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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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13

Svend hatte nur einige Stunden geschlafen, als er von einem furchtbaren Schmerz in der rechten Seite erwachte; im selben Augenblick erinnerte er sich der Stiche am vorhergehenden Abend, denen er keine weitere Beachtung geschenkt hatte.

Jetzt packte der Schmerz ihn mit solcher Heftigkeit, daß er ihm den Atem benahm und ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.

Gewiß war er krank. Schließlich nahmen die Schmerzen so überhand, daß er laut stöhnte.

Agnete erwachte von dem Laut und suchte sich verwirrt Klarheit darüber zu verschaffen.

Plötzlich begriff sie, daß das Stöhnen aus Svends Zimmer kam, daß ihr Freund es war, der verzweifelt und qualvoll stöhnte.

Sofort stand sie auf – es war schon heller Tag, die Uhr zeigte fünf –, öffnete die Verbindungstür und ging zu ihm hinein.

Sie wurde von Angst ergriffen, als sie ihn mit hochgezogenen Knien und schweißgebadetem Gesicht daliegen sah. Sie beugte sich über ihn und drückte ihm sanft die Hand. »Was fehlt dir, Svend?« fragte sie.

»Oh, ich vergehe vor Schmerzen!« brachte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.

Agnete besann sich einen Augenblick, dann ging sie wieder in ihr Zimmer, kleidete sich notdürftig an und klopfte an Graulunds Tür.

Als niemand antwortete, öffnete sie die Tür, das Zimmer aber war leer und das Bett unberührt. Er und der Philosoph waren also noch nicht nach Hause gekommen.

Dann weckte sie Frau Jensen, die nach einiger Mühe begriff, daß Herr Byge krank geworden sei. Während Frau Jensen ihren Sohn weckte, damit er einen Arzt holen sollte, eilte Agnete wieder zu Svend hinein, der jetzt in Fieberbetäubung stöhnend dalag. Sie beugte sich über den Kranken, lauschte auf seine Atemzüge und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Sie weinte vor Mitgefühl.

Es verging eine halbe Stunde, in welcher es auf der Straße lebendig wurde. Milchwagen rasselten, schwere Rolljalousien wurden vor den Läden aufgezogen, ein Hund bellte nach wiedergewonnener Freiheit, ein Hausknecht pfiff den neuesten Gassenhauer.

Da erklangen hastige Schritte auf der Treppe. Es war der herbeigerufene Arzt.

In Angst und Spannung erwartete Agnete in ihrem Zimmer das Resultat der ärztlichen Untersuchung.

Und während sie in ihrer Unruhe im Zimmer auf und ab ging, machte sie sich allerhand Gedanken. Hatte sie vielleicht Schuld an seiner Krankheit? Sie kannte ihre eigene starke Lebenslust. Sie dachte an die Grundverschiedenheit ihrer Charaktere, und wie häufig sie sich darüber gewundert hatte, daß etwas, das für sie nur den Augenblick füllte, für ihn zu einem Erlebnis wurde, das seine Wirkungen weit über den Augenblick hinauserstreckte.

Stand seine Krankheit vielleicht mit dieser Selbstquälerei in Verbindung?

Schließlich hörte sie, daß der Arzt fertig war, sie dachte nicht daran, ihr Interesse zu verbergen. Sie lief in den Korridor hinaus und ließ sich Bescheid geben, während der Arzt fragend von ihr zu Frau Jensen sah, die sich bescheiden in der Küche zurückhielt.

Es war eine Unterleibsentzündung.

»Ist es ernst?« fragte sie und griff sich an den Kopf.

»Ja,« sagte der Arzt, »hier kann er nicht bleiben. Vielleicht wird eine Operation notwendig – und außerdem muß er sorgfältige Pflege haben.«

Agnete war im Begriff ihm zu sagen, daß niemand ihn sorgfältiger pflegen würde als sie; im nächsten Augenblick aber erinnerte sie sich, daß das ja ganz unmöglich sei. Was sollte man den Pensionären sagen, Frau Jensen – und seiner Familie?

Sie beugte schweigend den Kopf.

Der Arzt schrieb ein Rezept für Opium und verordnete warme Umschläge, für die Frau Jensen zu sorgen versprach.

»Ich werde den Krankenwagen möglichst noch vor Mittag herschicken!« sagte der Arzt und fügte hinzu, indem er noch einmal fragend von Frau Jensen zu Agnete blickte:

»Es ist für alle Falle das beste, ja, es ist wegen der Aufnahme im Krankenhaus sogar notwendig, daß die Familie unterrichtet wird. Ich weiß nicht, ob eine der Damen –«

Frau Jensen, die schon lange von dem heimlichen Verhältnis gewußt hatte, blickte Agnete vorsichtig an, die schnell erwiderte:

»Ich kann Ihnen die Adresse seiner Mutter verschaffen, dann wird Frau Jensen ihr wohl das Nötige mitteilen, nicht wahr, Frau Jensen?«

»Die Mutter ist wohl Witwe!« sagte der Arzt. »Jagen Sie ihr dann nur keinen Schreck ein. Dazu liegt kein Grund vor.«

Gleich nach Mittag hielt der Krankenwagen vor der Tür, von einer Horde neugieriger Straßenkinder umringt.

Als Frau Jensen die Krankenträger draußen im Entree empfing, benutzte Agnete die Gelegenheit, sich über Svend zu beugen, der jetzt in einer Morphiumbetäubung dalag, und sie drückte ihm einen Kuß auf die Stirn.

Im selben Augenblick schlug er die Augen halb auf; er schien ihr zuzulächeln.

»Lebwohl, Svend!« flüsterte sie.

Dann trocknete sie sich die Augen und ging durch den Korridor in ihr eigenes Zimmer.

Sie wollte nicht sehen, wie er fortgetragen wurde. Das wäre fast, als sei er ihr gestorben. Sie legte sich aufs Sofa, wo sie so oft zusammen gesessen hatten und starrte trostlos zur Decke hinauf.

Dann vergrub sie ihren Kopf in das Kissen und versuchte das Schluchzen zu ersticken, das sie plötzlich rüttelte, wie sie hörte, daß die Wagentür unten zugeschlagen wurde. Kurz darauf drang das eilfertige Klappern von Pferdehufen zu ihr herauf.

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