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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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15

Als Svend diesen Brief gelesen hatte, ballte er ihn voller Wut zusammen. Ihm stiegen Tränen in die Augen vor Wut und Scham.

Im ersten Augenblick wünschte er, daß sie abgelehnt hätte – brutal und ohne Umschweife –, dann hätte sie doch wenigstens kein Recht gehabt, ihn wie einen Schuljungen herunterzuputzen. Und die Unterschrift, nur der Name! Das war schon nicht mehr unhöflich, das war grob. Sie meinte wohl, daß sie jedes neue Almosen mit Beleidigungen begleiten mußte.

Was ihn aber am meisten quälte, war doch die Erkenntnis seines eigenen Fehlers.

Er las den Brief noch einmal durch und stutzte jetzt erst bei der Bemerkung von den zweiundeinhalb Jahren.

Das war ja eine ganz falsche Auslegung von der Vereinbarung mit Onkel Kasper.

Es war natürlich eine stillschweigende Voraussetzung gewesen, daß nach Semestern gerechnet wurde, da es sich um Studienjahre handelte. Wenn die Unterstützung im September aufhörte, würde seine Studienzeit nicht fünf, sondern nur vier und ein halbes Jahr betragen haben.

Dadurch geschah ihm ein direktes Unrecht. Die strenge, pflichtliebende Dame ging hiermit über die Grenze.

Dieses Unrecht wirkte erlösend. Er konnte den Kopf wieder heben, denn jetzt war er es, der Grund hatte zu klagen.

Aber er wollte schweigen, ihr kein Wort erwidern. Jetzt wußte er, was er zu tun hatte! Arbeiten wollte er! Bereits in vier und einem halben Jahr wollte er sein Examen machen; und dann, wenn er frei, ganz frei war, dann wollte er ihr sagen, wie sie ihre Verpflichtungen eingehalten hatte!

 

So begierig war er, an die Arbeit zu kommen, daß die tatenlose Einsamkeit in dem kleinen Häuschen, die ihm zu Anfang so unendlich wohlgetan hatte, jegliche Anziehungskraft verlor.

Seine Kräfte kehrten zurück. Erneuert und gesammelt drängten sie voran, so daß sie kaum mehr zu steuern waren.

Da er nicht vor der festgesetzten Zeit nach Hause reisen wollte, schrieb er nach Kopenhagen und ließ sich seine Bücher schicken.

Er rückte den Tisch ans Fenster, so daß er in den wenigen Ruhepausen, die er sich gönnte, den Anblick von Meer und Strand genießen konnte.

Die ewige Arbeitsmusik der Wogen, die Reihe nach Reihe angerollt kamen, sich zu fließendem Schaum auflösten und unter ihren Nachfolger zurückglitten, indem sie Kiesel und Sand mit sich rissen, wirkte ermunternd und mahnend auf seine Arbeitslust.

Als er erst begonnen hatte, kam er gut und sicher vorwärts. Das Interesse, daß das Studium ihm zu Anfang abgewonnen hatte und das sich, ohne Ansehen des Gebietes, immer bei ihm meldete, wenn er sich ernsthaft mit etwas beschäftigte, kehrte zurück und wuchs von Tag zu Tag.

Von Agnete hatte er anfangs einen um den anderen Tag Briefe gehabt. Sie klagte über seine Abwesenheit und kämpfte tapfer, wie sie schrieb, um ihn zu entbehren.

Nach und nach schwand ihre Sehnsucht; und nun enthielt jeder ihrer Briefe ein ehrliches Erstaunen darüber, daß er es aushalten könne, dort so ganz allein zu wohnen.

Dann kam die Korrespondenz mit der Konferenzrätin, die ihn so beschäftigte, daß er ganz übersah, daß Agnetens Brief länger als gewöhnlich ausgeblieben war. Als er schließlich kam, war ihm alles, was sie erzählte, viel ferner gerückt.

Er hatte ihr nichts von dem Briefwechsel mit der Konferenzrätin geschrieben, und jetzt, wo er seinem Ziel, durch den ernsten Entschluß, den er gefaßt hatte, so viel näher gekommen war, jetzt weigerte sich etwas in ihm, sie an seinen Zukunftsplänen teilnehmen zu lassen. Und er verstand auch weshalb. Sie hatte ja augenscheinlich nie an eine gemeinsame Zukunft zwischen ihnen gedacht, und er fürchtete, daß sein Entschluß an Kraft verlieren würde, wenn er sie daran teilnehmen ließe. Je mehr er über ihr Verhältnis nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß sie mit sicherem Instinkt den richtigen Ausdruck für ihr eigenes Wesen gefunden hatte, wenn sie beständig auf den Genuß des Augenblickes hinwies. Sie war nur ihrer Natur gefolgt, ohne Vorbehalt und ohne Rücksicht. Was ihn in ihrem Wesen von vornherein im tiefsten Innern abgestoßen hatte, war jetzt, wo er sie nicht mehr vor Augen hatte, in den Vordergrund getreten und fing bereits an, sie ihm zu entfremden.

Wenn er jedoch abends beim hellen Mondschein nicht einschlafen konnte, gingen seine Gedanken den gewohnten Weg zu Agnete. Dann stiegen die gemeinsamen glücklichen Augenblicke in seiner Erinnerung auf, heiß und glühend, wie sie gewesen waren, und nun noch von der Sehnsucht gewürzt.

Des Morgens aber, nach einem langen Schlaf in der kräftigen Luft, war die Sehnsucht vergessen und Agnete ferner als vorher.

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