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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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Zweites Buch

1

Svend war in Paris.

Er kam spät abends an, über Dieppe. Der Zug rollte polternd in eine überdeckte Halle ein, wo der Rauch wie ein Nebel um die Gasflammen stand.

Ein ohrenbetäubendes Rufen und Schreien. Alle Menschen sprachen laut und kreischend, als zankten sie sich.

Schmutzige Jungens mit Mützen und Blusen drängten sich bis zu den Kupeetüren durch, kaperten das Gepäck und bahnten den Weg.

»Ici, Monsieur

Svend schwankte mit großen, schlaftrunkenen Augen über den Perron.

Er hatte von einem älteren Kameraden ein kleines Hotel auf dem linken Seineufer aufgegeben bekommen.

Der Kutscher konnte den Namen nicht verstehen. Svend zeigte ihm die Visitkarte, worauf er stand. Darauf murmelte er etwas in den Bart und fuhr davon.

Helle Straßen und dunkle Straßen. Eine lange Brücke mit fernen Lichtreihen, die sich tief unten in dem dunklen Wasser spiegelten. Vorbeifahrende Wagen. Späte Nachtwanderer, die mit hochgezogenen Schultern nach Hause eilten. Ein Betrunkener, der auf dem Fußsteig schwankte. Das war alles. Nach einem langen, schweren Schlaf hinter geschlossenen Läden fuhr Svend in die Höhe und ahnte nicht, wo er war.

Er griff durch die Luft und sprang auf. Durch eine Ritze sah er Tagesschein. Er öffnete die Fenster, die wie Flügeltüren ganz bis zur Erde reichten und ins Zimmer hineingingen. Schließlich gelang es ihm, auch die Läden zu öffnen.

Und da lag Paris.

Ein breiter Vorstadt-Boulevard mit niedrigen lächelnden Bäumen. Ein Gewühl von Wagen: Droschken, hohe, zweirädrige Arbeitskarren, schwer mit weißem Kalkstein beladen. Der Kutscher ging nebenher und ermunterte drei, vier schwerfällige Zugpferde, die hintereinander eingeschirrt waren, mit Zurufen und mit einer langen Peitsche.

Menschen, die an ihre Tagesarbeit eilten. Schnellfüßige Mädchen mit großen Kästen. Schulkinder, blaß und behende. Frauen mit bloßen Köpfen, die an der Straßenecke stehen blieben und mit großen Armbewegungen auf den Schutzmann einredeten.

Wie verschieden von Londons müder, schwerer Geschäftigkeit!

Die Luft war voll Staub, der in die Höhe gepeitscht wurde und in Wolken über der Straße lag; dennoch war die Luft leicht zu atmen.

»Paris – Paris!« sang es in ihm.

Er konnte sich nicht klar darüber werden, was es war. Aber es war etwas Neues und Sprudelndes – etwas, das im Handumdrehen die ganze Vornehmheit abstreifte, die ihm noch aus Londons Westend in den Knochen saß.

Lange blieb er in Hemdsärmeln am Fenster stehen und blickte auf die Straße. Er konnte sich nicht satt sehen an dem Leben dort unten.

Sogar die Droschkenpferde schienen einen eigenen Schwung über ihrem eckigen Kreuz zu haben. Die Kutscher knallten vergnügt mit ihren Peitschen, riefen sich im Vorbeifahren an, nickten den kleinen Mädchen zu, und jeder einzelne schien sich als Herr und Mittelpunkt des Lebens zu fühlen.

Solche Burschen waren es – ihre Väter waren es, die die Revolution gemacht, die grobe Arbeit dafür verrichtet hatten. Man konnte plötzlich besser verstehen, wie es zugegangen war, es erschien einem weniger tierisch, wenn man diese Menschen vor sich sah.

Selbst in der täglichen Tretmühle zuckte diesen Sklaven der menschlichen Gesellschaft das Freiheitsgefühl bis in die Fingerspitzen, ja, ganz bis in das Peitschenende.

Es war wohltuend, zu sehen, wie hier jeder das vorstellte, was er war, nicht mehr und nicht weniger; und jeder hing mit ganzer Seele an dem, was er im Augenblick war.

