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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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7

Svend war von seiner Auslandsreise nach Kopenhagen zurückgekehrt, etwa einen Monat später als der Departementschef und seine Tochter. Das Wiedersehen mit Ellen war strahlend gewesen, es lag Morgensonne über der Verlobung. Jetzt schrieb Svends Mutter, daß sie sich danach sehne, Ellen Kruse kennen zu lernen. Darum wurde bestimmt, daß Svend und Ellen hinreisen und von Sonnabend bis Montag dableiben sollten.

An einem klaren, kühlen Septembermorgen stand Svend vorm Hauptbahnhof und wartete auf Ellen.

Er hatte Billette genommen; es war die höchste Zeit, als er sie endlich in einer Droschke erblickte.

Er erkannte sie erst, als sie ganz nah war, sie hatte einen neuen Hut auf, dunkel und einfach, aber ganz reizend.

Er hatte ihr einige ärgerliche Worte über ihre Unpünktlichkeit sagen wollen. Als sie aber aus dem Wagen sprang, mit morgenfrischen Wangen, die blauen Augen weit geöffnet, vor Angst zu spät zu kommen, und die roten Lippen mit einem entschuldigenden Lächeln zum Kuß gespitzt, da wurde er ihrer so froh, daß er statt zu schelten, den Arm um ihre schlanke Taille legte und sie küßte.

Wie sah sie reizend aus in dem dunkelblauen Herbstkostüm mit den breiten Falten über der Brust, wie bei einem Jagdkostüm.

Sie blickte verstohlen zu ihm auf; und im selben Augenblick begriff er, weshalb sie weder ihren neuen Pariser Hut noch ihren eleganten Mantel angezogen hatte.

Auf dem Wege durch den Wartesaal drückte er sie mit stürmischem Dank für ihre zarte Rücksichtnahme an sich. Obgleich sie seine Mutter nur durch flüchtige Erzählungen aus seinem Heim kannte, hatte ihr weiblicher Takt ihr doch gleich gesagt, was in den Geschmack seiner Mutter fallen würde.

Und sie hatte sich seinetwegen danach gerichtet; dafür dankte er ihr.

Es war eine herrliche Fahrt durch die dichten Wälder, die bereits die scharfen Linien des Herbstes und den männlichen Metallklang im Rascheln des Laubes hatten, über hügelige, gelbe Stoppelfelder, wo die Garben noch draußen standen und ihrer Zeit harrten, während die Kühe wiederkäuten und ein vereinzeltes Schaf hinter einem Weidenzaun an seinem Strick zerrte.

Svend fürchtete den ersten Eindruck. Nicht, daß Ellen seiner Mutter nicht gefallen würde – er wußte genau, wie kritiklos milde sie von vornherein gestimmt sein würde, während sie auf dem Perron stand und nach dem Zuge ausspähte – sondern wie seine Mutter und Schwester Ellen gefallen würden.

»Mutter!« rief Svend und winkte aus dem offenen Fenster heraus, während Ellen rasch ihre Hand von seiner Schulter nahm und die Jacke über die Brust herabzog.

Sie blickte gespannt auf ein Gedränge von wettergebräunten und dickleibigen Frauen mit Kopftüchern herab – es war Markttag.

Da stand zwischen dem Gedränge, wie aus einer anderen Welt, eine kleine Dame mit großen, bleichen, milden Augen in einem feingefurchten Gesicht. Ellen sah gleich an der Ähnlichkeit, daß es Svends Mutter war.

»Die arme kleine Frau!« war Ellens erster Eindruck. Sie sprach ihn nicht aus, war sich dessen kaum selbst bewußt; Svend aber las es dennoch in ihren blauen Augen, die plötzlich so weich wurden.

Sein Herz schlug heftig. Er mußte sich abwenden, um das Zittern seiner Lippen zu überwinden.

Frau Byges Blick, der leer und suchend über die Kupeefenster geschweift war, bekam plötzlich Leben und Wärme. Jetzt erst entdeckte sie Svends sonnenverbranntes Gesicht mit dem Schnurrbart, den er sich seit seinem letzten Besuch zugelegt hatte.

