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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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14

Es folgte ein langes Krankenlager im Hospital.

In der ersten Zeit durfte Svend keinen Besuch empfangen. Er fieberte und war viel zu schwach, um zu denken oder sich zu sehnen.

Wenn er ohne Schmerzen war, kam eine behagliche Mattigkeit über ihn, die seinen Sinn weich machte und ihm Erinnerungen aus der Kindheit vorgaukelte.

Nachdem das Fieber überstanden war und die Mattigkeit nachließ, begann er sich nach Agnete zu sehnen, so daß es schier unerträglich wurde.

Dann bekam er Erlaubnis Briefe zu empfangen, und nun kamen täglich Briefe mit ihrer großen, runden Handschrift.

Zu Anfang war sie jeden Tag im Krankenhaus gewesen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Jetzt schrieb sie munter und aufrichtig, genau so wie sie sprach, von dem täglichen Leben im Pensionat, und hauptsächlich davon, wie sie sich sehnte, ihn wieder bei sich zu haben. Als sie endlich, endlich zu ihm kommen durfte, trat sie mit einem Arm voll dunkelroter Rosen zu ihm ins Krankenzimmer. Er breitete die Arme nach ihr aus, und sie vergaßen beide Krankheit und Trennung in einem langen Kuß. Dann aber wurde sie für sie beide vernünftig und setzte sich so weit von seinem Bett entfernt, daß er sie nur eben erreichen und ihre Hand halten konnte.

 

Als Svend schließlich das Krankenhaus verlassen durfte, hatte er noch eine lange Rekonvaleszenz vor sich.

Er sollte vorsichtig und regelmäßig leben und hauptsächlich – da der Arzt die Krankheit nervösen Erregungen zuschrieb – keine anstrengende geistige Arbeit tun. Am liebsten sollte er einige Monate in ländlicher Ruhe verbringen.

Seine Mutter, die nach einem persönlichen Besuch im Krankenhaus noch ständigen Bericht von dem Arzt erhielt, hatte man davon unterrichtet, daß ein Landaufenthalt ihrem Sohn guttun würde.

Zuerst wollte Svend nichts davon hören. Er hatte Agnete zu sehr vermißt und freute sich zu heftig auf das von neuem bevorstehende Zusammenleben mit ihr.

Als aber auch sie in ihn drang, gab er schließlich nach. In Wahrheit fühlte er selbst die Notwendigkeit einer vollkommenen Ruhe.

 

Svends Mutter hatte einen Ort in Süd-Seeland, mit Wald und Strand, ausfindig gemacht und dort bei einem alten Ehepaar, das ein Häuschen am Strande besaß, das sie das »Möwenhaus« nannten, für zwei Herbstmonate für ihren Sohn gemietet.

Svend fand sich schnell in dem kleinen Giebelstübchen zurecht, mit seinem Roßhaarsofa, das ihn an Onkel Kaspers erinnerte, und mit dem Lehnstuhl, der vorm Fenster stand. Zwischen den weißen, frischgewaschenen Gardinen sah er die weiße Brandungslinie, die sich in starken Schwingungen ganz bis zum Horizont hinzog, wo des Abends ein Leuchtfeuer in der bleichen Luft blinkte.

Das erste, was Svend tat, nachdem er mit den alten Leuten zu Abend gegessen hatte, war, daß er einen langen Brief an Agnete schrieb. Nachdem das besorgt war, saß er lange mit der Hand unterm Kinn – die Zeit der hellen Nächte war jetzt vorbei – und starrte zu dem einsamen Stern des Blinkfeuers hinaus, das mit regelmäßigen Zwischenräumen aufblitzte und erlosch. Es war wie ein Atemzug, der sichtbar geworden war.

Vom Strande herauf erklang das stille Brausen ewig heranrollender Wellen, und am Horizont wuchs die schwere Dunkelheit der Nacht über das Meer herauf.

 

Svend machte lange Spaziergänge am Strande oder er lag in dem weißen Sand der Dünen, wo zwischen dem spärlichen Strandgras eine Seekennung sich erhob. Und er träumte sich zurück zu den Tagen seiner Kindheit, als er in den Ferien mit seinem Vater am Meer gewohnt hatte.

Das offene Meer mit seiner langen, gleichmäßigen Horizontlinie und den schwerrollenden Atemzügen der Wogen erweckte Vorstellungen von ewiger Gesetzmäßigkeit und von der Größe des Unabwendbaren in seiner Seele.

Er dachte daran, wie er seine Zeit vergeudet hatte, unter dem Vorwande, daß er ein freier Mann wäre, dem nichts Menschliches fremd sein solle.

Wo war der Faden in all dem, was ihn während des letzten Jahres beschäftigt hatte? Von den Studien, die er versäumt hatte, war er zur Geselligkeit übergegangen; von der Geselligkeit zu Zeitungen und Tagespolitik. Dann war die Liebe mit ihrer süßen Unruhe gekommen, mit ihrer Erneuerung, ihrem Glück und ihrer Qual und hatte alles übrige verschlungen.

Was hatte er in diesen Jahren gelernt außer Brocken und Bruchteilen? Er, der alle Fächer der Wissenschaft durchpflügen und außerdem sein juridisches Examen hatte machen wollen!

Von den fünf Jahren waren bereits zwei verflossen und noch war er nicht weiter gekommen als bis zu den Anfangsgründen.

Ebenso wie mit der Zeit, so war es auch mit dem Geld gegangen. Die monatliche Summe hatte nur während der ersten fleißigen Zeit ausgereicht. Dann hatte er Schulden gemacht, und um diese zu bezahlen, hatte er seine Zeit mit Stundengeben belasten müssen. Je mehr Geld er in die Hände bekam, desto mehr gewöhnte er sich daran, Geld zu verbrauchen. Und gerade jetzt, wo es galt, das Versäumte an Zeit und Geld einzuholen – jetzt durfte er sich nicht anstrengen!