Als Svend an das Ufer der Seine kam und die schlanken Brückenbogen sah, die sich über den Fluß wölbten, in dem weißen Licht eines Himmels gebadet, der sich höher zu heben schien als der, an den er gewöhnt war, ein Himmel von reinstem Blau – als er die prachtvolle Majestät des Louvre auf dem anderen Ufer hinter den dichten Baumkronen des Kais sah –, da wurde seine Brust von einem plötzlichen Jubel erfüllt, der jeden anderen Willen aus seinem Gemüt herausdrängte und ihn zwang, dieses Neue mit aller Sinneskraft in sich aufzunehmen, in diesem Augenblick zu leben – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Er ging wie in einem Rausch über die Brücke, durch das Sonnenbad. Als er aber durch die Mauerbogen des Louvre den Platz vor dem Schloß erreichte und von dort über das lächelnde Grün der Tuilerien ganz bis zum Triumphbogen blicken konnte – da fühlte er sich plötzlich wieder allein.

Es war nicht das niederdrückende Verlassenheitsgefühl, das ihm während der ersten Tage in London den Atem benommen hatte. Es war ein Sehnsuchtsgefühl, dieses Glück des Augenblicks mit einer gleichgestimmten Seele zusammen zu genießen.

Da tauchten Ellen Kruses blaue Augen mit ihrem verborgenen Lächeln auf.

Lange dauerte dieser Sehnsuchtszustand nicht. Als er sich erst in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete, versenkt hatte, als das Grün der Tuilerien ihn umgab, als er die Einzelheiten sah: Kindermädchen mit den spielenden Kindern an dem sonnenglitzernden Wasser in den niedrigen Bassins, die alten Pensionisten mit der Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, die sich von der Sonne den Rücken wärmen ließen, den Mann, der die Spatzen fütterte, die sich auf seine Arme setzten und seinem Ruf folgten, und als ein alter Mann etwas über die Spatzen zu ihm sagte, als sei er ein Eingeborener – da begann er mitzuleben in dem strahlenden Augenblick, ohne ein Gefühl des Fremdseins. Er vergaß Ellen Kruses sanfte Augen und war wieder ganz gegenwärtig.

Am Abend aber, als er müde und zerschlagen im Bett lag, tauchte sie von neuem auf. Er sah ihre feine, weiße Hand mit den gewölbten Fingernägeln vor sich; er sah sie gegen den dunklen Wagensitz gelehnt, ihm zunicken.

Es half nichts, daß er es vor sich selbst leugnete: er war wirklich von neuem verliebt.

Morgen wollte er sein Versprechen einlösen und sie in ihrem Hotel aufsuchen.

Als aber der Morgen mit seiner Frische und Sonne im Gemüt kam, verleugnete er sie.

Eine Ferienbegegnung. Eine Blume, die ihn heftig angezogen hatte, weil er sich in der ungeheuren Verkehrsöde so einsam gefühlt hatte. Ein Hauch aus der Heimat.

Verliebt. Ja, gewiß. Desto mehr Grund sich fernzuhalten.

Er, der am Anfang des Lebens stand und für sich allein einsammeln wollte, er konnte sich doch nicht von einem Weib fesseln lassen.

Während des viel zu kurzen Tages glitt dann ein genußreicher Augenblick nach dem anderen über ihr Bild und verdunkelte es ganz, bis es sich am Abend, wenn er zur Ruh gekommen war, wieder mit seinem »weißt du noch?« vordrängte.

Am vierten Tage aber, als er zum erstenmal in der Galerie des Luxembourg umherging, da schien die Sonne durch ein offenes Ventilationsfenster im Dach auf ein blondes Seidenhaar am Ende des Skulpturensaales.

Es war nur ein Sonnenschimmer gewesen und der Eindruck einer weißen Bluse, die um die Ecke verschwand – aber es hatte sein Herz heftig klopfen gemacht. Wenn sie es doch wirklich gewesen wäre!

Er eilte von Saal zu Saal; und als er sie nicht fand, war er tief enttäuscht.

Seine Sehnsucht, sie wiederzusehen, ließ ihm keine Ruhe mehr. Und er kehrte in sein Hotel zurück, um Frühstück zu essen und sich für den Besuch umzukleiden.

Unterwegs kaufte er sich einen Pariser Strohhut. Er hatte schon längere Zeit damit geliebäugelt; jetzt gehörte er ihm.

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