Das Anstandslächeln, das auf ihren Lippen bereit gelegen hatte, bekam Leben und bebte, als ihr Blick vorsichtig, aber unendlich milde Ellens blaue Augen suchte und die freundliche, etwas verlegene Ehrerbietung darin las. Die Lippen zitterten über den guterhaltenen Zähnen, während sie »willkommen« nickte – zu sprechen wagte sie nicht, weil sie wußte, daß es dann mit ihrer Fassung vorbei sein würde. Als sie aber das junge Mädchen aus dem Kupee springen sah, so leicht und froh wie ein Vögelchen – Ellen Kruse, der sie schon den Platz einer Tochter in ihrem Herzen bereitet hatte – als sie ihre zarte Hand fühlte, die ebenso klein war wie ihre, da war es dennoch mit ihrer Fassung vorbei. Es bebte von der Lippe bis zur Nase, und indem sie ihren Schleier mit der linken Hand hob, fielen zwei Tränen auf den Handschuh des jungen Mädchens.

Ellen war gerührt. Sie dachte an ihre eigene Mutter – von einer ganz anderen und stattlicheren Art, aber Mutter wie sie. Unaufgefordert beugte sie sich herab und reichte ihr die Wange.

Frau Byge küßte sie auf beide Wangen, während sie ihr wiederholt warm die Hand drückte. Ellen dachte: ich will gut gegen sie sein.

Jetzt kam die Reihe an Svend. Gleichzeitig streckte ein junges Mädchen, das hinter Frau Byge stand, Ellen die Hand entgegen.

Sie trug ein dunkles Jackett, das die eckige, etwas breite Figur stramm umschloß, einen dunklen Hut mit einer Bandschleife von derselben Farbe, und am Halse kam ein goldenes Medaillon zum Vorschein, das von kürzlich stattgefundener Konfirmation erzählte.

»Gerda?« fragte Ellen.

»Ich bin Svends Schwester!« sagte Gerda gleichzeitig. Da mußten sie beide lachen und gaben sich die Hand.

Sie stiegen in den Omnibus des Hotels. Das pflegte Frau Byge zu tun, wenn sie Gäste hatte. Der Kutscher, der oft mit leerem Wagen nach Hause fahren mußte, steckte diesen Extraverdienst von Leuten aus der Stadt, die auf seinem Wege wohnten, gern ein.

Der Omnibus hatte Gummiräder, so daß das unebene Pflaster nicht so hart stieß; die Fenster aber, die lose in ihrem Rahmen saßen, klirrten so, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Svend war von seinen Ferienbesuchen her an die niedrigen geweißten Häuser, die kleinen Fensterscheiben, die in der Nachmittagssonne lächelten, an die neugierigen Spitzenhäubchen, an das ganze schläfrige Kleinstadtleben gewöhnt, so daß er nicht weiter darüber nachdachte; Ellen aber, die nie eine richtige Kleinstadt gesehen hatte, versank in neugierige Verwunderung darüber, daß hier, wo Svends Familie wohnte, alles so klein war.

Sie dachte an den jungen, flotten Referendar, den sie zum erstenmal auf dem Dampfer gesehen hatte. Wie er ihr jetzt gegenüber saß und seiner Mutter froh und vertraulich von seiner Reise erzählte, hin und wieder den neugierigen Gruß einer Person erwidernd, die mit langer Pfeife und in Morgenschuhen vor der Tür stand und offenbar auf diesen Aufzug gewartet hatte – da erschien er ihr gleichsam geringer, sowohl unansehnlicher als auch knabenhafter; als sie sich schließlich ihrer lächerlichen Mißstimmung bewußt wurde, lachte sie und sagte munter:

»Nein, wie ist das alles klein, eine reine Puppenstadt!«

Svend ließ seine Augen über die Häuser schweifen. Da sah er seine Vaterstadt im Licht der frischen Eindrücke vom Ausland.

»Ja, mein Gott!« sagte er ernst, und sein Gedankengang erweiterte sich.

Er dachte an den Pseudo-Amerikaner, und an sein niederdrückendes Kleinheitsgefühl während der ersten Tage in London und Paris.

Frau Byge ahnte, was in ihm vorging. Sie legte ihre Hand tröstend auf seine und sagte mit einem Lächeln zu Ellen hinüber, als wollte sie ausdrücken: Wir Frauen verstehen das besser:

»Klein, aber niedlich!«

Ellen zitierte entgegenkommend:

»Wer das Kleine nicht ehrt, ist das Große nicht wert.«

Dann waren sie da.

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