Was war da zu machen? Ging es an, den Vorschriften des Arztes entgegenzuhandeln? Sollte er bereits nach den ersten vierzehn Tagen abbrechen, nach Kopenhagen zurückkehren, seine Stunden wieder aufnehmen, und trotz der Verwarnung doppelte Arbeit verrichten? Das Geld für das Krankenhaus und der Aufenthalt hier, das seine Mutter von einer kleinen ersparten Summe genommen hatte, die für Gerdas Ausbildung bestimmt gewesen war, das wollte und mußte er auf irgendeine Weise verdienen und zurückzahlen.

Aber es ließ sich nicht zwingen. Jetzt, wo er dem Tode so nah gewesen war, empfand er seine geistigen und körperlichen Kräfte nicht mehr als einen unvergänglichen Fond. Er mußte an den Grundkräften, von denen seine Zukunft zehren sollte, sparen.

Wie, wenn er der Konferenzrätin von seiner Krankheit schrieb und sie bat, die monatliche Unterstützung zu erhöhen.

Als der Gedanke zum erstenmal in ihm auftauchte, wies er ihn beschämt von sich.

Und dennoch – während er sich vergeblich nach einer Lösung umblickte, kehrte dieser Gedanke als einziger Ausweg wieder und wieder. Um seinen Stolz zu überwinden, hielt er sich vor, daß er seine mißliche Lage selbst verschuldet habe und nun durch diese Demütigung sich selbst Buße auferlegen müsse. Schließlich entschloß er sich und schrieb den schwierigen Brief:

Frau Konferenzrat M. Byge!

Da ich nicht weiß, ob Sie etwas von meiner Krankheit erfahren haben, gestatte ich mir, Ihnen hierdurch die Mitteilung zu machen, daß ich erst vor vierzehn Tagen aus dem städtischen Krankenhaus entlassen worden bin, wo ich an einer sehr ernsten Unterleibsentzündung krank gelegen habe, die nach Aussage des Arztes ihren Grund in nervöser Überanstrengung gehabt hat. Ich befinde mich augenblicklich zur Erholung an der See, weil der Arzt mir zur völligen Herstellung einen Aufenthalt in ländlicher Ruhe und kräftiger Seeluft verordnet hat.

Da ich nach ärztlicher Aussage in dem ersten Jahr nur die notwendigsten Studien auf mich nehmen darf – und da es sich gezeigt hat, daß ich unmöglich von der mir ausgesetzten monatlichen Summe leben kann, weshalb ich bisher meine Einnahmen durch Unterrichtgeben vergrößert habe, so gestatte ich mir – in Anbetracht dessen, daß die Einnahmequelle jetzt aufhören muß –, Sie zu bitten, mir die monatliche Unterstützung um die Hälfte zu erhöhen, indem ich noch hinzufügen möchte, daß ich meiner Mutter eine nicht geringe Summe schulde, weil sie mit einer für die Ausbildung meiner Schwester zusammengesparten Summe alle Kosten für meine Krankheit gedeckt hat. Es ist natürlich meine Absicht, ihr diese Auslagen nach und nach zurückzuzahlen.

Ihr ergebener

Svend Byge.

Es verging eine Woche, in der Svend dem Landbriefträger jeden Tag ungeduldig entgegenging. Schließlich erkannte er die altmodische, steife Handschrift auf einem kleinen weißen Kuwert. Die Antwort der Konferenzrätin lautete:

Herr stud. jur. Svend Byge!

Es überrascht mich, daß Sie sich nicht genieren, mich um eine erhöhte Unterstützung zu bitten, um so mehr, da ich weiß, daß Sie Ihre Zeit zu allem anderen als zu den Studien verwendet haben, die als Verpflichtung auf Ihnen ruhen. Es ist sehr bedauerlich, daß Sie so schwer krank waren; da aber Ihre Krankheit, wie Sie schreiben, ihren Grund in Überanstrengung hat, dürfte diese wohl kaum auf übertriebenes Studieren zurückzuführen sein, sondern darauf, daß Sie, statt Ihrem Studium obzuliegen, ein gesellschaftliches Leben geführt haben, das auf einem größeren Fuß eingerichtet war, als Ihr Onkel sich bei Festsetzung der Unterstützung gedacht hatte, so daß Sie Ihre Einnahmen durch Stundengeben vergrößern und Ihre Zeit damit belasten mußten.

Damit indessen Ihre gute Mutter und Ihre junge Schwester nicht unter Ihrem Fehler zu leiden brauchen, so habe ich Ihrer Mutter geschrieben, daß ich bereit bin, ihr die für Sie gemachten Auslagen zurückzuzahlen. Außerdem habe ich mich bei Bekannten erkundigt, die junge Söhne haben, die in Kopenhagen studieren, und habe erfahren, daß eine Erhöhung der Unterstützung um ein Drittel Ihnen ein reichliches Einkommen gewähren wird, so daß Sie, ohne zu unterrichten, sich ganz dem durch Ihre Krankheit unterbrochenen Studium widmen können. Doch geschieht dies nur auf die ausdrückliche Bedingung hin, daß Sie Ihre Studien innerhalb der mit Ihrem Onkel vereinbarten Zeit von fünf Jahren vollenden, und ich unterlasse nicht, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß diese Zeit in zweieinhalb Jahren, vom September dieses Jahres an gerechnet, abgelaufen ist, und bereite Sie darauf vor, daß Sie von da an die monatliche Summe nicht mehr erheben können.

M. Byge.

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