohl mit dem – dem Politiker Kasper Byge verwandt?«

»Ja, er war –«

»Was Sie sagen! Ja, der alte Byge, der war ein Ehrenmann; ach, ich erinnere mich seiner ja noch sehr gut. Man sagte, daß er der reichste Mann des Amtsbezirks war, als er starb. Und wie war es doch – keine Leibeserben, nicht? – Na, das lasse ich mir gefallen!«

Er lächelte schalkhaft und puffte Svend in die Seite. Dann zupfte er mit der andern Hand den Bürochef an seinem fettigblanken Ärmel:

»Den können wir brauchen, was, Jersey?«

»Hat Herr Byge ein schriftliches Gesuch mitgebracht?« fand der Bürochef es angebracht zu fragen.

»Das ist richtig! Geben Sie ihm Anweisung, wie er das Gesuch für den Minister schreiben soll. Das müssen wir ja haben, darin haben Sie recht. Und lassen Sie ihn nur gleich anfangen. Er interessiert sich gewaltig für das Fischereiwesen, wie er mir anvertraut hat, darum geben Sie ihn wohl am besten zu – wie heißt er doch noch gleich – der Freund des Prinzen –«

»Herr Departementschef meinen Referendar Juhl.«

»Juhl, richtig – und er soll den jungen Mann zurechtweisen. – Na, damit wäre die Sache ja in Ordnung! – Adieu für heute, Herr Byge, und grüßen Sie Ihren Schwiegervater!«

Der Alte nickte väterlich, gab ihm einen nachlässigen Händedruck und kehrte lärmend zu seinem Sofa zurück.

Jersey warf Svend einen Blick zu. Er sagte nicht: alter Schafskopf! aber er schüttelte den Kopf, und das war eine alte Kontorgewohnheit, die dasselbe bedeutete.

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